Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1914)
- Date
- 1914-12-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 446 J U 1: RUHDSCHAU Nr. 49 11) 100 Kr, für den jiid. Turnverein ״Maceabi“, Prag (dessen Gründer der Verstorbene war), i) 50 Kr. für den Volksverein ״T licorlor Fterzl“ in Trautcuati, k) seine Bücherei vermachte er der jüdischen Universitätsbibliothek in Jerusalem. Die Blutopfer, welche die zionistische Jugend auf allen Kriegsschauplätzen so zahlreich darbringt, er« halten eine besondere Weihe durch die Treue, die jene Melden dem jüdischen Volke bis zum letzten Atemzuge bewahrt haben. Leutnant Alfred Kraus hat diese Anhänglichkeit au unsere Ideale in besonders ergreifender Weise zum Ausdruck gebracht. Ehre seinem Andenken! Die Ausweisung der russischen Juden aus Leipzig Das ״Hamburger Israclitis e 11 e 1־ a - Ausweisung der längeren Bericht, Die Bureaus Brüh! wurden stürmt. Nur angesehener 1 halten kenn, nächst für die m i I i e 11 b 1 a 11“ bringt über die russischen Juden aus Leipzig einen dem wir folgendes entnehmen: ״Die allgemeine Ausweisung der Angehörigen feindlicher Staaten aus gewissen Städten von hesoliderer militärischer oder Vcrkciirsbcdeutung schließt auch Leipzig mit ein und hat unter den hiesigen russischen Juden große Bestürzung hervorgerufen, die jüdische Armeuverwaltung und die private:. Wohl• tätigkeit vor neue und schwierige Aufgaben gestellt. Nach der letzten Volkszählung von H)h) sind von den 9434 israelitischen Einwohnern Leipzigs, von denen knapp 25 Prozent ortsgebürtig sind, 3008 Reichs• deutsche, 4029 üesterreicher und Ungarn und 2006 russische Staatsangehörige, welche somit zwei Drittel der insgesamt 3077 in Leipzig ansässigen Russen bilden. ׳ Die russischen Juden Leipzigs leben in der Hauptsache im F'arnilicnvcrband, zählen im einzelnen 1020 männliche und 944 weihliehe Individuell und sind in den letzten vier Jahrzehnten nach Leipzig zugezogen, so daß die typische russisch-jüdische Familic sich deutlich in drei Schichten gliedert: die älteren Leute, die schon als Erwachsene, meistens auch mit kleiner Familie bereits aus dem Osten nach Leipzig gekommen sind, in Sprache, Denkweise und religiös durchaus noch 1111 Ostjudeiitiim wurzeln und sich als ״die Alten“ schon von den Geschäften zuriickzuzichen beginnen; dann die nächstfolgende Generation, die Kinder der Erstgenannten, die jetzt auf dem llölicpuukt ihrer Wirksamkeit stehen, wohl als kleine Kinder oder allenfalls doeli im jugend* liehen Alter nach Deutschland kamen und geistig noch biegsam genug waren, in der westeuropäischen Kultur aufz.ugchcn, und deren Wunsch es vor allem war, die geistige und wirtschaftliche Akklimatisation nun auch durch die staatsrechtliche Einbeziehung zu bekräftigen und ihre deutsche Zukunft sichcrzustclleii; diese vor allem, intelligente Kauflcutc, tüchtige Aer/te, strebsame Gelehrte, denen die ncucrrungcnc Freiheit in Westeuropa noch nicht zur Sclbstverstämllichkcit geworden, sondern immer noch ein mächtiger Antrieb zu kultureller Arbeit ist, sind die maßgebenden Vertreter des ostjüdischen Elements im deutschen Judentum; die dritte und jüngste Generation endlich sind die hierzulande geborenen Kinder russisch-jüdischer Eltern, Kinder, die von vornherein unsere deutschen Schulen besuchen, unsere Sprache beherrschen und in unseren Anschauungen erzogen werden. Was den genannten drei Generationen, den als fertige Menschen hier Zugewanderten, den in früher Jugend Gekommenen und geistig hier Eingewöhnten, den hier Geborenen und Erzogenen, trotz aller Verschiedenartigkeiten in äußerer Erscheinung und in Denk- und Empfindlingsweise gleich ist, ist der Wille, das Land, in dem sie die Zuflucht gefunden haben, sich zur Heimat zu machen, siel! die Geltung als deutsche Bürger zu erringen und ihre Dankbarkeit für die Segnungen deutscher Kultur durch die Tat zu erweisen, wo es nur geht. Rußland spielt bei ihnen allen nur die Rolle eines bösen Albs, dessen Druck man glücklich'abgeschiittclt hat. ihre endgültige Einbürgerung wurde nur aufgchalten durch die allgemeinen Schwierigkeiten des Naturalisations- Verfahrens und durch die Hindernisse, die der jüdiselic Ausländer und insbesondere der russische Jude zu überwinden hat. ln Leipzig sind zahlreiche solcher Familien schon seit dreißig bis vierzig Jahren ansässig und nach dem Tode der ältesten Mitglieder vollkommen deutsch geworden, und der russische Jude steht iin Leipziger Rauchwaren- und Borsteuhaudel mit an erster Stelle, herrscht als Großkatifmann über Weltvcrbindungen, und andererseits wieder ist er im kleinen Marktreisendenverkehr ein wichtiges Glied geworden. Dies alles, was über die Beziehungen einer einfachen Fremdenkolonie weit hinausgelit und einer völligen Eingliederung gleichkommt,!miß man sich gegenwärtig halten, wenn man den Schrecken verstehen will, in den der Ausweisungsbefehl die russischen Juden in Leipzig versetzte. Der vierte Teil der jüdischen Gemeinde stand plötzlich vor dem Kuin. Der gesamte Rauchwarcnliandel war bedroht. ler jüdischen Rechtsanwälte auf dem von verzweifelt eit ratlosen Leuten bcdk■ P.c: *immun;;, daß die Biirgsdnft eiehsdeiitseher eile Ausweisung hintan- Usd die ZeitnngsincUlung, daß dem- Deutschen, Polen, rinnen und Juden russischer Staatsangehörigkeit Erleichterungen in Kraft treten sollen, vermochten beruhigend zu wirken. Einstweilen aber erlangt, spätestens für den 24. November, die At:.;Weisung ihre Gültigkeit und führt viele von Leipzig weg, die mir liier in Leipzigs besonderen Gewerbcz.vcigen ihr bißchen ״Parnoße" hatten. Die Aufenthaltsorte, die vor allem für die Leipziger Ausgewicseiien in Betracht kommen, sind Halle a. S., Wurzen, Grimma, Borna und Chemnitz, Die rcidisdcutsehen und österreichisch-ungarischen Glaubensgenossen zeigen ihren schwer betroffenen Brüdern gegenüber große Hilfsbereitschaft. Mancherlei Aktionen sind im Gange, besondere den Aermsten und Unerfahrensten unter ihnen, den großen kinderreichen Familien die Uchcrsicdeluug zu erleichtern und ihnen auch am neuen Wohnort die traditionelle Lebensweise zu ermöglichen, Besonders durch Oe- Währung von Bürgschaften haben sieh zahlreiche angesehene Gcmciudcniitglicd.er verdient gemacht. Vor allem anerkennenswert ist die edle Gesinnung der hiesigen Rabbiner, die sich in dieser schweren Zeit wirklich als Führer und Vertrauensmänner der Gemeinde erwiesen haben. Die Herren Rabbiner Prof. Dr. Nathan Porges und Dr. Ephraim Carlehach haben wichtige Schritte eingeleitet, um durch ihre Fürbitte und aufklärendc Tätigkeit Schonung für die russischen Juden Leipzigs zu erlangen. Das Ergebnis ihrer Bemühungen ist zur Stunde noch nicht bekannt; doch hülfen alle, daß hierdurch den im Handel Und Gewerbe, vor allein in Leipzigs blühendem .Ranchwarenhaiidel, so nützlichen russischen Glaubensgenossen ein schweres Unheil erspart bleibt und eine sichere Lehens- und Entwicklungsmöglichkeit geschaffen werden wird.“ Hierzu können wir mittcilcn, daß es dem U c i c 11 s v c r e i 11 der deutschen Juden gelungern ist, die Bemühungen der Leipziger Herren erfolgreich zu unterstützen. Frankfurt a. M. (A u s 1 li 11 d e r a u s w e i s u n - gen.) Der ״Israelit“ berichtet: Gemäß der von höchster Stelle ergangenen Weisung wird bei der Ausführung der aus militärischen Rücksichten ergangciien Ausweisungsbefehle hier in Frankfurt auf eine möglichste I ndi vidua Iisi c ru n g der Fä 11c gcsehen, so daß nach wie vor die Hoffnung bestellt, für einen großen Teil der Ausländer, sofern sie schon längere Zeit hier wohnen, einen festen Erwerb haben und gute Bürgschaften beibringen konnten, das Aufenthaltsrecht zu erwirken. Immerhin mußte eine große Reihe von Ausländern, auch solche, die sich liier seit Jahren aufhicltcn, bereits Mittwoch und Donnerstag Frankfurt verlassen und sich an den freigewählten Wohnsitz oder — im Falle der Mittellosigkeit — in die Internierung begehen. '1111 benachbarten Offenbacli werden von der dort mit ziemlicher Schärfe durchgcfülirtcn Maßregel viele hunderte Familien betroffen. Im Ganzen dürften sich in den nächsten Tagen Hunderte von Internierten, zum weitaus größten Teile Juden, in dem Konzentrationslager in Gießen zusammenfinden, und cs sind zurzeit Verhandlungen im Gange, ihre rituelle Verpflegung zu ermöglichen. 10 Bill rsai ISiCi © ׳ HiZ & Vj✓ & ii 1SI SSI ’ i i> I ii <; 11 ei Unser Wiener Brudcrblatt, die ״Jüdische Zcitung“ berichtet in ihrer Nr, 35: Sm Bewußtsein, sieh auf eine festgefügte Organisation, eine unerschöpfliche Anzahl von Mit arbeitern und ihre wahrhaft reine Liebe zu den Unglücklichen ihres Volkes stützen zu können, hat die zionistische Parteileitung Oesterreichs ihre Hiifsakfion initiert. Das Ergebnis hat die Erwartungen nicht getäuscht, ja cs hat sich gezeigt, daß alle Kreise und Schichten der Flüchtlinge gerade im zionistischen Zentralbureau ihre beste Zufluchtsstätte sehen und den Ort, wo man ihren Brüdern mit Rat und tatkräftiger Hilfe zur Seite steht. Die Zahl der Flüchtlinge, die Tag für Tag die Räume der zionistischen Bureaus um Auskünfte aufsuchcn geht in die Hunderte. Der Bahnhof dienst, den das zionistische Zentralkomitee im Einvernehmen mit der Zentral stelle für Flüchtlingsfürsorge eingerichtet hat, funk tioniert klaglos; Tag und Nacht stehen unsere Oe sinnungsgeuossen auf dem Bahnhof, die einlangen Flüchtlinge, die die plötzliche und völlige Um den gestallung ihrer Situation ganz rat- und hilflos ge macht hat, aufziuiehmeri, ihnen die ersten Wohnstatten anziiweisen und ihnen die wichtigsten lnformationen zu };eben. Gemeinsam mit der Zentralstelle arbeitet auch das R e c h t s s c I» u t z b u r c a u, dessen Leistung darnach bemessen werden kann, daß seine Aktenmmmier die Zahl 7t)<) weit überschritten hat; Eisenbalinreklaniationen, Schadenersatzansprüche, Kcclitsauskünftc u. a. bilden den Inhalt seiner Tätigkeit, Das angesclilossene V c r in i ß t e ri b u r e a u sucht den Flüchtlingen bei der Auffindung ihrer verloren gegangenen und versprengten Angehörigen behilflich zu sein. Die B r o c k e 11 s a m 1111 u n g , die sich in den dem Zentralkomitee in dankenswerter Weise von der ״Rede- und Lesehalle jüdischer Hochschtiler zur Dis- Position gestellten Räumen in der Türkcnstr. 9 befindet liat bisher mehr als '2000 Personen bekleidet. Der reiche Zustrom an Naturalien beweist das Vertrauen der Wiener Judensebaft zur guten Leitung der Institution. Nichtsdestoweniger nimmt die Zahl der Pcteilten nicht ab, denn der lierannaheiide Winter trifft die Armen ohne schützende Kleidung. Uni Einzelstelienden, besonders Studenten, die mit dem Betrag von 30 h nicht Auskommen können, zu helfen, verteilt das Zentralkomitee täglich eine größere Anzahl von Spciscmarkcn auf Mittagmähler. Für größere Familien konnten zweimal pro Woche durch die Munifizenz einiger Herren 200 Laib Brot verteilt werden. Ein Kinderhort (Malzgassc 10) beschäftigt und verpflegt tagsüber etwa 40 Kinder, die sich in den schönen, lichten Raumen, dem Elend des eigenen Heims entrückt, sehr wohl fühlen. Das Projekt des Ambulatoriums für die Flüchtlinge ist dank dem Entgegenkommen der wirtschaftlichen Vereinigung der Wiener Aerzte und des Acr/.tcvcrcins des II. Wiener Gemcindebczirkts bereits realisiert. Die einzelnen Abteilungen für Interne, Chirurgie, Kinderheilkunde, Hautkrankheiten; für Ohren-, Nasen-, sowie Augenleiden, für Frauenkrankheiten, Zalinlicilkuuüc haben schon ihre Abteilungsvorstchcr. Die Leitung der Institution liegt in den Händen des Herrn Primarius Dr. Ludwig Stricker. Die Interventionen, die das zionistische Zentral- Komitee zugunsten der galizischen Flüchtlinge im Ministerium des Innern unternommen hatte und über die bereits berichtet wurde, nahmen auch in letzter Zeit ihren Fortgang. Am 9. Nov. sprach der Präsident des Zentralkomitees Herr Dr. Karl 1*0 1 lak bei Herrn Sektionsrat Dr, von Ma rquet vor, um für die beabsiclitigfe Stradierung von Flüchtlingen nach Böhmen und Mähren die Mitarbeit der zionistischen Organisation in den Städten bei der Bildung von Hiifskoinitees zuzusagen. Ffcrr Sektionsrat Dr. von Marq u e t nahm das Anerbieten gerne an und erklärte, dem Zentralkomitee sofort Mitteilung zu machen, wenn die Orte festgestellt seien. Bei der gleichen Stelle erschienen am 11. Nov. die Herren Dr. Karl Po 11 a k und Flerr Oberingeiiicur Robert Stricker, um gewisse Erleichterungen bei der inzwischen eingetretenen strengen Absperrung Wiens zu erreichen. Es wurde ihnen denn auch zugesagt, daß Personen, die infolge Krankheit auf der Fahrt auch Schaden nehmen könnten, ferner solche, deren nächste Angehörige bzw. Ernährer sich in Wien aufhalten, endlich Flüchtlinge, die nur wenige Tage zur Erledigung ihrer Angelegenheiten in Wien Aufenthalt nehmen wollen und sich verpflichten, der Fürsorge nicht zur Last fallen zu wollen, von der Absperrung nicht betroffen sind. * Das Wiener Zionistische Zentral- Komitee veröffentlicht folgenden Aufruf: Seit Monaten ist die Hilfsaktion des Zionistischeu Zentralkomitees bemüht, die grenzenlose Not unserer unglücklichen Brüder aus Galizien und der Bukowina zu lindern und dort mit Rat und Tat einzugrcifeii, wo sich die Fürsorgetätigkeit der Zentralstelle als unzulänglich erweist. Durch Verteilung von Spciscmarkcn und Brot, durch Ausstattung von Tausenden von Flüchtlingen mit Kleidern, Wäsche und Schuhen, durch einen Kinderhort, durch das Rechtsschutzbureau und durch das am 1. Dezember d. J. zu eröffnende Ambulatorium hat unsere Hilfsaktion auch tatsächlich bereits wesentliches geleistet. Aber die Zahl der Hilfesuchenden nimmt nicht ab, da auch Unzählige, die bisher im Besitz von Mitteln waren, nun mif Unterstützung angewiesen sind, ohne daß die zu einer dauernden Hilfe notwendigen bedeutenden Mittel vorhanden wären. Es ergeht daher an alle, die echtes Mitgefühl mit ihren unglücklichen Brüdern haben, die dringende Bitte, mitzutun au diesem Hilfswerk: Durch neuerliehe Geldspenden vor allem, denn es genügt nicht, wenn in solcher Not einmal gegeben wurde, aber auch durch Zuweisung von Kleidern, Wäsche und Schuhen, da der Winter mit seiner Härte frühzeitig cingebroclien ist. Der Dank all der zahllosen Unglücklichen ist den edlen Spenden gewiß.