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Jüdische Rundschau · 1914-11-27 · Heft 48 (27.11.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 48 (27.11.1914)
Date
1914-11-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ausweis Schekels Berliner Zionistische Vereinigung 650,—, Halberstadt 1,—, Halle 5,—, Jever 1,— Nordhausen 1,—, Stettin 13,— Mark. Landcsbeltriige: Halle 15,—, Dresden 20,—, Jever 1,—, Mannheim aullerord. Beitrag 100,—, Nordhausen 1,—, Stettin 15,—Mark. Propagandafonds s Dipl. Ing. Hugo I'isdil, Kassel, 5,—, ,Dr, W. Frankel, Chemnitz, 15,-- I.uise Treu (Sonderbeitrag f. November), Düsseldorf, 10,—, Dr. Landau, Danzig (Sonderbeitrag) 10,—, Halberstadt: Ernst Baer 10,—, Adolf Hcidemami 10,—, Isidor Neuberger 5,—, Hugo Marcus, Ratihor (Sonderbeitrag 8,— Mark. Eingang vom 15. Oktober bis 24. November 1914: Schekel: 670,— Mark, Landes bei• träge: 152,— Mark, Propagandafonds: 73,— Mark. Gesamteingang! Schekel: 4319,— Mark, Landdsbeitrügc: 6028,00 Mark, P r o p a - gandafonds: 0673,10 Mark. Berichtigung. In Nr. 40 waren 10,— Mark von Dr. Weigert, Berlin, unter Propagandafonds ausgewiesen, die für Hilfsfonds bestimmt waren, Die Addition ändert sich um diesen Betrag. Adresse fUr Geldsendungen: Zionistische Vereinigung für Deutschland, B e r I i n W 15, Sächsische Straße 8! Postscheckkonto: Berlin 8091, Bankkonto: A. H. Heymann & Co., Berlin W56, Hinter der Katholischen Kirche 1. Der Angriff Kautskys auf den Zionismus I. Mitten in der fürchterlichen Tragödie, welche die gesamte Welt aus den Fugen zu reißen droht, wendet sich der sozialistische Thcorc* tiker Karl Kautsky an die große Ocffeiitlichkeit, in der Hauptsache jedoch an das Judentum mit einer Schrift, welche den Titel trägt: ״R a s s e und Judentum“. Wenn man diesen langen Appell durchiicst, der dahin zielt, die Lehre von der Assimilierung der Juden an die umgebenden Völker zu propagieren, so staunt man geradezu über die tendenziöse Einseitigkeit und die Verständnislosigkcit des Verfassers gegenüber den Erlebnissen der modernen jüdischen ßewegung. Das Werkchcn befaßt sich etwa zur Hälfte mit der allgemeinen Rassentheorie und widmet den übrigen Teil seiner Ausführungen dem jüdischen Rassenproblem und schließlich der Judenfrage überhaupt. Recht seltsam sticht aber der Charakter der beiden Teile von einander ab. ,Während die allgemeinen Betrachtungen noch das gelehrte Gepräge zu wahren suchen, ist die Analyse des Judentums nur publizistisch und sogar stellenweise reine Stimmungsmache, entbehrt jedenfalls jener gründlichen Darstellung, die wir sonst bei Kautsky gewohnt sind, selbst wenn er beim orthodoxen Marxismus verharrt. Hier wird bald auch dem unerfahrensten Leser klar, daß die ganze Schrift — coutc qtii coüte — nur *den einen Zweck verfolgt, den Zionismus und mit ihm den jüdischen Nationalismus zu zertrümmern, die angebliehen logischen Inkonsequenzen des Zionismus herauszufinden und vor allen Dingen seinen utopistischen Charakter klarzustellen. Dazu die endlosen Belege, an denen׳ das Büchlein so reich ist, dazu später der heftige Kampf gegen die theoretischen Grundlagen des Zionismus! — ״**׳ י.י, .%׳/ *,י-,, JSd'icüc Till: Öls dr.cr CTaii׳- Iich«rc:I:'Kch it!£w:.crfca U^imiViüe In Pülaif T ר/' I?c:ג־!er Programm. Zur Begründung seiner auf den Untergang der jüdischen Volksindividualität hinzielendcn antidemokratischen Tendenz entwickelt Kautsky zunächst eine gcwisse’ldcologic der Assimilation für alle Nationen, leugnet er jede Rassentheorie und erblickt er in den Mischungen der Völker mir positive Resultate. Er geht so weit, daß er in der Verschmelzung der Weißen und Farbigen ein edles Ziel sieht, und stellt mit großem Eifer alle die Stellen in anthropologischen Werken zusammen, die über die Ergebnisse solcher Mischungen ein günstiges Urteil fällen. Man sollte nun denken, daß der Apostel der Rassen- Vermischung aus seinen Anschauungen für das gesamte Leben der Menschheit die Konsequenzen ziehen würde. Es genügt nämlich nicht, just den Juden und im Grunde nur diesen den billigen Rat der Assimilierung zu erteilen, während die anderen Völker ihre Eigenart weiter entwickeln sollen. Und es muß bei dieser Gelegenheit ausdrücklieh betont werden, daß der lileiorische Materinlist Kautsky sich keineswegs auf eine rein theoretische Auseinandersetzung ,dessen ־beschränkt, was kommen wird, er wird im letzten Abschnitt seiner Schrift aus einem Gelehrten ein Apostel, aus einem Analytiker ein Prediger und hört schließlich auf, nur noch zu prophezeien, sondern verkündet schon entschieden, was geschehen soll. Der Forscher wird darin plötzlieh zum leidenschaftlichen Willcnsmenschcn. Nun versteht man es erst, weshalb Kautsky seine Flugschrift jetzt veröffentlicht. Wäre er nämlieh seiner Behauptung so sicher, daß das utopistischc Ideal des Zionismus die Judenmassen niemals verlocken 'kann, daß die Assimilation die andern Tendenzen des jüdischen Lebens völlig schlägt und immer schlagen muß, so hätte sich Kautsky, wie wir glauben, auf das entlegene Gebiet der jüdischen Nntionalitätsfragc nicht be- .geben. Da mag wohl doch eine gewisse Gefahr im Verzug gewesen sein, die Kautsky trotz aller für das Fortselireitcn der Assimilation angeführten Zahlen besorg machte und ihm doch noch andere Möglichkeiten für die Zukunft vormalte. Nachdem der Beweis erbracht ist, daß die Assimilation solche Riesenschritte macht, wozu der Appell just zu dieser Zeit? Denn das ist ja gleichgültig, wann Kautsky seine Schrift verfaßt hat. Mag er auch seine Gedanken schon vor dem Kriegsausbruch formuliert haben, wie er in der Vorrede erklärt, von Wichtigkeit bleibt die Tatsache, daß Kautsky den Moment der gewaltigen nationalen Verblutungskämpfe zur Veröffcntlichung seiner radikalen Auffassung der Judenfrage benutzt. Geschieht es etwa nur, um die Juden zu trösten, daß ihr Verschwinden keineswegs einen tragischen Prozeß bedeutet, daß ״Ahasver forilcben wird, in der Erinnerung als der größte Dulder der Menschheit, der am meisten von ihr gelitten, der ihr am meisten geschenkt hätte“? II. Alles in allein will Kautsky beweisen: 1. daß es keine reinen Rassen gibt, 2. daß die Vermischung von Rassen die Kultur fördere und die Qualitäten der Menschen erhöhe, 3. daß die Juden auch in der Vergangenheit keine reine Rasse gewesen sind, 4. daß der Assirnilationsprozeß der Juden riesenhafte Dimensionen angenommen hat, 5. daß dieser Prozeß auch nicht durch die Gegcntendenzen, wie sie in der nationalcn Bewegung zutage treten, irgendwie gehemmt wird und 6. daß diese Entwickelung eine Wohltat für die Menschheit, für die Jude«־ und für die Kultur wäre. Ist nun die historische Entwicklung im allgemeinen und in der Judenfrage im besonderen mit solcher Bestimmtheit vorgeschricben, ist sie dazu . etwas so Erwünschtes und Gutes, ein solcher Gewinn für die Nationen und für die ethischen Lebensinhalte, wozu die Last der Dialektik? Allein die andere, weit wichtigere Frage werden wir während der Lektüre der Kautskysehen Schrift nicht los, und sie sollte den Verfasser der anti-zionistischen Schrift, wie uns scheint, am ehesten bedrängen, ist die Vermischung samtlieber Nationen wirklich ein solches Glück für die Menschheit, weshalb soll daraus nicht die Koonsequcnz für alle Völker gezogen werden? Wäre die aktive Arbeit zur Erreichung eines solchen allumfassenden Zieles nicht eine weit größere Aufgabe, als die Predigt der Judenassimilation? Hat überhaupt der Wille in der Geschichte eine Bedeutung, darf man mit Rücksicht darauf den Juden das Assimilationsbestreben anraten, mit welchem Eifer sollte rnan da den Verschmelzungsprozeß aller Nationen durchzuführen suchen? Greift man einmal trotz des . historischen Materialismus in das Leben und Treiben des nationalen Organismus hinein, glaubt man sich nicht mit den Tatsachen allein begnügen. zu können, sondern auch zu aktivem Widerstand gegen nationale Verlockungen auftreten zu müssen, ist also auch der Wille plötzlieh zu einem entscheidenden Faktor geworden, mit welchem ethischen Recht darf man dann die Propaganda außer Acht lassen, welche eine Vereinheitlichung der ganzen Menschheit im Auge hätte? Warum ist das für die Juden notwendig, was der anderen Menschheit nicht beigebracht zu werden braucht? Wohlgemerkt, es handelt sich bei Kautsky keineswegs um Assimilation im Individualleben, sondern er fordert die Assimilation als Tendenz für das Gesamt leben der Juden. Darum müssen wir die Frage umgekehrt präzisieren: Wünscht Herr Kautsky auch, daß die Deutschen, die Frarizosen, die Italiener und alle anderen Nationen als solche nicht mehr existieren sollen? Gehen wir fehl in unserer Annahme, daß ihm auch nur der ernste Gedanke an solche Möglichkeiten tief tragische Stimmungen abringen würde? Daß Kautsky im Untergang jeder der genannten Na-• tionen, obwohl auch sie nach seinen eigenen Auseinandersetzungen durchaus ״unrein“ sind und ein Aggregat verschiedener Rassen bilden, eine Katastrophe für die Kultur erblicken würde? Dann dürfen wir wohl folgende Thesen aufstellen: 1. Herr Kautsky tut nichts, um den großen Verschtnclzungsprozeß der Menschheit durchzuführen, er propagiert ihn nicht und stiftet keine Organisation zur Erreichung dieses Zieles. 2. Herr Kautsky w i 11 auch gar nicht, daß die Nationen,' deren nationales Leben er kennt, aus der Welt verschwinden sollen, ja am wenigsten wünscht er es von der Nation, der er selber angehört.

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