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Jüdische Rundschau · 1914-12-04 · Heft 49 (4.12.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 49 (4.12.1914)
Date
1914-12-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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f* W a s h I n g t o n , [ca Redakteur der New York ״Der 1,: icht bemerkeas- :•cii die ruseiichen dcai Soldaten in die dortige eile;egen itten; aus russische» Der deutsche L'otrciisfter i Graf v. Bernstorf?, hat au neuen jiddischen Tage .zciiung Tag“ folgenden in vielfacher i werten Brief gerichtet, der sich Bliittermcldungcn v,•aalet, c Russisch-Polen Grausamkeiten; jüdische Bevdlkea;״g begangen k, ״Sic teilten mir tau, da 15 Sic Zeitungen entnehmen, deutsche Soldaten hätten in Russisch-Polen schwere Grausamkeiten sich zuschulden kommen lassen, speziell an der jüdischen Bevölkerung. Sie fragen mich an, ob ich darauf etwas zu erwidern habe. Ich benutze gern die Oelegculieit, über diese Frage mich zu äußern, die naturgemäß — besonders auch unter den zahlreichen Juden Amerikas — das ernsteste Interesse findet. Krieg ist kein Spiel, und e1׳ ist ganz zweifellos, daß alle okkupierten Länder unter seiner Last und seinem Schrecken zu leiden haben. Die deutsche Heeresleitung hat jedoch allen getan, um die 1111• schuldige Zivil-Bevölkerung in den von ihren Truppen besetzten feindlichen Ocbicten nach Kräften vor •den Schrecken des Krieges zu schützen. Sie tut das ganz speziell in R u s s i s c 11 - Po 1 e n, wo sie auf eine Bcvölkcruug trifft, die aus den i 11 Rußland unter• drückten nationalen Minderheiten gebildet wird. Die deutschen Armeen kommen nach Russisch-Polen als Verteidiger der deutschen Landes• grenzen. Sie finden dort diese Bevölkerung, die seit langem auf das schwerste unter dem russischen Regime leidet. Das Gefühl menschlicher Gerechtigkeit vereint sich hier mit der elementarsten politischen Klugheit, damit die Deutschen diese unterdrückten Völker fühlen lar-.en, daß in dem cinrückendett ״Feind“ tatsächlich ein Befreier sich nähert. So haben die deutsch-österreichischen Okkupatious-Armcen schon im August ein Manifest an die Juden in Russisch •Polen gerichtet, das in hebräischer und jiddischer Sprache verbreitet wurde. Hier wird den Juden mit der Befreiung vom russischen Joch volle religiöse und bür g c r 1 i c h e Freiheit zugesagt, ihre Gleichstellung auf allen Gebieten des ökonomischen und geistigen Lebens. . Es ist bei Versprechungen nicht geblieben, Man hat der jüdischen Bevölkerung, trotzdem an ihrer Loyalität gegenüber dem feindlichen Rußland doch nicht gc/weifeit werden konnte, die Kriegslasten zu erleichtern versucht. Man hat den ökonomisch schwachen Ortschaften die Kriegskontributionen erlassen. Man hat nach Möglichkeit jüdische Häuser vor Zerstörung be wahrt. Man hat jüdische Gefangene mit Rücksicht behandelt usw. Es liegen zahl reiche Berichte vor, die diesen guten Willen der Deutschen anerkennen. Deutschland hat seinen Juden alle bürgerlichen Rechte gegeben, die wenigen letzten Schranken werden mit diesem Kriege fallen. Deutschland bietet den Juden in Russisch Polen offen und ohne Rückhalt alles, was sie unter dein russischen Regime entbehren mußten, wozu auch heute in Rußland nicht der geringste Anfang zu verspüren ist. Wie ist es da auch nur denkbar, daß die deutschen Truppen sich Grausamkeiten gegen die Juden zuschulden kommen lassen? Die weit• bekannte deutsche Ikercsdisziplin sollte wirklich nicht imstande sein, die Soldaten von Grausamkeiten fern zu halten, gerade hier, wo neben der Menschlich• keit auch noch schwerwiegende politische Absiditen sie verbieten? Alle vorliegenden authentischen Nach• richten beweisen das Gegenteil. Die Absicht der russischen Kreise, die solche Tarturcn-Nachrichtcn hinaussenden, ist klar. Die Juden Rußlands zeigen in diesem Kriege einen bewundernswerten Patriotismus für ihr Heim a 11 a n d , das sic unterdrückt hält. Die russische Regierung verspricht den Juden nun nicht etwa eine Besserung ihrer Lage, sie weist vielmehr darauf hin, daß die feindlichen Deutschen die Juden ja noch schlimmer behandeln. So will sie jeden Keim einer möglichen Dcutschfrcundliclikcit in den russischen Juden ersticken, vor allem aber auch der ganzen Welt zeigen, daß sic mit ihren eigenen Methoden in Europa nicht allein dastcht. Es ist notwendig, diese Kampfart einmal niedriger zu hängen.“ Das Testament eines gefallenen zionistischen Offiziers Durch die Blätter ging bereits die Nachricht, daß auf dem Kriegsschauplatz in Serbien am 20. Oktober d. J. Alfred Kraus, Leutnant in der österreichischen Armee, den Heldentod gefunden hat. Vor wenigen Wochen noch wurde in der ״Jüdischen Rundschau“ ein ausführlicher Feldpostbrief des Verstorbenen veröffcntlicht, in dem er mit einer Schilderung des Lebens iin Felde seinen warmherzigen Gefühlen für die zionistische Sache beredten Ausdruck gab. U. a. erzählte er, daß er gemeinsam mit jüdischen Kriegskamernden in bosnisch-jüdischen Gemeinden Nationalfonds-Büchsen gefüllt habe. Nun wird dem Haupt* bureau des Jüdischen Nationalfonds im Haag von dem Bruder des Heimgegangenen berichtet, daß Leutnant Alfred Kraus testamentarisch folgende Zuwendungen gemacht hat: a) 700 Kr. für einen Alfred Kraus s. A.• Garten im Oclbaumhainc des Vereins jüdischer Hochschüler Bar Kochba, Prag (dessen Mitglied er war), b) 500 Kr. für den Dispositionsfonds obigen Vereines; falls der Dispositionsfonds aufgelöst werden sollte, ist die Summe als einmaliges Palästinareise-Stipendium bestimmt, c) 300 Kr. für 12 Stück P. L. D. C. - A k t i e n , d) 200 Kr. für das hebräische Schulwerk in Palästina, e) 100 Kr. für das Mikrobiologische lns t i tut, f) 100 Kr. für den zionistischen Zentralf o n d s, g) 100 Kr. für die Landspende des J, N. F., aber dafür müssen Sie mir auch einmal schreiben. Nehmen Sie nochmals meinen herzlichsten Dank. Mit treujüdischem Turnergruß Ihr ergebener Theodor Berger, Vors, des J.T.V. K. II. ... 21. November 1914. An den Ausschuß der Jüdischen Turnerschaft, Berlin. Heute erhielt ich zu meiner großen Uebcrrnschung und Freude Ihre so lieben Zeilen nebst Zigarren. Da ich jetzt gerade einen kurzen freien Augenblick habe, will ich ihn benutzen, Ihnen ein paar Zeilen zu senden als Dank für Ihre so große Liebenswürdigkeit. Wie sehr uns hier im Felde besonders ein hamdlichcs Wort von unseren daheim gebliebenen Brüdern wohl tut, das kann ich Ihnen mit Worten gar nicht sagen. Ist es doch wie ein Zeichen der Liebe aus einer lang entschwundenen, schöneren Weh. Fühlt man doch dadurch hier, wo inan mitunter glaubt, gar kein Mensch mehr zu sein, wieder den Zus.nnmenhang mit dein Judentum. Mag nun' Ihre Hilistätigkeit dem Einzelnen gegenüber groß oder klein sein — wenn Sie mit einer gewissen Regetl.üißigkeit mit unseren Turnbrüdern im Felde in Ver- Bindung treten (und sei es auch nur durch ein paar teilnehmende Zeilen) — so werden Sic sich unvergängliche Verdienste um die jüdische Sache im allgemeinen und um die Jüdische Turnerschaft iin besonderen erwe;ben. Jetzt empfangen wir alle Eindrücke fürs Leben, und da ist cs gut, wen» die jüdische Turnerschaft nicht fehlt. Aus diesem Grunde besonders hat mich Ihr Schreiben so außerordentlich erfreut, und wünsche ich Ihnen aus ganzem Herzen einen vollen Erfolg Ihrer Licbestätigkcit, Nun noch eins. Was mich betrifft, so bitte ich Sie, mich mit Ihren Gaben nicht weiter zu bedenken. Ich bin gottlob in der glücklichen Lage, von meinen Angehörigen und lieben Freunden und Bekannten alles zu bekommen, was ich gebrauche. Lassen Sie bitte meinen Anteil — wenn ich so sagen darf — meinen Kameraden und Tunibrüdcrn zukommen, die es nötiger haben als ich. Dagegen möchte ich Sie bitten, mich dauernd über die Arbeit und Lage der Turnerschaft zu unterrichten, auch eine Jüdische Turnzcitung würde ich gern lesen, falls diese noch erscheint, desgleichen die ״jüdische Rund-‘ s c h a u“. Und mit ein paar besonderen Zeilen werden Sie mir immer eine große Freude bereiten. Meine Zeit ist nun um, nächstens mehr. Nehmen Sie nochmals besten Dank und treujüdischc Tumergrüße von ihrem Jakob Elias. ließ ihn nie im Stich. Vollkommen Herr seiner selbst, wurde er schon dadurch Herr der aufregendsten Ver- Sammlungen und ,der leidenschaftlichsten Debatten. Aber er mißtraute sich selbst und zog der Iinprovisation die schriftliche Vorbereitung seiner Reden vor, die er vorlas, was natürlich ihren unmittelbaren Erfolg etwas verminderte. Und sein kluges, gemüßigtes, überzeugendes Wort hatte nur selten den mächtigen Hauch, der sogar den Skeptiker mitreißt und berauscht." (Nord au, Zionistische Schriften, Seite 392.) U. ״Im Gedächtnis derer, welche das Glück hatten, Theodor Hcrzl zu kennen, lebt sein Bild als das des Lenkers der zionistischen Kongresse. Waren sie doch seine große Schöpfung, mit der er die zerstreuten Träger der Nationalidec einigte in dem einmütigen Bekenntnis zur Zukunft des Volkes auf eigenem Boden, im alten Stammeslande. Schlank und groß, mit den feinen, bartumrahmten Gcsichtsz.iigen eines alten Assyrcrkönigs und" den Träumeraugen der Propheten, die doch so scharf und klug blicken konnten. Er erhebt die ,Hand mit jenen charakteristi-sthcn, abgerundeten Bewegungen — und das Tosen des erregten Kongresses weicht atemloser Stille. Und seine klare, weittragende Stimme, die auf alle riietorischen Effekte verzichtet, weckt rauschartige Bcgeisierungsstürme. Ucber all seinem Wesen liegt schlichte Ruhe, die selbstverständliche Sicherheit und Anmut, welche sonst nur das Erbteil alter Aristokratenfamilien mit Generationen dauernder Hochkultur ist und aus dem leichteren Kampfe ums Dasein, dem! Bewußtsein völliger Unabhängigkeit und unun* gefochtencn Ansehens folgt.“ (Friedemann, Das Leben Theodor Hcrzls, Seite 10/11.) III. Besonders interessant ist, was Schabotinsky über Hcrzl in dessen vielleicht tragischestem Augenblick sagt, nämlich während seine Rede vor den ״Neinsagern“ auf dem Vi. Kongreß: ״Der Vorsitzende kannte sein Publikum und wies darauf hin, daß es unangebracht wäre, in diesem Augenblick wen es auch sei mit Applaus zu empfangen, und ich glaube, daß diese Warnung, trotzdem sic sich von Hcrzl tief verletzt fühlten, notwendig war. Denn beim Eintritt Hcrzls mahnte man einander ängstlich zur Stille, als ob man fürchtete, es möchte doch einer unter dem gewohnten Zauber seiner Persönlichkeit in Applaus ausbrechen. Hcrzl verstand den Sinn dieses ״St“, lächelte kaum, warf, kaum einen Blick auf das Publikum, drängte sich zum Tisch des Vorsitzenden durch und setzte sich neben ihn auf einen Platz, der plötzlich frei war. Ich bemühte mich, jede seiner Bewegungen zu verfolgen. Gerade hier, wo er ohne Frack, ohne Hammer, ohne Tribüne, ohne all die Aufmachung war, die ihn auf dem Kongresse vom Publikum trennte, sondern nur einfach als Delegierter einer Kischincwer Gruppe erschien, um Erklärungen abzugeben, oder vielmehr fast um sich zu verteidigen, gerade hier interessierte cs mich besonders, wie er sich halten, mit weichen Miltein er die Zuhörer in seinen Bann zwingen, ob er seinen gewohnten Ton finden, ob er nicht unsicher werden würde . . . Hcrzl sprach wie immer ruhig, ausdrucksvoll, ohne alle Gesten, sich ganz in der Gewalt haltend; aus jedem Worte sprach Selbstvertrauen, und angesichts der Opposition scheute er sich nicht, mit ihr schroff und herablassend zu reden, wie ein Vorgesetzter, fast wie ein Erwachsener zu einem Kind. Es gab Augenblicke, wo ich dachte, jetzt Würden Proteststimmen laut werden — aber alles schwieg. Beim ersten Satz schon verstand ich nach dem Ausdruck, den fast jedes Gesicht im Saale annahm, nach der besonderen Stille, die sofort eintrat, die Bedeutung der historischen Worte Lomonosows: ״Eher kann ich die Akademie ausschließen, ais die Akademie mich.“ (Gedenknummer der ״Welt“ zu Hcrzls 10. Todestag, Seite 072/73.) IV. Zuletzt noch eine Schilderung des Eindruckes der ersten Kongreßrede: ״Langsam erhebt sich und schreitet zur Tribüne ~ Hcrzl. Ich verschlinge ihn mit den Augen, aber sonderbar, was ist denn nun geschehen? Das ist nicht der Dr. Hcrzl, den ich bisher gesehen, den ich erst gestern spät abends noch gesprochen habe. Vor uns erscheint eine wunderbar eriiabene königliche Figur, mit holieitsvollen, tiefen Augen, die eine stille Trauer verraten. Es ist nicht mehr der elegante Dr. Hcrzl aus Wien, es ist ein aus dem Grabe erstandener königlicher Nachkomme Davids, der vor uns erscheint, in der Größe und Schönheit, mit der Phantasie und Legende ihn umwoben haben. Der ganze Saal ist ergriffen, als hätte 3ich ein historisches Wunder vollzogen. Und wahrlich, war cs nicht ein Wunder, das hier geschah? Fünfzehn Minuten lang hat alles gebebt vor begeisterten Zurufen, stürmischem Jubel, Händeklatschen und Tüchersciiwenken. Der große zweitausendjährige Traum unseres Volkes schien in Erfüllung zu gehen; es war, als ob der Moschinch Ben David vor uns stand, und ein starker Wunsch, ein innerer Zwang ergriff mich, durch dieses stürmische, jubelnde Meer laut zu rufen: Jechi Hamelechl Es lebe der König!“ (B e n - A m I in der Gedenknummer der ״Welt" zu Herzls 10. Todestage, Seite 692.) «

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