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Jüdische Rundschau · 1914-11-20 · Heft 47 (20.11.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 47 (20.11.1914)
Date
1914-11-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 47 R U f! DSC HAU Seite 429 Belebung, für die Erhaltung der alten jüdischen Volksideale. Und auch da erlebten wir das alt-neue Wunder. Auch diese Jahrhunderte lauge geistige Epoche mündet in eine großartige nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes aus, in eine politische und völkische Erneuerung des geistigen und sozialen In■ halts. Das Judentum des Ostens erstand zu neuem Leben und neuem Denken. Die Tatsache aber, die bis jetzt im jüdischen Leben eigentlich nicht in genügendem Maße gewürdigt, beinahe absichtlich verschwiegen wird, ist, daß Amerika die zukünftige Phase der jiidischcn Wanderung bedeutet. Es wird in der jüdischen Oeffcntlichkcit zu wenig hervorgehoben, daß in diesem iibcrozcanischcn Lande ein neues jüdisches Zentrum im Werden begriffen ist. Jahrzehntelang wollte man im jüdischen Leben nicht gern anerkennen, daß die 1 lunderttauseiide jüdischer Emigranten, durch Not und Elend getrieben, im Lande des Dollars den Boden für die Errichtung eines neuen geistigen Bollwerks werden vorberciten können. Und nicht mit Unrecht! Jahrzehntelang hörte mau nichts vom Blühen und Gedeihen der alten geistigen Güter, deren Besitz für die Massen des Ostens in ihrer I leimat eine Lebensfrage bildete. Der Kampf uni den Dollar hat alles verschlungen. Aber die Ocsetze des wandernden Volkes sind ehern. Wer wollte leugnen, daß in den letzten Jahren ein neuer Zug durch die d r e i Millionen Juden Amerikas gegangen ist? Es war der allbelebende, neuschaffciule und zu neuem Denken emporhebende zionistische Gedanke, der auch in diesem entfernten, ״vcrlorengegangciieu“ jüdischen Zentrum den ewigen Selbsterhaltungstrieb des Judeniums zur Tat und zum Machthewußisein brachte. Der jüdische Nationalismus ist in Amerika zu einem Machtfaktor des geistigen und sozialen Lebens der jüdischen Massen geworden. Auf allen Gebieten des jüdischen Lebens sehen wir einen hartnäckigen Willen, ein unglückliches und glückliches Versuchen. Es wird allgemein unerkannt, daß das amerikanische Judentum vor einem ungeahnt reichen und großen geistigen Umschwung steht. Haben wir doch erst vor kurzem ein liberals charakteristisches Moment erlebt: Das schnelle, opferfreudige Einspringen der amerikanischen Jude» für 'Palästina. Das war nicht mir eine philanthropische Aktion, cs ist ein Symptom uation a 11׳ n Willens. Wir erleben <111 das Walten der ehernen Gesetze der jüdischen Wanderung, die historische Wiederbelebung ewiger nationaler Ur• kriifte des jüdischen Seins. Das a m e r i k a n i s c 11 e J u d e 1111 111 ist auf de m Wege zur positiv schöpferischen, j ii d i s c h n a t i o 11 a 1 e 11 Erk e 11 n t n i s. Es arbeitet für die Wiederge bürte( csVolkcsin sein er historischen Heimat. Entstanden die nationalen Rcichtiinicr im Osten unter dem Joche von Unterdrückern und Zwingherren, aus Knechtschaft und Verzweiflung — so ist es das amerikanische Judentum, das durch absolute Freiheit und gesichertes Rechtsleben den Weg nach Zion sucht und findet. Das schöne Hcrzlwort gelangt wieder zu seiner nationalen Verwirklichung: ״Zionismtis und Freiheit sind identisch.“ Noch leben die kompakten Millionen des jüdischcs Volkes im Osten. Viele Tatsachen sprechen aber für die Behauptung, der größte Teil des jüdischcn Volkes werde in einigen Jahrzehnten unter dem freiheitlichen Banner der Vereinigten Staaten von Amerika seine Zelte aufschiagen. Den ersten Ansturm zur Verwirklichung dieser statistisch begründeten Behauptung wird die nahe Zukunft zeigen. Der gegenwärtige Weltkrieg muß diese Entwicklung beschleunigen. Hunderttausende stehen auf dem bedrängten und blutgetränkten Boden des Ostens und harren des Augenblicks, der ihnen die Flucht, die Auswanderung ermöglichen wird. Wir durchleben einen großen, historischen Moment: Den Werdegang der neuesten Phase der jüdischen Wanderung, die sichtbaren Anfänge einer Verschiebung und Verlegung des jüdischen Zentrums von Europa nach der neuen jüdischen Welt jenseits des Ozeans. Dafür zu rüsten, ist die gebieterische Pflicht der nationalen Judcnheit. Für die zionistische Organisation erwächst die unabweisbare, uiiaufschicbbarc Aufgabe, nunmehr dem amerikanischen Judentum das größte Interesse, in viel höherem Maße als cs bis jetzt der Fall war, zu widmen. Dort haben wir ein reiches, dankbares Arbeitsfeld vor uns. In den breitesten Schichten der amerikanischen Judenheit lebt eine tief eingewurzelte Sympathie für unseren Gedanken. Sind cs doch die Ostjuden von gestern, die seit jeher uns nahestanden. Der Zionismus hat hier seinen natürlichen Boden. Es ist bedauerlich, daß gerade in diesem Lande die Entwicklung der zionistischen Organisation viel zu wünschen übrig läßt. Hier muß die zionistische Leitung cingrcifen. Nur rnuß ihre Arbeit ein großzügiger Zionismus der Tat sein, ein Zionismus, der in das tägliche* Leben der breiten Massen, in die Synagoge, in das Haus und in die Schule eindringen soll. Nicht nur großzügige und reichhaltige Agitation, sondern vor allem eine zionistische Volkspolitik, die sich für die Wiedergeburt des nationalen Lebens im Lande und in JU; i i Palästina 11011 e Aufgaben stellt, wird die ostjüdischen Massen von Amerika erobern. Amerika hat in den letzten Jahren ein weitgehendes Verständnis für die palästinensischen Aufgaben gezeigt. 1) 0 1׳ i in u ß und kann ein s t a r - k c s Z e n t r u :11 für Palästina a 11 f g e b a u t werden. Dieses neu entstellende geistige und soziale Zentrum kann für die Zukunft Palästinas von großer Beckutting sein. Das ist eine unserer Aufgaben für die nächste Zukunft. merei ry י׳ «9 «יי׳,׳ 1! n< Ui wi V öi wi» חסיד A* j ii wi i *^1 ן*» rri״ ׳. 1—יויץ ר.-? 13^*11 :.*ii Wz Wie wir bereits mitgeteilt haben, hat das provisorischc Exekutivkomitee für zion i s t i s c h e A 11 g c 1 e g e n h eite 11 in Amerika im Verein mit dem A 111 e r i ü a 11 J c w i s 11 Co in - 111 i 11 e e für den 25. Oktober d. J. eine Konferenz der jüdisciinatioiialcii Organisationen der Vereinigten Staaten nach New Y ork einberufen,'.um eine Hilfsaktion für die notleidenden Juden in den kriegführen־ den Ländern Europas und in Palästina zu organisieren. Die Konferenz fand im Tempel Emniuid statt und war von 150 Personen, die 50 jüdische Organisationen vertraten, besucht, Die hervorragendsten Persönlichkeilen des amerikanischen Judentums, wie Jacob S. Schiff, Nathan Straus, Louis Marshall, Louis D, Brand eis, M. Sulzbcrgcr 11. a, nahmen an den Beratungen teil. Den Vorsitz führte Mr. Louis M a r's!1 a 11, Es wurde ein fünfgliedriger Ausschuß eingesetzt, der seinerseits ein weiteres Komitee von 100 Personen ernennen soll, aus dessen Mitte sich dann ein fimfuiidzwaiiziggliedriges ,Exekutivkoinilec zur Leitung der Hilfsaktion bilden soll. In den Fünferausschtifi wurden folgende Herren gcwählt: Oscar Straus, Louis D. B r a n d e i s, Richter Julian Mack, Harry Fi sehe 1 und Meyer L o 11 d o 11, Die Versammlung beschloß, folgenden Aufruf au die amerikanische Judcnheit zu erlassen: ״Das beispiellose Unglück, welches über die Welt gekommen ist, hat unsere Brüder ganz besonders betroffen. Die Hälfte der Judcnheit lebt dort, wo der Kampf am stärksten tobt. Humlerttausendc von Juden, fechten in den Reihen der streitenden Heere, Ihre geringe I Iahe ist dalungesehwumleti. Allgemeiner Mangel, Hungersnot und Krankheiten drohen ihnen, und neuer Kummer erwächst denjenigen, welche schon oft in vergangenen Tagen den Becher der Sorgen' geleert haben, Es ist daher die gebieterische Pflicht: derjenigen, die Gott vor solcher Heinisuchung bewahrt hat, die helfende Hand den leidenden Brüdern cntgegenzusfrccken, ihre Wunden zu heilen, ihren' Kummer zu lindern, ihnen die Bruderhand zu reichen, und sich sofort mit den verschiedenen Aktionen zu, beschäftigen, welche hieraus folgen. Die Vertreter der führenden nntionaljiidischen Or-, ganisatiouen und der bedeutenden jüdischen Gemeinden Amerikas haben ein Gcneralkomitcc zur Unterstützung der Juden in den verschiedenen europüischcn Ländern und in Palästina gebildet, welche im Augenblick oder später, direkt oder indirekt infolge des Krieges, der Hilfe bedürfen. Alle Juden, ohne Unterschied der Gesinnung, unabhängig davon, aus welchem Lande sie stammen, werden feierlichst ermahnt, mit der äußersten Freigebigkeit zu dem Fonds bcizusieueni, welcher gesammelt werden muß, um dieser höchsten Not entgegenzuwirken. Das’ Komitee erkennt die ökonomische Krisis an, welche jetzt schwer auf allen lastet. Diese erhöbt aber noch die Verpflichtung, Opfer zu bringen, und macht jede Gabe doppelt wertvoll. Die gesammelten Spenden werden von solchen Leuten verwaltet werden, welche, nach dem Urteil des; Komitees, am besten eine passende und gerechte VerteiUing unter den Personen und Institutionen vornehmen können, denen geholfen werden soll. Soweit sich dies als praktisch erweisen sollte, ist das Komitee1 auch bereit, Spenden von Privatpersonen an ihre auswärtigen Verwandten zu empfangen und. zu übermittcln. Hgrr Felix M. Warburg ist zum Schatzmeister des Fonds gewählt, Spenden sind an ihn per Adresse Kuhn, Laeb & Co., New York, zu senden.“ einigten Staaten unternommen, die von glän* zciidcii Erfolgen gekrönt ist. Wir haben bereits über zionistische Massenversammlungen in New York und Boston berichtet, in denen die Herren Dr. Lcvin und Brandeis sprachen und wo namhafte Beträge für den ltX)000 Dollar-Fonds gesammelt wurden. Nunmehr liegen noch Berichte aus folgenden Städten vor; In Cleve 1 and fand eine nahezu von der gesamten jüdischen Bevölkerung der Stadt besuchte Ver- Sammlung statt, in der die genannten beiden Herren unter stürmischen Begeisterungskundgebungen die Aufgaben der amerikanischen Judcnheit im gegenwärtigen kritischen Zeitpunkt darlegtcn und an das nationale Bewußtsein der jüdischen Massen appelliertcn. Unter dem erhebenden Eindruck der Vcrsatnm* hing wurden sogleich mehrere tausend!Dollar gesammelt und es bildete sicli ein aus den angesehensten Männern der Stadt zusammengesetztes Komitee, um die Sammlung fortzusetzen. In Buffalo fanden zwei Massenversammlungen statt. Die eine wurde in der Synagoge ״Beth- Z i o n“ abgeludten, Zuerst sprach Mr. Jacob d e H a a s über ״Die Tragödie des Galuth", die vielleicht noch niemals einen solchen Höhepunkt erreicht hätte wie im gegenwärtigen Weltkriege. Hierauf hielt Dr. Schmarja Lev in eine zündende Ansprache an die Versammlung, die dem illustren Redner minutenlang ziijubclte. Den Vorsitz in der Versammlung führte der Rabbi der Synagoge, der sich in seinem Schlußwort als entschiedener Zionist bekannte. Eine zweite Massenversammlung fand i!1 der Synagoge ״B r i t h' Israel" statt, in der gleichfalls Dr. Lev in sprach. In den beiden Versammlungen wurden nahezu 1000 Dollar für den 100 000 Dollar-Fonds gesammelt. Am 15. Oktober sprachen Dr. Lcvin und Mr. Brandeis in Detroit, Mich., wo 2500 Dollar gesammelt wurden und zahlreiche neue Mitglieder den zionistischen Vereinen der Stadt beitraten. ln Brook ly n fanden an einem Abend fünf Ver- Sammlungen statt, in denen die Herren Joseph Barondes, Dr. J. L. Mngncs, Abr, Ooldbcrg, Dr. L e v i n, Rev. Masliansky, Dr. Stephen S. W i s c, Dr. Max Reisen 11. a. sprachen. Am 22. Oktober sprachen die Herren Dr. Lcvin und J. de Hans in Cincinnati in der großen ״russischen Synagoge", die die Menge der Teilnehmer gar nicht fassen konnte. 1000!Dollar wurden gesammelt. Am 25. Oktober sprachen Mr. Fromcn* son und Dr. Lcvin In Stamford, Conn, Das vorläufige Ergebnis der Sammlung betrug 500 Dollar. Im Westen der Vereinigten Staaten haben die ״Knights of Zion“ eine großzügige Aktion einge* leitet, die einen ansehnlichen materiellen und moraüsehen Erfolg aufzuweisen hat. Auch der Orden ״Bnai Zion“ hat seine Organisation in den Dienst des provisorischen Exekutivkomitees gestellt und eine; größere Anzahl Versammlungen im Interesse des 100 000 Dollar Fonds veranstaltet. I * •fl fr | iu) Ü׳i •’ י »Vk 4 i 1|וי5"־ *Ws* & i Das unter der Leitung von Dr. Schmarja Lcvin und Louis D. ß r a n d e i s stehende p r o v i s o rische Exekutivkomitee für z i o 11 i s t i - ■sehe Angelegenheiten hat es, wie bereits mehrfach berichtet, unternommen, einen Fonds' von 100000 Dollar zur Stärkung der zionistischen' Organisation und zur Erhaltung unserer Palästina- Institutionen aufzuhringeii. Zu diesem Zweck haben die Mitglieder des provisorischen Exekutivkomitees eine Propagandatournee durch die Ver- Palästina und der europäische Krieg ״The American Hebrew“ bringt in seiner Ausgäbe vom 16, Oktober d. J. einen ״P alästina und der europäische Krieg“ üherschriebeiien Artikel seines Jaffaer Korrespondenten. Wir entnehmen dem Aufsatz folgende interessante Schilderungen: Auch die türkische Armee begann ihre Reserven cinzubertifcn, und die Truppentransporte gingen sofort ab. Tausende von arabischen Soldaten wurden nach Jaffa gebracht, und beim Anblick der mit schreienden und hungrigen Menschen gefüllten Straßen fühlte die städtische jüdische Bevölkerung ihre Herzen unruhig schlagen. Bei Ausbruch des Krieges hatten viele türkische Untertanen jüdischen Glaubens gehofft, sie worden wegen ihres reifen Alters nicht zum Heer cinbcrufen werden. Sie erfuhren jedoch, daß jeder türkische Untertan vom 20. bis zum 43. Jahre der Aufforderung Folge leisten mußte. Was dies für die zahlreichen Juden bedeutet, von denen viele Familienväter sind und niemals die Strapazen eines Feldzuges kennen gelernt haben, kann man sich kauin vorstcllcn! Andererseits wünschen mehrere hundert junge Juden, freiwillig in die türkische Armee aufgetiommcn zu werden. Seit Beginn des Krieges entfaltete die jüdische Bank in Palästina, die Anglo Palestine Co. Ltd., eine fieberhafte Tätigkeit , . . Da die Bank weder über einen großen Qoldvorrat verfügt, noch frische Zufuhr aus Europa erhalten kann, so ist sie natürlich nicht in der Lage, allen Anforderungen zu entsprechen, aber sie versucht, jeden Fall für sich zu behandeln und so viele wie nur irgendmöglich zu befriedigen. Wo die Existenz von Menschen oder Institutionen davon abhängt, werden entsprechende Beträge gezahlt. Die Leiter der Bank arbeiten mit soviel Energie und Klugheit, daß sie sowohl von Juden, wie auch von Arabern

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