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Jüdische Rundschau · 1914-12-04 · Heft 49 (4.12.1914) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 49 (4.12.1914)
Date
1914-12-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 49 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 447 Jüdische Flüchtlinge in Böhmen, Mähren und Ungarn Wie unser Prager Brudcrblatt, die ״Selbstwehr“, in ihrer jüngsten Nummer beliebtet, bcfinden sich gegenwärtig etwa :)0 000 jüdische Fluchtlingct aus Galizien und der Bukowina in Böhmen. In Prag besteht unter der Leitung der Repräsentanz der israelitischen Kultusgemeinde ein grobes 1 Ulfs- Komitee, das sich aus Vertretern aller jüdischen Organisatioiicn zusammensetzt. Unser genanntes Brudcrblatt weist jedoch darauf hin, ״daß auch die Versorgung der außerhalb Prags untergcbrachtcn Juden einer Regelung bedarf, da sonst die bedauernswerte Erscheinung zutage treten würde, daß für die Juden, welche nach Prag oder in eine größere Stadt verschlagen sind, bedeutend besser gesorgt ist als für die, die der Zufall in einen kleinen Ort getrieben hat. Eine Zentralisation der gesamten Aktion, eine Leitung nach vollständig einheitlichen Gesichtspunkten tut dringend not. Auch aus einem anderen Grunde muß angestrebt werden, daß die gesamte Aktion von einer Zentralstelle aus geleitet werde. Es gibt in Böhmen eine große Anzahl von Gemeinden, welchen keine Flüchtlinge zugewiesen wurden. Andererseits beherbergen manche Gemeinden eine solche Zahl von Juden, daß sie unmöglich den gestellten Anforderungen gerecht werden können. Es wird deshalb notwendig sein, jene Gemeinden zu Beitrags- Icistungcn heranzuziehen, welche selbst unmittelbar für keine Juden zu sorgen haben, und so die Mittel der weniger oder gar nicht betroffenen Gemeinden jenen zuzuführen, welche solcher Mittel dringend bedürfen." Aus O a y a in Mähren wird gemeldet: Die Zahl der in und um Gnya untergebrachten Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina ist mmmehr auf 7000 gestiegen. Viele von ihnen langen in bejammernswertem Zustand an. Namentlich an Schuhwerk herrscht starker Mangel; dies macht sich nach Einbruch des Winters sehr empfindlich geltend. Das jüdische Bürgerkomitee unter Leitung des Bürgermeisters Leopold Klein erlahmt nicht in seiner hingebungsvollen Fürsorge. Die Fertigstellung der staatlichen Winterbaracken, an denen viele Juden mitarbeiteten, steht für die allernächsten Tage zu erwarten. * Aus P ö s t y 6 n (Ungarn) wird uns geschrieben: Fast täglich kommen nach Ungarn Scharen von jüdischen Flüchtlingen aus Galizien. Nahezu in jeder Stadt Oberungarns befindet sich eine ״galizische Kolonie“. Die ungarische Bevölkerung nimmt sicli der Flüchtlinge im allgemeinen hilfsbereit und gastfreundlich an, und cs ist selbstverständlich, daß insbesondere unsere jüdischen Brüder ihr möglichstes tun, um das Los der Unglücklichen zu mildem. Ich bin auch in de״ angenehmen Lage, Ihnen berichten zu können, daß Ich unter den hiesigen Stammesbrüdern für unsere zionistischen Bestrebungen mit Erfolg werbe. Von der Russenherrscliaft in Galizien Einer der jüdischen Flüchtlinge aus Galizien, die in Eg er in Böhmen untergebracht sind, erzählt, daß er bereits 19 Tage in Kolbuszowa bei Rzeszow unter der brutalen Herrschaft der Kosaken gelebt hat. Es war eine Schreckenszeit, versichert der Erzähler. Mord, Raub, Brand und Schändung der Frauen waren an der Tagesordnung. Ganz besonders roh verfuhren die Kosaken mit den Juden, die von ihnen überall als osterreichische Patrioten angesehen werden. Drei angesehene Juden wurden von den Russen am Marktplatze nicdergcknallt. * Ueber die Vorgänge in Lcmberg seit der Russenherrschaft teilt der Reichsratsabgeordnctc Heinrieh Reizes folgendes mit: Bis zum 7. Oktober ging es den Juden in Lemberg leidlich gut. Bloß einmal fand im Judenvicrtcl eine Schießerei statt, als sich eine große Menschenmenge ansanimeltc, um einen Lemberg überfliegenden Aeroplnn niizusehen. Die Russen befürchteten offenbar, daß es sich um eine feindliche Kundgebung handeln könnte, Bei dieser Gelegenheit wurden 14 Juden (zumeist aus der Provinz) erschossen, 50 wurden verwundet. » Aus Rymanow schreibt man: ״Bevor wir r.oeh Zeit hatten zu flüchten, waren die ersten Kosaken in die Stadt eingezogen. Sobald die Kosaken einen Juden auf der Straße sahen, fragten sie ihn nach der Zeit, um ihm dann, wenn er nach der Uhr sehen wollte, dieselbe aus der Hand zu reißen. Einmal begannen sie plötzlich wütend zu schießen, in der Annahme, österreichisches Mililär sei im Anzüge, wobei sie einige Juden trafen. Wir alle lagen in den Kellern versteckt. Nachts um 2 Uhr drangen 5 Kosaken in das Haus des Aeltcstcii des lkssiin, Rabbi Ji/diok Nnfloli, ließen sieh aber mit 20 Kronen ab* fititlen. Das gleiche geschah bei ca. 10 anderen Juden. Einer, der sich widersetzt hatte, mußte es mit dem Leben büßen. Als kurz vor Sabbatausgang die Ocstcrreichcr eimnarschiertcit, wurden sic mit endlosem Jubel begrüßt. Tags darauf wurden mehrere Russophilen aus der rulheiiischen Bevölkerung der Umgebung verhaftet. Diese Elemente sind es, die auch uns zum Verderben gereichen, da sic ebenso judenfeindlich sind, wie sie Oesterreich hassen." $ , 111 Sa no k hausten die Russen zwei Wochen lang. Alle zwei Tage mußte die Stadt 10000 Laib Brot liefern. Am Jom Kippur wurden alle lietlüiuscr geschlossen. Da _ erging a 11 diesem heiligen T a g plötzlich der’lkfehl a 11 alle J u d c n und Polen, die zerstörte Brücke über die Sau innerhalb 24 Sttmden hcrzustelleu. Außerdem wurde der Stadt eine Kontribution von 20 000 Kronen nuferlegt, von deren Zahlung die Rutheneii allein ausgeschlossen wurden. Nachdem der Betrag nur zur Hälfte cingczahlt werden konnte, wurden die angesehensten Juden der Stadt gefesselt und als Geiseln f o r t g e s c h 1 e p p t. Zum Glück rückten bald die Oesterreicher ein und die Russen ließen in ihrer Kopflosigkeit mit vielem anderen auch die Verhafteten im Stich, und so wurden diese durch das östcrreichische Militär befreit. Im Städtchen Jaroczin war für die erste Sukkoth-Nacht ein echter russischer Pogrom angesagt. Die Panik im Orte läßt sich nicht beschreiben. Allein noch vor Abend zogen die Ocstcrreichcr ein und machten den Aengsten der Bevölkerung ein Ende. In Lisko wurden alle jüdischen Häuser bis auf Boden und Keiler durchsucht und ausgeplündert. Im Städtchen U. kamen krasse Fälle von Vergewaltigungcn vor, denen mehrere Frauen und Mädchen den Selbstmord vorgezogen haben. Ein jüdischer Greis namens T., der seine Enkeltochter beschützen wollte, wurde mit dem Revolver erschossen. Auch dort mußten die Juden am Jom Kippur die Brücke ausbessern, worüber die ruthcnischen Bauern zu wachen hatten. Diese benutzten gern die Gelegenheit, ihr Mütchen an den ihnen verhaßten Juden zu kühlen. Russisches Die Angriffe der russischen Presse gegen die Juden werden von Tag zu Tag lieftiger und rücksichtsloser. Verschiedene halboffiziöse Organe kündigen schon jetzt an, daß die Regierung nach Beendigung des Krieges die Auswanderung der juden entschieden begünstigen werde. Was die russischen herrschenden Kreise in diesem Falle unter ״Begünstigung“ der Auswanderung verstehen, kann nicht zweifelhaft sein . . . Die Leitung des russischen Adelskongrcsses macht in der Presse den Vorschlag, die Juden in der Armee aus dein Frontdienst zu entfernen und sic mit dem Bau von Militärbahnen, Chausseen und Brücken oder dergleichen zu bcschäftigen. Das hätte den Vorteil, daß man dann mehr Juden eisr/.iehen könnte, auch solche, die körperlich nicht so kräftig seien. Aber vom Kämpfen müßten sie dispensiert werden, denn cs sei ihnen nicht zu trauen, und außerdem hätten sämtliche jüdischen ״Militärelemente“, Aerzte, Freiwilligen und Soldaten nicht bloß einen direkten Anteil an den revolutionären Unruhen gehabt, die in den Jahren 1905 und 1906 bei der Armee ausbrachen, sondern diese Meutereien seien sogar unter ihrer Leitung angczettelt worden, * In das Warschauer Einwohncrkomit c e, das zur Feststellung der Not des Zartums Polen und Einrichtung einer Hilfsaktion gegründet war, wurde ursprünglich Herr Bergson, ein angesehener jüdischer Einwohner Warschaus, mit hincingcwähit. Die Regierung hat bestimmt, d a ß H e r r Bergson das allgemeine staatliche Komitcc verlassen müsse. Für die Juden solle ein besonderes Komitee gebildet werden, in dem Herr Bergson neben drei anderen Juden wirken solle. In seinem bekannten Artikel hat Georg Br andes bereits auf die Leiden der polnischen Juden hinge wiesen, die sic in den von den deutsehen Truppen vorübergehend besetzten Gebieten durch die politische Bevölkerung zu erdulden haben. Regelmäßig denunzieren die Polen viele Juden bei den russischen Behörden und beschuldigen sie, daß sie die deutschen Truppen begünstigt hätten. In vielen Fällen haben diese niederträchtigen Denunziationen zu schweren Strafen und zu H i n r i c h ■ t ungen geführt. , י Wie weit die Polen in ihrer gewissenlosen Angeherei gehen, beweist folgende Tatsache, die in der russischen Presse berichtet wird: Bekanntlich haben fast sämtliche orthodoxen Oemeinden in Rußland und Polen sogenannte ״Eru w- Drähte" eingerichtet, um dadurch das ״Tragen“ am Sabbnth zu ermöglichen. Nun liefen massenhaft Anzeigen bei den russischen Militärbehörden in Polen ein, daß diese Eruw- Drähte der Ju* den nichts anderes seien als geheime Signal vorricht un ge 11, durch die den deutsehen Truppen die Stellungen der russischen Streit* Kräfte verraten werden sollen. Nicht alle Komtnan* danien kennen diese religiöse Einrichtung, und so haben sich viele Gemeinden genötigt gesehen, di« Eruw-Drähte zu entfernen, um den polnischen De* nunziationen den Boden zu entziehen. Zionisten Verfolgungen. Bezeichnend für die UuVerbesserlichkeit der russischen Gewalthaber sind unter anderem auch die politischen Pro* zesse, die selbst in dieser ernsten Zeit noch recht häufig stattfiiiclen. Audi von der Zionisten* Verfolgung will der Zarismus während der Kriegs* zeit nicht lassen. 111 J e I e t z fand in diesen Tagen ein zionistischer Massenprozeß statt. Vor Gericht standen 23 Zionisten, die beschuldigt waren, einen zionistischen Oeheimbtmd (I) gebildet und sich der allgemeinen zionistischen Organisation ange* schlossen zu haben. Sechs von ihnen konnten des ״Verbrechens“ nicht überführt weiden, dreizehn An* geklagte wurden zu drei Monaten, die übrigen vier zu zehn' Tagen Gefängnis verurteilt. Ein ähnlicher Prozeß fand in SI a w u t a , Oouv. Wolhynien statt, wobei ebenfalls gegen einen 2io* nistischen ״Staatsverbrecher“ Gefängnisstrafe ver* hängt wurde. ZIONISTISCHE BEWEGUNG Berliner Makkabäerfeier Berlin. Der Jüdische Turnverein Bar Koc 11 ba veranstaltet am Sonntag, den 13. Dezember, eine Makkabäerfeier. Das Lokal wird noch bekanntgegeben werden. Aus dem Programm seien genannt: Herr Dr. T11. Zlocisti: Festrede. Frau Etta Reimer (vom Deutschen Theater) und Herr königl. Hofschauspielcr Karl Vogt: Rezitationen. Ferncr turnerische Mustervorführungen der Männer- und Jugendabteilungen, Reigen (mit Musik) der Damen- und Mädchenriegen. — Eintrittskarten nur an der Abendkasse zu 0,75 M. (inkl. Garderobe). Der gesamte Reinertrag ist für Liebesgaben an die im Felde stehenden Turner bestimmt. Berlin. Zionistischer Jugendverein Berlin. Am Donnerstag, den 10. Dezember 1914, abends 8«/a Uhr, wird Herr Redakteur Dr. Becker im Nollendorf-Kasino, Klciststr. 41, über seine Erlebnissc und Eindrücke als Berichterstatter in Russisch-Polen sprechen. Judenfrage und Zionismus ln Böhmen Das zionistische Distrikts-Komitee für Böhmen veröffentlicht eine Erklärung, in welcher cs sich gegen einen Artikel verwahrt, der jüngst in den ״Närodni Listy“, dem Organ des bekannten jungtschcclüschen Politiken Kramär, erschienen ist und in höchst unzeitgemäßiger Weise eine Dis* kussion über die Jude 11 frage eröffnen soll. Der Artikel wird als von einem Nationaljuden herrührend bezeichnet, ist aber in einem Tone gehalten, daß der unbefangene Leser sofort erkennen muß, daß kein Jude ihn geschrieben haben kann. Der Artikel läßt ganz deutlich die Tendenz erkennen, die in der Seele der Volksmasscn schlummernden judenfeindlieheti Gefühle zu wecken und die Juden, die ja von dem Krieg am stärksten in Mitleidenschaft gezogen worden sind, wieder einmal als Sündenbock hinzustellcn. Das zionistische Distriktskomitee hat Nachforschungen nach der Urheberschaft des Auf• Satzes gepflogen und stellt in seiner Erklärung aus* drücklich fest, daß der Aufsatz von keinem Zionisten herrührt. Die Legalisierung der zionistischen Organisation in Ungarn In unserem ungarischen Brudcrblatt ״Zsldd Szenile" lesen wir: Das engere Landcskomitec der ungarischen Zio* nisten hat es im Hinblick auf die gegenwärtige Lage als notwendig erachtet, die Mitglieder des weiteren Landeskomitee ständig zu seinen Beratungen hinzuzuziehen. Das so erweiterte Komitee hält den Augen* blick für geeignet zur Forcierung unserer Statuten*

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