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Jüdische Rundschau · 1914-10-30 · Heft 44 (30.10.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 44 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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r 1 I I Abonnements c ר׳ •ui die wöchentlich 11m Freitag׳ er- I scheinende ״Jüdische Rundschau“ | koftlcn bei der Expedition und bei; eilen Postämtern vierteljährlich 1,50M., außerhalb Deutschlands und Oesterretch-Ungarns 2,— M.j für Mitglieder jüdischer Vereine im SotnmelUcsug durch den Verein 1,— M. JtSdliclis RumXüdintx, 0• m. b, H, BERLIN W. 15, Sächsische Straße 8. Telephon( Amt Ultlsnd 84S, 816, 863, PoiUcheckkonto! Berlin Nr. 17 392. c r־ -J /*“’Wk X״ Anzeigen kaaUn für die *rth igespaUene Petitzeda oder deren Raum 40 Pf.ן Steile!»- Angebots und *Gesuche •owie Vereins- MitUilungco und «Klein• Anzeigen* 0 0 0 0 nur 30 Pfennig. O O O O Msnuskripte werden, wenn Portobeilieft, •Uta lurückgesandt Redaktionsschluss Mittwoch vormittags. RetlaMfoi» JÜdlath« Rußdidiaa m-ULIN W, 15, SSrhsUche Straß« I. Telephon! Amt Uhlsnd 345, 846, 863. Po.Uch.ckkootoi Berlin Nr. 17392. -־>, ps rs * ׳■■ cJ 'ivi 'x Nummer 44 yJV. mU י*/;J / L.. f* i^'IA i m* "׳,i,*’ %,j *» J| *s C4iK ח c~3 רן Lj Liil y '0 v 3 XIX. Jahrgang. Die Wirklichkeit von E10r?{en Noch ist das Zünglein an der Wage der Weltgeschichte bedenklich im Schwanken begriffen, noch hat das welthistorische Ringen seinen Höhepunkt nicht überschritten — und doch rücken bereits die schicksalsschweren Folgen der gewaltigen Ereignisse dem menschlichen Gesichtskreis immer näher. Mag auch den westliehen Feinden Deutschlands das Allerschlimmste erspart bleiben, mag es ihrem verzweifelten Widerstand vielleicht auch gelingen, dem Zusammcnbruch durch die mit Elementargewalt 11eranbrechende ״Sturzwelle“ zu entgehen --:dort, wo dieser ungestüme Kampf tun Macht und Gewinn zugleich ein Kampf für der Menschheit heiligste Güter ist, — dort, wo die Opfer ihres Vaterlandes auch Blutzeugen der Kultur sind, — auf den östlichen Schlachtfeldern geht der Urteils- Spruch der Weltgeschichte, die diesmal auch wirklich Weltgericht ist, wie wir alle Zuversichtlieh hoffen, recht bald seiner Vollziehung ent* gegen. Nachdem, bei Tannenberg, die besten d’ie^rführer und die besten Mannschaften des Zarismus so schmählich versagt haben, wird diese Geiliel der gesitteten Menschheit hunentlicli nicht lange mehr das Haupt erheben. Die Macht und Widerstandsfähigkeit dieses ״Kolosses auf tönernen Füßen“ ist durch die bisherigen Niederlagen und die Besitzergreifung wichtiger polnischer Gouvernements durch die verbündeten Heere in diesem wirtschaftlich und politisch ausschlag- ' gebenden Teil des russischen Reiches so gut wie gebrochen. Polen wird der völkerwürgenden moskowitischcn Macht w׳ohl für immer entrissen werden. Weiches Schicksal nun diesem Lande in der Zukunft auch beschieden sei» mag, wie und in welchen Richtungen seine politische Ncugestaltung vor sich gehen wird — nur kurzsichtige und an der Oberfläche der Erscheinungen haftende Betrachter können glauben, daß von der Lösung dieser Frage nur das künftige staatsbürgerliche Schicksal der etwa zwei Millionen Juden Polens abhänge. Der außerordentlichen Bedeutung und Tragweite dieser Frage würde zwar auch dann kein Abbruch getan, wenn es sieh tatsächlich so verhielte. Allein dem ist nicht so. Die künftige politische Gestaltung Polens und die daraus erwachsende Nodwendigkeit einer Neuorientierung der Verhältnisse im polnischen Judentum werden von entscheidender Bedeutung 'sein auch für die Richtlinien der Inneren Entwicklung des deutschen Judentums in der Zukunft. Mögen sich die staatsrechtlichen Verhältnisse in Polen nach einem Sieg der beiden Zentralmachte wie immer gestalten, eines erscheint sicher: Das Land, das seit Jahrhunderten eine westeuropäische Interessensphäre ist, wird aus seiner künstlich geschaffenen und gewaltsam erhaltencn Isoliertheit heraustreten. Daß aber der so geschaffene wirtschaftliche und politische Kontakt zwischen Polen und Westeuropa sieh über kurz oder lang auch zu einer höheren Kulturgemcinschaft auswach sc n muß, das ist jedem wirklichen Kenner der Verhältnisse von vornherein klar. Das welthistorische Verbrechen, das an diesem Land und Volk'begangen wurde, das nicht so sehr in der Aufhebung seiner politischen Selbständigkeit besteht, als in der Auslieferung seines fj):7 ”'on'׳.xn$ erstrebt für da» Jfte!?v.'.i'.c Vo1’; L ie f ׳,.*.:rGVua* e'ner offen!« Ilc’a-ree/Cic!» gesicherte*» Hcinuißtte In PaLteliaß." Dossier Programm. bei weitem größten und wertvollsten Teiles an das Halbasiatcntum, wird dann gesühnt sein. Am Tage aber, wo die Schranken zwischen Polen und Europa gefallen sind, wird auch über die tiefe Kluft zwischen dem Ost- und West- Judentum eine Brücke geschlagen werden. Der verhängnisvolle Antagonismus zwischen diesen beiden wichtigsten und wertvollsten jüdischen Volksclcmciiteii wird dann bald dahin sein. Nicht etwa, daß die unzweifelhaft vorhandenen, wenn auch sekundären und vorwiegend durch äußere Faktoren bedingten Gegensätze und divergicrendeu Tendenzen bald eine Nivellierung und Ausgleichung erfahren werden, sondern ihre bisher negativen Wirkungen werden auf dem Wege gegenseitigen Verstehens und gegenseitiger Ergänzung aufgehoben und vielmehr in höchst nützliehe und fördernde umgewandelt werden. Die schleichenden Gegensätze und Divergenzen zwischen Ost und West werden dann unverwandt in ein akutes Stadium treten, dem eine heilsame Krisis folgen wird. Von der unabwendbaren Ent- Scheidung wird das künftige Schicksal des deutsehen Judentums abhüngen. Denn es war das größte Unglück des deutsehen Judentums, daß es den belebenden und befruchtenden Kontakt mit den jüdischen Volksmassen verloren hat. Dieser innere Kontakt mit dem üesüintjiidentum, der ein lebendiges Verlinltuis zu den Volkswerten zur Folge hatte, bestand tatsächlich bis auf die ״Emanzipation“. Noch aus den vergilbten Blättern der״Meassfim“, dieses merkwürdigen, national-assimilatorischen Zwittergeschöpfes, wellt uns ein frischer Hauch jüdischer Volkstümlichkeit entgegen. Noch galt das schlechthin Jüdische als das *Primat des individuellen und sozialen Seins. So bildete das gesamte europäische Judentum bis zum Ausgang des IS. Jahrhunderts eine Kultureiuhcit, und die politischen Schranken vermochten diese ebensowenig zu gefährden wie die Rasseneinheit. Es war ein inniges, organisches Verhältnis der Wechsel- Wirkung und die Gleichartigkeit der psychischen Grundclcmente, die die verschiedenen jüdischen Volkselemente zu einer höheren 'Gesamteinheit verschmolz. Mit der Emanzipation ist das Band, das das deutsche Judentum mit dem jüdischen Gesamtleben verband, gewaltsam zerrissen worden. Damit war der Lebensnerv des deutschen Judentums getroffen. Ein großer Teil des jiitlischcn Volkes wurde einem fremden Entwicklungsgesetz unterworfen. Er wurde in eine fremde Entvvicklungsbahn gedrängt, in der er sich nicht entwickeln, sondern immer mehr verwickeln mußte. So war die innere Knechtung der Preis, mit dem das deutsche Judentum seine äußere Freiheit bezahlen muflie. Die ganze weitere Geschichte des deutschen Judentums ist ein unentwegtes Fortschrcilen auf der abschüssigen Bahn der Isolierung und Entfremdung vom jüdischen Gesamtleben, die auch zu einer Entfremdung vom Judentum führen mußte. Es gab keinen Halt mehr, nachdem es vom Urquell der jüdischen Kraft abgeleitet wurde. Die Schöpfer der Emanzipation, die von vornherein von der Erwägung und der Erwartung geleitet wurden, die Juden würden ihre Erkenntlichkeit durch einen völligen Verzicht auf ihr Eigenleben zum Ausdruck bringen*), sorgten auch später durch geeignete Absperrungsmaßregeln vorzüglieh dafür, daß in der Isolierungsmauer, mit der man das deutsche Judentum umgab, durch den Zustrom ostjüdischer Elemente keine Bresche geschlagen wurde. So war dieses Judentum vor den Einwirkungen des großen jüdischen Volkslebens jenseits der Grcnzpfähle geschützt, von dem jüdischen Kraftzentrum abgeschnitten. So waren die ursprünglich polnischen Eandcsteile Preußens, vornehmlich Posen, in denen noch bis vor wenigen Jahrzehnten ein jüdisches Volksleben pulsierte, das einzige Reservoir, aus dem das allmählich verarmende deutsche Judentum seine besten Kräfte schöpfte. Alles, was am deutschen Judentum wahrhaft groß und schöpferisch war, jüdisch groß und jüdisch > schöpferisch, ist von Männern geschaffen, deren Wiege auf östlichem Boden stand. Aber diese Quelle war bald erschöpft. Aus Xions und Filchnc kommen keine Grätz׳ und keine Lazarus׳ mehr, aber auch aus Proßnitz und Eiwanowitz keine Steinschneider und keine Karpclcs. — Als nun unsere nationale Idee in Deutschland aufkam und die besten, lebenskräftigsten Elemente der deutschen Judcnhcit sich in den Dienst einer Bewegung stellten, die die Wiedergeburt des Judentums auf ihre Fahne schrieb, ist man sich in immerhin sehr beschränkten Kreisen allmählich darüber klar geworden, daß der kranke, entnervte Organismus des deutschen Judentums nur aus dem unversiegbaren Jungbrunnen des jüdischen Volkslebens neue Kraft zu schöpfen vermag. Daß aber auch unsere nationalen Kreise den rettenden Anschluß au das Ostjudentum bis heute nicht gefunden haben, liegt nicht nur an subjektiven Unzulänglichkeiten, an dem Mangel an ernstem Streben und Wollen, sondern ist vor allem in äußeren Umständen begründet. Die herrschenden Assimilationskrcise, die die große Partei der am Judentum Uninteressierten — die überwiegende Mehrheit der deutschen Juden — unbestreitbar auf ihrer Seite haben, wohl wissend, daß die Isolierung des deutschen Judentums die unumgängliche Voraussetzung für das Gelingen ihrer Sclbstvcrnichtungspläne ist, haben die verzweifeHesten Anstrengungen gemacht, um sich diesen gefährlichen Geist des Ostjudentums vom Leibe zu halten. Durch die skrupellosesten Machenschaften ist es ihnen auch tatsächlich gehingen, die wenigen in den jüdischen Gemeinden Deutschlands bereits vorhandenen ostjüdischen Elemente auf die Dauer kaltzustellen. Es wird jetzt anders. Die ehernen Schranken, die Jahrhunderte Ost und West voneinander trennten, fallen, ja, sind bereits gefallen. Polen wird, wozu es bereits seit Jahrhunderten bestimmt war, ein integrierender Bestandteil Westeuropas, in enger, unzertrennlicher Gemeinschaft mit Deutschland und Oesterreich. Auch das polnische Judentum, dieser wertvolle Teil des Ostjudentums', wird, in den europäischen Kulturkreis tretend, seine Rechte und seine Kraft geltend machen. Mag sich der degenerierte, abgelebte Körper des deutschen Judentums noch so sehr gegen den Eindringling sträuben und wehren: die neuen kraftstrotzenden Elemente werden *) Wer daran zweifelt, der lese es bei Fried« rieh Pauiscn, System der Ethik, IL, S. 262, nach. Es dürfte hier, wie öfters, die in den maßgebenden Kreisen herrschenden Ansichten zum Ausdruck bringen.

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