Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1914)
- Date
- 1914-10-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 406 Nr. 44 habend zu sein. Es!׳ab erst l isch, dann Fleischbrühe und Nudeln und zum Schluß Gäiixebnifeii, Heute ist Ruhetag. Beschäftigung gibt es genügejid, weil wir unsere Sachen in Ordnung bringen müssen. Zum Mittag haben wir uns zu eiritt eine Ente gebraten, die wir schon vor zwei Tagen ״requiriert“ haben. Zum Abendbrot werden wir vegetarisch leben. Wir schleppen schon seit längerer Zeit zwei Büchse» mit Gemüsekonserven Iieriim, die wir uns mit Butter zurechtmachen werden. Also wir feiern auch unser Neujahrsfest, so gut es gebt. Morgen früh spätestens hei fit es wcitcrzk'hcn. Wohin, wissen wir nicht, jeden■ falls vorwärts. Feldpostbrief &us Serbien Ein Mitglied des Prager zionistischen Stndeulenvcreins B a r K o c i> b a, Leutnant im osterreichischen Heer, schreibt einem Bundesbrüder: 6 c r b i e n , '25. 9. 1911. Lieber Robert! Vorgestern nachts bekam ich Deinen Brief, lag schon mit meinem Diener im triefenden Zelt, ,,denn der Regen er regnet jeglichen Tag, hopp heisa, bei Regen und Wind“ (unser Motto liier), habe trotz Verbotes unter der Decke Kerze angezündet; Beweis genug, wie sehr mich Dein Brief erfreut hat! Weißt Du, ich sehe auch daran, daß dieser Krieg, unfaßbar noch in Dimension und Wciterwirkung, das Eine Große, Schöne uns, der Jugend aller Nationen, uns Juden in erster Linie gebrächt hat, daß wir wieder den Sinn von activitas erfassen und, was lebendiges Erichen ist. , Glaub mir, trotz aller Mühsal mul Widerwärtigkeiten habe ich oft gerufen: es ist eine Lust zu leben! — Cum grano salis natürlich, denn wenn man geschlagene S Tage in einem l!r".ald liegt, Tag und Nacht Rege״, Nebel, Sturm, Alarme, Angriffe usw. hat und dazu eine sehr wvnjg poetische Krankheit, dann ist’s fast anders. Und wirklich: seit vier Tagen kam kein Wasser auf meine Hände als Regenwasser — wie fern siiid die Tage, wo ich Ean de Cologne kannte, — seit II Tagen kein Kamin als der fünfzähnige in mein Haupthaar, seit 0■•-$ Tagen kein Bett gesehen und wie oft auch kein Zelt; wie Heu oder Stroh aussield, wissen wir nur noch vom Hörensagen, und der Dreck; kniehoch kann man waten in dieser verdammten Etappenliuie, die unser Bataillon jetzt scharf mitbewaeht. Ich war leider noch bei keiner ernstlichen Affaire, da ich seit dem Einmarsch in Serbien verdammt war, als Kommandant der Trainbeilcckiing zu walten, vornnlwortungs- und mühevoll, «her ohne Aussicht auf Maria T heresia-Orden. Gewehr* und Schrapnellkugcln habe ich schon genug liehe״ und über mir singen gehört, aber das hat mich v<m allem Anfang an kalt gelassen. Holle noch immer, mich in der iiiännermordenden l eldseiilacht mit Ruhm bedecken zu können (Rum ־ - apropos -- wäre auch nicht schlecht!) Habe auf unseren Wamlcnnigcii — waren zuerst Korpsreserve —• viel an La״d und Leute gesehen, mich gut gehalten, trotz zahlreicher Anfälle: man weiß nicht, was ärger ist, die wahnsinnige Hitze oder der verfluchte [)aucrrcgcu, beides scheinbar gleich landesüblich. Also, mein Junge, sei getrost. Dein Kaserncnlehcn wäre fi״' uns ideal. Dir um! Haus Kolm und einigen Hiiiidesinüderii wird das Soldatenleben zum Heile werden: eine neue Barkochbaircrrasse sehe ich hcraufkoinmcn! Prächtig׳, daß -15 Bundesbrüder eingerückt sind! Die zwei Ingenicure hoffe ich persönlich befreien zu können. Was macht' Hugo Bergmann, Dr. Koref, mein Vetter Kraus, Beniseh c tutti quanti? Haß icli nicht gegen Rußland kämpfen kamil Organisiert Auskunft«- stelle für Bundesbrüder; sich jn Verbindung setzen mit betreffenden Stellen im Kriegsininistcrium; Rege an eine K r i c g s e r i 11 n e r u 11 g s s * י f t u 11 g f ii r S t ti - d i u 111 in Erez Israel; zeichne 100 Kronen! Bitte lege für mich aus 7 Kronen für einen O e I b a u in auf den Namen W o I f f s o h n sei. Eine rechte Tragik an diesem Mann: kämpfend erst im Schatten eines Titanen, dann sterbend im Schatten eines Weltkrieges, und war doch ein treuer Diener am Lieht. 2ö. 9. 9 Uhr abends. Es regnet unentwegt weiter. Meine letzte Wüsche fault schon, wie ich bald, wenn cs so weiter gehl. Gestern abend kam Deine Karte vom 1(j, und beik Zahlungsauftrag auf 1 Krone. Die Herren Bürokraten reiten halt den Amtsschimmel gar vortrefflich) Bitte lege die 1 Krone auch aus, ebenso 7 Kronen, ei״ Oclbaum: Leutnant i. d. Res., Alfred Kraus, grüßt alle seine Bundesbrüder herzlich vom Felde a- N. B n r k o c 1111 a , derselbe grüßt itinigst seine Mutter, Franziska I .ul 7. er, Hamburg (auf deren Namen), flllc drei im Barkocliba- Hain; bitte dringend um einige Nummern der ״Welt“, ״Sei bst wehr“ lind um Nachricht über unseren Makkabi-Mädchenklub, Hoffentlich betätigen sie sich im rechten Geiste, d, h. zeitgemäß, das kann uns nur nützen für die Neugestaltung. Ist das JU1 ..5r.cn au Vereiiirleiici; ״״»:.Y. ..!Mv'.t uT1:'»11״? In Saraj c w 0 Cr je s,. /-•11.5׳. ־ : י ■vT! eil! henliuies Heini! — ln F o c ,־ l. : i.n ndt IC!. Weißkopf (von der 1 la»ky.־..u,;i;) 04 Büchse n gc füttert; 1 t Zi.iui ,u11־ c״״U Könnte 11!1:1־ uicii, Uno B c z a 1 c 1 ־ Ausstellung zugunsten der Kri.:.׳ ..i.'i;. 01'ge iiindr.'ii? (via Kernst,intitiuopel, Rsiiniiiifcu.) 'V״: m:..Tit 1?:nwre Leitung? Verflucht schwer lmt :ie’.i jet/t. Schaut, daß Ihr fertig werdet mit ihr RCnucnr״-,hil.'.'.mg, 1813 war man früher fertig! Hie zionislisdiai Mädchen sollen Krankeupflegc lernen! (ich sage es immer!) Die Zionisten Oesterreichs mit den Logen zusammen ein Reservespital errichten! Isi’s wahr, was man von der Verbrüderung in Prag hört, adi wäre cs doch wahr und spontan, ewig hmcliieial müßte cs sein! (3 Schularbeiten scbliKv kn heran:׳,) Gestern naelits mir eine Kopfdoiidie bekommen in meiner L a 11 b 11 ii 11 c , dafür zum erstenmal beim Alarm Zündhölzchen, Zigaretten und ein Schluck Rum Rind gekommen. Wir leben also besser als der j 'errgott in Frankreich, der jetzt ziemlich kümmerlich leben muH. Hoffentlich kloppen wir bald alle unsere Feinde, hübsch einen nach dem andern. Der Geist, Ihr Herren Tripleeuteuteriche, der soll Euch um die Ohren schlagen. Grüße• alle Verwandle« und Bekannten — klingt fast wie eine Farce — hcr/SicUst alle Bundesbrüder, Turnbrüder und Turnst•!;Western, besonders aber Deine verehrte liebe Mutter, Deinen wackeren Vater, Licsel und Trude, die wohl brav Chnrpie zupfen, noch extra. Stehe und gehe Jfabt Acht und im Defiliertcinpo durchs Leben,!nein lieber Junge und Kriegskamerad! Auf frohes Wiedersehen, hier oder dort. Aus dem «sterreiclilsclieu Heere Einige höhere jüdische Offiziere im östcrreichfscheu Heere haben den Tod fürs Vaterland gefundcn. Unter ihnen wird besonders der k. k. Oberst* leutnant Adolf F leck c r genannt, Kommandant des Laudwelir-Infauterie-Reginieiits Nr. 20 (Stanislnu). Oberstleutnant flceker fiel am 10. September auf dem nördlichen Kriegsschauplatz. An demselben Tage ist auf dem südlichen Kriegs- Schauplatz der Bataillonskomniaiulant Major Krauß gefallen, als er an der Spitze seines Bataillons im nächtlichen Sturmangriff das vom Feinde besetzte Dorf Ljuhovija nehmen wollte. Diese beiden jüdischen Offiziere halten schon früher die Militiirverdienst- Medaille erhalten, jetzt sind sie als Blutzeugen jiidisdicr Vaterlandsliebe und des Soldatcngcistes jiidischcr Offiziere gefallen. Die Mitteilungen über Mitglieder der zionistischen Organisation, die im österreichisch-ungarischen Heere kämpfen, sind zwar noch spärlich, zeigen aber, daß viele nnserer IT'eiiiule eine ausgezeichnete Haltung bewiesen hallen, Unter den etwa 30 goldenen Tapferkeits-Medaillen, die bisher verliehen wurden, erhielten einige auch jüdische Soldaten, Außer dem mittlerweile leider gefallenen Fehlwehei Reif hat die goldene Tapferkeits-Medaille der Eiuj.-Erciw. Korporal Dr. Otto Eisler erhalten, der als A. II. der zionistischen Studentenverbindung ״Ivria“ in Wien zionistisch tätig gewesen ist. Vom Armee-Oberkommando wurde fiir besonders hervorragende Leistungen auf dem Schlachtfehl Fähnrich Dr. Albert S c h ü 11 h o f des Infanterie Regiments $ zum Leutnant ernannt. Dr. Schönhof ist der führende Organisator der zionistischen Vereine in Brünn. Leider sind auch mehrere unserer Gesinnung«- genossen gefallen. So ist Erwin Freund, der Sohn des Herrn Dr. jur. Josef Freund, früheren Obmanns unserer Budweiser zionistischen Ortsgruppe, am 7. September auf dem südlichen Kriegsschauplatz heldenmütig kämpfend gefallen. Schon am ‘20. August ist unser Ocsiiintingsgeuossc Dr. David Hcscheies aus Lemberg als Leutnant des 3(1. Landwehr-Regiments im Kampfe auf Nowsielitza gefallen. Aus dem Kreise des Prager zionistischen Studentenvereins Bar Kochba sind die alten Herren Angclo Golds i ein und Ingenieur Richard Pazo vsky verwundet. Unser Gesin1u:1;psgeuos«e Karl Weiß köpf aus Budweis hat für sein heldenmütigen Verhalten auf dem serbischen Kriegsschauplätze die silberne Tapferkcits-Medaille 11, Klasse erhalten. Der Einj.-Freiw. Korporal Karl Fürth aus Budweis, Mitglied des zionistischen Studenlcnvereiiis Theodor Herz! in Wien, wurde für sein tapferes Verhalten auf dem Schlachtfeld zum Fähnrich ernannt. Inzwischen haben seine Eltern die Nachricht erhalten, daß ihr S01111 den 1 loklcijtod gefilmten hat. Ans der Reihe imse.vr galizir.dieu Gesinmingsgenossen ist einer unserer tatkräftigsten Arbeiter, Ingenieur Lipn Schorr, Bruder des Univcrr.iiiits- Dozenten Dr. Moses Schorr, als Kadett des 18, Landwehr-hifnutcric-Rcgimciits, vor dem Feinde gefallen. Er war als Mitglied des Studcntcn-Vcrcins ״Judäa“ ein tatkräftiger Organisator und unserem Ideal stets treu ergeben. 111 den letzten Jahren widmete er sich besonders der zionistischen Arbeit in Boryslav und I )roliobycz. Der Sturm auf Przemysl Der abgeschlagene Sturm der Russen auf die österreichische Festung Przemysl hat der russischen Armee ungeheure Opfer zugefügt. Gegen 40 000 russische Soldaten sind vor dc.1 Wällen gefallen, die die österreichischen Besatzungstruppen heldenmütig verteidigt haben. Die Kriegsberichterstatter schreiben ausführlich, wie die russischen Soldaten von ihren *A# Offizieren in den aussichtslosen, aber mörderischen Kampf getrieben wurden. Hinter ihnen waren Maschiiicngcwelire aufgestellt, die sie jn den Kampf trieben. Es scheint, als ob die russische Heeresicitung in den tausend Saftigen Opfern, die ihre Taktik erforderte, fast eine Befriedigung gesucht hätte. Diese Tatsachen sind verständlicher, wenn man hört, daß die •10000 Gefallenen vor Przemysl fast ausschließlich aus jüdischen und polnischen Soldaten bestanden haben, die besonders zum Sturm auf die Festung ausgesucht und angetrieben wurden. Die Nachrichten, die dies melden, kommen von zuverlässigen österreichischen Berichterstattern, die sich über diesen Punkt genau orientieren konnten. Erschütternd ist die Tragik des jüdischen Volkes in diesem Kriege. Der große weltgeschichtliche Sinn des ungeheuren Kampfes scheint uns in dem Kampf gegen die asiatische Barbarei zu liegen, die Völker knechtet, Menschen mordet und Verbrechen auf Verbrechen häuft. Und um den Ansturm menschlicher Kultur aufzulialten, die die verbündeten deutschen lind österreichischen Waffen gegen den Zarismus erhoben haben, weiß dieser in grausamer Berechnung gerade die Volker zu benutzen, die in erster Linie befreit werden sollen. Es gibt vielleicht nichts, was den deutschen und österreichischen Juden mehr zu Bewußtsein bringt, daß sie im Kampfe gegen den russischen Zarismus für die menschliche Kultur und die Freiheit des jüdischen Volkes kämpfen, als der Anblick der Lcichctiltügcl von Przemysl. Zionistische Tagesfragen Der Vortragszyklus der Berliner Zionistischen Vereinigung Die Berliner Zionistische V c r c i n igütig veranstaltet -- wie bereits in voriger Nummer mitgeteilt wurde — einen Zyklus von Vorträgen, der die politischen ürundlagcn des Zionismus behandelt. In den Vorträgen wird die Lage der Juden unter besonderer Beriicksichtigung der durch den Krieg geschaffenen Verliältnisse geschildert. Der erste Vortrag (Herr l)r. Hniitkc: lieber die Tätigkeit der zionistisehen Organisation während des Krieges) fand am Dienstag, den 20. d. M. statt und ist in der ״Jüdischen Rundschau“ bereits besprochen worden. Es werden noch sprechen; Herr N. Sokoiow: Die polnischen Juden; Herr L. Motzkin: Die Juden in Rußland; Herr Leo Herrin an 11; Die politischen Ziele der Juden Oesterreichs; Herr R. L i c 11111 e i 111: Die Juden im Orient; Herr K. Blumen fe Id: Die Judenpolitik der Mächte. Die Vorträge finden alle 14 Tage, Dienstag, im kleinen Saale der Prachtsäle des ]Westens, Spichernstraße Nr. 3, 9 Uhr statt. Der nächste Vortrag, Herr Nahum Sokoiow: Die polnischen Juden findet am Dienstag, den 3. November, statt. Zutritt haben nur Mitgliederder Organisation. Karten, die zur Teilnahme an dem ganzen Zyklus berechtigen, sind zum!,reise von 2 M. bei dem Kassierer der B. Z. V., Herrn Dr. S c h w a rz, Tcmpclhof, Berliner Str. 120, und an der Abendkässc zu haben, * Hebräischer Sprachkursus der Berliner Zionistischen Vereinigung Teilnehmer an einem hebräischen Sprachkursus werden ersucht, sielt schriftlich anzumelden bei Herrn Rechtsanwalt E. Colin, Fricdrichstr. 49.