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Jüdische Rundschau · 1914-11-06 · Heft 45 (6.11.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 45 (6.11.1914)
Date
1914-11-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 45 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 413 zu schonen, die der gesamten Bevölkerung desselben zugute kommen würden, Sie fordere allerdings tinbedingte Treue und Lossagung der Libnnescr von im״- den regierungsfeindlichen Einflüssen, Die Presse fürdert den Vali auf, diese Besuche öfters zu wiederholen, und immer nachdrücklicher darauf hin/uwirken, daß die dortige Bevölkerung ihre antitürkischen Neigungen aufgebe. * Mobilisierung in Jerusalem Das Budnpcstcr jüdische Wochenblatt ״Egycniijstfg“ veröffentlicht in seiner jüngsten Nummer einen Briet aus Jaffa, in dem folgende Schilderung von der Mobilisierung der türkischen Truppen in Jerusalem entworfen wird: ״Als der Gouverneur von Jerusalem aus Konst,in- :inopel die Mobilmncliungsordcr erhielt, sandte er sogleich berittene Herolde in die arabischen Dörfer zu den Scheichs. Die Herolde hielten in der einen Hand eine mit dem weißen Halbmond geschmückte blutrote Fahne, in der andern Hand einen Krummsnbel. Dies sollte audeuten, daß der Sultan alle treuen Muselmanen mm Kampfe aufgerufen hat. Und die Muselmanen leisteten diesem Ruf getreulich Folge, Der Erfolg der Mobilisierung war cinganzaulltrordentlicher. Dies war namentlich für uns eine Ueberraschung, die wir gewöhnt waren, daß man in diesen Gegenden Soldaten fängt etwa wie man Wild jagt. Diesmal war cs ganz anders. Zu Zehntnuscmlcn strömten die Araber nach Jerusalem. Selbst die wilden Bcduincnstämnic, die bisher weder Heeresdienst gcleisict, noch Steuern bezahlt haben, erschienen auf ihren hohen Rossen, Die Szenen, die sich in diesen Tagen in den Straßen Jerusalems abspicltcn, werden uns unvergeßlich׳•־sein. Die Araber üherfluteten die Stadt: Fellachen mit ihren Frauen und Kindern, Beduinen mit langen Lanzen, daneben auch Juden mit langen Bürten und Christen. Der grolle Platz, der von dem Davidsturm, dem Hotel Anuiursky und der Burg Zion umgrenzt wird, wimmelte von Arabern. Es bildeten sich Zirkel, in deren Mitte Schwerttänze aufgeführt wurden. Die Frauen schlugen dazu den Takt mit Trommeln. Immer toller ward der Wirbel . . . Aus zehntausend Kehlen erscholl mit cincmmal der Ruf: Allah j u 11 s u r c 1 - S u 11 a 11 (Gott schütze den Sultan)! Ein Beduine feuerte einen Schuß in die Luft ab, die Augen der Araber tauchten in rote Glut, Schließlich erschien der Pascha und mahnte zur Ruhe. Man gehorchte ihm. Aus der Gegend des Jaffaer Tors naht ein kleinerer Trupp. Die Leute kommen im Soldatenschritt heranmarschiert, mit einem Fez und weißem Turncrkostüiu bekleidet. Die A r ab e r g lä u be!1, cs sei d cu tsc 11 cs Militär. Der Führer der Gruppe hält eine Ansprache an den Pascha, die dieser salutierend anhört, worauf er zu ihrer Ehrung die türkische Hymne spielen läßt. Die Menge betrachtet die kleine Schar mit wachsendem Erstaunen. Die alten Juden aber erkennen in ihr zu ihrer Verwunderung d i e Legion des jüdisch-nationalen Turn- Vereins Makkabi, der eine Freiwilligenschar organisiert und ihre Dienste dem Sultan angeboten hat. Die kleine Schar zieht bereits morgen ins Feld . . .“ Kosakenjustiz Das barbarische Vorgehen der Kosaken gegen die polnischen Juden schildert folgender Feldpostbrief des Prager Arztes Dr. Josef Popper aus einer Stadt in Rußland. Der Brief lautet: Rußland, 8. Oktober 1914. Ein tragisches Ereignis, dessen Augenzeuge ich gewesen, veranlaßt mich, einen freien Moment zu benützen, um Ihnen folgenden krassen Fall russischer ״Justiz“ zur Kenntnis zu bringen. Zu besnerem Verständnis schicke ich eine persönliche Bemerkung voraus: Ich bin einem Fcldspitalc zugctcilt und seit 18. August ununterbrochen im Felde. Viel Leid hatte ich Gelegenheit zu sehen, nie geahntes menschliches Elend hier •in Russisch-Polen wahrgenommen, ständig in Fühlung mit der Bevölkerung, unter der bedauernswerte Juden die Unglücklichsten der Unglücklichen sind. Wie mit diesen armen Geschöpfen umgegangen wird, beleuchtet eben der Fall, den ich kurz mitteilen will. Am 6. d. M. rückte unser Feklspital bei furchtbarem Wetter — Kälte, Regen und Hagelschauer — in dem Städtchen St. ein. Eingangs des Ortes fiel mir eine Gruppe von Juden auf, die trotz des jüdischen Feiertages mit Hacke und Schaufel eine Grube aushoben, und wie ich mich bald überzeugte, eine Exhumierung Vornahmen. 11 Juden waren wenige Tage vorher hier eingescharrt worden. Warum mußten sie sterben? Kosaken kamen in das Dorf Sc. und fragten nach Tabak; ein Bauer nannte einen jüdischen Händler, der angeblich Tabak vorrätig habe. Diese Annahme erwies sich als unwahr. Trotz Aus- Plünderung seines kleinen Geschäftes wurde Tabak nicht gefunden, was um so glaubhafter ist, als Tabak hier selbst in größeren Städten absolut nicht zu haben ist und wir überall um Papirosy (Zigaretten) selbst von wohlhabenden Li ulen angebettclt werden. Nun wollte es das Unglück, daß einige Tage nach dieser vergeblichen russischen Tnbakrcquisition die Hülle jenes Baiienidcmm/.iniiten ju Brand geriet. Was bedeutet jetzt hier ein Brand? Viele׳ Brandschaden entstehen durch Unvorsichtigkeit der in Scheuern einquartierten Soldaten, von den durch Kanonaden und aus taktischen Gründen vennv.״chte!1 Bränden nicht zu reden. Allein der Bauer glaubte einen anderen Grund zu finden — ans Rache habe ihm der oben erwähnte jüdische Händler seine 1 lütte angezündet und dies am Vcrsöhntmgstnge! Sofort ging er in das Städtchen St., meldete den Brand und die von ihm ersounenen Ursachen dem Kosaketioffizier. Dieser beordert eine Patrouille in das Dorf Sc., um den ״Schuldigeit“ zu bestrafen. In inbrünstigem Gebet sind die Juden des Dorfes versammelt. Diese Art Gottesdienst muß man selbst gesehen haben, dieses von Angst und Weh durchzitterte Stöhnen und Flehen. Plötzlich dringt in die Betstube die Kosakenpntrouille ein, von 31 betenden Juden fliehen 20, cif werden fcstgenommen und in das Städtchen St. gebracht, hier mit ihnen kurzer Prozeß gemacht, noch am selben Tage wird ihr Vorbeter gehängt, die übrigen zehn erschossen und an der Stelle cingcscharrt. Nachdem unsere Truppen von dem Städtchen Besitzergriffen, erschien eine Abordnung heim Stationskoinmandantcn, der ihr die Erlaubnis gab, ihre Glaubensgenossen auszuscharren und am Ortsfricdhofc beizusetzen. Als wir einninrschicrten, vollzogen die Juden eben diese Exhumierimg. Die Ihnen gegebene Schilderung des Sachverhaltes stammt über Befragen meinerseits nicht nur von Juden, sondern auch der Hnusverweser eines eingerückten christlichen Arztes, in dessen Haus wir eiuquartiert waren, bestätigt sie, Randbemerkungen Ein T au f i u d e, Der ungarisch-jüdische Kunstmaler Philipp Läszlö ist vor einiger Zeit ״aus Uebcr/ciigung“ zum Christentum übergctretcu. Herr Läszlö mimte natürlich stets den Rasseungar und glühenden ungarischen Patrioten. Da er seit einigen Jahren in England lebte, benutzte er den Anlaß des Kriegsausbruches, um —- aus der ungarischen Rasse ausz.utreteu und das englische Bürgerrecht zu erweihen. Es geht doch nichts über die Anpassungsfähigkeit der Taufjudenl * Gedächtnisschwäche, Die Redaktionen gewisser liberaler Tageszeitungen leiden auch in diesen Kriegeszciten an jener merkwürdigen Vergeßlichkeit, die auf ganz bestimmte Bewußtseinsinhalte beschränkt bleibt, während in allen sonstigen Bcziehungcii das Erinnerungsvermögen tadellos funktio* liiert. So einem politischen Tagesschriftstcller ist in der Regel alles Menschliche gegenwärtig und nichts Tatsächliches entzieht sich seiner regen Aufmerksamkeil — mir an einer wunden Stelle pflegt der Medianisinus seines Gedächtnisses glatt zu versagen, so daß man sich unwillkürlich fragt: ... und die Juden? Erzählte da neulich das ״Berliner Tageblatt“ von einer ,Zuschrift aus dem Leserkreise׳, die ihm zugegangen war und die sich mit der Möglichkcit beschäftigt, daß Gcgemnaßregcln gegen russische Staatsbürger — wegen der Va> Schleppung deutscher Gefangener nach Sibirien — angewandt werden könnten. Für diesen Fall, so wünscht die Zuschrift, sollte man unterscheiden zwischen R u s s e 11 und Pole 11, Hierzu bemerkt die Redaktion des ״Berliner Tageblatts“: ״Das erscheint auch uns wünschenswert, mit dem Hinzufügen, daß die untenvchkc’üri:;: Behandlung selbstverständlich auch auf die Balten und Finnläiider ausgedehnt werd-n 1r."d".tc, die das Unglück haben, immer noch. Onferir.nct des Zaren za sein.“ Und die Juden, ihr liehen Herren? Möchtet ihr euch nicht auch dieser Untertanen des Pogrom/,crc:i c:־i;i;;en1, th .־:׳;! A;:״pr1!eh gerade auf euer Mitgefühl sicher nicht weniger begründet ist als der der Polen, Finnen und Balten? * Im DrangdcrApologie. Im deutschen und im österreichischen Heere haben sich so viele jüdischc Soldaten ausgezeichnet, daß die Versuche, den jüdischen Soldaten als minderwertig hiiizustellcn, in׳ Zukunft kaum Aussicht auf Erfolg haben dürften. Es gibt aber Leute, die die Heldentat eines jüdischen Soldaten nur als eine Gelegenheit auffassen, sie apolo* gotisch gegen antisemitische Vorwürfe zu verwerten. Schon diese Gesinnung׳ ist verletzend für den Stolz selbstbewußter Juden; um so schärfer aber müssen wir gegen die Sucht auftreten, überall jüdische Heldentaten zu finden und evtl, auch der Wahrheit Gewalt anzutun. Es gibt jüdische Blätter, •die jeden Soldaten mit einem nur halbwegs jüdisch klingenden Namen, der sich ausgezeichnet hat, sofort zu einem, guten und tapferen Juden stempeln. Das Organ des Herrn Prof. Geiger hat aber auch das kleine ruthe* nische Heldeninädchcn voa Rawa Ruska, Rosa Hcnoch, in ein jüdisches Mädchen namens Sarah verwandelt. Das ist sicherlich nur Uebereifer; aber auch jdz{ müßten Redakteure jüdischer Blätter mit einigem Verantwortungsgefühl vorsichtig sein, um nicht durch ihren geschmacklosen Uebereifer falschen Verallgemeinerungen Stoff zu bieten. Brief aus Oesterreich Das Zionistische Zentralkomitee für Wcstösterreich hat seine I lilfsaklion für die jüdischen Flüditlingc aus Galizien und der Bukowina mit Erfolg fort* geführt. Wichtig und wertvoll sind vor allem die Informationen, die den Ratsuchenden erteilt werden, und die Beschleunigung des Untcrstützungsverfahrens, die mit Hilfe des Fürsorgckomitccs erreicht wird. Durch die Brockens,׳uninlung konnten bereits über tausend Personen bekleidet werden. Diese Sammlung des Zionistischen Zentralkomitees ist zweifellos die bestorganisierte Einrichtung dieser Art. Das Rechtsschiit/.burcnu erfreut sich des größten Zutrauens. Das Projekt des Ambulatoriums ist der Verwirklichung nähe, trotz der Schwierigkeiten und des geringen Entgegenkommens mancher Kreise. Von weittragender Bedeutung sind die Interventionen, die von seiten des Zionistischen Zentralkomitccs im Ministerium des Innern und in anderen Ministerien unternommen wurden. Es wurde mit Erfolg gegen die gewaltsame Transportierung von Flüchtlingen in die verschiedenen Konzentrationslager protestiert. Besonders wichtig war eine Inspektion»- reise in die Flüchtlingslager von Nikolsburg und Gaya, an der die Gesinnungsgenossen Ingenieur Bernhard, Dr. Plaschkes, Revisor T a u s s i g und Dr. Zweig tcilnahinen. Die Kommission besichtigte die Flüchtlingslager in Gaya und in Nikolsbürg aufs genaueste und stellte besonders in Nikolsburg manche Mißsfändc fest, um deren Beseitigung sich das Zionistische Zentralkomitee bemühte. Es ist interessant und erfreulich, daß diese Kommission fcststcllen konnte, daß sich die deutschen Bauern in der Gegend von Nikolsbiirg der Flüchtlinge mit wohltuender Gastfreundschaft angenommen haben. Mit Recht schreibt daher die ״Jüdische Zcitung": ״Wir Juden wollen Böses und Gutes, das uns in diesen Tagen widerfährt, nicht vergessen! Darum Heil jener biederen Bäuerin in Urspitz, welche auf die Nachricht vom Nahen der flüchtigen polnischen Juden von Haus zu Haus Milch sammeln ging, sie abkochte und als Willkontmcngruß darbot. Gerne sei auch der Bürgermeister von Polau und Pardorf gedacht, die bei der Bezirkshauptmannschaft depoliierten, ihre Bauern seien mit der jüdischen Einquarticrimg wohl zufrieden und möchten sic auch nach der Ernte nicht missen.“ Um so bedauerlicher ist es, daß <Jic Unterbringung der Flüchtlinge in Nikolsbiirg zu schweren Klagen Anlaß bot. Es war deshalb sehr begrüßenswert, daß sich die Inspektionsreise in Mähren, die von der Kommission des Zionistischen Zentralkomitees vorgenommen wurde, der entgegenkommenden und nachdrücklichen Unterstützung des Ministeriums des Innern erfreute. Dem Ministerium wurde nach der Rückkehr der Kommission am 23. Oktober von einer Deputation in Nikolsbiirg uiitcrgcbrachtcr Flüchtlinge unter Führung unserer Gesinnungsgenossen Dr. Karl Pollak und Dr. Egon Zweig eine Denkschrift überreicht, in der Vorschläge zur Beseitigung der konstatierten Mißständc präzisiert wurden. Herr Sektionsrat von Marquct versprach, für die Bewilligung der meisten dieser Forderungen energisch cinzutretcn. Auch eine Anzahl anderer Interventionen hatte Erfolg. Das wichtigste ist allerdings die Auf* bringt! 11 g großer Mittel, durch die für die Durchführung der erforderlichen Maßnahmen gesorgt werden kann. GroSo Pogrome in Lemberg? Das ״Prager Tageblatt" läßt sich am 29. Oktober aus Krakau melden: Nach den Erzählungen von Reisenden ist es in den Setzten Tagen zu großen Pogromen in Lernberg gekommen. 50 angesehene jüdische Bürger wurden vom russischen Militär ermordet,, zahlreiche schwer verwundet. Der Rcichstagsabgeordnete Breit e r, der zu intervenieren versuchte, wurde verhaftet und soll nach Sibirien verschickt worden sein. Mitteilungen der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Der Vortrag im angekündigten Zyklus, den am 3. November Herr N. So ko low über die Juden in Polen hätte halten sollen, konnte nicht stattfinden. Im letzten Augenblick ist infolge einer Betriebsstörung in der Saalbeleuchtung der gemietete Saal unbenutzbar geworden. 1; Daher findet der zweite Vortrag des Zyklus am 17. November uin 9 Uhr abends im kleinen Saal der Spichcrnsäle statt. An die Stelle des vorläufig verschobenen Vortrags des Herrn Sokolow tritt der Vortrag Leo Herrmann 1 Die politischen Ziele der Juden Oesterreichs. .; DcrVorstandderB. Z. V. ,

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