Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1914)
- Date
- 1914-11-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hr. 46 J 1J E D1S C11 £ k ü H D S CH AU Seite 421 verschiedenen Moratoriumsgesetze, einen kleinen Teil jer Outhaben bei ausländischen Korrespondenten ein- ZUZitjl'c״• * Nach dem Schrecken der ersten Tage, in denen jede# Vertrauen geschwunden schien, hat das Puhlikum, Sogar der größte Teil des weniger gebildeten, die Weltlage einigermaßen erfaßt und das früher unbekannte Wort Moratorium führt jetzt jeder im Munde. Man hat auch gesehen, daß das Moratorium nicht nur heißt, daß die Banken nicht zahlen, sondern daß auch die Debitoren der Bank nicht zu zahlen brauchen. Da die zionistische Bank nun auerkanntcrmaßcii bedeutend mehr geleistet hat und jicufe noch leistet, als die Gesetze von ihr* fordern, ist das Vertrauen zu ihr nicht nur nach wenigen Tagt« schon zuriickgekchrt, sondern in den meisten Krei#d> sogar noch bedeutend gestärkt. Und noch eine erfreuliche Erscheinung hat die traurige Zeit .wenigstens gebracht. Das Verhältnis zwischen dem jüdischen Publikum und der Bank ist so gut, wie vs in ihren besten Zeiten niemals gewesen ist. Von allen Seiten findet das offensichtliche Bestreben der Bank, das äußerste für die jüdische Bevölkerung Palästinas zu tun, ungeteilte Anerkennung und das so kritisch gestimmte Publikum Palästinas jlat heute für die Bank fast nur Lob. Es ist eben jetzt der Bevölkerung zum Bewußtsein gekommen, daß sie ohne die Bank gar nicht existieren könnte. Mail macht sich nicht die Illusion, daß in besserer Zeit, die hoffentlich doch einmal wieder kommen wird, diestfr idyllische Zustand an halten wird, aber immerhin wird man doch auch in Zukunft hoffentlich besser als früher verstehen, was die Bank für die Kolonisation bedeutet. Was nun die Zukunft betrifft, so ist es müßig, darüber viel zu schreiben. Vorläufig ist das Moratoritim für drei Monate verlängert worden, und cs muß versucht werden, durchzuhaltcn. Trotz der schlechten Zeit beschränkt sich die Bank nicht ganz auf die Sorgen des Tages, sondern versucht, auch auf vergefundenen Gebieten neues zu schaffen; insbesondere unterstützt sie Herrn Dr. Kupp in bei seinen Versuchen, gerade jetzt den Grund zu einer größeren Ausdehnung des Kolonfsationswerkcs zu legen. PALAESTINA-RUNDSCmü (Von unserem Berichterstatter.) Jaffaer Chronik Jaffa, 20. Oktober '1014. Infolge der Aufhebung der Kapitulationen und der Schließung aller ausländischen Postanstalteii in Palästina hat eine tiefgreifende Wandlung im gesamten in- Und ausländischen Postvcrkehr Platz gegriffen. In den größeren jüdischen Kolonien, sowie in Tel- A w i w■ und in verschiedenen jüdischen Stadtvierteln Jerusalems sind ottoinanische Postanstalten eingerichtet worden. Die Jerusalemer ottomanischc Post- Verwaltung hat zahlreiche jüdische Beamte angcstcilt. * Jm Hinblick auf den Kriegszustand hat die Jaffaer Polizei das Betreten der Straßen ohne Laterne nach 7 Ubr abends verboten. Von 11 Uhr abends ab dürfen die Bewohner der Stadt ihre Wohnungen überhaupt nicht verlassen. Patrouillen streifen allabendlich durch die Straßen und achten auf die strenge Einhaltung dieser Bestimmungen. Vor kurzem wurde in Te I - A w i w ein neues Kincmatographentheatcr, das den Namen ״Eden“ trägt, eröffnet. Der Verein der Liebhaber der hebräischen Bühne (Chowewc Habama Heibrith> hat dieser Tage in den Räumen dieses Lichtspielhauses zwei Vorstellungen veranstaltet, die sich trotz der wirtschaftlichen Krise eines guten Besuches erfreuten * Mitte Oktober fand hier eine Sitzung des Allgemeinen Komitees zur Linderung der wirtschaftlichen Notlage statt, in der über die Tätigkeit der verschiedenen unter der Leitung des Komitees stehenden oder von ihm subventionierten Anstalten Bericht erstattet wurde. U. a. hat das A r - b e i t e r - u n d H a n d, w e r k c r k 0 m i t e c in! Laufe ' von zwei Monaten (vom 26. Ab bis zum 23. Tischri) 1410 Laib Brot, 3882 Rationen Tee, 463 Abendmahlzeitch, 4069 Mittagsmahlzeiteii und 47 Rottel Mehl unentgeltlich verteilt. Durchschnittlich wurden während dieses Zeitraumes zweimal täglich 74 Personen im Saale des Arbeiterklubs gespeist. Die Leitung der hebräischen Mädchenschule verteilte vom 7. Elul bis zum 7. Tischri im Teeraume ihres Turnsaales annähernd 10 000 Rationen Tee und Brot. Die Kommission zur Bereitung billigen Brots ließ Vom 27. Ab bis zum 5. Tischri mehr als 30006 Laib Brot backen, durchschnittlich 750 Laib täglich. Die X o in nt i s;5 i o u zur Beschaff u n g von Getreide 11;1 d M e h 1 erwarb bis zum 21. Tischri etwa 1150 Säcke Mehl und 334 Kantar Weizen. Der grüßte Teil davon ist schon zu billigen Preisen abgesci/.t, beziehuugswcLe vermahlen worden. Das Hilfskomitee der A & c h k e n a s i m unterstützte ca. 510 Personen, da!; Hilfskomitee der Se!ו h a r d i in etwa 050 Personen, letzteres verteilte bis zum 19. Tisckri 1588 Rottel Mehl. Das Hilfskomitee der Jemeniten erhielt von dem allgemeinen Komitee zur Linderung der vvirtschaftliehen Notlage bis zum 25. Tischri 17 Säcke Mehl und 452 Laib Brot, die an 300 Personen zur Verteilung gelangten. Der dem genannten allgemeinen Komitee unterstehende Leih verein gewährte bis Mitte Oktober kleine Darlehen im Gesamtbeträge von ca. 8500 Eres. * Ende Oktober ist der Unterricht in sämtlichen hebräischen Schulen Jaffas und Jerusalems wieder aufgeuomnten wordeit. Jerusalem, 111 Anwesenheit des Herrn Werth c i m , Schwiegersohns des amerikanischen Botschafters Morgen t h au, fand eine Konferenz des mit der Verteilung der amerikanischen Hilfsgelder beauftragten Komitees statt, um die Art der Verteilung fcst/usetzeu. Es wurden folgende Bestimmungen getroffen: 47 3״ des vom American Jewish Committee gesandten Betrages soll dem Distrikt Jeriisalcm-Hebron-Moza, 2b 0׳n den Bewohnern Jaffas und der jtidäischeii Kolonien, endlich 27 0/0 dem Distrikt Haifa-Safcd-Tibcrias nebst galiliiischcn Kolonien zu• gute kommen. Die Verteilung erfolgt in jedem Distrikt unter Aufsicht eines Komitcemitgliedcs. Die auf die einzelnen Distrikte entfallenden Beträge werden bei den entsprechenden Filialen der A. P. C. als geschlossclies Depot hinterlegt. Die Lokalkomitees, die von dem allgemeinen Komitee eingesetzt werden, nehmen die Verteilung im Sinne des American Jewish Committee nach folgenden Grundsätzen vor: 20 ״',״ des Geldes sollen zum Ankauf von Lebensmitteln verwandt werden, die dann zum Selbstkostenpreise abztigeben sind; 40 0/0 (in den Kolonien 20 °/0) sollen zur Verteilung von Lebensmitteln und Speisen an gänzlich Mittellose durch Volksküchen, Altenheime, Waiscnanstaltcn usvv. dienen; 40 (l/0 (in den Kolonien 60 0/0) sollen als Darlehnsfonds für private Arbeitgeber oder gemeinnützige Körperschaften zum Zwecke der Beschäft i g u n g jüdischer Arbeiter Verwendung finden, Pethach-Tikwah. Am 14. Oktober fand hier die Generalversammlung der Gesellschaft ״P a r d e s“ (Vcrtricbsgcseüschaft der Orangcricbcsitzcr) statt, an der Mitglieder aus Pethach-Tikwah wie aus Ncss-Zionah, Jaffa und Jerusalem teilnahmen. Aus dem Rechenschaftsbericht geht hervor, daß die Gesellschaft im Berichtsjahre 223 000 Kisten Orangen abgesetzt hat, 45 000 Kisten mehr als im Vorjahrc. Der Verkaufspreis der Kiste war durchschrittlieh um 75 Centimes höher als im Vorjahre. Die besten Preise wurden in Australien erzielt, in zweiter Linie steht Rußland, wohin durch Vermittlung der Gesellschaft 25 000 Kisten ausgeführt wurden, etwa 10 000 Kisten mehr als im Vorjahre. Auch hier waren die Preise diesmal etwas höher als im Vorjahre, Der H a u p t m a rk t war, wie immer, Liverpool, wohin ca. 80 000 Kisten zum Durchschnittspreise von 6</z Fres. (im Vorjahre 5'/2 Frcs.) ausgeführt wurden. Nach K o n s t ה n t i n o p e I wurden 34 000 (im Vorjahrc 31 000) Kisten, nach Ru m änic 11 20000 (12000) nach Alexandrien 25 000 Kisten abgesetzt. Eine geringere Anzahl Kisten wurde nach Triest und nach Warschau verfrachtet. Neue Absatzgebiete sind auch im Inlande ־— Damaskus, Jerusalem — erschlossen worden. Der durchschnittliche Verkaufspreis betrug 9,50 Frcs. pro Kiste. Im Laufe des Jahres sind aus Pethach-Tikwah und C h c d e - rah eine Anzahl neuer Mitglieder der Gesellschaft beigetreten, darunter Gan-Schcmuel und die Orangengärten der A g u d a t h N e t a i m. Der Etat der Gesellschaft beläuft , sich zurzeit auf mehr als 400000 Frcs. Es wuriic beschlossen, die Kistenh 0 1 z f a b r i k schon in nächster Zeit ins Leben zu rufen. Zu diesem Zwecke soll eine besondere Aktiengescllschaft mit einem Grundkapital von 150 000 Frcs, gegründet werden. Von den 300 Anteilen zu 500 Frcs. sollen 200 den Mitgliedern des ״Pardcs“ Vorbehalten bleiben. Im Hinblick auf die gegenwärtige schwere Wirtschaftskrise tvurde beschlossen, in Gemeinschaft mit den anderen Verlriebsgescllschaftcn Vertreter nach Amerika zu entsenden, die für den Absatz der palästincnsiscfien Bodenerzeugnisse unter den dortigen Juden Propaganda machen sollen. Hälfe. Am 25. September fand hier unter reger Beteiligung aller Kreise der jüdischen Bevölkerung eine Gedenkfeier für David W o 1 f f s o h n statt. Auch in Jaffa und Jerusalem wurden Trauerfeiem anstaltet. Feldpostbrief aus dem Westen R., den 9. 10. 14. Lieber Herr H.l Ich danke Ihnen sehr liir Ihren freundlichen Brief, den ich mit großem Interesse gelesen habe. Daß unser Turnbruder Sch. in Gefangenschaft geraten ist, hat mich sehr betrübt. Hoffentlich wird er drüben so gut behandelt, wie wir die französischen Gefangenen behandeln. Sollten Sic näheres über sein Verbleiben erfahren, so wäre ich Ihnen für eine Mitteilung sehr dankbar. Ich hoffe aber, daß es unseren anderen Turnlmidern im Felde recht gut gebt. Dali sich unsere Juden brav schlagen und famose Soldaten sind, besagen die vielen Eisernen Kreuze, deren Träger Juden sind. Ich freue mich, täglich immer mehr Juden mit dem Eisernen Kreuz geschmückt zu sehen. Das soll ein Ansporn für unsere Turner sein. Sagen Sie unseren Turnern, daß gerade das Turnen, das Wandern, das volkstümliche Turnen das beste Mittel ist, um allen Strapazen mit Leichtigkeit zu begegnen, daß der aufrechte, ehrliche, seiner eigenen Kraft bewußte Jude im Felde erst recht seinen Mann stellt, Mut zeigt und durch sein freies, sclbstverstündliches Auftreten als Jude bei seinen Vorgesetzten und Kameraden sich Achtung verschafft. Ich freue mich, von Ihnen zu hören, daß der Turnbetricb wieder aufgenommen ist, und sogar gut floriert. Das verdanken wir unserer braven Armee, die mit wundervoller Bravour den Franzosen die Hosen verhaut, daß cs eine Art ist. Die ersten Wochen waren riesig anstrengend, die Schlachten furchtbar, aber siegreich. Jetzt ist ja eine Ruhepause cingctrctcn und man kann sich etwas erholen. Kanonendonner und cinschlagende Granaten werden aber so zur täglichen Gewohnheit, daß man anders fast kaum essen und schlafen kann. Habe ich das ״arbeiten“ vergessen? Daß der Jüdische Turnverein Liebesgaben versenden will, ist sehr schön und ich kann Ihnen auch sagen, daß unsere Turner im Felde sich riesig darüber freuen werden. Luftkissen, Herr H., Luftkissen! Ihre Besorgnis geht zu weit. Wir schlafen auf Stroh und Stroh ist auch unser Kopfkissen, wir schlafen auf der Erde und da ist halt Erde unser Kopfkissen. Wenn nur der Mund und der Magen Beschäftigung hat. Wenn dafür der Jüdische Turnverein sorgen will, werden ihm alle seine Mitglieder im Felde dankbar sein. Und wenn gar unsere Turnerinnen Strümpfe strickten, das wäre etwas besonders Delikates für unsere Füße. Denn die Füße, na, reden wir lieber nicht davon. Wäsche bitte nicht zu besorgen, das Rote Kreuz verteilt Wäsche und zuviel kann man nicht unterbringen. Unsere jüngeren Turner werden wohl bald eingezogen werden und ich bitte deshalb von Sendungen an meine Wenigkeit zugunsten der jungen Turnbrüder, die ins Feld ziehen, abzusehen. Ich bin das Kriegsleben ja schon gewohnt. Noch eins, und da legen wohl alle Wert darauf. Schicken Sie unseren Leuten die ״Rundschau“ und ״Tu r n z ei tu n g“, möglichst direkt ab Berlin. Grüßen Sie bitte alle Turnerinnen und Turner recht herzlich von mir, grüßen Sie die Zionisten und empfangen Sic und Ihre Frau Mutter die besten Grüße von Ihrem ergebenen ¬ח!. B. Antisemitismus!ש englischen Heere Der ״Jewish Chronicle“ berichtet aus London: ״Juden meldeten sich zum Heer als Freiwillige. Mau wollte sie aber nicht annehmen. Es ist interessant, den Grand zu hören, den der Rekruticrungsoffizicr für die Ablehnung angegeben hat. Er bedauere sehr, erklärte er, daß er die Juden ablchnen müsse, er tue cs — aus Mitleid mit ihnen. Die jüdischen Rekruten hätten sehr viel in der Armee von ihren nichtjüdischen Kameraden zu leiden. Die Engländer spotten über sie, machen sich über ihre Namen lustig und beleidigen sie auf die gröbste Weise. Er werde sich aber bemühen, besondere jüdische Freiwilligcnscharen zu bilden, damit die Juden nicht mit den Engländern in Beriihrung kommen müssen 1 . . .“ Solches Ansehen genießen die Juden im freien England, und Herr Israel Zangwill fordert die Juden der ganzen Welt auf, für England einzutreten . , . # Im Anschluß an diesen höchst bezeichnenden Bericht des ״Jewish Chronicle" mögen hier einige Angaben über die Zahl der Juden im englischen Heere Platz finden. Wie englisch-jüdische Zeitungen melden, beträgt die Anzahl der Juden in der in Frankreich und Belgien stehenden englischen Armee etwa 19 000 Mann. Es wird versichert, daß 25«/» der i \ j!י englisch-jüdischen Soldaten auf den Schlachtfeldern ver-