Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1914)
- Date
- 1914-10-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 398 sti'iieni soll. Da die zionistische Bewegung in Wist- Österreich auf eine festgefügte Organisation mul ein jrut funktionierendes Büro, ebenso auf eine grolle Anzahl freiwilliger Hilfskräfte (Aer/te, Studenten usw.) rechnen kann, so konnte sie natürlich 'rascher und ausgiebiger arbeiten, als die Komitees, die sich erst neu konstituieren. Das zionistische Zentralkomitee für W'estösterreicli hat auch fast seine ganze Tätigkeit in den Dienst dieser Hilfsaktion gestellt. Diese I lilfsaktion konnte sieh schnell die allgemeine Sympathie der jüdischen Bevölkerung erringen, da die Tendenzen des sogenannten B i 1 i n s k i k o!11 i t e e s und der von der Kommune eingerichteten Zentralstelle nicht tmbekannt blieben. In kurzer Zeit ist es dem zionistischen Zentralkomitce für Westösterreich auch schon gelungen, durch seine zielbewußte Arbeit die Zentralstelle selbst zu veranlassen, mit der zionistischen Organisation Voreinbarmigen zu treffen und ihr gewisse Zweige der Fürsorge zu überweisen. So wird von zionistischer Seite der für die Flüchtlinge änderst wichtige und segensreiche Bahnhofsdienst ganz allein hesorgt. Zionistische Arbeitskräfte sind in der Wobmmgsi'iirsorge und in der Spciscaktiou tätig; diese Zweige der Fürsorge wurden im Einvernehmen mit der allgemeinen Zentralstelle abgegrenzt. Eigene Aktionen des zionistischen Bureaus sind die Sammhingen von Geldern für die verschiedenen Fürsorgezweige, die Vermittlung von Freitischen und eine Brockensammhuig, die den reichsten Zustrom von Materialien unter allen Sammelstellen aulweist. Von der Zentralstelle wurde ferner das offizielle Rechtssclmtzburemi, das Beziehungen zum Ministerium des Innern und Justizministerium hat, im Zionistischen Zentralbureau, Wien II, Zirkusgasse 33, etabliert. Eine Anzahl von Wiener Rechtsanwälten ]tat sich diesem Rechtssduitzhurcau zur Verfügung gestellt. Ferner plant das Zeiitralbureau, durch ein Ambulatorium und ärztlichen Fiirsorgcdicnst der drohenden Gefahr einer Epidemie unter den in schlimmen hygienische» Verhältnissen lebenden Flüchtlingen entgegen/uwirken. Von welcher Bedeutung diese Tätigkeit ist, ergibt sich von seihst. Alle Lokale, die für die Unterbrmgung von Flüchtlingen eingerichtet worden sind, die Speiscliallcii usw. sollen einer sorgfältigen hvgieirischen Bewachung unterzogen werden. Ebenso hat das Zcntralburcau sein Augenmerk auf die Begründung von Kinderhort e n gerichtet, in denen die Kinder der Flüchtlinge unter guter pädagogischer Aufsicht stehen werden. Selbstverständlich können alle diese Aktionen nur einen Teil des großen Elends lindern, das die Kriegscrciguissc über die ohnedies durch schwere vvirtschaftlichc Krisen bedrückte jüdische Bevölkerung Galiziens gebracht haben. Um so notwendiger ist es, dal! das Nation;iljudentum sich mit aller Energie der Stammesgenossen anuimmt, auf die die Last des Krieges am schwersten drückt. * Hilfskomitee für die galizischcn Juden in Amerika Amerikanischen Blättern zufolge sind in einer grollen Anzahl dortiger jüdischer Gemeinden i lilfskomitees für die galizischcn Flüchtlinge gebildet worden. Ein großes Massenmeeting der galizischcn Juden ■in New York fand in der Mageil Abraham- Synagoge statt. I)ie Komitees sollen bereits über gröbere Summen verfügen, die den galizischcn Juden, die durch den Krieg in Not geraten sind, zugute kommen sollen. Die jüdische!,resse in Amerika unterstützt die Bestrebungen dieser Komitees, und es sind Aussichten vorhanden, dalf die Aktion sehr erfolgreich sein wird. * Jüdische Flüchtlinge aus Galizien in Mähren In mehreren kleinen Städten von Böhmen und Mähren sind grobe Scharen jüdischer Flüchtlinge aus Galizien eingetroflen und untergebracht worden. Eine dieser Städte ist Nikols bürg. Dort sollen in Barackenanlagen 6000 jüdische Flüchtlinge untergebracht werden. Diese Baracken sind teils aus Holz, teils aus Ziegeln errichtet, enthalten Sehlafniumc, Küchen und Waschraume. Außerdem ist für Desinfcktionsriiume, für eine Venvaltungskanzlei, Vorratsräume usw. gesorgt. Am 11. Oktober wurden die Barackenanlagen vom Minister des Innern Dr. Freiherrn von Ffeinold und dein Statthalter Dr. Freiherr von BI e y I c b c 11 besucht. Aehuliche Baracken sind unter anderen auch in Pohrlitz und Gaja im Bau. In jüdischen Kreisen denkt man daran, jüdische Handwerker zur ständigen Niederlassung in den jiidischen Gemeinden Mährens zu bewegen, wo sic vielleicht eine dauernde Existenz finden könnten. ¥ Pohrlitz, (Mähren). Das Hilfskomitee für die hier weilenden galizisch-judischen Flüchtlinge versendet folgenden Aufruf; Namenloses Weh hat der Krieg über unsc galizischcn Brüder gebracht. Sie haben ihr ohnedi uurft'gcs Hab und Gut im Stiche gelassen und dur rasche Flucht bloß das nackte Leben gerettet. D JU %. , 1 I A U Nr. 43 Eii:sorge 11;:; S:.r\ ־ -׳> i;!:J 1 :;;;'11 daraui, ie in Malireu und Böhm.;1!,..Sa :10 v.siül 11 Pohrlitz. (»tiüü d i c 1• r 11 i! g I ti c!. 11 c 11 e 11 z 11 g e w i e s e 11. Diu staatliche Für, .v,׳e 0 :ent aber nirliv aus; hier sind sofortige!>.!v,A .0 ׳;,Ar tiF;:g״nd geboten, um die Aeriii'.R■;) via' . und Fade zu rclmt/cu. Unsere K ihm :um-, i ׳׳le t״• .(:bloß eine für ihre Verhältnisse uamhui'tu!,!•!;>« zu spenden, um dem schrecklichen llle.h.e für der. zu steuern. Die lurclitbare Noilsge wild .:';er dadurch wenig gealliiert. DaF.er bilteii wir i׳.den Menschenfreund, jeden Iude 11 her/lichst 11; th seinen Kräften um Mithilfe. Die kleinsten 1!-ar״.;e va.aui t;:: 11!.ei.d angenommen. Außer üeldspeiuU:! sind aueli (iahen an Kleidimgsstücken, Wäsche, vor allem warmen Decken, dringend geboten. Für das Hilfskomitee: Hermann Schnabl, Kultusvorsteher. Spenden sind an Herrn Hermann Schnabl, Kultiisvorsteher in Pohrlitz, (Mähren) zu senden. (Postsparkassenkonto Nr. 120 16(».) A׳*ra322r Erle! Zweieinhalb Monate Krieges I Unsere Kreise sind sehr eng geworden! Unsere Besten sind im Kriege, um gegen den Zarismus zu kämpfen. Dr. Alexander L i c 111 befehligt als Leutnant einen Zug. Unser Gesinnungsgenosse steht seit 2״',י. Monaten stramm und treu hei seiner Truppe. Möge er gesund und siegreich heimkehreii! Auch seine beiden Brüder Emil und Adolf sind seit dem ersten Tag im Felde. Alfred Singer, unser Reh — wie ihn alles nennt — dient als Fähnrich. Verwaist ist durch die Abwesenheit Dr. Lichts und Singers unsere Bewegung, eingestellt unsere Monatsschrift, die ״Zidovska S ui o t r a“. Dr. Kart Z iv i c b a c k , der Gründer und die Seele unserer Tumcrschaft, kämpft als Leutnant in Serbien. Dr. Marko Iforn, der Sekretär unserer Organisation, ist Leutnant in unserem Heer gegen Serbien. Dort kämpfen auch unsere Gesinnungsgenossen Milan Kastl, David Herzog — schon verwundet —, Richard Ne 11 in an 11 — verwundet —, Vlatko i)cut sch, Dr, Marko Lei tu er, Dr. Robert R 0se n b erg, Ingenieur Philipp Rosenz vv e i g. Gefallen sind unsere braven Gesinnungsgenossen Leo W o i t i t z , S c h I e 11 g er, BI ii h w e i ß, li c r gstein. Slavko Deucht kämpft in Galizien. Unser Gesinnungsgenosse Leutnant Weber ist in Galizien verwundet worden, doch zieht er wieder ins Feld. Viele, viele Juden aus den südslawischen Ländern der Monarchie stehen im Fehle. Sie vertrauen, und wir Zurückgebliebene» mit ihnen: der Moskowiter Barbarei Lude muß und wird cintreten. Daheim unsere Juden tun ihre Pflicht, nirgends fehlen sie. Möge jetzt einer, wo Taten sprechen, unseren Patriotisimis bezweifeln! Durch den Krieg ist leider unsere ruhige Aufbauarheil gehemmt. Wir haben leider für die eigene Sache jetzt die Leute nicht, und die Dalieimgcbliebenen, wenige bloß, werden auch ganz absorbiert. Aller Augen blicken jetzt voll Erwartung auf Amerika, Holland, Italien, die neutralen Länder, und erwarten von den dortigen Gesinnungsgenossen alle Anstrcngungen, auf daß unsere Bewegung auch aus dieser Krisis heil davonkommf. Mein kleiner Freund Bogdan Weiß, dessen Vater auch Soldat ist, dessen Onkel Slavko Deucht in Galizien kämpft, verrichtete große Arbeit; er überbrachte mir voll kindlicher Zuversicht gesammelte 23 Kr., daß sie in Palästina unserer Sache dienen möchten. ln dieser schweren Zeit hat die Menschheit, scheint cs, eine besondere Brüderlichkeit umwunden, und wie die frierenden Kameraden im Felde einer den andern an seinem Körper wärmt, so ist jedes Einzelnen Arbeit auf Gemeinschaft gerichtet. Mögen Sic diesen Bericht als kleinen Beitrag zu unserer Kriegsclirouik cnfgcgcnnclimcn und ihn nach eigenem Ermessen verwenden I Mit Zionsgruß Hermann Licht. tiWI 13ß .lallre alt, Rio mm Lemberg hierher gefluchtet, ist, wird Stilhui״ als «A, ..;j י י"..,, ן| A . ...... ti.S '־ .:vj 4tO » 1 i* gesucht. Sie v.urhmgi! Jahre in ähnlichen Stellungen tätig uml ist mit allen Kimtorarbuiten vertrant. Hli'iCbs-o* Vcrclr.!'■; äot Zionistischen für Deutschland. Zu Zatigwills Aufruf Prcsscstimmen. Der Frankfurter ״Israelit“ bespricht an leitende) Stelle seiner letzten Nummer das neueste politische Auftreten Israel Zatigwills, der bekanntlich das Versprechen Sir Edward Greys, ״die Emanzipation der r11׳;mischen J!!den zu ermutigen“, als einen Wendep ti 11 k t in der Geschichte der russischen J ti d c 11 und als eine feste politische Basis be/eidinet hatte. Hierzu bemerkt das genannte Blatt; ״Wer Zangwill kennt . . . wird diese rührende Epistel nicht gerade tragisch nehmen. Wie oft hat Zangwill schon den ״Wendepunkt“ und die ״feste Basis“ entdeckt und in den gleichen hohen Tonarten besungen! . . . Teilnehmer der ersten Koifgresse wissen noch, welch harte Worte edler Entrüstung die ״absolut trost- und h o f f 11 u 11 g s I o s e Lage in Rußland“ dem Dichter abrang, Dann kam der neue ״Wendepunkt": Die ad hoc geschaffene ״J e w i s 11 Territorial Organisatio 11“, die freilich die ״feste Basis“ mindestens alle zwei Jahre wechselte. Sie hieß in der Folge: U g a 11 d a , C y r c n a i c a , M e s o p o t a 111 i e n , zuletzt A n g <> I a. Nun, da im mämtermordenden Kriege die Musen verstummen und sieh ein neues Gohisland nicht erdichten läßt, so ,,erhebet sieh der Dichter“, wie ein Freiligralh sagen würde, ״auf eine höhere Warte als auf die,Zinnen der Vartci“. Was ist noch Zionismus, was ist lto, was Angola? Namen, Schall und Rauch. Der ״Wendepunkt“ ist da, die ״feste Basis“, i n Rußland selbst. Der Zar liats seinen ״lieben Juden" versprochen. Und Edward Grcy wird un* seres Rechtes treuer Hüter sein. — Das ist türwahr alles nicht aufregend. Man־, . . stellt schon im Stillen Vermutungen über den ״neuen Wendepunkt" des nächsten Jahres an. Nähmen w i r Zangwill ernster als er sich selbst nimmt — von seinen bekannten Witzchcii und Matzeben kann er auch bei dieser Gelegenheit nicht lassen — wir würden ihn kurz, an all die ״günstigen Gelegenlieiten zur Ermutigung der Jiuleiieinan/ipation in Rußland“ erinnern, die Herr Grcy immer geflissentlich versäumt hat, . . . Allein nicht darauf kommt es uns au. Ungleich wichtiger ist es zu beobachten, welche Aufnähme der Zangwillschc Appell in den Kreisen gefundeii hat, an die er sich in der Hauptsache wendet. Nun, soweit sich die öffentliche Meinung in der amerikanischen P r c s s e ahspiegclt; Ab- Weisung׳, Protest und kühles skeptisches Kopfschütteln. Die amerikanische Judeiiheit ist praktischen Sinnes genug, lim die Redensart eines in einer kritischen Lage sich befindenden Politikers richtig ciiizuschätzen." Zu dem gleichen Thema äußert sieh das ״Frankfurtcr Israelitische Familienblatt“! ״. . . Alle Bedeutung Zatigwills als Schriftsteller in Ehren, ein kluger Politiker war er nie gewesen, und politische Versprechungen zu verstehen, darin bestand niemals seine Stärke. Die Rolle Zangwills als jüdischer Politiker war stets eine unglückliche gewesen, so unglücklich, daß sie in letzter Zeit geradezu lächerlich zu werden begann. Die Art und Weise seines Ausscheidens aus der zionistischen Bewegung, seine Tätigkeit als Präsident der lto, in der er sich völlig von schlauen Ilinterinänucrit leiten ließ, sein ewiges Suchen nach Jiidenläiidern, seine ebenso lieftigen, wie nichtssagenden Angriffe gegen den Zionisums, all dies haben Zangwill zu einer mehr komischen als populären Gestalt im jüdisch-politischen leben gemacht, und cs hat noch selten ein jüdisches Witzhlatt gegeben, in dein seine eigenartige Physiognomie gefehlt hat. So kann es nicht Wunder nehmen, daß cs Sir Edward Grcy gelungen ist, Israel Zangwill zu einem anderen Standpunkt zu bekehren . . . . . . Wir wissen es, daß die ״Times“ seit dem Abschluß der Triple-Entente die russische Judenpohtik offen verteidigt hat, wir wissen cs, daß die Regierung, die ihre Hände mit dem Blute tausender Juden bcfleckt hatte, in Frankreich und England die Geldmittel zur Fortsetzung ihrer niederträchtigen Politik erhielt, und diese historischen, offenkundigen Tat- Sachen vermögen alle Worte und Versprechungen eines Sir Edward Grev nicht auszulöschen. Für jeden, der Rußland kennt, ist es eine unbczweifclbarc Selbstverständlichkeit, daß ein Sieg Rußlands das furchtbarste Unglück für die russischen Juden bedeutet; die Reaktion würde doppelt frech triumphieren und die Lage der Juden noch weitaus schlimmer werden als sie es bisher schon gewesen. .Im Interesse der europäischen Kultur, itn Interesse der Befreiung des russischen Volkes, im Interesse der Erlösung der russischen Juden müssen wir Juden nur eins wünschen und erflehen: die Niederlage, wenn möglich die Vernichtung Rußlands als europäisclic Großmacht.“