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Jüdische Rundschau · 1914-10-30 · Heft 44 (30.10.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 44 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 44 jU ED ISCHE RUNDSCHAU Seile 405 der jahrzehntelang auch am Rabbinersciniimr gewirkt hatte, gab Herr Dr. Meier Hildesheimer, ein Schwager des Verstorbenen, in ergreifenden Worten dem Schmerz der Familie Ausdruck, die in Jacob Barth vor allem auch einen treuen Heller und Berater in Freud und leid verloren hat. I)r. I lildesheimer gedachte auch des Dr. Heinrich Barth, unseres Oesinnungsgeiiosscn, der wenige Tage vor dem lode seines Vaters auf dem Felde der Ehre gefallen ist, nachdem er kurz zuvor wegen besonderer’ Tapferkeit vor dem Feinde das Eiserne Kreuz erhalten hatte. Der Sarg wurde ins Grab hinabgesenkt und Hunderte warfen nach jüdischer Sitte die Schollen auf ihn herab. Zu der Bestattung des Geheimrats Harth hatten sich u. a, eingebunden: Von der Universität Rektor Geh. Justizrat Prof. Dr. Kipp und die Fachkollegeu des Verstorbenen Geh. Rate Sachau und De- 1 i t z s c h , Prof. Mittwoch und Privatdozent Dr. W c y 1, ferner die Professoren I) e s s a u , S a b e r ״ r heim und Ludwig Stein. Vom Rabbiner-Seminar sämtliche Dozenten mit dem ehrwürdigen Professor Dr. A. B c r 1 i n e r au der Spitze, Vom Kuratorium des Rabbinerseininars u. a. Herr Hermann G11111p c rt z-Hamburg, dje Dozenten der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Dr. Elb 0 gen, Dr. B a n c 111, Dr. T ii übler, für das zionistische A c t i o 11 s - C o m i t e Rechtsanwalt I >r. Klee, für die Zionistische Vereinigung für Deutschland Herr BI u nt c n f c I d und R.-A, G ronc in a 11 11, vom zionistischeit Zcntralbureau Dr. R o s e n b 1 ü t h , vom Misrachi Herr Bibliothekar Dr. Pick, für den Verband der deutschen Juden Herr Syndikus Löwenthal, Vertreter des Vereins ״Esrn“ und des Vereins für Statistik der Juden, von deutschen Rabbinern die Herren Dr. Liebe rmann, Dr. Königsberge r, B 0 n d i - Mainz, Wo 111 g c nt u t h - Kitzingen, Nobei-Schönlanke, Nobel- Frankfurt a. M., Apt- Filchnc, B a ft! re u n d - Pinne, Wilhelm Lewy, Lippschütz, Hof mann - Emden, Höxter, M u n k - Marburg, J a c o b s o 11 n - Giicsen, Rosenthal-Cöln, Le rn c r-Altona, Ludwig A. Rosenthal, Bleich rode, Ka atz-Zabrze, Löwent ha 1 Hamburg, Car 1 e b ach- Lübeck. Bclir- Prcnzlau, von der höheren israelitischen Lehranstalt in Leipzig Dr. Carle bacli, Vorstand und Rcprüscntanten der Jüdischen Gemeinde Adass-Jisroel in Berlin, vom Rabbinat der Berliner Jüdischen Gemeinde die Herren Eschelbach er, Rosenzweig und Petuchowsky, vom Berliner Lehrerseminar Dr. Sonnenschein, Hermann Struck, von der ״Freien Vereinigung“ Moritz A. Löb, von der Agudath Israel Dr. Abraham H i r s c h. Zum Andenken Jacob Barths Der Gelehrte wird von den Männern vom Fach gewürdigt werden. Man sagt, er sei auf diesem Gebiet unersetzlich. Wer ihn kannte, mag das gern glauben, denn er war ein seltener Mann, — ein Mann von eigener Art, von solcher Klarheit und Natürlichkeit, daß da, wo er auftrat und sich zu wirken entschloß, seine Arbeit seltene Früchte tragen mußte. Klarheit und Natürlichkeit, — das war der Grundzug seines Wesens. Es gab bei ihm und uin Ihn keine, Pose und keine Gefallsucht, keine Phrase und kein Hinwegglcitcn über Schwierigkeiten, keine Problemflucht und keine Probkmhaschcrei. Alles das wurde in seinem Umkreis nicht geduldet; wer in seinem Hause sich wohlfühlen wollte, mußte all das hinter sich lassen. Ein leichtfertig hiiigcworfcncs IJrteil, eine vage Behauptung wurde, überraschend oft, nachgeprüft, und die einmalige Beschämung bewahrte vor weiteren Aufschneidereien. Vor dem klaren, aufrichtig herzlichen Humor des Hausherrn hielt falsche Würde und Charlataneric nicht stand. Sein Haus war bis in alle Winkel mit Licht erfüllt. Das Haus war für mich von je das merkwürdigste Haus Berlins. Es stand in seiner geistigen Struktur gar nicht in der Großstadt. Man atmete dort auf, als ob man sich aus stickigem Dunst aufs Land gerettet hätte. Es war dort etwas wie urwüchsiges, bodenständiges, lebendig quellendes jüdisches Leben. Es schien sich mit der Tradition der Gelehrtenfamilic altjüdisches Bauernblut zu verbinden. Es war eine durch und durch geistige Atmosphäre, und doch so himmelweit verschieden von dem, was man sonst so leicht in Berlin darunter versteht; für geistreicbelnden, intellektuellen Klatsch gab es dort keinen Raum. Dieses Hausl Jetzt redet man bei uns in langen Debatten darüber, wie .man hier in Berlin Kinder jüdisch'erziehen kann, — als ob cs irgendeine andere Methode gibt und geben kann als die der unmittel* baren Tat und der lebendigen Anschauung, der stetigen Uebung. Freilich müssen ganze Menschen dahinter stehen, Menschen vom Schlage Jacob Barths, Allen Reden und Wortkünsten ein grimmiger Feind, wirkte er durch seine untendenziöse, stetige, unbefangene Art des Lebens. Sein unzweideutiges, von froher Lebenszuversicht erfülltes Wesen ließ keinen Zweifel, keinen Widerspruch aufkommen. Unwillkürlich fügte man sich ihm. Ein aufgeklärter absoluter Herrscher im Kreise seiner Familie, *— ein Patriarch im wahren Sinne, hat er seines Wvscna Züge fest in Herz und Lehen der Seinen;■Tgr'indet, und ausnahmslos traten seine Kinder in seine Bahnen. Heinrich Barth, der junge Arzt, hat dem Vater die letzte i'read■ג bereiten dürfen. Die Kunde, daß er das Eiserne Kreuz, empfangen, hat dem Vater die letzten glücklichen Tage verschafft, und cs blieb ihm erspart, zu vernehmen, daß Heinrich die Treue mit dem Leben bezahlt hat. Heinrich Barth liegt im fernen Frankreich, auf dem Verbandplatz gefallen, als Zeuge jüdischer und deutscher Pflichterfüllung, als Zeuge auch der Tradition seines Hauses. Die letzten Wochen seines Lebens gelten wohl ein Dutzend Philisterlebcn. Er hat jung und heiter, im Vollgefühl täglich neu geschenkten und verdienten Lebens, mitten im Greuel des Kampfes die Taten der Liebe und der Kultur vollbracht, zu denen der Arzt begnadet ist, urid er ist mitten in diesem Wirken hingerissen worden. Kein Schulten bat sein hngcs Leben getrübt, und er ist nicht umsonst in dem Vaterhause herangereift. Diese letzten Wochen lohnten und krönten die Jahre seiner Jugend, Und kein Schatten ist auf das ruhige, heitere Lehen des Vaters gefallen. Bis zu den letzten Tagen, durch die Wochen der Krankheit hindurch ist ihm sein sonniger Humor, seine liebenswürdige Ironie geblieben, — er ist seinem innersten Wesen treu geblieben. Seine Kinder, wie sie sind, sind aber die besten Zeugen seines Lebens und seines Wirkens. Er hinterläßt einen fest und in sich geschlossenen Kreis, die Quelle neuer urwüchsiger, bodenständiger, lebendiger Kraft. Solche Häuser braucht unser Volk, wenn es gesunden soll. Und wenn mitten in diesem Berlin solche Männer wie Jacob Barth leben und weithin wirken können, wenn sie vermögen, ihre Tradition zu vererben mul in fruchttragendes Leben umzusetzen, so ist das eine Bürgschaft für die lebendige Kraft, die unter der Oberfläche bei uns schlummert. S. G. Feldpostbrief ans dem Osten Ein Berliner Gesinnungsgenosse stellt uns nachfolgenden Feldpostbrief, den er von seinem Sohne erhalten hat, zur Verfügung: . . . Was ich bisher von Rußland bzw. Polen gesehen habe, war wenig erfreulich. Ich will der Reihe nach erzählen. Am Mittwoch früh fuhren wir von S, ab, zunächst nach E. Schon auf der Chaussee dahin sahen wir die Spuren des Rückzuges der Russen, Rechts und links vom Wege standen ganze Wagenkolonnen mit Munition, Lebensmitteln usw., die die Herren Russen auf ihrer Flucht einfach liegen gelassen haben. In den Schützengräben sah man noch viele Tote, die nicht mehr begraben werden konnten, E. selbst ist vollständig zerschossen. An den Mauern sahen wir die Spuren von den Gewehrkugeln, Die Häuser sind zum größten Teil verbrannt. Als wir die Grenze überschritten, wurde es für uns Radfahrer fürchterlich, die Chaussee ist vollkommen aufgewühlt. Wer nicht fest im Sattel saß, kam übcrliaupt nicht weiter. Soweit die Strafte nicht zerschossen war, war sie so holperig, daß ich glaubte, nicht auf einem Rad, sondern auf einem Schaukelpferd zu sitzen. Die russische Grenzstadt K. ist ebenfalls vernichtet; dagegen steht W. noch. Hier blieben wir über Nacht. Die Kosaken haben cs mit ihren Landsleuten nicht besser gemacht als mit unseren. Sic haben ihnen alles genommen, was ihnen nur einigermaßen mitnchmbar erschien. Meiner Quartierwirtin haben sic 38 Schock Eier und 34 Hübner fortgenommen. Was sic nicht aufessen konnten, haben sie zertreten. Dann nahmen sie sämtliche Wäsche, die die Frau hatte, sogar die Kinderwäsche. Von W. fuhren wir am nächsten Morgen weiter und kamen mittags nach M., wo wir zwei Stunden Rast machten. M. ist eine Stadt, die von Schmutz starrt, aber picht bloß die Stadt ist so schmutzig, sondern auch die Einwohner. Am saubersten sind die Juden. Als wir ankamen, war gerade Militärkonzert auf dem Markt. Das Staunen und die Bewunderung der Einwohncr war grenzenlos. Von hier aus fuhren wir weiter nach K., wo wir auch die Kompagnie wiederfanden. Von der Stadt K. habe ich nichts gesehen, weil wir ferst abends ankamen und auf einem 1Gut einquartiert waren. Atu nächsten Morgen um 3 Uhr wurde geweckt und um 4 Uhr rückten wir ab. Wir lagen erst einige Stunden auf der Chaussee, bis die Division und die Bagage durchmarschiert waren. Um 7 Uhr fing es an zu regnen und zu stürmen. Das Fahren war sehr schwer, vor allem, weil die Straße sehr wellig war. Nachmittags 4 Uhr bezogen wir Quartier in einem Dorf. Die polnischen Dörfer sind nicht so jvie unsere. Die einzelnen Gehöfte liegen ziemlich weit auseinander. Außerdem sind die Dorfbewohner fast durchweg sehr arme Leute. Die Häuser haben einen bedauernswerten Zustand. Das Volk sieht elend und abgerissen aus. Unsere Kompagnie hatte Vorposten zu stellen, und so hatte ich das Vergnügen, gleich um Uhr als Posten aufziizichcn. Das Vergnügen war recht zweifelhafter Natur, Erstens regnete und stürmte es noch, zweitens war ich vollkommen durchnäßt und hatte die Stiefel voll Wasser. Aber es nützte nichts, und ich stellte mich mit einem Kameraden auf einem Hügel auf, wo uns der Wind recht schön umblasen konnte, In der Nähe war ein Gehöft, dessen Besitzer sofort zu uns kam. Der Mann konnte etwas deutsch sprechen und fragte uns, ob er vielleicht etwas Stroh bringen sollte, damit wir uns hinlegen können. Wir verzichteten darauf, baten aber um etwas Warmes zum Trinken. Darauf brachte er uns eine Kanne mit heißer Milch und Brot. Ich ließ die Tochter des Mannes, die mit rausgekommen war, zuerst trinken, weil man hier nie wissen kann, ob die Leute nicht doch etwas in die Getränke tun, was nicht hineingehört. Der Mann war beleidigt, hat mir aber die Vorsichtsmaßregel nicht weiter übel genommen. Er bediente uns, wie ein Sklave seinen Herrn. Als wir ausgetrunken hatten, gab ich dem Mann eine Mark. Er wollte sie durchaus nicht nehmen. Als ich sie ihm einfach in die Tasche steckte, fing er an zu weinen. Ich fragte ihn, warum er weine, darauf sagte er: Seine Landsleute hätten ihm einfach seine Sachen fortgenommen und ihn noch dazu geschlagen wie einen Hund. Und jetzt kämen die Feinde, von denen ihm so viel Schlechtes erzählt worden sei und behandelten ihn wie einen Menschen, Das wäre doch zum Weinen, Die Nacht war nicht sehr schön. Es regnete und stürmte immer weiter, Dann wurden wir sehr oft gestört, weil sich in der Gegend viele russische Patrouillen herumdrückten. Wir mußten also öfters schießen und auch die Umgegend absuchen. Unser Wachlokal war in einer Stube, dessen Bewohner der Besitzer einer großen Flohzüchterei gewesen sein muß. Den Tierchen scheint es bei uns sehr gut zu gefallen; denn wir sind sie bis heute noch nicht los — oder es sind schon wieder andere. An Schlaf war also nicht viel zu denken. Wir füllten die Zeit mit Kaffcctrinkcn aus, den wir stundenlang und hektoliterweise kochten. Morgens um 6 Uhr rückten wir ab und fuhren direkt nach S. Das war wenigstens mal eine Stadt. Nachdem was ich in den letzten Tagen gesehen hatte, war S. direkt eine Erholung für mich. Morgens um 10 Uhr kamen wir an und hielten uns zuerst in einer Kaserne auf, wo wir noch warmes Essen von einem anderen Regiment, das gerade abrücken wollte, bekamen. Dann fuhren wir auf den Marktplatz, liier setzten wir unsere Räder und Oewehre zusammen und ließen uns von den Einwohnern begaffen. Da Sonnabend war, waren die Geschäfte fast alle geschlossen. So gut es ging, kauften wir ein, was wir brauchten, tranken Kaffee und Tee, der ganz vorzüglich schmeckte, und warteten auf weitere Befehle. Wir sollten ursprünglich die Russen, die sich ln der Nähe von S. verschanzt hatten, angreifen; aber als die Herren erfahren hatten, daß wir anrücken, verschwanden sie schleunigst. Wir blieben ungefähr 4 Stunden auf dem Marktplatz. Mindestens 20 forderten mich auf, bei ihnen zu essen. Ich hätte es gern getan, aber ich konnte ja nicht vom Platz Weggehen, weil wir jeden Augenblick auf den Befehl zum Abrücken gefaßt sein mußten. Ich habe aber trotzdem keine Not gelitten; denn die Leute haben mir einfach Essen gebracht. Da ich leider nicht alles allein aufcsscn konnte, haben meine Kämeraden mich hochgepriesen und sich gefreut, daß ein Jude unter ihnen sei. Die kleinen Jungens haben sich beinahe die Beine abgelaufen für uns. Wenn einer etwas haben wollte, haben sich zehn geschlagen um die Ehre, es holen zu dürfen. Es war jedenfalls sehr lustig und von Kricgsstimmung nicht viel zu spüren. Besonderen Spaß machte mir die Unterhaltung zwischen einem Soldaten und einem zwölfjährigen Jungen, der dem Soldaten durchaus den Begriff des ״Schabbes“ erklären wollte. Um 3 Uhr bezogen wir in einer Kaserne in S. Quartier. Die Kasernen sind sehr gut und bequem angelegt. Es fehlt einfach nichts. Betten hatten wir ja nicht zum ,Schlafen, aber auf Stroh schläft es sich ebensogut, wenn man müde ist. Gestern früh um 5 Uhr rückten wir ab. Wir wollten direkt nach S. (dem heutigen Quartier) durchfahren, wurden aber unterwegs durch russische Kavallerie aufgehalten, die wir Radfahrer erst gründlich abgefertigt haben. Um 4 Uhr kamen wir endlich an und konnten auch gleich Quartier beziehen. Ich wollte nun gern mit zwei anderen Kompagniekameraden den Gottesdienst besuchen. Als wir um 6 Uhr hinkanicn, um uns zu erkundigen, wann der Gottesdienst beginnt, kamen gerade die letzten Leute aus der Synagoge. Aus Angst vor den Preußen war der Gottesdienst schon früher angesetzt worden, damit er noch vor einbrechender Dunkelheit beendet ist. Nichtsdestoweniger wurde unser Eifer belohnt, und zwar dadurch, daß wir von verschiedenen Familien zum Essen eingeladen wurden. Die Leute, bei denen ich gegessen habe, schienen ganz wohl-

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