Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1914)
- Date
- 1914-11-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 428 Nr. 47 denken. Und Ersatz muß geschaffen werden. .Wie wäre es, wenn die C 11 a 1 u k a ־ J u ge!1 d dazu gebracht werden könnte, nach den Kolonien zu gehen, um da den freigewordenen Platz der nichtjüdischen Arbeiter auszufüllen? Ich verhehle mir die Schwierigkeiten eines derartigen Unternehnicns nicht. Die nicht an die Arbeit gewohnten Elemente werden sich schwer zu einem arbeitsamen Leben entschließen und sicli noch schwerer an die Arbeit gewöhnen. Allein Not, sagt man, bricht Eisen, und da wird sie schon jetzt, wo sie am höchsten ist, üble üewohnheiten und Vorurteile zum Verschwanden bringen. Allerdings müßte die in verschiedenen Ländern cingeleitete Hilfsaktion für Palästina sich von diesen primären Rücksichten auf die Wirtschaftliehe Erziehung der Clialflfluih-Jugciid leiten lassen. Sie müßte, abgesehen von den A r - beitsunfähigen, Alten, Kranken und Kindem, zunächst die Arbeitsfähigen in den Kreis ihrer Tätigkeit ziehen, die sie zur produktiven Arbeit heranziehen muß, indem sie ihnen Arbeitsgelegenheit in ausreichendem Maße schafft. Es müßte eigens zu diesem Zwecke ein A r b e i t s n a c 11 vv ei s־l(o 111 i t e e ins Leben gerufen werden, das sich sowohl aus Vertraueiismännern der ClialuLah-Vcrwaltung, wie auch aus den Kolonie-Vorständen zusammen• setzt. Und, ein ernstes Wollen vorausgesetzt, muß dieses Vorhaben gelingen, Gelingt cs aber t a t s ä c 111 i ch, zumindest einen wesentlichen Teil des nach T a u s c 11 den zählenden arbeitsfähigen C 11 a - 1 u k a h e 1 c m e n t s der Landarbeit z u z u - führen, ־— dann werden die beiden schwierigsten Probleme des g c s a m ■ ien alten und neuen Jischuw, das Chalukahproblc m u n <J die L a 11 d ־ arbeiterfrag e, ihre bedrohliche Schärfe verloren haben. Zur Lage in Palästina (Von unserem Berichterstatter.) Jaffa, den '28, Oktober 1611. Wie ich Ihnen bereits nütgctcilt habe, hat Herr Wert heim, der Schwiegersohn des amerikanischen Botschafters in Koustautiuopel, auf dem amerikanischen Kreuzer ״N o rt 11 C a rulina“ persönlich 40000 Dollar in Hold und Silber überbracht, die das American Jew i s 11 Co m m i 11 c e für allgemeine Hilfszwecke zur Verfügung gestellt hat und die in der A n glo- Pa I est i n c Company deponiert worden sind. In der letzten Woche ist dieses amerikanische Kriegsschiff wieder nach Jaffa gekommen, und der amerikanische Konsul in Beyruth brachte aus Aegypten ca. 1/נ Mill. Francs, die für die verschiedenen z i o 11 i s t i ־ sehen Institutionen in Palästina bestimmt sind und ebenfalls in Amerika, von dem dortigen Provisorischen Exckutiv-Komitec für zionistische Angelegenheiten aufgebracht wurden. Von diesem Betrage entfallen: ca. 20000 Frcs. für die Zwecke des Jüd. Nationalfonds, 60000 Frcs. für das zionistische Schulwerk und sonstige Institute der zionistischen Organisation, 25 000 Frcs. zur Verfügung des Herrn Levin *Epstein, 20000 Frcs. für die Agudatli Netaim, 75 000 Frcs. für das Internationale Gesundheitsamt in Jerusalem, 15 000 Frcs. für sonstige Zwecke in Jerusalem, 20 000 Frcs. für die landwirtschaftliche Versuchsstation in Atlit, 10000 Frcs. für den amerikanischen Rclicffonds und 3000 Frcs. für das Arbeitsnachweisburcau in Jaffa. Dieses Geld ist zum allergrößten Teil der Anglo-Palcstine Company zugeflossen und hat ihren Goldbestand wesentlich gesteigert. Mit Hilfe des amerikanischen Geldes ist es gelungen, überall für die jüdischen Arbeiter Beschäftigung zu schaffen, so daß es in den Kolonien zurzeit fast gar keine, in den Städten verhältnismäßig nur recht wenige jüdische Arbeitslose gibt. Der zionistische Orden ״Knights of Zion“ in Chicago hat dem zionistischen Palastma-Amt die Absendung von 8000 Dollar in Gold avisiert, die durch die Standard Oil Company übermittelt werden sollen. Dieses Geld ist für allgemeine Hilfszwecke in Jcrujum : /ui! { salein und!,U14 ’!■. ri.m.n uacl wird durch zwei Lol:U U...T ür. Ruppin Im Verein mit i.;:4111 und Rokeach in Jaffa einn/.״! Ul, .׳.;ir Verteilung gelangen. Es ist iiber11 s e rf re 11 lic 11, das die Farmen des J ti d i 3 c h e u Nationalfonds durch ihre ׳■;rollen Getreidev o 1׳ r ä t e in ti c r L a;; e s i 11 וו, Bedeutendes für die: Verpflegung der jiid i s c h e 11 ii e v ö 1 k c r u 11 g i 11 P a 1 ä s t i n a z u leisten. Die ga 1 i 1 ä i sc b e 11 Farmen versorgen mit ihrem Getreide nicht nur die Städte J a f'f a , Jer u :־׳> a 1 e!11 und Haifa, sondern auch die P fl a <1 zu n g3־־ k o 1 o 11 i e 11, wie Pcthach-Tikwah, Rischon le Zion, Ein Ganim, Ber- Jacob, Eiu-Chai 1n;w״ während Bensche men täglich nach Tel-Awiw Milch liefert. Falls es gelingen wird, genügenden Absatz für die O ra 1! g e n e r« t e zu finden und den Kaufpreis rechtzeitig zu erhalten, werden sich die jüdischen pnan/suigskoloniea wohl in den nächsten Monaten aus eigenen Kräften! helfen können. Schwierig wird die Lage werden, falls die Verschickung der Orangen auf Mindernisse stoßen wird. (Dieser Fall scheint leider durch das Eingreifen der Türkei in den Krieg eingetreten zu sein, D. Red.) Im allgemeinen ist man hier optimistisch und man hofft, daß es möglich sein wird, insbesondere die zionistischen Institute und die Kolonien über die Krisis hinwegzubringen, wenn das Interesse, das die amerikanisciieii Juden in der letzten Zeit für Palästina bekundet haben, weiter anhultcn wird. Awfmf Wir haben die Absicht, allen unseren Gesininuigsgenossen, die im Felde stellen oder sonstwie militärisch einheriifeu sind, zum bevorstellenden C11 a 11 u k a 11 f e 81 e eine Liebesgabe zu senden. Daher ersuchen wir alle deutschen Ortsgruppen und .sonsligeu zionistischen Verbände, uns unverzüglich (das Ctumukahfest heginnt bereits am 13. Dezember) die genauen Fckladrcsscn ihrer Mitglieder anzugeben. G e Ids p e n den für obigen Zweck sin d 11 n s s e 1 b st v e rst ä n'd 1 i c 11 gern willkomm c 11, Um den Spendern die Möglichkeit zu bieten, außer dem allgemeinen Dank, der sicher nicht ausbleiben wird, auch besondere nur an sie gerichtete Dankschreiben zu erhalten, wollen wir jedem Einsender das Recht gewähren, für je 3 M, Geldbetrag eine Karte zu Händen des vorläufig noch unbekannten Empfängers an uns abzuliefern, Alle Korrespondenzen und Geldsendungen bitten wir an Herrn Max Wolisteiner, Charlottcnburg, Roschcrstraßc 5, zu richten. Zionistische Vereinigung für Deutschland Die neueste Plinse der jüdischen Wanderung Von Dr. S. Bernstein. Wir veröffentlichen hier einen Aufsalz, der nicht nur interessante Ausblicke in die jüdische Wanderbcwcgung der Zu- ,kauft eröffnet, sondern auch eine Aufgäbe der zionistischen Leitung bespricht, deren vorläufige Lösung jetzt schon Herrn Dr, Schmarja L c v i n 111 Amerika bcschiiftigt. Die Redaktion. Das jüdische Volk durchlebt jetzt eine große, schwere Zeit. Das mörderische Voikemngen spielt sich sozusagen auf jüdischem Territorium ab. Hunderte von jüdischen Gemeinden in Stadt und Land, im armen Galizien, im wohlhabenden Russisch-Polen und im schwerfälligen Litauen sind schon zugrunde gegangen, Nicht mir, daß das Beste, was unsere am schwersten getroffenen Brüder besitzen, ihnen täglich geraubt wird: ihre Jugend, ihre heranwachsende (ian׳r.1U0n, ihre Zukunft — wir sehen die Vernichtung das gesamten sozialen und geistigen Lehens diese!! oecktitemlen Teiles des OstjiidciiUiins vor uns. Iluntlerttatisemie von jüdischen Familien, seit Jahrhunderten in ihren Wohuländcrn augesicdelt und eingewurzelt, haben den Boden unter ihren Füßen verloren. ׳Der belgische Bauer oder Handwerker wird, sobald der Friede es erlaubt, wieder zu seiner heimatliehen Scholle zurückkcliren. Der unwissende arme Pole oder Litauer, der mir seinen Boden kennt, wird nach Eintritt normaler Verhältnisse seinen Flecken Erde wiedcrfiiiden. Großzügige staatliche Aktionen werden dafür sorgen, daß das Leben in die verwüstete Stätte wieder einziehe. Der jüdische ,,Luftmcnseh“ in Galizien und Polen dagegen wird nicht so leicht seinen Platz wiedcrfiiiden. Ohne Ziel und ohne die Basis einer neuen Existenz wird er dastehen, weil er nichts Festes besessen hat. Handel und Industrie sind für viele Jahre lahmgclcgt, so daß selbst für die findigste Energie des jüdischen Händlers kein Tätigkeitsgebiet vorhanden sein wird. Der einzige Rcttungsanker dieser tragischen Existenzen ist die Aus- Wanderung und wird cs bleiben. Auch der polnisclie Stadt- und Dorfjude, der sich am schwersten zur Emigration entschließt, wird sich an diesen Gedanken klammern. Hatte er schon in Fricdcnszciten einen verzweifelten Kampf für seine Existenz gegen eine unmenschliche Boykotthetze führen müssen, wie soll er jetzt die Kraft haben, diesen Kampf aufzunehmen, zerschmettert und ruiniert, arm und hungrig, seinen Feinden und Bedrückern völlig ausgeliefert? Es unterliegt keinem Zweifel, daß eine seit vielen Jahrhunderten in solcher Größe unerhörte jüdische V o 1 k s w a 11 d e r u 11 g hcvorstcht. War die jüdische Auswanderung in den Pogromzciteii der 80er Jahre eine enorme Bewegung und schwoll die jüdische Emigration nach den russischen Revolutioiisjahren von 1005 zu einer MasscmmsWanderung an, so darf mit Sicherheit behauptet werden, daß sich die Emigration der nächsten Zukunft, an die jetzt schon Hunderttausende von Familien denken, zu einer neuen Phase der jüdischen Wanderung gestalten wird, deren Umfang man sich jetzt kaum annähernd vorstellen kann. Solche fundamentale, alle Grundlagen des nationalen Seins und Denkens neu umschaffendc Wänderungen treten nicht zum erstenmal im jüdischen Volksleben auf. Zu wiederholten Malen hat das Judentum der Diaspora sein Z c n t r u 111 iu neue ״Lander der Zerstreuung“ verlegt: die periodische Wanderung im ruhenden Pol des jüdischen Gcscliiditslebens. Gleich nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer kam jene historisch-tragische jüdische Wanderung. Die Juden hielten es unter dein Joche der Römer nicht aus und gingen nach Babylon ins Exil, wo sie mehr Freiheit und größere Leheiismöglielikelten zu haben wähnten. Das Volk verwandelte Babylon nicht mir in sein soziales, sondern auch iu sein geistiges Zentrum. Ist doch Babel die Wiege des Talmuds, dieses ewige» Ur1|Uells, dem die Erhaltung unseres Volkstums bis auf den heutigen Tag zu danken ist. Dort schuf das Volk die l.chrliäiiser von I* um h c d i t fl und Sura. Dieses Zentrum gab uns die Amorlier und Gaoncii vom Schlage des Rabbi Hai Gaon und des Saadia Gaon. Dieses neue Zentrum war cs, das sieh die große Aufgabe stellte, das Volk, den ״Rest der Gola“, für seine Vergangenheit und seine Zukunft im Lande Israels zu erhalten. Und זיי neue, vvcltcrschütternde politische Ereignisse den Orient aus seinen Angeln hoben, erfolgte wiederum eine neue historische Wanderung des Judentums. Blutige Jahrzehnte auf den Gefilden Babylons verlegten die geistigen jüdischen Zentren aus Asien nach Europa. Der Selbsterhaltungstrieb des jüdischen Volkes brachte das Beste und Stärkste jüdischer Kraft und jüdischen Schaffens nach Spanien. Eine goldene Epoche brachte uns diese neue Wanderung. Sie schenkte uns Maimonides und I b n - E s r a, sie gab uns die Dichter und Denker. Und auch diese Epoche hinterließ uns einen leuchtenden Merkstein unserer Diaspora-Geschichte, das Größte und Höchste, was uns von jener goldenen spanischen Epoche bis auf den heutigen Tag in die jüdischen Bcthauser, die Synagogen, die Schulen und Gymuasien hincinlcuchtct: die Lieder eines Ibn Gab i r o 1, die Ziouideii eines J e h u d a H a I c v i, die unvergängliche Liebe zu Zion und Jerusalem. Nach einigen Jahrhunderten, die auch in Westeuropa jüdisches Lehen entfaltet haben, bietet uns die jüdische Gegenwart wiederum ein neues Bild. Die jüdische Wanderung hat ihre neue Phase erlebt. Die spanische Inquisition hat den Anfang gemacht, das große, reiche jüdische Zentrum von Spanien und der Provence ist verschwunden, die Schcchina ist ausgewandert, von Westeuropa nach dein dunklen Osten, nach Polen und Litauen. Es lag kein eigentlicher Tausch vor, keine wirkliche Rettung. An die Stelle der spanischen Großinquisitoren traten die fanatischen Könige Polens und die wilden , Kosakenhorden der Ukraina als Schutzherren des Judentums. Aber das Volk rettete das geistige Zentrum. Galizien, Polen und Litauen gaben uns Jahrhunderte von Licht und Thora, die größten Talmudisten und die geistigen Führer der wandernden Massen. Dieses neue Zentrum im Osten gab uns in der Folge die reiche Epoche der Haskala, die Blütezeit der hebräischen Literatur und Dichtkunst. Es bildete das Kräftereservoir für reiche und großzügige Strömungen innerhalb des jüdischen Volksiebens, für die Liebe zur hebräischen Sprache und ihre