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Jüdische Rundschau · 1914-10-30 · Heft 44 (30.10.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 44 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 404 Nr. 44 saij■; ר.» ”.<׳;!!;! ר :׳ r r c2 י״j u in seine erschlaffte» Blut/cllen dmlringcn und ihnen neues Leben bringen. Die zusammengesunkenen, dem Verfall preisgegebenen Ciemeinden, wo verwitterte Fricdlioi'ssteine bald die einzigen Zeugen entschwundenen Lebens sein werden, werden sich mit diesem neuen Element des lebendigen Judentums füllen und mit neuer Kraft an die großen Aufgaben des wiedergeborenen jüdischen Lebens herantrete». Wie vor mehr als einem Jahrhundert durch die nach der dritten Polenteilung an Preußen gekommene» ostjüdischen Gemeinden, so wird auch heute, und in viel höherem Maße natürlich, der geschwächte Organismus des deutschen Judentums durch die gewaltigen Neuerwerbungen im Osten eine Blut- und Kruftzufuhr erfahren, die auf ihn regenerierend und verjüngend wirken wird. Was das galizischc Judentum nicht z.u tun vermochte, das ward die polnisch-litauische*) Judenheit mit ihrer schöpferischen und (nichtbaren Intelligenz, mit ihrem kraftstrotzenden, mit den nationalen Kulturwerten durchtränkten und von den höchsten und mächtigsten nationalen Impulsen erfüllten Mittelstand und ihren Volks-!nassen bald vollbracht haben: indem es sich selbst erlöst, wird es auch dem in seinen Lebenskreis tretenden, der Stagnation und Auflösung verfallenen deutschen Judentum Erlösung bringen. Was ein Jahrhundert zerstört hat, werden einige Jahrzehnte bald wieder aufgebaut haben. Leo Rosenberg. •) Das bereits von den Deutschen besetzte und in Verwaltung genommene Gouvernement S u w a 1 k i gehört zwar politisch noch zu Polen, die jüdische Bevölkerung aber ist ihrem ganzen Charakter nach durchweg litauisch. Außerdem ist besonders in den letzten Jahren die polnische Judenheit von litauisch-jüdischen Elementen stark durchsetzt worden. Momentbilder aus Rußland Die Tapferkeit der jüdischen Soldat en bildet andauernd das allgemeine Thema in der Gesellschaft und in der Presse. Beinahe die gesamte Presse widmet diesem Punkte besonderes Interesse. Die russischen Zeitungen können nicht verhehlen, daß sich die Juden als tapfere Soldaten bewähren. (Es ist bezeichnend, daß die furchtbaren Opfer bei der Belagerung von'Przemysi hauptsächlich auf die J ud cn und Polen entfielen: diese wurden als wertloses Kanonenfutter gegen die Festung getrieben.) Es ist höchst charakteristisch, daß die liberale russische Presse die Tapferkeit der d e u t - sehen Juden besonders anerkennend hervorhebt. Die russischen Zeitungen geben der Meinung Ausdruck, die große Zahl jüdischer Soldaten in Deutsch-!and, die mit dem Eisernen Kreuz, ausgezeichnet worden sind, lasse darauf schließen, daß nunmehr in Deutschland im Gegensatz zu Rußland die Juden auch zum Offiziersstand Zutritt erhalten werden, Eine Ironie des Schicksals. Wer kennt nicht in Rußland den Namen des Studenten Golubew? Vor allem den Juden in Kiew ist dieser Name nur zu sehr geläufig. Spricht man von einem bevorstehenden Pogrom, so taucht schon der Name Ooluhcw auf. Golubew ist ein 2öjiihriger Student, den die kadettischen Abgeordneten in der Duma als den ״gefährlichsten Verbrecher Rußlands" hezeichnen. Hat doch der frühere Untersuchungsrichter in Kiew, Fenc'nko, erklärt, der ganze Bcilis- Prozeß hätte nicht stattgefunden, wenn ihn nicht der Studiosus Golubew, der Führer der patriotischverbrecherischen Bande des ״Doppelköpfigen Adlers“, gewollt hätte. Die Kiewer Juden sagten, als dieser Mann zum Militärdienst ciubcrufcn wurde, dies sei das erste erfreuliche Ereignis seines Lebens. Nun erzählen die letzten Kriegsberichte folgende interessante Episode: Ein jüdischer Soldat bemerkte auf einer gefährlichen Erkundigungsstreifung in Gafizien einen gefangenen russischen Soldaten, der von zwei österreichischen Soldaten abgeführt winde, und befreite ihn. Als er vor der Hauptwachc erschien und vom Kommandanten den Dank erhielt, stellte cs sich heraus, daß der Gerettete kein anderer als der Student Golubew war. ־— Ob nicht der nunmehr nach Kiew zurückgesandte verwundete Oo 111bew, den die Tapferkeit des jüdischen Soldaten befreit hat, seine Muße zu Pogromvorbercitungcn verwendet? Wie tragisch ist das jüdische Schicksal! * Die schwerste Tagessorge der russisehen Juden besteht gegenwärtig in der Frage der jüdischen Massenflucht aus den durch den Krieg zerstörten Oi!z.i. ],י ir Oo;u:i1;di11׳ in Pulen, wie e ,u .! in L! i, uci! 1.,'i!11 m, I ihhI Gut zurück!:, c;::!, L;״,: czj.reii,׳u. Die Stadt Minsk ist von T'!.;.t:1 ־״n liUuai überfüllt, ebenso kamen iiaeh ib'e.a-i.itowsk, Wiiua und Kowuo zahlreiche Flüchtlinge aus Polen. Die jüdischen Oemeiiulen legen die grüßte Opfcrfrcuiiigkcit au den Tag; .sämtliche Synagogen, Schulen und sonstigen jüdischen Gemeinden.';״;.״ werden als Wohnstätten für die unglücklichen Flüchtlinge eingerichtet. Viele jüdisciie Gemeinden au bei I salb des Ausiedlungsrayons, die vom Kriege so gut wie gar nicht betroffen sind, wandten sich telegraphisch an die schwer belasteten Gemeinden mH der Bitte, einen Teil der Flüchtlinge an sic zu verweisen. Dieser gute Wille und diese Bruderliebe der russischen Juden muH aber an der B a r h a r e i d c r r » s s i s c 11 c 11 Wohnrechtsgesetzt* zerschellen, die auch in diesem Fall ihren Charakter nicht verleugnet. Es kam soweit, daß sich seihst die antisemitischen Magistratsverwaltungen in Alinsk und Wilna an die Regierung mit der Bitte gewandt haben, den Flüchtlingen die Reise nach Städten außerhalb des Ansiedlungsrayons für die Dauer des Krieges zu erlauben. Aber der Zarismus hat seine Gesetze! Wohl hat der Zarismus ein ״Opfer“ gebracht, indem er gestattete, daß von der Aus- Weisung bereits ansässiger Juden vorläufig abgesehen werden soll; den Aufenthalt neu cinwandernder Juden — der Flüchtlinge nämlich — könne er jedoch nicht gestatten! * Auch die französischen Zeitungen sehen sieh nachträglich veranlaßt, von der Gnade des Zaren für die ״lieben Juden“ z.u berichten. Es handelt sich offenbar um die Londoner Entennachrichteil, die dort nunmehr nicht einmal widerlegt werden dürfen. Der russische Botschafter in New York aber, dem ein gewisses Maß von Offenherzigkeit nicht abgesprochen werden kann, hat endlich allen diesen Gerüchten ein jähes Ende bereitet. Die gesamte jüdische i,resse in Amerika beschäftigt sich mit den jüngsten Erklärungen des russischen Vertreters in den Vereinigten Staaten. Auf die Frage der Journalisten, oh die J11 d e n f r a g c einen Punkt a u f d c r Tagesordnung der zukünftigen F r i e - d c 11 s v e r h a n d 1 u 11 g e 11 bilden werde, erklärte der Botschafter ganz entschieden und jin Namen seiner Regierung, daß hiervon gar nicht die Rede sein könne. Die Jiidenfrage habe mit den Friedensangelegenheiten nichts zu tun. Auch gebe die russische Regierung nicht die geringsten Garantien. Der Botschafter erklärte, daß nach einem für Rußland siegreichen Kriege der Zar w a h r s c h c i n I i c h cs sich nicht entgehen lassen werde, auch seinen ״lieben Juden“ sein warmes Interesse zu bekunden. Die jüdische Presse in Amerika faßt diese Erklärung des russischen Botschafters als eine indirekte Antwort auf die Versprechungen des Herrn G r e y auf, wie sie Herr Israel Za ng will der Ocffcntlichkeit übermittelte. Die Versprechungen des Herrn Grey an Zangwill wurden in dem Sinne verstanden, daß die Judenfrage beiden Fricdcnsvcrhandlungcn vorgebracht werden solle. Dagegen wehrt sich die Erklärung des russischen Diplomaten entschieden. Keine europäische Konferenz, sondern ausschließlich d i e Gnade des Zaren soll darüber ״später einmal“ zu entscheiden haben. * Unser zionistisches Bruderblatt, der ״R a s w j e 11“ in Petersburg, erscheint regelmäßig in verstärkter Auflage. Es ist interessant, daß ungeachtet der kriegcrischcn Ereignisse die geistigen Interessen des nationalen Judentums nicht nachlassen, Wohl haben die meisten zionistischen Ortsgruppen schwere Lücken durch Flüchtlinge und Einberufene aufzuweisen, ln allen Gemeinden aber werden die größten Anstreugirngcn gemacht, die hebräischenScliulen nach Kräften zu erhalten, wobei die Zionisten eine große Rolle spielen. Daß die Anhänglichkeit und das lebhafte Interesse au Palästina nicht nachiassen, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Auf Initiative der Zionisten finden Sammlungen für p a - 1 ä s t i 1! c n s i s e 11 c Institutionen statt; vornelimiich werden für diesen Zweck Spenden beim Thora-Aufruf am Sabbat gegeben. Gegenwärtig wird in zionistischen Kreisen die Frage erörtert, weiche Maßnahmen rechtzeitig für die bevorstehende M n ss c 11 c m i g ra t io n der russischen Juden zu treffen seien. Es hemcht allgemein die Ueberzeugting, daß es durch die wirtschaftliche Zerstörung ganzer Gemeinden in einer Reihe von Gouvernements vielen Tausenden Juden unmöglich sein wird, sich wiederum in ihren alten Wohnstätten cinzurichten. Jedes Zerstörungswerk des Zarismus hätte seit Jahrzehnten eine Masscnemigratian von Juden zur Folge gehabt. Es sei gar keine Frage, daß, sobald wieder geordnete VcrkchrsvcrhäliiiisKi: zu Wasser und 21! Lande eintreten, ein noch nie (!.׳!gewesener Emigrationsstrom nach den Vereinigten Staaten beginnen werde. Man spricht daher in gewissen Kreisen davon, daß bei den zukünftigen Friedensverhandlungcn die Vertreter der Vereinigten Staate n von Amerika mit bestimmten Anträgen kommen werden, * Der Pderditirger Korrespondent der ״Guerre soclalc" schreibt seinem Blatte: Nachdem im gegenwärtigen Kriege jüdischrussische Soldaten heldenhafte Taten vollbracht hatten, erwartete man die Bewilligung irgendwelcher Rechte an die Juden. Nichts ist in dieser Hinsicht gcscliehen, ln dem Zuge, in dem sich am 10. August auf der Reise nach Moskau der Zar mit seinen Ministern befand, wurde die Judenfrage besprochen. Der Kriegsministcr General S u c!1 o in 1 i no w war für die politische Emanzipation der Juden, die Minister Kasso und S c 111 s c 11« g I 0 w i t o \v waren dagegen. Das Manifest des Zaren aber blieb stumm über die Frage. Seit einigen Tagen beginnt die nationale Presse Petersburgs von neuem eine a n t i s e in i t i s c h e Propaganda. Minister Kasso hält alle Willkürliehen und einschränkenden Maßnahmen gegen jüdisciie Studenten und Schüler weiter aufrecht. Der Minister des Innern, Maklakow, befahl den Gouvcrncuren, die Juden im Ghetto zurückzuhalten. Nach der ,,Rjetsch“ werden jüdische Frauen und Kinder, die aus den vom Feinde überschwemmten Gebieten geflohen sind, wieder zurückgcschafft, während ihre Männer und Väter sich zu Tausenden in den Kämpfen töten lassen. * Aus dem Feldpostbriefe eines österreichischen Feidrnbbincrs geh! hervor, daß in einer seither von österreichischen Truppen besetzten Stadt die Russen die dortigen, zum Nachmittagsgebete versammelten Juden erschossen und den Vorbeter erhängt hatten. Der Brief besagt hierüber: ״. . . Tief ergreifend war cs, als wir am 2. d., zwei Tage nach dem Ver* söliuungsfestc, in einer russischen Stadt anlangten, wo die zum Naclunittagsgebcte versammelt gewesenen Juden erschossen, der Vorbeter erhängt worden war. Die überlebenden Juden ersuchten mich, wegen des rituellen Begräbnisses der Hingerichteten zu intervenicren, das von unserer Militärbehörde ohne weiters bewilligt wurde.“ Professor Jacob Barth gestorben Geheimer Regierungsrat Professor Dr, Jacob Bart 11, außerordentlicher Professor an der Universität Berlin, ist am 24. d. M. nach kurzem schweren Leiden im'Alter von 65 Jahren gestorben. Er lehrte an der Berliner Universität seit Jahrzehnten semitische Philologie, insbesondere Arabisch, und war ein Orientalist von Weltruf. Von den zahlreichen Werken, die er herausgegeben hat, sind zu inennen: ״Die Nominalbildung in den semitischen Sprachen“, eine als grundlegend anerkannte Schrift, ״Wurzeluntcrsucliungcn zum hebräischen und aramäischen Lexikon“, ״Etymologische Studien, sprachwissenschaftliche Untersuchungen“. Professor Barth war ein Schwiegersohn Rabbi Esricl Hildes- 11 e i m e rs, des bekannten Vorkämpfers des gesetzestreuen Judentums in Deutschland. Er gehörte zu den führenden Männern der Berliner Adass Jisrocl-Oetneinde und war auch Dozent an dem von seinem Schwiegervater begründeten Rabbinerseminar. Aus seiner Lehrtätigkeit an dieser Anstalt gingen u. a. die Schriften ״Beiträge zur Erklärung des Buches Hiob" und ״Beiträge zur Erklärung des Jesaja“ hervor. Unsere geschätzten Gesinnungsgenossen Lazarus Barth, früherer Vorsitzender der Berliner Zionistisehen Vereinigung, Arnold und Leo Barth-- letzterer zurzeit im Felde — verlieren in dem Heimgegangenen ihren Vater, unser Gesinnungsgenosse Rabbiner Dr. Arthur Lcvy ebenfalls auf den! Kriegsschauplatz als Feldgeistlicher tätig — betrauert in dem Verewigten seinen Schwiegervater. Ein besonders tragisches Geschick hat cs gefügt, daß kurz vor dem Tode des Professors Barth sein Sohn, unser treuer Gesinnungsgenosse, der Unterarzt Dr, Heinrich Barth, auf dem Kriegsschauplatz fiel, nachdem er erst wenige Tage vorher, wie wir in der vorigen Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ berichtet hatten, mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war. Dr. Heinrich Barth war Vorstandsmitglied der Berliner Misrachi-Gruppe, — Wir sprechen der so schwer heimgesuchten Familie Barth unsere herzlichste Teilnahme aus. Die Beisetzung von Geheimrat Jacob Barth fand am 26. Oktober yn! 11 Uhr auf dem Friedhof der Adass-Jisroel-Gemcindc statt. Etwa 500 Personen füllten die Trauerhallc, um nach dem Gesang des Hazur t o in i m poolau den Worten zu lauschen, in denen Rabbiner Dr. Esra Munk ein Bild von dem Dahingcgangcnen entwarf, der im Glauben und in der Wissenschaft ein Held und Streiter war. Nachdem sodann der Rektor des Rabbinerseminars, Herr Dr. David H o f f!n a 11 n, die wissenschaftliche Tätigkeit des Verstorbenen und ihre Bedeutung gewürdigt hatte, 4>

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