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Jüdische Rundschau · 1914-11-13 · Heft 46 (13.11.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 46 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erklärt er doeli von sich, daß er für kein anderes Volk eine solche Be* geistenmg wie für die Polen empfunden habe. Er habe dieses Gefühl, au den Tag gelegt zu einer Zeit, in der sie nicht an der Tagesordnung gestanden und in der nur ganz wenige Personen dieses sein Gefühl geteilt hätten. Sa habe er vor einem Meiisehenalter geschrieben: ״Man liebt Polen nicht wie man Deutschland oder Frankreich oder England liebt, sondern wie mau die Freiheit lieht. Denn was heißt das, Polen zu lieben, anders als die Freiheit zu liehen, eine tiefe Sympathie für das Unglück zu empfinden und den Mut sowie die streitbare Begeisterung zu bewundern! Polen ist das Sinnbild alles dessen, was die Besten der Menschheit geliebt und wofür sie gekämpft.“ Vielleicht läßt sieh durch diese Stimmungen die Tatsache teilweise entschuldigen, daß Braudes selbst durch die furchtbare antisemitische Agitation, die Jahre hindurch alle früheren Judenhetzen überboten und außerordentliche Gefahren für die polnischen Juden Iteraufbcsehworen hatte, bis zu diesem Augenblick nicht veranlaßt werden konnte, seine für die Polen so maßgebende Stimme gegen diese Scheußlichkeiten zu erheben. Erst jetzt ist es auch. ihm endlich unmöglich geworden, in seiner Reserve zu verharren, nachdem offenbar die neuesten Untaten der Polen gegen die Juden zu seiner direkten Kenntnis gelangt sind. Es entspricht ganz und gar den gesamten Erlebnissen von Brandes, •wenn er durch •die Gegenüberstellung der Beziehungen der Polen zu den Juden von einst und jetzt äußerst konsterniert ist und nicht einmal die historische Entwickelung der realen Verhältnisse versteht, die sich jedoch auch in der Zukunft nicht durch Vertuschungen und nationale Selbstentäußerungen aus der Welt schaffen läßt. Es genügt nicht, sentimental festzustcllen, was die Polen lind Juden einander noch vor einigen, Jahrzehnten gewesen und was sie jetzt einander sind, Wer diese Beziehungen regeln will, muß von vornherein mit dem nationalen Daseins* willen der Juden ebenso wie mit demjenigen der Polen rechnen, da er sonst seine Politik auf falschen Voraussetzungen aufbaut. Zu einer solchen Auffassung vermag sieh Brandes auch heute nicht emporzuschwingen, weswegen durch seine Ausführungen ein unverkennbarer assimi* latorischcr Hauch weht und in 'allein, was er sagt, völlige Verständnislosigkeit für die, nationale Eigenart der polnischen Juden zutage tritt. Auch ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk eile Schaffung einer «S ff entlieh«redi.lieh gesicherten Hctmstütlc in Palästina." Baseler Programm. heute noch spricht er von den Juden nur als einer Konfession mul wenn er die nationale Ge* stimmig der Juden liervorhebt, versteht er da* runter die polnische. Allein was er über Be* Ziehungen der Juden zum Polentum und über ihre Kämpfe für das Polentum anführt, ist unbeabsichtigt recht kennzeichnend für die Wandelbarkeit des Judcnschieksals, sobald ihnen nicht nationale Rechte eingeräumt und gesichert sind. So führt er ohne Kommentar die beiden Tat- Sachen an, daß im Jahre 17dl unter Ko sei* uszko bereits ein Regiment jüdischer Freiwilliger gekämpft hätte, dessen Oberst im Jahre I8üd gefallen sei, mul daß dann im Jahre 1830 die ״beschränkte polnische Nationalregieruug“ das Gesuch der Juden tun Eintritt in das Heer abgolelmt habe. Gleichwohl herrschte unter den Juden Polens auch in den sechziger Jahren eine starke polnische Stimmung, Man muß sich mir des gesamten streng traditionellen Lebens der polnischen Juden aus jener Zeit erinnern, um folgendes zu würdigen, was Brandes imführt: ״Ah da im F'ebninr IS׳, |<׳m zwei grollen Plätzen in Warschau von den Russen auf die knienden Volksmasseii geschussen wurde, die das Vaterlands, lied (Z ilymetn pozarow) sangen, t'ühltcn die Juden das Bedürfnis, durch eine unzweideutige Kundgebuiig ihre nationale Gesinnung an den Tag zu legen, Sie folgten in großen Mengen ihrem Rahbiner in die katholischen Kirchen, ebenso wie die Christen in großen Mengen in die Synagogen zogen, um dasselbe Lied daselbst anzustiminen, Dieser letzte Zug׳, die Prozession der beiden Glaubensbekenntnisse in einer des andern Kirchen unter Absiugung desselben ergreifenden Liedes,!nachte auf einen grollen nordischen [Dichte!•, Hcn* rik Ibsen, einen so Siefen Eindruck, daß er in Unterredungen immer wieder hiervon sprach als von dem Größten und Schönsten, das er je erfahren.“ Um so erschreckender ist der Umschwung, der in der Stimmung der Polen gegen die Juden im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte eingctreten sei, Auch Brandes sicht sicli schließlich gezwungen, die zu solcher Blüte gelangte polnisch-antisemitische Hetzarbeit nicht etwa, wie es manche oberflächliche Geister getan haben, nur als Ausfluß der letzten Dumawahlen zu stempcin. Nachdem er die ganzen Vorgänge des Warschauer Wahlkampfes geschildert und den Nachweis geliefert hat, mit welchem Takt die Juden in Warschau vorgegangen waren, so daß sie, ungeachtet ihrer Majorität iri der Wahlkurie, selber nur einen. Polen als Abgeordneten batten wählen wollen; nachdem er die Zwangslage dargestellt hat, in der sich die bürgerlichen Juden entgegen ihrer Klasscnauffassting zur Wahl des Sozialdemokraten Jagello entschlossen hatten, weil die anderen polnischen Vertreter um keinen Preis das Gleichbereciitigiingsprograimn unterschreiben wollten, schildert er die darauf folgeuden Ereignisse folgendermaßen ״Die lebenden Männer Russisch-Polens, die tatsächlich durch das ganze neue Jahrhuuiieit die Juden bekämpft hatten, obschon im Geheimen, um die Sympathien der europäischen Geistesaristokratie nicht zu verscherzen, benutzen jetzt diesen tien Juden , aufgezwungenen Wahlsieg, .um die Maske fallen zu lassen mul offen als. deren leidenschaftliche Feinde auf/ufreten. Die In den letztet! zwölf Ja!!- ren angewachsene sogenannte kooperative Bevvegung, die im Grunde nichts anderes gewesen war, als eine anders benannte Bekämpfung des jüdischen Handels, wurde jetzt in eine systematisch und grausain durchgctuhrte Boykottierung der jiidischcn Bevölkerung verwandelt. Im privaten wie im öffentlichen Lehen wurde die offen aiisgcrufciie Losung: Nicht bei Juden kaufen! Nicht bei Juden verkehren! An die Spitze dieser Bewegung stellte sich die Intelligenz Polens, darunter einige der angesehensten Schriftsteller, ausgesprochene Freidenker, wie N e in ujtwski, ja wie Alexander Swicntocliowski. Das literarische!.eben hat viele Umschläge aufzuweiseii, Verwandlungen, die an Gründlichkeit vor der Ovids nicht zurückstchcn. Es gehört viel dazu, um Einem, der seit etwa fünfzig Jahren /.enge der Charakterlosigkeit der Schriftsteiler gewesen, nur eine leise Verwunderung einzuflößen. Das hätte ich aber für unmöglich gehalten, dal! ich je erleben würde, Alexander Swicntochowski, den rücksichtslosesten Bckämpfer des Nationalismus, der in seiner Jugend für seine Ucberzetiguiig nicht wenig gelitten, als Nationalist zu sehen, daß ich je den Verfasser C 11 a w a R u b i n s als Antiseinitcnli.iuptling sehen würde. Nicht mir das, was Alexander Swicntochowski geschrieben, erhebt sich gegen ihn, sondern auch die Worte, die starken Worte, die er in seinen guten Tagen gesprochen. Die ganze polnische Presse stellte sich in den Dienst der Bewegung. Junge polnische Strolche ließ man sich vor jüdische Geschäfte aufstellcn und die Frauen und Kinder christlichen Glaubens mißhandeln, die in diesen kaufen wollten. Mit Hilfe des bekannten I) 111 0 w s k i wurde eine neue Zeitung ״Div a Gros z i“ gegründet, die schlechterdings zu Pogromen unfforderte. Es ist sofort zu blutigen Treflen gekommen. Polnische Studenten löteten in der Sliska-Straße in Warschau einen alten uden, In der kleinen Stadt Wehm gossen die Jauern in der Nacht Naphtha über das Elans eines luden und steckten es in Brand, wodurch eine grolle Familie ums Leben kam. Aehnlich ist es an verschiedenen anderen Stellen geschehen, bis die russische Regierung, um den polnischen Nationalismus nicht zu stärken, dieser Pogroinbewcgung Einhalt gebot. Die polnischen Priester in tien!Dörfern hetzten von der Kanzel aus zu Boykott und Krieg gegen die luden. ־ Nach der Verkündung des Urteils im IScilis-Prozell in Kiew waren die polnischen Bläüer fast die einzigen, die durch Laufzcttel die Kunde verbreiteten, daß Beilis wohl freigesprochen, die Existenz des Ritnalmordcs als solchen aber hinlänglich bewiesen war (!) Ja der Freigeist Nemoewski schrieb ein Buch, worin er die ungeheure .iige behauptete, der jüdische Ritualmord sei eine Tatsache, und bereiste das ganze Land mit einem agitatorischen Vortrag desselben Inhalts. Unter diesen Umständen wandten sich die Juden in Russisch-Polen an einzelne Männer, deren Namen ' so angesehen waren oder deren Charakter dermaßen über jeden Zweifel erhaben war, daß man ihre Worte nicht überhören konnte. Ladislns Mi c k i e w i c z , der ausgezeichnete Sohn des großen Mickiewicz, der sein ganzes Leben in Paris verbracht, erst als 1 icrausgebcr und liebersetzer der Werke seines Vaters, später als polnischer patriotischer Schriftsteller, berief mit anderen hervorragenden Männern zusammen eine große Versa mm'- lung in Warschau ein, um den inneren Frieden wiederlierzustellen. Vergebens bat und beschwor er, zuletzt unter Tränen, seine Landsleute, die doch schon Feinde genug haben, nicht obendrein als Feinde der Juden auftreten, die immer ihre Freunde gewesen. Kein einziges polnisches Blatt stattete von dieser seiner Rede Bericht ab.“ Nach dieser anschaulichen Schilderung aller der Vorgänge, die sich vor dem Krieg in Russisch-Polen abgespielt haben, dessen vorläufiges Resultat der ökonomische Ruin der russisch-polnischen Juden gewesen sei, erzählt Brandes folgendes: ״Jetzt während des Krieges ist der blutige Judenhaß aufs neue mit weit kräftigeren Flammen aufgelodert, und die russische Regierung hat bisher nichts getan, um dem Brand Einhalt zu tun oder ihn auszulösclu'ii. Während der Mobilmachung verbreiteten mch- . rerc polnische Blätter, u. a, G 10 s L u b e I s k i, mit : großen fetten Lettern die beunruhigende Kunde: ״In England große Pogrome gegen die Juden, Die englische Regierung hin-

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