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Jüdische Rundschau · 1914-11-27 · Heft 48 (27.11.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 48 (27.11.1914)
Date
1914-11-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 436 Nr. 48 Der einzige wirklieh reale Wunsch nach Auflösung einer anderen Nation verdichtet sieh bei Knutsky zu einer regelrechten Ideologie, sobald er das Judcnthcnia berührt. Fragt man sich, wie das nun bei einem Manne möglich ist, der sich von Vorurteilen fernhalten um! seinen Idealen nach die lmiividualität des Nebenincnsehen keineswegs unterdrücken mochte, so scheint uns für diesen Vorgang nur eine Ursache vorzuliegcn: eine völlige Unkemitnis, wir wollen nicht sagen des Judentunis, sondern des jüdische 11 F. riebe ns, des negativen wie des positiven, der in 11cre 11 jüdischen Frage, der tiefen geistigen wie seelischen Erschütterungen, die das denkende und fühlende Judentum durchlebt, [)emgegenüber müssen wir Kautsky die Banalität ins Gedärclitnis rufen: Man mag welcher Cieschichts- Philosophie ininier huldigen, man mag auch heute noch Verfechter einer mechanischen Auffassung der Weltentwickelung sein, so muH man schließlich doch zugehen, daß es frevelhaft wäre, Erlebnisse, welche den Menschen zu hülieren Stimmungen bringen, sagen wir es kurz, echte Erlebnisse, zu unterdrücken. Flat sich nun Kautsky überlegt, welchen Anschlag auf das Seelenleben, ja auf die geistige Entwicklung einzelner und ganzer Massen seine Forderung darstellt? Versteht denn der Prediger der bewußten Assimilation nicht, daß es ein Motiv der nationalen Bewegung gibt, welches durch keine Ideologie in der Welt vernichtet werden kann, nämlich das Motiv des Willens zu naliolialcm Leben? Unzweifelhaft gibt es Millionen Juden, denen man nicht erst naclizuvveiseu braucht, daß sie zu einer Nation gehören, oder, um nicht über Begriffe zu streiten, daß sic ein Leben des jüdischen Volkstums leben wollen, gibt es unzählige jüdische Intellektuelle, die den Drang in sich fühlen, dasjenige, was sie als jüdisch in sich empfinden, durch nationales Tun in irgend eine Form, in irgend welche positive Erscheinung zu bringen. Sie wollen jüdischnational leben, zu einem Organismus gehören, der äußerlich und innerlich ein jtidisch-nationales Dasein entwickelt. Heißt es nicht, diese Elemente unterdrücken,, wenn man ihnen gegenüber Assimilationstcndcnzcn vertritt? Man ver* gesse ja nicht, daß sich aus den ideologischen Tendenzen für das gesamte Leben bestimmte Schlußfolgerungen ergeben, die sogar in das Rechtsleben — insbesondere in Zeiten großer Umwiilztingcn — entscheidend hinübergreifen. Liegt da nicht eine wirkliche Gefahr nahe, daß die scheinbar rein abstrakten Meinungsäußerungen Kautskys schließlich den nationalen Unterdrückcrn Handhabe und Motivierung ihrer gewnltsamen Assimilierungsbcstrebungen gewähren könnten? Wird diese Gefahr im gegebenen Moment nicht greifbar, in einem Moment, in dem auf dem von Juden am meisten bcwohnten Territorium die stärksten nationalen Leidenschaften aufgepeitscht sind? In einem Moment, in dem das mit Millionen Juden zusammenwohnende Poientmu aufs erbittertste die nationale Existenz, der Juden bekämpft und ihr alle wirtschaftlichen und kulturellen Möglichkeiten abschneidet? Redet da nicht Kautsky eine Sprache, die für die schlimmsten Boykottanhäiiger erwünschte Waffen schmiedet? Dürfen die Juden nicht national wollen, so sind ja die Polen im Recht ... Gerade wer die Rassentheoric überhaupt leugnet, sollte dessen eingedenk sein, daß selbst der Beweis, daß es bestimmte jüdische Merkmale nicht gibt, gegenüber dem nationalen Willensmotiv ganz wertlos ist. Selbst wenn die dialektischen Anstrengungen, mit denen Kautsky das Vorhandensein einer jüdischen Nation abtun will, richtig wären, d. h. wenn sein Nachweis begründet ist, daß die jüdische Rasse durch zahlreiche Vermischungsprozcsse durchsetzt ist — was ja übrigens auch für die anderen Nationen gilt, — und jetzt der Reinheit entbehrt, selbst dann würde Kautskys Appell ein systematischer Kampf gegen die Gleichheit sein. Es genügt zudem nicht, mit dialektischen Waffen den Juden dieses oder jenes Merkmal abzustreiten, und nach Feststellung, daß es ausschließliche Merkmale der Juden nicht gibt, damit zugleich die jüdische Volksseele als eine Fiktion } 111;.;1; 1:r>T0t:AU hiiizustclku. W ז :,..•i uieot im umde ist, in das sehr .H -t des vergangenen jüdischen t’.::! <>; die Line Welt den pegcüwäuineu jaeei.een hcfe.\n Blick z׳u tun, wer nicht die 1״::nnif׳;h1U!gen Aeulleruiigen der j1".el '..!u n!!: .1v:׳J!!aiu t in sieh aufgenommen h<>1, :.;ela d.vs Facht nicht 7.11, den Juden die׳ ':.:׳:der jene Z.iikuiii't «nationaler oder ,׳n!f!!Kdi0isr.e:r kiehiuiig air/iienipfclileii. Mil eben no'.ekeiii Rechte könnte der Angehörige irgend einer ost.T;iatiselu11׳ Ktiltur, der die Erzeugnisse der deutselien {leinte:.VC(•!. 1110’:! kennt mul die seefischen Lirlebi.ie.se des deutschen Volkes nie mitempfunden!*.nt, an de,ו Itetitedieu Kautsky den Appell richten, .das Nichtvorliandensciu eines reinen Deutschtums zu vertreten und folglich für dessen Auflösung zu plädiere». Man glaube und sage nicht, daß dieser etwas seltsame Vergleich unberechtigt und unsinnig sei. Damit allein ist es nämlich nicht getan, daß■ diese oder jene Nation auf Schritt u:ui Tritt unangefochtene Formen ihres Lebens besitzt, während die jüdiscli-natiounten Massen an positivem Bestand veraltete Formen haben und nur den festen Willen nach neuen besitzen. Zur ethischen Berechtigung des nationalen Daseins ist weit wichtiger als die Existenz der Formen der Wille zu solchen. Denn daß jüdische Intellektuelle, welche auf nationalem Boden stehen, vorläufig nicht die ihrem Seelenleben entsprechenden nationalen Formen bcsitzen, ändert an der Sache nichts, Das schafft wohl für sie selbst schwere Probleme, manchmal sogar in den Realitäten des Lebens tragische' Konflikte, das gewährt aber dem Fernstehenden, der diese Erlebnisse bestenfalls oberflächlich wahrnimmt, auch nicht die mindeste Bercchtigtmg, verständnislos den Juden, die in solche Konflikte geraten sind, den äußerlichen Rat der Selbstvcrnichtung zu erteilen, ״Denn nichts ist schwerer, als sich in die Seele eines anderen zu versetzen“, sagt Kautsky in seiner Schrift ״Rasse und Judentum“. Mit einer bloßen Konstatierung der Tatsaelie gar, daß der Selbstmord ,,von selbst“ erfolgen werde, kann sich der ernste Soziologe nicht begnügen. Jeder Selbstmord erfordert bcstimmte Akte, Schon die individuelle Lossagungvon einer Nation, die mehrere Jahrtausende gelebt hat, kann nicht mit dem oberflächlichen Hinweis begründet werden, daß diese Nation sicherlieh untergehen wird, geschweige denn die programmatische Aufforderung zu einer nationalen Selbstcntiiußerung der Massen! Die Juden bcfinden sich in einem Zustand, in dem man für ihren wahrhaften Fortbestand ebenso wie für ihren konsequenten Untergang noch erst etwas tun muß, und der Prozeß, den Kautsky voraussagt, vollzieht sich jedenfalls nicht über Nacht. Während des Zw i s c h c n stad i u m s aber, in dem die Assimilation zur Ausführung gelangen soll, muß das jüdische Volkstum, wenn es prinzipiell seinen Auflösungsprozeß widerstandslos und sogar zustimmend anerkennt, ungeheuerliehen Demütigungen und Selbsterniedrigungen ausge.sctzt sein. Was soll eigentlich mit den Millionen Juden während des U e b c r g a n g c s vom positiven zum negativen Sein werden? Hat sich Kautsky folgende Frage vorgelcgt: Es ist eine Tatsache, daß das nationale Bewußtsein der Völker während der letzten Generationen nicht geschwunden ist, daß dieses Streben jedenfalls in gewissen Formen und Ausdrucksweisen sich ausprägt, daß selbst die eifrigsten Anhänger der Kautskyschcn Ideen konkret national leben. Muß demgegenüber der einzelne Jude nicht seinerseits Stellung nehmen, muß er nicht ebenfalls bcstimmten nationalen Forderungen sich anpassen und fügen? Kann er etwa außerhalb der Welt leben? Der Assimüntionsprozcß ist nämlich nicht etwa die Leugnung des Nationalismus, sondern gerade umgekehrt, das Zu gestehen des Nationalismus, die ׳Darchführung nationaler Be- Strebungen in der gesamten individuellen Welt und in der gesamten Welt des Massenlebens. Der Gedanke eines anationalen Daseins ist so sehr aufgcgehe» worden, daß selbst Kautsky in seiner Schrift über Rasse'■ und Juden keine bcstimuliere« Vorschläge mehr hat. Auch für ihn gibt cs!:ein Schweben in der Luft ohne bestimmte Formen ,des Volkstums. Wer also als Jude sein nationales Dasein leugnet, ist ohne weiteres laut Kautsky gezwungen, sich in einem anderen nationalen Dasein aufzulösen. Dieser Auflösungsprozeß ist es aber, der Sclbstentwürdi- {»;urig, Fälschung der eigenen Gefühle, blinde Unterwerfung unter fremde Traditionen, Anpassung an nicht erlebte Formen erforderlich macht. Versetzen wir uns für einen Augenblick in die Seele und Gesinnung des historischen Materialisteii, für den die großen nationalen Um- Wälzungen ans den wirtschaftlichen Notwendigkeiten resultieren, obwohl noch keiner unter ihnen auf Grund der wirtschaftlichen Notwendigkeiten irgend welchen nationalen Uimvälzungsprozeß hat Voraussagen können, obwohl in Wirklichkeit für jeden solchen Prozeß die wirtschaftliche Begrüuduug erst nachträglich hat festgcstcllt werden können. Gleichwohl kann auch unter solehern 'üeschichtswiiikel und auf Grund solcher Geschichtsauffassung nicht geleugnet werden, daß die L C b e » s ä u ß c r u n gen des Menschen nicht allein durch materielle und mechanische Vorgänge geregelt und bestimmt werden, und daß sodann die sekundären Vorgänge in gewissen Momenten zu geschichtlicher Bedeutung sich verdichten. Daraus resultiert nun, daß die nationalen Stimmungen allmählich von ihren Motiven sich emanzipieren und unabhängige Erlebnisse sind. Welch schweren inneren Vorgang muß also jeder Jude durchmachen, der noch den Weg von einem nationalen Leben zum anderen zu gehen hat! Daß aber die Juden, wo sie wirklieh als kompakte Massen Zusammenleben, noch erst einen solchen Weg zu gehen haben, wird schließlich auch Kautsky zugeben müssen. Wie soll nun dieses Problem gelöst werden? III. Diejenigen jüdischen Gesinnungsgenossen von Kautsky, die es mit der jüdischen Masse zu tun hatten, haben im Leben bekanntlich irgend eine Antwort auf dieses starke Problem geben müssen. Nun will ich schon von den zionistisch* proletarischen Parteien absehen, da sie ja von Kautsky nach üblicher Schablone nicht als gesiunungsgcnössische anerkannt werden, und wenn sie auch noch so stark für ihren Sozialismus geblutet haben. Dagegen ist er ja voll Lobes über das Wirken des jüdischen Arbeiterbundes, dem er nachsagt, daß in, ihm die Be- Strebungen nach Einfügung des jüdischen Prolctariats in den Klassenkampf des gesamten russisehen Proletariats ihren sichtbaren Ausdruck gefuiuien hätten. Ist es nun Kautsky unbekannt, daß der Jüdische Arbeiterbund für die russisehen und polnischen Juden bestimmte nationale Programmpunktc aufstcllt und teilweise eine Art nationaler Autonomie fordert? Die Zionisten beliaupten, daß dte nationalen Forderungen des Bundes pseudonationaler Natur sind, daß sie aus dem jüdischen Volkstum ein anderes schaffen dürften, als das der jüdischen Geschichte und der jüdischen Vergangenheit entsprechende. Allein um was es sich für Kautsky handelt, die Durchführung der Auflösungstendenzen, die nationalc Selbstentänßerung und Abschaffung der nationalen Unterschiede zwischen dem jüdischen Proletariat und dem russischen, gerade dies weist ja der Jüdische Arbeiterbund in seiner Ideologie weit von sich. Ob die Juden künftig in hebräischer oder jiddischer Sprache ihre Geisteserzeugnisse schaffen werden, ist logisch genommen gegenüber der konsequenten Assimilation höchst gleichgültig. Werden wirklich die Bestrebungen des Jüdischen Arbeiterbundes gelingen, d. ii. wird die Schule der jüdischen Volksmassen jiddisch sein und eine jiddische Literatur sieh entwickeln, wird also das gesamte jüdische Leben des Ostens durch jiddische Formen geregelt sein, und dafür durch einen politischen Kampf noch die erforderliehen rechtlichen Grundlagen erlangt haben, so hat ja dann Herr Kautsky wiederum einen nationalen Organismus vor sich. Nachher allerdings wird zweifellos derselbe Herr Kautsky für diese Erscheinung ebenso eine wirtschaftliche Begründung finden, wie für die unabwendbare Assitnilatioiislehre. Es ist eigentlich recht seltsam, daß Kautsky gerade in dieser Schrift ״Rasse und Judentum“ den! Programm des Jüdischen Arbeiterbundes

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