Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1914)
- Date
- 1914-11-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 430 J U E DI S C H E RUNDSCHAU Nr. 47 uml Christen gleichmäßig mit Lobcsbezciigungcii über-!läuft werden. Wie die Dinge augenblicklich stehen, ist Palästina fast von jeder Verbindung mit Europa abgeschimtcn, Schiffe geilen selten und in unregelmäßigen Zwischenräumen ab, und die Einfuhr sowohl wie die Ausfuhr ist unmöglich geworden. Wenn dieser Zustand bis zur Orangenemte anhält, so wird es keine Möglichkeit geben, die Ernte dieses Jahr nach Europa zu Iransportieren, und die Früchte werden im Lande verderben. Die jüdischen Institutionell können mit ihren europäischen Zentralen nicht regelmäßig korresponliieren, und die Neuigkeiten vom Kriegsschauplatz, welche von den Konsuln und in Extraausgaben von hebräischen und arabischen Zeitungen veröffentlicht werden, sind in vielen Fällen falsch. Die meisten Juden hier haben überdies Verwandte in Europa, die in Haft genommen sind, und jeder ist mit Besorgnis erfüllt. Als eine Folge des Mangels an Geld und an frischen Zufuhren aller Art aus Europa, mußten täglich viele hundert Arbeiter entlassen werden. Halbfcrtige Häuser bleiben stehen, geschäftliche Verbindungen sind zerrissen, viele Betriebe stellen die Arbeit ein. Die Krankenhäuser und andere Wohltätigkcitsinstitutc sind gezwungen, ihre Pforten zu schließen•• Die Bczalel-Schulc in Jerusalem und die Spitzenateliers des Kulturverbandes jüdischer Frauen gehören zu den wenigen, die noch offen sind und ein paar hundert Leute beschäftigen. Die Reisenden aus den Vereinigten Staaten und anderen Weltteilen können nicht von Palästina abreisen, da die Banken ihnen kein <ieltl auf ihre Kreditbriefe auszahlen können. ln den Städten wie Jerusalem, Safed und Tiberias, wo Tausende von Juden leben, welche bis jetzt durch die Clialukkalt unterstützt wurden, ist die Situation noch verzweifelter als anderswo; das gräßliche Gespeitst der Hungersnot mit allen Begleiterscheinungen schreckt die Leute. Unter diesen Umständen entfalten die Leiter der Institute und Gesellschaften eine energische Tätigkeit. Meinungsverschiedenheiten sind vergessen, und 'die verschiedenen Parteien der jüdischen Bevölkerung heginnen zusaniinen/iiarbeiteii und die nötigen Vorhereitimgen zu treffen. Die Anglo-Pnlesfine Co. hat größere Mengen Roggen und Weizen gekauft, wovon der größte Teil von den jüdischen Kolonien und Farmen geliefert wurde. In Jaffa hat sieh ein Komitee, bestehend aus dem Leiter des Palästina-Amtes, dem Direktor der Angln• Palestine Co. und dem Führer der Chowcwe-Ziun gebildet, um die Arbeit zu zentralisieren. Dieses Komitee, zusammen mit einer Anzahl anderer Körperschaften und unter dem Beistand der jüdischen Bank, hat die notwendigen Schritte unternommen, um verschiedene Abteilungen zu organisieren. Eine dieser Abteilungen wird die Verteilung des Getreides übernehmen. Andere Abteilungen versuchen, für Arbeitslose Beschäftigung zu finden, Brot zu billigeren Preisen einzukaufen, Suppcnküchcn zu eröffnen, die Krankenhäuser in den Stand zu setze», ihre Tätigkeit (ortzuset/cn (es würde zu grollen Unztitriiglichkciten führen, wenn sie jetzt geschlossen werden müßten), den Familien der Arbeilsloseil zu helfen, ebenso denjenigen Familien, deren Ernährer im Heere dienen, Darlehen an Leute zu geben, welche ihr Geld in Europa festgelegt haben und jetzt nicht einen Pfennig davon bekommen können. Da man nicht weiß, welche Dinge die Zukunft noch bringen mag, so tun sich junge Leute in Klubs zur Selbstverteidigung zusammen, und junge Frauen werden in der Pilege der Kranken und Verwundeten unterwiesen. Alles in allein ist die große Besorgnis wegen Palästinas nächster Zukunft gemischt mit lebhafter Neugierde betreffs seines ferneren Schicksals. Wird Palästina wiederum ein Spielball in der Hand der Großniiiehte sein, oder werden endlich günstigere Verhältuisse eiiitrcte»? Wird nicht eine starke Welle jüdiseher Flüchtlinge und Auswanderer nach Palästina fluten? Und werden auch andere Menschen, nicht nur Hilflose, in das Land unserer ruhmreichen Vergangenheit zurückkehrcn und liier eine Heimstätte nationaler Einheit schaffen? Aber vor allem: wird der Ruf nach Hilfe gehört werden, oder sollen Tausende von jüdischen Existenzen zusammcnbrcchcn?“ Die hebräische Presse während des Kriege! Die Redaktion der hebräischen Mouatssclirif ״H a s c h i 1 o a h“ (Odessa) gibt bekannt, daß sie aucl während des Krieges regelmäßig erscheint, ״llazc firah“ (Warsdiau), ״Hasman“ (Wilna) und die jiddi sdien Tageszeitungen ״Haint“ lind ״Moment" ii Warschau erscheinen in vermindertem Umfange um kleinem Format und bringen im wesentlichen mi Kriegsnachrichten. ״Haolam“ hat sein Erscheinei einstweilen eingestellt, dürfte jedoch bald wieder et scheinen. ..,1... *. ..*ר״״לד״? .,י,. ViBW'kä Ä « M to U׳ i* w ii Ö Immer neue Seh.iren von Flüchtlingen strömen aus den bedrohten Städten Ostpreußens und aus den von den Russen okkupierten Teilen Galiziens herbei. In hellen Haufen flüchten sic mit ihren Frauen und Kindern, ihre geringe Habe zurücklassenä, entblößt von allem Nötigen und ohne Subsistenzmittel für die kommenden Tage. Selbst die Wolilhabenderen müssen ihr Besitz* tum zuriicklassen und sind, sobald die geringe Barschaft verzehrt ist, — ebenso elend und hilflos. Dieser armen Opfer des Krieges gilt es sich anzunelmicn mit Liebe und Fürsorge. Schon haben sich eine Reihe von Damen gemeldet, die sich jc einer Familie im be* sonderen zu wenden und ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen. Aber noch sind der Unvcrsorgten viele! Wir können nicht eindringlich genug bitten: Helft uns für diese Aermsten sorgen! Oft fehlt es am Allernötigsten! Nackte Wände nehmen die Unglücklichen auf; es fehlt an Betten und Bettwäsche vor allem! Es fehlt an Kleidung und warmer Wäsche für die Kinder! Wir bitten dringend alle, die helfen w o 11 e n und e t w a s beisteuern können, sich mit uns in Verbindung zu sefzen, Hilfskomitee der Zionistischen Vereinigung, Berlin W. 15, Sächsische Str. 8. ״The Jewlsh Tribüne‘‘ gegen Zangwill Wir haben schon Z;111 g w i 11 s Brief besprochen in dem dieser die ״Ehre des Zaren" gegen den Vorwurf verteidigte, daß die Beschränkungen der jüdischen Rechte noch nicht aufgehoben seien. Der Zar habe das ja noch nicht versprochen , . . In demselben Brief erzählte Z a 11 g w i 11, russisehe Juden hätte» sieh als Freiwillige hei der Ito (Jewish Territorial Organisation) gemeldet, weil sie sie für eine niilitärisclie Formation der Territorialarmee hielten! Dazu schreibt nun die amerikanische Zeitung ״T 11 e Jewish T r i b u 11 e“: ״Gewiß mißgönnen wir Herrn Zangwill die Freude nicht, daß eine Anzahl von rumänischen, russischen und sogar englischen Juden so begeistert von Englands Sympathie für die Befreiung: der russisehen Juden waren, daß sie sich bemühten, in die Jewish Territorial Organisation cinz.11• treten, ״in der Annahme, daß diese eine Abteilung der englischen Armee sei“. Dies beweist nicht nur die hervorragende Klugheit dieser Juden, sondern auch die große Popularität von Herrn Zangwills Ito. Sicherlich haben die Zionisten den I toi smus stets als einen Kriegszustand gegenüber dem Zionismus betrachtet, aber niemals als eine niilitärisclie Macht. Nach unserer Mei- 111mg würde Herr Zangwill besser getan haben, wenn er seine Freude hierüber als Geheimnis behandelt hätte. Daß Herr Zangwill es beklagt, daß der Zar die jüdischen Bedrückungen nicht sogleich abschafft, ist wirklich bejammernswert. Er weiß nicht, daß die russischen Juden sielt schon lange mit der Tatsache abgefumle» haben, daß cs für einen Romanow sehr schwer ist, sic zu befreien, da alle Leiden des russischen Volkes durch die Regierung dieses Ge• sclilechfs auf die Schultern der Juden abgewälzt worden ist. Er hat anscheinend niemals gehört, daß die russischen Juden auch wissen, daß selbst wenn ein Romanow unter einem Druck von außen ihre Beschränkungen aufheben würde, dies keine Garantie dafür bietet, daß etwas später alle diese. Privilegien nicht durch den Wißen Seiner Majestät widerrufen werden; daß seihst bis zu einem solchen Widerruf solch ein Manifest das Papier nicht lohnen würde, auf welchem cs gestrichen ist, da die Schwarzen Hunderte, welche in Rußland die Vorherrschaft haben, in ihrer Judenverfolgung ungehindert fortfahren würden, Herrn Greys Sympathie mit den russischen Juden kann man hochschätzen, aber was den Russischen Juden dringend 110t tut, ist nicht die Sympathie des Herrn Grey oder eir.es anderen Herrn, sondern Englands und Frankreichs Druck auf ihren wilden Verbündeten — R;!fi[and die jüdischen Einschränkungen aufz.uheben und mit den aufreizenden Publikationen gegen sie cufztiliören, welche durch Nikolaus den Zweiten unterstüt/.t werden.“ Im Schlußfeil des Artikels des Portlander Or• gans heißt es: ״I lerr Zangwill mag bereit sein, die russischen Juden aus dem schlimmsten Elend zu befreien, aber er sollte nicht vergessen, daß das jüdische Volk in Rußland und Amerika ihn niemals zu seinem Vertretor oder Vormund erwählt hat, daß seine Angriffe gegen die jüdische Presse wegen ihrer Stellungnahme für Deutschland ebenso falsch wie abscheulich sind.“ Deutschland und die rumänische Judenfrage In einigen amerikanisch-jüdischen Zeitungen ist eine auf englische Quellen zurückgehende Notiz erschienen, die die deutsche Reiclisregierung beschuldigt, eine Aktion Englands im Interesse der Gleidibercchtiguug der rumänischen Juden verhindert zu haben, Sir Edward Grey, so wird erzählt, habe bereits zweimal versucht, Rumänien zu besserer Behandlung seiner Juden zu veranlassen, aber beide Male sei er von Deutschland daran verhindert worden, eine cntscheidende Aktion einzuleiten. Demgegenüber ist der Frankfurter ״Israelit“ in der Lage, auf Grund zuverlässiger Informationen mitzuteilen, daß der verstorbene Staatssekretär des Auswärligen von K i d e r I e 11 - W ä c h t e r, wie er einer ihm nahestehenden parlamentarischen Persönlichkeit wiederholt versicherte, bei jeder sieh bietenden Gelegenheit Rumänien an seine auf dem Berliner Kongreß übernommenen Verpflichtungen gegen die Juden erinnert hat. Jüdische Flüchtlinge in London Englische Blätter berichten, daß sich gegenwärtig etwa <>()()() jüdische Flüchtlinge aus Belgien in London aufhalten. Sie befinden sich in entsetzlicher Not. Die Meisten mußten ihr ganzes Vermögen in Belgien zurück lassen oder sind durch die kriegerischen Ereignissc gänzlich mittellos geworden. Die jüdische Bevölkerung Londons nimmt sich der Flüchtlinge in dankenswerter Weise an. Die gesamten Räume eines Londoner Hotels wurden gemietet und den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt. Der ״Jewish Chroniclc" hat eine größere Hilfsaktion cingeleitet, die bisher ein gutes Ergebnis aufweist. Leider befinden sich unter den belgisch-jüdischen Flüchtlingen neben zahlreichen russischen Staatsangehörigen auch viele österreichische und deutsche Juden, die die englische Regieriiug jetzt als Kriegsgefangene nach verschiedenen Konzentrationslagern gebracht hat. Sir Stuart Samuel, der jüdische Abgeordnete von Whitechapel, hat beim Home Sccretary gegen die Verhaftung dieser Unglücklichen Einspruch erhoben; doch verspricht mau sich von diesem Schritt keinerlei Erfolg, da in England eine wahnsinnige Spinnenfurcht herrscht und alle Deutsche und Oestcrreiclicr ohne Ausnahme gefangen gesetzt werden, Sclbstverstämllieh werden von dieser Maßnahme der englischen Regierung auch die seit vielen Jahren in England ansässigen österreichischen und deutschen Juden hctroffen, aber am schwersten müssen darunter die jüdischcii Flüchtlinge aus Belgien leiden, die gehofft hatten, nach den Schrecken des Krieges im freien England eine ruhige Zufluchtsstätte zu finden. Wie sehr übrigens die judenfeindliche Gesinnung des russischen Bundesgenossen auf die öffentliche Meinung in England abfärbt, zeigt eine Artikelserie in der ״Morning Post“, in der die russischen Juden heftig angegriffen mul der Spionage zugunsten Deutschlands und Oesterreichs beschuldigt werden. Lamprecht über Nationalismus Die interessante Rede, welche der berühmt«: Historiker Lamprecht an! letzten Dienstag in der Berliner Urania vor einem großen und nacltdenkliehen Publikum über ״Deutsche Kult ul־ und deutsche Zukunft“ hielt, berührte mehrfach die nationale Idee im allgemeinen. Diese Ausführungen waren für uns wegen der Tendenz und Stimmung, von der sie durchdrungen waren, äußerst wertvoll, Lamprecht stellte sich gewissermaßen auf den Standpunkt einer allgemeinen Revision der nationalen Be- Ziehungen und stipulierte für sein Auditorium mehrerc Forderungen ,in denen ein Programm zum Ausdruck kommt. Wenn in solch leidenschaftlichen Zeiten ein Hochschullehrer an seine Volksgenossen den Appell richtet, in Zukunft für die Gleichheit und Ebenbürtigkeit aller Nationen einziitrcten, so ist es ihm um den Nationalismus offenbar bitter ernst. Die Versammlung ,die seine kritischen Betraclitungen mit größter Spannung und oft nicht ohne Ucbcrrascliung verfolgte, war außerordentlich bewegt, als er au das Deutschtum die Forderung stellte, mehr als bisher für das Wesen und die Psyche jeder nationalen Individualität Verständnis zu gewinnen und zu beweisen, da die Natur mit bewundernswerter Oekonomie jeder Völkerschaft ihre