Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1914)
- Date
- 1914-12-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 452 Nr. 50 Die BCkS'eLr.^ *) Eine Ansprache. Von E. Tiiubler. Feste zu feiern, ist ein ernstes Geschäft. Sind sie der Zukunft gewidmet, so wird der überlebende Sinn diese über die Gegenwart hinweg aus der Ver;;'a11;;enlk׳it zu hej^riintlen, sind sie der Vergangenheit gewidmet, so wird der vorwiirtsstrebende Mut aus ihr über die Gegenwart hinaus die Zukunft zu entwickeln suchen. Fs gibt nur ein Festes: die Gegenwart; uns selbst. Was ist uns der ö, Ab? Ein Tag des Seinnerzes und des mutigen Trotzes. Was der M. Adar? Die geschichtliche Verklärung einer unserer Empfindung widerstrebenden Legend''. — Was der 25. Kislew? Aus seiner Zeit beurteilt, kein Tag von entscheidender Bedeutung. Zwei Jahre darauf stand das syrische Heer siegreich vor den Toren Jerusalems. Zwei weitere Jahre, und das Schwert, das den Tempel geschirmt hatte, war zerbrochen, und derjenige, der es geführt hatte, hatte es im Kampfe!;egen die hohcpricstcrliclK■ Tempeilcgitimität verloren. Aber was ist uns der 25. Kislew für unsere Zeit? lieber allen Ternpelkult und jede Legitimitiitsmumie hinweg der Ausdruck der Kraft, die uns befähigt, Schöpfer und Träger unseres Schick• sals zu sein. Jetzt ist die Zeit — da treten Tausende frommer Juden au den achtarmigen Leuchter heran und entzünden die Lichter und singen die alten Sprüche und Lieder; der Ton verhallt und das Licht erlischt, und die frommen mul guten Menschen suchen die Ruhe der Nacht mit dem zufriedenen Bewußtsein, einer heiligen Erinncrting gelebt zu haben, weil das Gesetz cs befahl. Aber tausend anderen schlägt der Widerschein der stillen Lichter den funkelnden Stolz in die Augen, und Lied und Spruch drängt, vom stürmischen Willen gestoßen, mit ehernem Nachhall über die Lippen. Die Erinnerung wird zum Bekenntnis; der Lichtschein der Vergangenheit leuchtet in die Zukunft — o wir armen Träger der Gegenwart! Wem gehört unser Wille? Allem und allen eher als uns. Uns ') Aus der C h a 11 u k a h - S v n d e r 11 u m m e r der ״Jüdischen Rundschau“ für unsere Freunde im Felde. Unsere Chanukah-Kiste Von Max Wollstcincr. Als das Zentralkomitee der Z i o!1 i s t i s c h e 11 V e r c i 11 i g u n g f ii r Deuts c 111 a!1 d in seiner letzten Sitzung den Beschluß gefallt hatte, an sämtliche im Felde stehenden oder sonstwie mili* tiirisch cmgezngenen Gesinnungsgenossen zun! bevorstehenden Chamikalifestc ein Liebesgabcn-Paket zu senden und mir die Durchführung dieser Aktion übertragen wurde, waren wir der Ansicht, daß wir damit in wenigen Tagen und ohne besondere Anstrengung fertig werden würden. Und das war gut so; denn hätten wir die ungeheuere Arbeitsleistung und die vielfachen Schwierigkeiten, die uns dauernd im Wege standen, vorher geahnt, so wäre das Projekt vielleicht fallen gelassen worden. Jetzt, da die Liebesgaben hoffentlich schon im Besitz der Empfänger sind, verlohnt es sich, zumal auch eine Reihe von Freunden uns darum ersucht hat, den Hergang der ganzen Aktion zu schildern. Als bekannt setzen wir voraus, daß die Post- ,bchürdc den 30. November als letzten Termin für die Annahme der Pakete festgesetzt hatte. Unser Beschluß wurde etwa am 12. November gefaßt; zum Ucbcrlegen war also nicht viel Zeit übrig. Schon am nächsten Tage wurde ein Aufruf, in welchem unsere Absicht kundgegeben und um L.iebesgaben gebeten wurde, an die jüdischen Zeitungen versandt; ferner schrieben wir an etwa fünfhundert einzelne Personen, von denen wir annahmen, daß sie uns mit Geld und anderen Gaben unterstützen würden. Line Sondernummer der ״J ü d i s c 11 e n R u!1 d s c h a u“ wurde vorbereitet, auf die wir weiter unten zurückkommen. Im Bureau der Z. V, f. D. waren etwa 500 Feldadressen, an welche regelmäßig ■die ״Jüdische Rundschau" gesandt wird, bekannt. Wir glaubten, daß infolge unseres Aufrufs noch etwa 300 liiiizukommeii wurden, so daß wir mit der Versendung von 800 Paketen rechneten. .1 U m - f־> 4 1 1 ' -'s״־* II AU wie weit 1. .׳ Der Jude i;;t und m;!;.׳ii!■■den Ueufi.cS;.׳. Vor -c 1! nissPebc;• RfvultKi nür, stTr,\'.A'u.l in stcelf, in L 11.׳ ׳ : > ■in stickigei׳ G!;׳vU;׳!;!ä seine Kef;eit 1!.ul der MeiincbucU, 11: Vergangenheit ,״:ul ,vir .-..־1:!!׳ den» ikhTi uns? er ״,.,,acii n.if alten IIo:;a1 *־!11!״׳cnc! 1;.)׳..,viiie», seinc 1 b; nl i'tV.ii/Ad'״he fIr,׳inten, ist .):1är mul englischer Reaktio- Wilna ihr Schiller und ver- :;kliiisueht tsncli einem Strich trägt — jeder von uns — fühlt sich als einen Messias .t -- jeder von uns — seine seine Zukunft, aber ein ־zu weni<;;111 Gegenwart. Der Juckist alt; die Last der Jahre lastet auf ihm. Ihn liniert die Gcudiieke gezeichnet. Mehr als einmal brach der Himmel über ihm 711sanmuii, Immer :;{;11;;.־ er mul fragte, eien Blick vom Unlcrga,;״ der Sonne zu ihrem Aufgang j;e* wendet: wie i;;11ge noch? Und immer verlor er, wenn sein zeitloser Blick am Firmament vom Niedergang zum Aufgang schweifte, das Gesieht der Gegenwart und sich selbst. Das persiselie Reich brach zusammen, Alexander der Grolle rüttelte die Kräfte der Welt durcheinander und überschüttete sie mit netten Keimen — der Jude stand abseits und wartete der Zeit; die Ptolemäer und Seleukiden kämpften um das ji'tdischc Land, herüber und hinüber fluteten ihre Heere, über Jerusalem hinweg, an Jerusalem vorbei — man litt mul wartete der Zeit. Hundert und zwanzig bange Jahre: dann blitzte es endlieh auf; Syrien und Aegypten sammelten ihre Heere unterhalb Jerusalems; die Zeit der Verlieißung schien gekommen; Gott führte die Völker heran, um sie vor den Augen seines Volkes zu vernichten. Die Frommen griffen, wirklichkeitsblind, zu den Waffen; aber Gott kämpfte nicht mit ihnen, und ihr Mund verstummte unter der Zuchtrute des Feindes. Doch der Blitz hatte gezündet und den Führenden im Volke die Wirkiichkeit erhellt. Der Hohepriester, der fromme Simon, tritt, 201) v, dir., an die Seite des neuen syrischen Herrn; man gewöhnt das Auge an die bisher traumhaft verhüllte Welt und atmet den Luftluuteh hellenischer Kultur. Kaum dreißig Jahre — und anders, als man cs gedacht hatte, hat die Zeit sich erfüllt. Die Kräfte der Erlösung waren zu Kräften der Vernichtung geworden. Warum? Und noch einmal wendet sich die Zeit. Ein verborgenes Schwert löst sich aus der Scheide und funkelt von der Tcnipclzinne hinüber in die Berge, hinunter in das Tal. Die Frommen Somit bestellten wir einen vorschriftsmäßigen Karton in dieser Anzahl, der sich jedoch nicht als haltbar erwies. Nun war guter Rat teuer; die Kartonfabriken waren mit dringenden Aufträgen überhäuft, und nur durch die Herstellung privater Beziehungen gelang cs uns, eine leistungsfähige Firma ausfindig zu machen, die sich noch dazu verstand, in zwei Tagen einen neuen den Vorschriften genügenden Karton zu liefern. Inzwischen wurde eine Schreibstuhe eingerichtet und die vorhandenen Adressen mit Tusche auf Leinwand, alles in der von der Post vorgezeichneten Weise geschrieben. Die Zeit rückte immer weiter vor, ohne daß wir Geld oder Gaben ,erhielten. Nicht einmal neue Adressen kamen von den Ortsgruppen an. Mit Neid blickten wir auf die großen Gabenlisten für Wcihnachtsscndungcu in den Tageszeitungen, die immer länger und reichhaltiger wurden und in denen die jüdischen Namen vorherrschend waren. Wir konnten auch keine Einkäufe machen, da wir nicht wußten, mit welchem Etat wir zu rechnen hatten. Nach vielen Tagen trafen endlieh die ersten Zustimmungen zu unserem Plan ein; es wurde uns geschrieben, man habe bereits Nähstnhen eingerichtet und sei eifrig beim Sammeln. Von anderer Seite wiederum machte man uns auf das Inopportune unserer Absicht aufmerksam; cs sei in jetziger Zeit nicht angebracht, einen Unterschied zwischen Weihnachten und Chanukah zu machen; das Wort des Kaisers müsse reine Geltung auch für uns bcliaiicii. Doch das waren nur ganz vereinzelte Stimmen, denen wir sofort entgegcnhielten, daß mit solcher Argumentation das Wort des Kaisers falsch ausgelegt würde. Wir sollten nicht das Recht haben, unseren PreumUn und Brüdern im Felde zum Chaimkahfeste eine Freude zu bereiten? Selbst Herr Geheimrat Geiger, unser freundlicher Gegner, schrieb, daß ״unser Gedanke sicherlich allgemeine Anerkennung und Unterstützung verdiene*' und auch eine bekannte I).mic, die seinerzeit die antizionistische Erklärung' m den Zeitungen mitunterzeichnct hatte, ließ uns ihr Schcrücin zugehen. tanzen (lat Scliwerterreigcn. 1111 Heiligtum flaimticn ausgetretene Lichter wieder auf, |)a dehnt sich die befreite Brust, und über die Litanei hinweg stürmt der Jubel des aus den eigenen Banden erlösten Volkes. Wächter, wie weit ist ’s in der Nacht? — ״Der Morgen ist gekommen, aber noch Kt die Nacht." Während der bessere Teil der Hellenisten sich auf sich selbst besinnt und sich dem jungen Morgen zuwendet, treten die Frommen vom Werke zurück und suchen, um das legitime Haupt des Heiligtums geschart, die Nacht des Tempelschattens; und auf dem Felde von Elasa sinkt Judas Stern. Und ein drittes Mal wendet sich die Zeit, Die Makkabäer tragen das Hohcpriestergcw.uid und die Krone. Aller die Männer, die vor dem Tage zum Schwerte gegriffen hatten, um da messiauisclien Zeit zum Durchbruch zu verhelfen, die dann dem Makkabäer ihren Arm geliehen und sich wieder von ihm weg zum Tempel gewandt hatten, sammelten sich nun weder um das Opfer noch um das Schwert, sondern trugen, um die Lehre geschart, HK) Jahre nach der Tempelwcilie, ihre blinde Sehnsucht vor den romischen Sieger nach Damaskus und erflehten den fremden Arm als Schirm des üottesreichs. Das Schicksal hatte sich vollendet. Der wirklichkeitsfremde Sinn fand in der Gegenwart nicht Weg noch Ziel. Und so trennten sich die zusammengehörigen Glieder, und was herrlich begonnen hatte, endete in Schmach und Not. Wollen wir ein Fest feiern?? Das Antlitz des Schicksals schreckt uns; aber wir müssen ihm ins Auge blicken. Und wir müssen bekennen. Das Verhängnis stieg nicht aus dunkler Tiefe empor und stürzte nicht aus verborgenen Höhen herab, sondern gestaltete sich in uns selbst. — Wie damals, so heute und in alle Zeit. - Wer sein traumbefangenes Auge vor der Wirklichkeit verschließt, lebt von der Abendröte der Vergangenheit und von der Morgenröte der Zukunft und verliert in der Nacht der Gegenwart sich selbst. Die Vergangenheit weist in die Zukunft und die Gegenwart bestimmt den Weg. Und unsere noch nicht gefundene Gegenwart sind wir selbst. Endlich trafen die ersten größeren Sendungen ein; auch konnten wir bereits über erhebliche Geldmittel verfügen. Nun mußte schleunigst aus Werk gegangen werden. Die Sendungen wurden ausgepackt, sortiert und das Fehlende durch Käufe beschafft. Eine große Schar freiwilliger Kräfte stand uns Tag und Nacht zur Verfügung, und die Räume des Zionistisehen Zcntralbureau glichen in diesen Tagen einem großen Wareiihause. Drei Tage vor dem letzten Termin hatte die Arbeit ihren Höhepunkt erreicht. Es wurde Tag und Nacht geschafft. Immer neue Adressen wurden uns aiifgegebcn, bestellende wurden geändert, andere zurückgezogen. Mit vieler Muhe, aber auch mit umso größerer Liebe wurden die Sendungen für die in Frankreich und Rußland befindlieben deutschen Kriegsgefangenen gepackt, durfte sich doch in diesen Paketen nichts Schriftliches vorfinden. Selbst bedrucktes Papier für Verpackungszwecke war nicht zulässig. Es sei noch erwähnt, daß wir auch etliche Pakete an russische Zionisten, die sieh als Kriegsgefangene in deutschen Lagern befinden, versandt haben, jetzt meldeten sich plötzlich auch andere jüdische Organisationen, die für ihre Mitglieder bei uns Anschluß suchten und bereitwilligst fanden. Gemeindevereine•, Syuagogenvereine, auswiirtige jüdische Gemeinden, Rabbiner, jüdische Schnlen schrieben, telephonierten, depeschierten; alle wollten sich uns anschließen und ihren Angehörigen durch unsere Organisation Gaben ins Feld schicken Auch wurden uns in großer Anzahl Adressen »inbemittelter jüdischer Soldaten aufgegeben mit der Bitte um Berücksichtigung. Mit Genugtuung konstaticrcn wir, daß wir alten diesen Gesuchen ohne jede Ausnahme Rechnung getragen haben, und so schwoll bald die Anzahl der Pakete ins Ungcmessenc. Am 28. November war die Zahl Tausend bereits überschritten. Von der Arbeitsleistung und dem Kriiftcaufwand kann sich nur derjenige einen Begriff machen, der einmal unserer Arbeit zugeschen hat Die Räume unseres Bureaus reichten bei weitem nicht aus, immer neue Zimmer mußten mit Paketen