Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1914)
- Date
- 1914-12-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Seile 453 j U Z D l 5 C;I H Hü;•! DGCHAU Palästina nach der türkischen Kriegserklärung Ein Berliner Gesinnungsgenosse hat von einem Jaffacr Freunde das folgende überaus interessante Schreiben erhalten; Jaffa, Tcl-Awiw, 12. November 10M. j Lieber Arthur! Du wunderst Dich gewiß, daß Du so lange nichts von mir gehört hast. Aber glaube mir, es war nicht meine Absicht, Dielt zu vernachlässigen, sondern die Ereignisse haben sich so gedrängt und ich hatte so viel zu tun, daß ich eittfaclt nicht zum Schreiben kam. Die K r i e g s e r k I ii r u 11 g 111! s e r e r R e g i e - ru n g hat liier natürlich grolle Veränderungen bewirkt. Die Sympathie für unser Deutschland war ja schon seit den ersten Augnsttagen über Erwarten groll und in der ganzen Türkei ist man überzeugt, daß das bisher so siegreiche Deutschland auch weiterhin den Sieg erkämpfen wird. In den zwei letzten Wochen nun finden aber besonders lebhafte Demonstrationen seitens der Araber zugunsten Deutschlands statt. Du würdest Dich wundern, wenn Du sehen würdest, wie die Araber der türkischen und der deutschen Fahne zujiihclit! Unsere Freunde aus Rußland (unsere russischen Freunde zu sagen, erscheint mir unangebrachter als je) haben allerdings seit der türkischen Kriegserklärung recht unruhige Tage verlebt. Es hat sich wieder einmal gezeigt, m welch schwierige Stellung der Jude gerät, der -- obgleich er das Rußland, das er gerade wegen der dort erlittenen Verfolgungen verließ, doch wahr• lieh nicht liehen kann — sielt dennoch als russischer Untertan bezeichnen muß, Aber mau muß dankbar anerkennen, daß die türkische Regierung den Unterschied zwischen einem ״Russen“ und einem ״russi* sehen Juden" zu machen gar wohl verstanden und sich durchaus nicht an eine Form gebunden hat. L ... meint, daß sich auch der deutsche und der aiiicrikanische Botschafter in Konstantinopel für ihn und die anderen stark eingesetzt haben müssen. Als Erfolg dieser Bemühungen hat denn auch die türkische Regierung versprochen, die russischen Juden - darunter unsere lieben Freunde — ungeschoren zu lassen,! 11 - folgedcssen haben sich fast alle r 11 s s i - sehen J ud en in Jaffa und den Kolonien bereit erklärt, Ottomanen zu werden, ln der Hcrzlstraßc läuft schon alles im Tarbusch herum, und bald wird es überhaupt keine russischen Juden hier mehr geben. Eigentlich freuen sich alle über ihre neue Nationalität. Mordechai bedauert, daß er diesen Schritt nicht schon längst getan hat. Ganz ohne Störungen für uns sind die großen politischen Ereignisse aber doch nicht vor sielt gegangen. U. a. wurde allen Leuten, mit Ausnahme belegt, immer neue Hilfskräfte herbeigerufen werden, tim der auf uns einstürmenden Arbeit auch mir einigermaßen Herr zu werden, Der Stimmenwirrwarr war ohrenbetäubend. Hier rief eine Dante, sic hätte für ihre Leute nicht genügend Schokolade, dort fehlte Holzwolle, da wiederum mußten neue Kartons heschafft werden. Ein telephonisches Gespräch aus Hatberstadt wird avisiert. 'Eine Kiste liegt auf dem Anhalter Bahnhof zum Abltolen bereit. Aus Drag liegen große Kisten auf dem Zollamt. Unten führt ein Auto mit Wollsachen vor. Es kam hinzu, daß eine große Anzahl der uns bezeiclutetcn Adresse« ttnvollständig war, so daß auch hier wiederum telegraphische und telephonische Rückfragen nötig waren. All dies vermehrte den ungeheuren Wirrwarr. Jedoch wurden wir schließlich Herr der Situation, und die Arbeit ging, wenn auch geräuschvoll, so doch gut und zweckmäßig vorwärts. Der Inhalt der einzelnen Kisten setzte sich folgcmlcrmaßcn zusammen: Wie schon eingangs erwähnt, wurde eine C11 a n u k a h - S o 11 d e r 11 u m '״er der ״Jüdischen Rundschau“ herausgegeben, die sielt durch recht wertvolle Beiträge auszeichnet. Von größeren Artikeln in derselben sind zu erwähnen ״Die Befreiung“ von E. T ä u b 1 e r, ״Der heilige Krieg der Hebräer“ von Heinrich L o«\v c, ״Her Engel und die Weltherrschaft" (ein »)!jüdisches M.irchc») von Martin Bub er, ״Unser Krieg“ von Hugo Herrmann (dem Redakteur der ״Rundschau“, der als Oberleutnant in Oesterreich Dienst •nt), eine Anzahl Fcklbricfc, mifgeteilt von Moses C a I v a r y, und viele andere Beiträge, Das Kartell Jüdischer Verbindungen gab eine Liste der gefallenen, verwundeten und dekorierten Bundes• Brüder. Diene Zeitung wurde jedem Paket beigelegt, ferner ein Feldpostbrief der Z, V. f. f>., dann eine vom Verband der deutschen Juden herausgegebene Schrift ״Zum Chanukahfest 10H, ein Brun an die jüdischen Soldaten im deutschen Heere“, m*t Beiträgen von Rabbiner Dr. Bergmann, Julius d a b, Fcldprcdiger Rabbiner Dr. W f 1 d c und autleder Untertan;ü m "traH'r Staaten, die Abreise per Schiff untersagt. Die Bride unterliegen einer Zensur und cs darf nur noch türkisch, arabisch, französisch und deutsch korrespondiert werden. Das muß man aber den türkischem Ikni.itni iasseti, daß sie in einer durchaus korrekten um! höflichen Manier verfahren sind. Inzwischen haben nun unsere Freunde Nachricht erhalten, daß die sämtlichen Gttomanisierungsgcsuclic von der Regierung bewilligt werden sollen. Die he* schlagnahmten Gegenntiimle sind zurückerstattei und die Erlaubnis zur Wiedereröffnung der L.ideu ist erteilt worden (d. 1t, der jüdischen; die der Christliehen Russen bleiben geschlossen). Nun mußt 1)11 Dir aber die Sache nicht etwa so vorstcllen, als ob jetzt alles wieder ins alte Geleise käme — in ökonomischer Beziehung haben wir hier doch sehr stark unter den politischen Ereignissen gelitten. Nämlich: er.«tons ist mm aus Rußland überhaupt kein Geld mein׳ zu erhalten, zweitens: micheler Weg über Aegypten ist uns für jeglichen Wirtschaftliehen Verkehr abgcschnilteu, drittens; der Verkauf der Orangen-, Mandel- und Weinernte nach Aegypten resp. Liverpool ist mm unmöglich-gcwordcn. Viertens ist auch (las allmähliche Versiegen ,aller möglichen Materialien (z. B. sind Stoffe, Garn, Arzneimittel, Verbandstoffc usw. schon fast völlig attsgegangen) gceignet, das wirtschaftliche Leben zu unterbinden. Auch N a It r ti 11 g s 111 i 11 c I verschiedener Art, wie Zucker, Reis, Makkaroni usw. werden demnächst versiegt sein. Dabei ist auf Einnahmen irgendwelcher Art für die nächsten Monate überhaupt nicht zu rechnen; die einzige Einnahmequelle, auf die wir in diesem Jahre zählen können, dürfte die Getreideernte sein, die aber frühestens im August 1015 verwertet werden kann. Was wir in den dazwischen liegenden acht Moiiaten ohne Geld mul ohne. Lebensmittel anfaugen sollen, ist schwer zu sagen. Alle unsere Geldquellen sind j,1 verstopft. Die einzige Hoffnung, die uns bleibt, ist Amerika. Aber es scheint, daß man dort genug damit zu tun hat, tun den vom europäischen Kriege hcimgcsuchtcn Oebieten Hilfe zu gewähren. Das Geld, das unsere amerikanischen Freunde uns gesandt hatten, wird in wenigen Wochen aufgebrmtcht sein; und ob mehr zu erhalten sein wird, erscheint sehr, sehr fraglich. Der amerikanische Konsul in Jerusalem hat auf unsere Bitte nochmals ein dringendes Telegramm nach Konsiantiiiopel gesandt und den dortigen amerikanischen Botschafter gebeten, nochmals nach Amerika zu telegraphicren und dort um Unterstützung für uns zu erstielten. Aber ob es nützen vviril? Persönlich geht cs mir gut, nur fühlt man sich durch die schlechten Zeiten und die trüben Aussichten für die Zukunft tief verstimmt. Du kannst froh sein, jetzt nicht hier, sondern in dem siegreichen Deutschiaud zu leben. Laß mich bald hören, wie cs Dir geht und was unsere gemeinsamen Freunde dort machen. reit, ein Heft der Jüdischen Univcrsal-ßib- I i o t h e k, ein Rcklamlicft, endlich das Fcldgcbctbuch für die jüdischen Mannschaften des Heeres, — Das war die geistige Nahrung. Die leibliche bestand aus Schokolade, Tee-, Kakao-, Kaffeetablettcn, Zucker, Pfefferkuchen, Aepfeln, Nüssen, Würsten, Kognak, Likör, Rum usw. Ferner gab cs Zigarren, Zigaretten, Tabak. Der weitere Inhalt bestand aus Wollsachen, Nähzeug, einem Packelten mit Toilcttcgcgcnständcn, Limteiifeuei'zeiigcn, Taschentüchern, Bleistiften und anderen nützlichen Gegenständen. Jedes Paket wog etwa 3 Kilogramm. Vorher schon_ wurden Hüllen aus Leinwand angefertigt, so daß der fertig gepackte Karton in die Hülle nur hincingeschobcii za werden brauchte. In einem Zimmer salien etwa 25 Frauen und Mädchen, die unter fröhlichen Scherzen und Qesängen die Pakete durch die letzte Naht schlossen. Als wir in der Nacht vom 29. zum 30. ^November auseinander gingen, hatten wir es auf 1200 Pakete gehracht. Am Montag Morgen fuhr ein Möbelwagen vor; ihm folgten mehrere Autos und der Zug bewegte sieh zu unserem Postamt. Der erste Stein fiel uns vom Herzen, als die Pakete der Post übergeben waren, der zweite, als das Postamt uns am nächsten Tage benachrichtigte, daß von der ganzen Sendung etwa nur 10 "Pakete als imvorschriftsmäßig zurückgewiesen werden mußten. Es bleibt uns noch übrig, unseren Dank ausziisprechen allen denjenigen, die unser Werk gefördert haben, vor allen Dingen den freiwilligen Helfern und Helferinnen, dann aber den Ortsgruppen und Einzelpersonen, die uns die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt haben. Einen Ausweis der einzelnen Beträge und Gaben werden wir nicht erscheinen lassen, weil wir Humderte und Aberhumlerte von Natnen abdruckeri müßten. Versteht es sich von unseren Freunden von selbst, daß sie uns unterstützten, r.o halten wir cs andererseiis doch für eine Ehrenpflicht, die Natnen einiger Personen zu nennen, die 1ms ferner stehen, aber In der Hoffnung auf einen baldigen endgültigen Sieg unserer Armeen und auf bessere Zeiten grüßt Dich herzlich Dein getreuer ..... Entrechtung der Ausländer in der jüdischen Gemeinde Rostock Duisburg macht Schule. In einer am 21. v. M. abgchalteneii G e m e i 11 d e v e r s a m in I u n g der jüdisclien Gemeinde Rostock wurde auf Antrag der Herren Tobias mul Gebrüder G i m p e I beschlossen, daß künftig nur ז e i c 11 s d c u t 8 c h e Q e - 111 c i 11 d c m i t g I i c d c r das S t i m m r c c It t innerhalb der Gemeinde haben sollten. Beitragspflichtig sollen aber nach wie vor auch alle ausländischen Juden Rostocks s c i it. Da der gesamte Ocmcimlcvorstand und der größte Teil derjenigen rciclisdcutschcn Gcnieindemitgliedf r,. die bisher für die Gemeinde und für jüdische Augclcgcnhcitcn überhaupt Interesse bekundeten, für den Antrag Tobias und Gimpel nicht zu haben waren, haben diese Herren unter denjenigen Mitgliedern Anhang gesucht, die sielt um das Judentum gar nicht mehr kümmern, sondern nur noch Gcincindcmitglieder sind, weil nach der mecklenburgischen Verfassung jeder einer Religionsgemeinschaft angehören muß. Die Bemühungen des Vorsitzenden, Herrn Bernliartl, und der Rechtsanwälte Dr. Snwitz und Bernhard, den beschämenden Beschluß zu vereiteiu, blieben erfolglos. Als Herr Bernhard deutschjüdische Preßstimuien über dieses Thema zur Veriestmg brachte, wurde er in pöbelhafter Weise niedergeschrieen und mir durch Eingreifen des Patrons der jüdischen Gemeinde, des Bürgermeister Dr. Bcckcr, gelang cs ihm unter stürmischen Zwischenrufen, seine Vorlesung zu beenden. Rechtsanwalt Dr. Sawitz stellte in einer eindrucksvollen Rede den Antrag, d i c S a ch e einer Kommission 7. u r g e n a u c n P r ü f u n g zu überweisen. Der Antrag wurde auch von Bürgermeister Dr. Becker und Rechtsanwalt Bern- 11 a r d eindringlich unterstützt, ist aber dennoch abgclchnt worden. Der Antrag Tobias gelangte zur Annahme. Ein darauf folgender Antrag des Herrn Kesten, die Entrechteten auch von den Pflichten zu entbinden, wurde ebenfalls abgclclmt. Beachtenswert ist der Umstand, daß die in dieser Zeit des allgemeinen Burgfriedens entrechteten ausländischen Gcmcinilcinitgliedcr zum weitaus größten Teil Österreichische Staatsangehörige sind, worauf in der Versammlung auch mehrfach hingewiesen wurde. Auch haben die ausländischen Juden in Rostock bisher durch ihr Verhalten keinerlei Anlaß zu einer solchen Maßregel geboten, wie ja das Eintreten des Vorstandes und der angesehensten doch uns mit großen Gaben bedachten, ln erster Reihe ist hier die Firma Josef L i c nt a n n - Berlin zu nennen, die für 1000 Mark Wollsachcn spendete, sodann die Firma Hartwig K a n t o ro w i t /. Akt.-Gcs,, die uns mit Likör versorgte, die Firma Geschwister Ruppin, die Niihzeiige spendete, die Firma Max S c 11 ö n vv a I d , die Würste sandte, Frau Willi Cohn- Halberstadt, die uns durch Vermittlung der dortigen Zionistischen Ortsgruppe (10 fertige Pakete zur Verfügung stellte. Von unseren Ortsgruppen haben sich besonders diejenigen in Königsberg (durch Frau Dr. Pelz), Posen (durch Frau Kläre Mamlok), Halberstadt (durch Frl. Gusta Strumpf), Cronc a. d. Br. (durch R.-A, W i I k), Duisburg (durch Noe Colt neu), München (durch Jakob Reich), Mannheim (durch Frau Goitein). Nürnberg (durch Zahnarzt Singer) hervorgetan, Haben wir eine Anzahl großer Spenden besonders erwähnt, so danken wir nicht minder aß den Hunderten, die uns kleinere Beträge schenkten. Die Eingänge aus fl e r 1 i 11 hielten sicli auf respektabler Höhe. Sowohl von Gesinnungsgenossen als auch von nichtzionistischer Seite trafen von Stunde zu Stunde Gaben ein, die sich zeitweise zu Bergen türmten. Die nach* träglieh cingvsandtcn Spenden wurden für die jetzt zugelassetten 500 Gramm-Pakete verwandt, von denen ebenfalls 400 zur Post gebracht worden sind. Wir, die zu Ffause Gebliebenen, werden diesmal die Chanukahlichtc mit besonderer Freude anzündcu, haben wir doch das Bewußtsein, unseren Freunden und Brütlern draußen im Felde durch die Liebesgaben das Fest nähergerückt zu haben. Wir hegen den aufrichtigen Wunsch, daß alle Sendungen richtig ,־inkommen und daß die Empfänger von dem Inhalt in Gesundheit Gebrauch machen. Wenn es dem Schreiber dieser Zeilen erlaubt Ist, ein Wort über sich selbst zu sagen, so mag nur die eine Tatsache Erwähnung finden, daß er in diesen vierzehn Tagen fünf Pfund an seinem Körpergewicht abgenommen bat. Wie singen wir doch am Sederabend: ״Dajenu“.