Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1914)
- Date
- 1914-11-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nummer 47 ר/ ץ/י־/ י j'v'i ף U ü v.,} ד 1 <׳׳/ 1»\f ח 3 n־cr ח נ״׳/ 1~c GOß j' /f\ T\T ׳י ן׳ ■י״/ * ן { '׳ w v ו\1 w W«t.« -״i w* ן/ 1י ירי׳ fi י**1 i j i n7n\ i\ial XIX. Jahrgang. Jerusalems ״dritte Zerstörung“ Von Leo• Ro s c n b er g. Für die palästinensische Judenhcit, ganz besonders für denjenigen Teil, aus dem sich der alte Jisclmw zusammensetzt, ist jetzt eine sehr schwere Zeit angebrochen. Von dem curopäisehen Krieg sind gerade die Juden jener Länder am schwersten heimgesucht worden, aus denen bisher der weitaus größte Teil der Chnluka- Spende floß, Die russische und galizische Judenhcit, deren wirtschaftliche Existenz von den Kriegsercignisseii vor allem und am schwersten getroffen ist, scheidet wohl für die nächste Zukunft aus der Reihe der wesentlich in Betracht kommenden Spender uns und Tausende und Abertausende von denen, die ganz oder teilweise auf die russischen und galizisclien Kolelim angewiesen sind, sind dem Hunger preisgegeben. Mit dem Eingreifen der Türkei in den Weltkrieg ist vollends ein Zustand geschaffen, in dem Palästina von allen grollen jüdischen Zentren Europas völlig isoliert ist. Dazu kommen noch die von der türkischen Regierung ungeordnete und diesmal mit größter Strenge durchgeführte allgemeine Mobilmachung der Männer von 20 bis 45 Jahren und ein rücksichtsloses Requisitionssystem, das weder vor dem Laden des Händlers noch vor der Scheune des Bauers Halt macht. Dies alles hat dazu beigetragen, den alten Cha 1 uka-J ischuw dem völligen Zusammenbruch nahezubringen. Auch die Bevölkerungselcmente des neuen Jischuw, vor allem der Kolonien, sind von den schweren Folgen der katastrophalen Ereignisse nicht verschont geblieben. Zwar sind die besonders in den letzten Jahren hervorgetretenen Ottomanisicrungsbestrcbungcn noch nicht so weit gediesen, daß unsere Kolonien und das sich ihnen angliedernde städtische Element von der Mobilmachung in empfindlicher Weise betroffen werden könnten. Auch die massenhaften Requisitionen ohne ausreichende Sicherheit für die Betrof Jenen, die namentlich auf der Landbevölkerung schwer lasten — ein großer Teil des Getreide- Vorrats in unseren Kolonien wie auch in den arabischen Dörfern wurde durcli die Militärbehörde in Beschlag genommen —, wird unseren wichtigsten Pflanzungskolonien erspart bleiben, bzw. nur geringe Verluste zufugen können. Allein infolge des durch den eingetretenen Kriegszustand zwischen der Türkei und England völlig ins . Stocken geratenen überseeischen Verkehrs ist der wichtigste Erwerbszweig unserer Pflanzungskolonicn und unserer kolonialen Landwirtschaft überhaupt, der Orangenexport, der bisr her vorzüglich nach englischen Häfen ging, sehr gefährdet, wenn ■nicht völlig lahingcicgt. Aber trotz alldem ist die Zuversicht nicht unbegründet, daß unser vielgeprüftes und kriscngewölmtes Kolonisationselement seine unverwüstliche Lebenskraft und zähe Widerstandsfähigkeit aufs neue zeigen wird. Auf dem lebenspendenden Boden der Väter stehend, wird es nicht verzweifeln. Mag auch der Sturm die blühenden Zweige knicken und die schönsten Früchte in den Staub stürzen, — die Wurzeln ruhen wohlverwahrt im nährenden Erdreich und ein neues Blühen wird aus ihnen kommen. Wie unsere Kolonisation vor über einem Jahrzehnt die 10■׳ ininTi 1 —..— .. . . iaa. ‘■mmmmmmmmm ״U'7 Zlort'tz'z••, erdrefci für des JütTachc V0M: c’te?׳rV.sffun;‘ einer 5ffcni« lIcI1«reMlifl.Jd;1 geslclierlcn Hetasflilte in PelL'siino." Baseler Programm. schwere Wein Überproduktions-Krisis Überstunden hat, wird sie auch der gegenwärtigen Not standhalten, Um so mehr, als wohlbegrün־ dete Aussicht vorhanden ist, daß der zweitwichtigste Produktionszweig unserer paliistinensiselten Kolonisation, die R e b e n k u 11 u r, infolge der dureli die Verwüstung des wichtigsten französisehen Weingebictes auf Jahre hinaus lahmgelegten Weinproduktion Frankreichs in den nächsten Jahren einen ungeahnten Aufschwung erfahren wird, Ganz anders steht es mit dem alten Chaluka-J ischuwr. ln seiner völligen Wurzellosigkeit und in Ermangelung einer realen wirtschaftlichcn Basis ist er von vornherein ganz auf die europäische Wohltätigkeit gestellt. Mit dem Augenblick, wo diese Wohltätigkeit versagt oder unwirksam wird, ist es um seine Existcnzmöglichkcit geschehen. Es ist deshalb wohl begreiflieh, daß das Elend, das sich jetzt besonders in Jerusalem, dem Zentrum der Chalukabcvölkerung, breit macht, alles Dagewesene in den Schatten stellt. Und man kann es wohl dem Korrespondenten der New Yorker ״The Jewish Gazette“ nachfüiilen, wenn er von der ״dritten Zerstörung Jerusalems“ spricht. Diesmal übertreibt er nicht. Die nach Zehntausenden zählenden Kolel-Lcutc — insgesamt dürften sic wohl zwei Drittel der jüdischcii Gesamtbevölkerung Jerusalems, also über 40000 Seelen, ausmachen — gehen einer Verelendung entgegen, der auch diese Virtuosen des Elends nicht gewachsen sein werden. Allein das rein menschliche Gefühl des Mitleids mit diesen Elendsten der Elenden, unter denen so viele hilflose Greise und Kinder sind, soll uns nicht davon abhalten, die Dinge von einem höheren, über die Sorge um die Augenblicksnot erhabenen Gesichtspunkt zu betrachten. Denn was uns Zionisten von den anderen unterscheidet, ist ja gerade das, daß wir den Goldschatz des jüdischen Gefühls nicht in philanthropische Bettelpfennige umgemiinzt haben; daß sich unser jüdisches Solidaritätsgefühl nicht in der Sorge um die Augenblicksnöte einzelner Individuen oder Gruppen erschöpft, sondern das Schicksal unserer Volksgesamt heit in Gegenwart und Zukunft umfaßt. Gewiß, uns ist als Menschen und Juden nichts Menschliches und Jüdisches fremd. Auch wir wollen und werden nach Kräften der darbenden Bevölkerung Jerusalems und der anderen Chaiukazentren Hilfe bieten. Aber wir werden es mit dem vollen und unerschütterliehen Bewußtsein tun, daß der Zusammenbruch des Chaluka-Systems dadurch ,nicht aufgehalten werden wird, nicht aufgehaltcn werden kann, und — nicht au f ge 11 aiten werden soll. Denn über den vielen Judennöten, übersehen wir nicht die einzige und große Juden not. Denn größer und furchtbarer als das Elend der Juden ist das Judendend. Die Sorge um das Schicksal des Einzelnen tritt zurück, wenn ein großes .Volk mit einem tragischen Geschick ringt. Und wir haben uns zu der heiligen und unerschütterlichen Ueberzeugung durchgcningen, daß den Juden als Einzelnen zwar so oder so vielleicht zu helfen ist, daß aber ihnen als Volk nie und nirgends auf dieser weiten Erde eine sichere Zufluchtsstätte werden wird, wenn nicht auf dem alten Boden ihrer Vergangenheit. Und wenn wir uns auch nicht dem Elend des Einzelnen verschließen können und wollen, so schlägt doch unser ganzes Herz denjenigen entgegen, die mit Pflug und Griffel an der Arbeit sind, die glückliche Zukunft ihres Volkes im Lind seiner Väter zu schmieden. Und gerade dem neuen P a I ä s t i n a gegenüber dürften uns in nächster Zeit Pflichten und Aufgaben erwachsen, die auch nur in bescheidenem Maße zu erfüllen uns nur durch Aufbietung der ganzen materiellen und moralischen Kraft möglieh sein wird. Es hat sich in den letzten Jahren immer mehr herausgestellt, daß unsere gesamte nationale Siedlungspolitik in Palästina an einem Mißstand zu scheitern droht, dessen Beseitigung anscheinend auch den eifrigsten Bemühungen nicht gelingen wollte. Ich meine damit die Schwierigkeit oder gar Unmöglichkeit, einen lebens- und leistungsfähigen jüdischen Landarbeiterstand in unseren Kolonien zu schaffen. Ich habe dies an anderer Stelle ausführlich erörtert*), auf die ich hier nur Hinweisen kann. Diese Unmöglichkeit ist vor allem und wesentlich auf den Umstand einer unbesiegbaren und vernichtenden Konkurrenz seitens der eingeborenen, kulturell inferioren arabischen Bevölkerung zurückzuführen. Einem elementaren wirtschaftlichen Grundgesetz gehorchend, mußten unsere palästinensischen Gutsbesitzer und Landwirte den arabischen Lohnarbeiter dem jüdischen vorziehen. So wurden die bereits in unseren Kolonien lebenden jüdischen Landarbeiterelemente durch die arabischen verdrängt und depossediert, während alle auf die Schaffung eines leistungsfähigen jüdischen Lindarbeiterstandes gerichteten Bestrebungen sich als ungeheuer schwierig erweisen mußten. Jetzt ist es mit einem Schlage anders geworden. Durch die allgemeine Mobilmachung im türkischen Reiche wird wohl der weitaus größte Teil der bisher in unseren Kolonien arbeitenden arabischen Landarbeiter bis auf weiteres der Landarbeit entzogen werden. Tausende und aber tausende arabische Hände, die bisher in unserer kolonialen Pflanr.ungs- und Ackerbauwirtschaft unentbehrlich waren, werden in diesem und vielleicht auch im nächsten Jahre ausblciben. Unsere Kolonicn — ganz besonders die auf die Feldwirtschaft beruhenden, in denen ja die Arbeit keine Einschränkung, sondern vielmehr eine Steigerung erfahren dürfte — werden daher wohl oder übel auf jüdische, noch nicht ottomanische Arbeiter angewiesen sein. Und wirklich, wie aus den letzten hierher gelangten Ausgaben unserer palästinensischcn Arbeiterzeitungen hervorgeht, machte sich bereits im Beginn der Mobilmachung eine gesteigerte Nachfrage nach jüdischen Arbeitern bemerkbar. Doch woher sollen nun diese jüdischen Arbeiter genonimcn werden? — Die geringe Zahl der bercits im Linde Vorhandenen wird für tausende ausgebliebene Araber kaum einen Ersatz zu .schaffen vermögen. Auch an eine Einwanderung ist selbstverständlich augenblicklich nicht zu ״) Vgl. meinen Artikel ״Die Landarbeiterfrage Palästinas“ in der ״Welt“ vom 6. Februar d. J.