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Jüdische Rundschau · 1914-11-13 · Heft 46 (13.11.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 46 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 420 Nr. 46 J'.j.; 1׳ י»’; ־ dcrl sie nicht“,׳ Die Lüge war bewußt, Ls ({all aber, ein Beispiel zur Nachfolge auf/usielieii. l)a der Mangel an Gold und Silber sich (׳,eilend zu machen anfing, beschuldigten die polnisehtn /eitimgcn die Juden, die edlen Metalle zu verstecken. Eine eingehende Untersuchung ergab aber, daß viele nichtjiidisehc Geschäftsleute (z. B. der sehr reiche Pole Ignnsclicwski in Lublin) Sacke voll tioki- und Silbcrmiinzcn stehen hatten, weshalb sie ziem- '!ich luirt bestraft wurden, dagegen wurde dies nicht von einem einzigen Juden fcstgcstellf. Dies alles waren Vorbereitungen zu den Pogromen. Es wurden aber außerdem viele andere getroffen. Die Antisemiten ließen eine auf Jiddisch abgefaßte Proklamation drucken, worin die Juden zu Aufruhr gegen Rußland aufgefordert wurden. Sie sorgten dafür, sie auf den Straßen der verschiedeneit Städte in die Taschen der nichtsahnenden Jtuleu stecken zu lassen; dieselben Personen, die die Papiere verteilt, zeigten dann nachher die Betreffenden bei der Polizei an. Ein jeder, bei dem die Proklamation gefunden wurde, wurde erschossen. Endlich wurden die Juden, ganz wie im Mittelaller, sowohl mündlich als schriftlich der Vergiftung der Brunnen bezichtigt. Starben Kosaken oder andere russische Soldaten, so bcschuldigten die Polen die Juden, durch Vergiftung von Brunnen deren Tod verursacht zu haben. Die Hnuptbeschuldigung war jedoch die der Spionage, die allgemeinen Glauben fand, und sie wurde in Anwendung gebracht sowohl wenn österreichische Truppen in eine Stadt oder in ein l>orf kamen, als wenn russische Truppen die österrciohischei! versprengten. Das Resultat war dasselbe. Eine passende Anzahl Juden wurde immer gewissenhaft niedcrgeknallt. Die Pogrome haben sich kraft dieser Judas- Beschuldigungen und kraft der vielen anderen entsetzlielicn Beschuldigungen über große Teile Russisch-Polens gebreitet und greifen daselbst immer mehr um sich, während sowolil Galizien als Posen für die Hetzen, an denen man es nicht hat ermangeln lassen, unempfänglich gewesen sind. Viele. Hunderte unschuldiger Menschen sind dem als Opfer gefallen. Hier seien einige Beispiele unter vielen erwähnt: In der Stadt Bcehava, die von den Oesterreichern erobert wurde, haben sich die polnischen Führer, unter diesen ein sehr bekannter Gutsbesitzer, an den österreichischen Kommandanten gewandt und die Juden der heimlichen Verbindung mit dem russischen Heer beschuldigt. Die Oesterreicher töteten infolgedessen einen 67jährigen Mann namens Wallstein und seinen 17jährigen Sohn. Da kurz darauf die Oesterreicher vertrieben wurden, beschuldigte derselbe Gutsbesitzer — dem russisehen Kommandanten gegenüber -־ die Juden in der Stadt der Verbindung mit den Oesterreichern und behauptete, sic hätten ihnen alle Lebensmittel eingeliändigt, um sic den Russen zu entziehen. Infolgedessen wurden viele Juden erschossen uudi ihre Häuser abgebrannt, ln den Städten J a 11 0 w und K r a s 11 i k wurden die Juden bezichtigt, Milien zum Verderben der Russen gelegt zu naben. Die Juden, unter ihnen viele Kinder, wurden dann an den Telegraphen- Stangen aufgehängt und die beiden Städte zerstört. Die Stadt S a m o s c 11 wurde von österreichisehen Sokoltruppcn erobert, diesen schönen, schl.inken Männern, die niemand, der sie an ihren Uelmngen in der Hauptstadt Galiziens gesellen, vergessen wird. Als sie von dem russischen Heer vertrieben wurden, bezichtigten die Polen die daselbst ansässigen Juden, mit den Oestcrreichcrn unter einer Decke gesteckt zu haben, Zwölf Juden wurden verhaftet und, als sie leugneten, zu Tode verurteilt. Fünf von ihnen wurden aufgehängt; mitten in der Vollstreckung erschien ein russischer Pope mit einem Madonnenbild in der Hand und schwor mit der Hand auf dem Bild darauf, daß die Juden unschuldig seien, und daß das Ganze eine Erfindung des polnischen Judenhasses sei. Er bewies, daß die Polen daselbst die Ocstcrreicher selbst unterstützt, und daß es sogar eine Telcphonverbindtmg mit Lemberg gehe. Die sieben Juden wurden dann freigehissen — die fünf waren bereits aufgehängt. In der Stadt jusefow wurden die Juden beschuldigt, die Brunnen vergiftet zu haben, wo* durch Hunderte von Kosaken ums Lehen gebracht worden seien, 78 Juden wurden getötet, viele Frauen genotziiehtigt, Häuser und Buden geplündert. Aelmlichc Vorgänge sind zu Hunderten vorgefallen und kommen noch täglich vor. In den Gouvernements Warschau, Radom, Petrikau, Kieke sind somit größere oder kleinere Pogrome mit Mord, Notzucht und Plünderung vorgekommen. Nur einzelne russische Gouverneure, wie Korff in Warschau, Kclenovski in Lublin, sowie die Gouverneure in Wilna, Petrikau und Orodno, haben, obwohl zu spät, gegen die Pogrome das Wort ergriffen; aber weder die Regierung noch die Polen nehmen die Warnungen ernst. Augenzeugen haben mir berichtet von jüdischen Soldaten, die in den verschiedenen Lazarcthcn wahnsmmg darniedcrliegen, nicht infolge der!!״vermeidliehen Schrecknisse des Krieges, sondern infolge ucr Pogrome, deren sie in den Städten, durch uic sie marschierten, Zeuge wurden. Sie verwechseln ihre eigenen niiehste״ Verwandten mit uenen, zu deren Ermordung oder Notzüchtigung und darauf l, ’ .׳. ■׳•Lai! r• sie .,•enge!,-׳v.׳׳.: >u! sind, glaub.■a di;.!־. '.v c.׳.i:v ucr «u.ar die Gclicbie in G.־:;ü״!:,!I<>11 vor A!״׳e11 zu I1ab;,11, 111 ihren Pi׳•;!;; ״ ieu sGum sie immer dar.:,ehre,“ Die Talaacl.am die;i.a:;:׳.P:a .־::iftilirL sprechen eine solch uu״m:he hprazhe, GA tnrm es sticht einmal vciv.leiii,.womit u׳ es nuiig hat, ״!!;;drücklieh zu betonen, dal ud;n: peiv.ör.hche Ab* stamm»!!״ minc I jur.11 Denkweise nicht bccinür.lit haUa. Was er s;1f;l, ist ja nicht ein aus Redensarten z.usat.imengesetz.tcr Appell, sondern eine {ürchirrliche Zuf.mntcrtstcilmig von Tatsachen. Kiitzo;. wird cs ihm allerdings nicht, wenn er zur üekrhUipan׳׳׳; seiner Worte sich darauf beruft, dal) er in seinem ganzen öffentlichen Leben der Gegenstand tmttnlciDrochcncr Angriffe in national-jüdischen Zeitschriften und Blättern als ein Mann gevsesea sei, der Stainnicsgeineinsei 1aft und vermeintliche Glaubensgemeinschaft ableugne. Bisher haben es die Polen nicht verstanden, auch nur die geringsten Zugeständnisse an die Existenzberechtigung der jüdischen Eigennrt zu machen und werden es schon als ein Attentat auf das Polonium betrachten, da!) Brandes überhaupt gegen die polnischen Pogromtendenzen aufgetreten ist. Es ist aber für die Beurteilung der Gcr.amtsituation in der ganzen Kulturweit von grobem Wert, daß Brandes alle Taten der Palen jetzt an den Pranger stellt und an die Polen die Frage richtet: ״Soll ich mich schämen, diese Worte über sie (die Worte über die Freiheit Polens) geschrieben zu haben, jetzt wo die Zukunft Polens bestimmt wird?“ Vielleicht wird man aber währenddes großen Völkerringens den Polen die Lehre beibringen, daß ihre eigene Existenzberechtigung davon abltiingig ist, ob sie die neben ihnen existierende jüdische Nation mit ihrer gesamten Sonderart anerkennen werden. Denn sonst zerfällt ihre eigene Ideologie in nichts. a. I. Unsere Sank in Palästina (Von unserem Berichterstatter.) Jaffa, 14. Oktober 1011. Die Nachrichten über die gespannte Situation in Europa trafen liier mit großer Verspätung ein. Noch am Sonnabend, den 1. August, hatte niemand liier eine Ahnung davon, wie desorganisiert schon damals das ganze Wirtschaftsleben und das Finanzwesen in Europa war, und erst aus den Telegraminen verschiedener ägyptischer Banken, die die A, P. C., die zionistische Bank, an jenem Tage erhielt, in denen 'man iniüeiitc, daß GoldbcsIeUungen unserer Bank nicht ausgeführt weiden könnten, verstand man, wie sehr sieh die Lage zugespitzt hatte. Politische Telegramme cihieit man erst am Sonntag, den 2., und Montag, den 3. August. Und an diesem Mont a g war es hier noch nicht einmal klar, daß cs schon zu einem allgemeinen europäischen Krieg gekommen war. Schon am Freitag und Sonnabend hatten im besser informierten Konstantinopcl Runs auf einige Banken stattgefunden und am Sonntag erließ die Regierung ein Moratoriumsgesetz, welches am Montag, den 3. August, in Kraft trat. Dieses Gesetz wurde hier aber erst Dienstag morgen vor Eröffnung der Schalter bekannt und den ganzen Montag zahlte unsere Bank, immer noch in der Hoffnung, die Situation am Ende doch beherrschen zu können, ganz große Beträge in Gold. In J a f f a allein beliefen sich ihre Zahlungen an diesen! Tage auf 150 000 bis 200000 Frcs. Bei keiner ihrer Filialen hatte die Rückforderung der Depots auch mir annähernd die Form eines Runs. Ain selben Mont a g fand aber ein regelrechter Run auf eine andere Bank statt, deren Kredit durch die Ercignissc der letzten Jahre und durch viele Gerüchte, die aus dem Auslände herübergekommen waren, schon stark untergraben war. ln Jeru&alem und Bcyru t!1 war diese Bank am Mo 111 a g gezwungen, ihre Schalter zu schließen und in Jaffa hätte sic das jedenfalls am Dienstag tun müssen. Die dadurch verursachte Panik hätte vermutlich am Dienstag auch einen Run auf unsere Bank herbeigeführt, namentlich in Jerusalem, wo sie es mit einen! überaus nervösen, nicht geschäftskundigen Publikum zu tun hat. Das am Dienstag früh bekanntgawordeno Moratoriumsgesetz gab ihr aber die Gelegenheit, ihre Zahlungen einzuschränken. Juristisch hatte sie auf Grund des Gesetzes, wie es im Monate August galt, das Recht, überhaupt keinen Centime auczuzahlcn. Aber faktisch konnte sie an die Geltendmachung dieses Rechtes natürlich nicht denken. -Sie setzte sofort gewisse Quoten fest, die sie jedenfalls anszahlte, und zwar wurden dieselben so bemessen, daß alle Deponenten reichlich genügend bekamen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Kreditoperationen schnitt die Bank natürlich in den allerersten Tagen gänzlich ab. Schon bald, und sogar am ersten Tage, stellte cs sich aber heraus, «lall sie gezwungen sein würde, auch größere Auszahlungen weiter zu leisten. Denn jiidi׳;,eite Unternehmer, welche arabische Arbeiter abzulohnen hatten, reklamierten bei ihr ihre Guthaben, und wenn sie dieselben nicht ausgezahlt hätte, hätte das schlimme Folgen gehabt. Schon wenige Tage, nachdem die Bank in dieser Weise zu arbeiten angefangen hatte, sah man, daß sie auf keinen Fall mit dem ihr verbliebenen Golde die Bedürfnisse des Verkehrs würde befriedigen können. Da nun alle Verbindungen mit Aegypten und Europa angeschnitten waren und die Bank nicht einmal atd einen telegraphischen Verkehr mit der zionistischen Bank- Zentrale, geschweige denn auf Ooklscmlungcn ihrerseits rechnen konnte, verstand die Bank, dal) sic einen Ersatz schaffen müsse. Sic gab deshalb ihren Kunden, die Guthaben bei ihr unterhalten, die Gelegenheit, Schecks an eigene Ordre auf sie zu ziehen, welche in blanco giriert und von den Ausstellern in Umlauf gesetzt wurden. Diese Schecks werden von der Bank mit dem Vermerk ״reg i s t r i c r t“ und der Bank-Unterschrift versehen, z.um Beweis, daß der Aussteller zur Ausstellung berechtigt war. Dieser Vermerk ist aber nicht als eine Akzcptation auzuschcn. Die Bank ließ solche Schecks in festen Beträgen von 5, 10, 20 und 100 Frcs. drucken und nur solche gedruckte Formulare in den Verkehr bringen. Schon am 1־ r e i t a g , den 7. August, wurden für einige tausend Francs solche Schecks in den Verkehr gebracht. Die Bank hatte die Genugtuung, mit diesen Schecks eine ungeheure Erleichterung des Zahlungs- Verkehrs herbeizuführen, und in den abgelaufenen Monaten ist dem Institut aus ihrem Kundenkreis hundertmal spontan versichert worden, daß man gar nicht gewußt hätte, was aus ganz Palästina geworden wäre, wenn das zionistische Bankinstitut nicht rechtzeitig seine Schecks eingeführt hätte. Ein Zirkular der Jaffaer Gesellschaft der Kaufleute bezeichnet die Schecks als den ״rettenden Engel“ des Jischuw. •Wie zu erwarten war, zeigte sich schon nach wenigen Tagen, daß auch die aktiven Operationen nicht vollständig abgcschnittcn werden könnten. Vor allen Dingen war die A. P. C. verpflichtet, den judiiischen Kolonien, die gerade in der letzten Woche der Weinernte waren, zu Hilfe zu kommen. Diese Kolonien beschäftigen bekanntlich während der Weinernte viele tausende Fellachen und Beduinen, welche ihren Lohn fast gänzlich erst am Ende der Ernte bekommen. Es war selbstverständlich unmöglich, diese tausende Arbeiter ohne Lohn zu lassen. So mußte unsere Bank denn nicht nur sehr große Vorschüsse gewähren, sondern einen bedeutenden Teil dieses Vorschusses auch in Gold auszahlcn. Gleiche Erwägungen veranlalltcn sie auch, die oraiigenbauendeit Kolonien mit bedeutenden Vorschüssen zu unterstützen. Es ist wahr, daß sie, abgesehen von allen kolonisatorischen Interessen auch ein bankmäßiges Interesse daran hatte, das Besitztum ihrer Debitoren nicht verloren gehen zu lassen. Sämtliche Institutionen im Lande sind seit Anfang der Krise ohne Einnahmen geblieben. Es ist klar, was dies für ein Land wie Palästina bedeutet. Viele Institutionen hätten schließet! müssen, wenn die zionistische Bank ihnen nicht mit Darlehen zu Hilfe gekommen wäre. Selbstverständlich hat sie sich dabei Beschränkungen aufcrlegt und ist nur dort eingeschritten, wo eine Einstellung der Tätigkeit als ein allgemeines Unglück zu betrachten wäre und wo ihr für ihre Darlehen die nötige Sicherheit gegeben werden konnte. Weder der I C A, noch der Alliance, noch dem Hilfs verein ist cs bis heute gelungen, auch nur einen Centime ins Land zu bringen. Die Schule in Mikwe Israel hat monatelang nur durch Darlehen unserer Bank existieren können. Die Ri schon er Kellereien hätten geschlossen werden müssen, wenn sie ihnen nicht sehr große Summen ausgczahlt hätte. Dasselbe gilt für eine ganze Reihe sonstiger Schulen und I!1stitutionen. Sogar das amerikanische Hilfskomitee hat bei der A. P. C. schon «in Darlehen von 50 000 Frcs. in Anspruch genommen. Während wir im ersten Monat vom Auslande fast vollständig abgeschnitten waren und auf keine Goldzufuhr rechnen konnten, so daß wir uns darauf gefaßt machen mußten, allmählich liier ausgehungert zu werden, ist cs der Bank nun in der ersten Hälfte des Monats September gelungen, mit Hilfe ihrer Zentrale eine Verstärkung ihrer Kassen herbeizuführen; diese Goldsendungen haben sich seitdem noch zweimal wiederholt und, wenn nicht schwere politische Ver- Wickelungen auch liier eintreten, so erhofft die Bank, auch in Zukunft auf eine wenn auch beschränkte Alimentierung. Allmählich gelingt es auch, trotz der

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