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Jüdische Rundschau · 1914-10-23 · Heft 43 (23.10.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 43 (23.10.1914)
Date
1914-10-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 43 JUEDlSCm• HUNDSCHAU Seite 397 betete vor. Die Gebetbücher wurden vom Rabbiner verteilt, aber er brauchte nicht viele herzugeben, denn unsere Juden hatten fast alle ihre Tefilla mitgebracht. Der Rabbiner sprach, aber nach wenigen Worten stockte er und kam nicht weiter, er weinte. Jetzt, um dieselbe Stunde war zu I lause, in der ganzen Welt, wo Juden wohnen, die Totcn-Andacht. Wie siebt es bei uns zu Hause in den Synagogen aus. Nein, man darf nicht daran denken, man darf es nicht. I lart muß man bleiben. Kanonendonner dringt zu uns herein und malmt uns, tapfer und mutig zu sein. Da beißen wir denn die Zähne zusammen, und cs scheint fast, als ob ein jeder Einzelne lächle. Der Rabbiner spricht weiter. Er flüstert fast. Leise, gedämpft dringt!seine Stimme von der Kanzel der katholischen Kirche, unserer Synagoge. ״Jeder werfe einen Rückblick auf sein vergangenes Leben und lege sein Leben in Gottes Hand.“ Wer das in sonstigen Jahren nicht mit dem wahren, innigen Bewußtsein getan, jetzt tut er cs. Noch nie, noch nie gab es für uns einen Jomkippur, wie gestern. So haben wir ihn noch nie mitcrlebt. Dann sprach der Rabbiner das Schema-Jisroel vor und wir sollten es nachsprcchcn. Das Schema, das erste Wort dröhnte durch die Kirche, fast wie ein Schrei, dann kam keiner weiter. Willen• los weinten wir. Der Gottesdienst ist zu Ende. Vor der Kirche empfängt uns lachender Sonnenschein. Wir sind wieder Soldaten. Lachen auch wie die Sonne, plaudern und erzählen uns. Was war denn, hatten wir geweint? Ach wo, Männer weinen nicht, Männer kämpfen. Vier Juden mit Eisernen Kreuzen sind dabei, Sie erzählen von vielen jüdischen Kameraden, die auch das Eiserne Kreuz haben, aber zum Gottesdienst nicht kommen konnten. Hui, wie die Granaten pfeifen. Wir müssen rauf in die Schützengräben. Die Fran/.miinuer werden übermütig. Heute wollen wir wieder Keile austeilcn. Auf Wiedersehen, Kameraden. Sukkoth ist wieder Gottesdienst. Auf Wiedersehen! 2. 10. 14. Gestern wurde ich beim Schreiben abgerufen, weil ich einen Transport zum Feldlazarett nach .... (ca. 10 km von hier) hatte. Dort sah ich unseni Kaiser, der mit dem Kronprinzen und seinem Stab die Verwundeten besuchte. Die Ricscnschlacht dauert immer noch an. Wir liegen schon 17 Tage an ein und derselben Stelle. G. s. D. haben wir liier jetzt mit wenigen Tagen als Ausnahme wenig Verluste. Wem! hier die Entscheidung uns günstig, glaube ich, ist der Krieg mit Frankreich bald beendet. So, mm zu Eurem lieben Briefe vom 23. <J., für den ich Euch herzlichst danke, Merkwürdigerweise erhalte ich momentan die ■Berliner Postsachen früher als die Kölner. Macht Euch nur keine Sorge. Es ist in so vielen Fällen schon gut gegangen, cs wird auch weiter so gehen. Anfangs und zumal in Belgien war es viel schlimmer. Da waren die verdammten Franctircurs, da waren versprengte französische Truppen in unserem Rücken. Aber es ging immer gut, so habe ich denn bis heute noch keinen Schuß aus meiner Pistole ahgefeuert. Das Ding ist ja auch nur dann verwendbar, wenn mal ein Verwundeter schießen sollte. Die Fälle sind aber bis jetzt noch wenig vorgekomiiien. 1111 Gegenteil, die verwundeten Franzosen sind einem ja so dankbar. Wieviele Hände unserer Feinde habe ich schon gedrückt. Oh, Ihr sollt mal mein Frau/.Osisch hören. Ich glaube, Ihr würdet Euch mitten im Kugelfegen krumm lachen. Ein Beispiel: Wir rückten (1 Leutnant, 4 Wagen und 1(1 Mann) um f> Uhr nach 11., einem hochgelegenen Dorfe im Schlachtfehlgehict hei S. Oben liegen Verwundete buchstäblich häufenweise. Deutsche und Franzosen. Größtenteils lagen sie in Scheunen. Wie die armen Kerle, teilweise mit überaus schweren Wunden bis in die Scheunen sieh schleppen konnten, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Mit Jubel werden wir empfangen. Gott sei Dank, Karneraden, wir liegen schon zwei Tage hier, und ich fünf Tage, ja und ich sechs Tage usw, So riefen sie uns entgegen, Die Franzosen rücken uns mir zu und zeigen uns ihre Wunden, die wir dann verbinden. Sie drücken uns die Hand, wie auch die deutschen Verwundeten. Wie ich aber einen französisch anspreche und ihn frage, was ihm fehle, welches Regi- " ment usw., da hättet Ihr etwas hören können. Alle rufen, fragen, winken. Ich verstehe kein Wort, bis ich dann zu einem verwundeten Franzosen komme, der bitterlich weinte, Ich verstand ihn ganz *gut, und er muß mich wohl auch verstanden haben, denn er will mich umarmen. Wir haben die Wagen voll geladen und wollen nun herunter zum Verbandsplatz, um gleich darauf wieder auf die Höhe zu fahren, Da gibt cs draußen Radau. Schrapnells schlagen ins Dach ein. Wir denken erst nichts Böses. Aber das Feuer wird stärker und stärker. Da merken wir, daß die französische Artillerie unsere Wagen für Geschütze ansieht. Im Galopp geht es nun hinunter, ich versuche noch einen leichtverwundeten Franzosen, der mich bat, ihn doch zu seinen Kameraden zu bringen, in eine Scheune zu führen. Da schlägt eine Granate gegenüber in die Kirche ein, daß mir die Steinchcn um den Kopf herumfliegen. Nun wird's aber Zeit. Alle sind schon weg. Ich allein zwischen Verwundeten. ״He, camenute, voll:; bum bum.“ Ein Verständnisvolles Nicken des Franzosen und fort mach ich, den andern und;. Ich glaube, ich habe einen Weltrekord im Laufen nufgestellt, denn nach ein paar Minuten holte ich uit.wivii Trupp ein. Die Sdirnppuclls folgten lins, da die Franzosen jeden Mann, geschweige die Wagen, von *ihrer famosen Stellung aus sehen konnten. Wohlbehalten kamen wir unten im und waren in Deckung. Da heißt es auf einmal — ein Wagen mit Verwundeten, unser letzter Wagen, liegt auf halber 1 löhe; während des rasenden Fahrens ist ein Rad abgesprungen — sechs Freiwillige vor. Sollen wir die | armen Kerls liegen lassen? Zu fünft marschieren wir wieder rauf, bringen mit großer Muhe das Rad wieder an den Wagen und fahren den Wagen bergab. Wir waren noch keine 70 Schritt vorgefahren, da schlagen drei Granaten an die Stelle, wo der Wagen '.,׳ms.'iii'Wr! Beim Ausbleiben oder bei verspäteter Lieferung einerNummcr wollen sich die Abonnenten stets nur an den Briefträger oder die zuständige Bcstcll-Postansfalt wenden. Erst wenn Nachlieferung: und Aufklärung nicht in angemessener Frist erfolgen, wende man sich unter Angabcderbcrcits unternommenen Schritte an unseren Verlag. stand. Wir aber kamen glücklich unten an. Unsere Namen werden notiert. Eine Auszeichnung? Nun, bis jetzt noch nicht. Wenn ich nur heil und gesund zu meinem Schatzcrl komme, das ist für mich die höchste Auszeichnung. Nun noch ein Merkwürdiges. Die Franzosen werden in die Flucht geschlagen. Wir rückten wieder in das Dorf . . . und holen die Verwimdetcn, von denen keiner nachträglich durch das Feuer verletzt wurde. Aber vor der Kirche lagen tote Franzosen. Es war ein französischer Vorposten, der sich vor uns in der Kirche versteckt hatte und mm durch eigenes Feuer fiel. Hätten die Kerle geahnt, daß wir nur mit der Pistole bewaffnet waren, ich glaube, cs hätte noch eine Knallerei von Fenster zu Fenster gegeben, Wenn ich aber heute an das ״he, camerode, voila bum hum“ denke, dann muß ich herzhaft lachen. •— Wolffsolin ist tot. Wieder ist ein Großer von uns gegangen, jetzt, wo wir ihn so nötig haben. Auch für uns Zionisten ist es eine große Zeit. * Von einem Gesinnungsgenossen aus der Provinz Posen wird uns der folgende Feldpostbrief zur Verfügung gestellt: O., 23, September 1914. Meine Lieben! . Durch die Feiertage, die Ihr hoffentlich angenehm verlebt habt, komme ich erst heute dazu, Euch wieder zu schreiben. Ich bin in der Zwischenzeit wieder einmal ausgewandert, und zwar 40 km südlich nach G. (genau südlich von S. und östlich von U.), Der Ort ist natürlich wie alle Orte, wo wir hinkommen, vollkommen durch Landsturm mul andere durchziehende Truppen geschützt. Das Glück wollte cs, daß ich gerade am Ercw Rausch Ha sch o 110 zum ersten Male an einen großen Truppenort komme, in dem sich natürlich auch Juden befinden müssen. Aber ich sollte es sogar noch bequemer haben; abends um Vl9׳ Uhr kam ich mit unserer Bagage und einem Teil unseres Personals im Dunkeln an, und meine schon vorher cingetroffeaeii Kollegen suchten vergehlieh nach einem anständigen Quartier, alles sollte schon belegt sein. Schon das erste Haus, das ich betrat, schien mir das Passendste zu sein. Es war eines der wenigen, die noch bewohnt waren und von den anderen ganz übersehen worden sind. Drei Landsturmleutc hatten bereits ein Zimmer belegt und für mich und zwei meiner Kollegen blieb noch je ein nettes Zimmer. Nach kurzer Begrüßung des Landsturms stellte es sich heraus, daß zwei Juden sind. Ihr könnt Euch «lenken, wie groß meine Freude war, so schnell Staumiesgeiiosscii zu finden, die noch dazu religiös waren. Es Wurde nun gleich Bekanntschaft geschlossen, die beiden sind einfache, sehr ordentliehe Kanflcute aus Schlüchtern. Selbstverständlich mußte mm sogleich an die Bildung eines Minjan gcschritten werden, was der vorgerückten Stunde wegen erst am nächsten Tage geschehen konnte. Also wurde am 1. Rauseh-Haschoiiohtage mittags um 2 Uhr unter Teilnahmen von zwölf Juden (Landsturm, Mannschaft, 1 Feldwebel, 2 Bez.-Insp., 2 Jäger, 2 Dragoner usw.) zum ersten Male Miiicha gebetet, in meinem Quartier, und die Aulgabe des Chasan fiel mir zu. Ein Mann war dabei, der nicht einmal mehr richtig lesen konnte und b km zu Lull zu diesem Zweck hergekommen War. Zwei Awelim konnten Kaddisch sagen, und das schönste war, daß einer von den zwölf sich bereits das Eiserne Kreuz, verdient hatte für hervorragende Leistungen . . . I in übrigen ist der Betreffende Gefreiter und schon zweimal dekoriert gewesen. Das Eiserne Kreuz. 1. Klasse ist bereits beantragt. Gestern morgen und nachmittag wurde natürlich wieder gcbetet, soweit es nach den vorhandenen Sidurün (Machsorim fehltea leider) möglich war. Gestern nachmittag haben wir im Anschluß an das Beten einen Kaffee an weiß gedeckten Tischen gegeben im Wohnzimmer meiner Wirtin. Also so gut wie es geht, feiert man also auch hier. Sehr gefreut habe ich mich, Soldaten zu sprechen, die soeben aus dem O. Iiierhcrgekommcn sind. Es war das . . . und die waren sogar in K.t W. usw. gewesen. Auf diese Weise erlangte ich auch Gewißheit über das, was bei Euch los ist und beruhigte mich bei der Nachricht, daß das ganze Gebiet bis in Rußland hinein von Landsturm besetzt sei. Die französischen!Kleinstädte sind ganz anders «als die deutschen; entweder sieht man Unsauberkeit, Un- Ordnung und Armseligkeit oder Luxus und Pomp. Unser Kasino ist in einem wunderbaren Schloß am Ende der Ortschaft mitergebracht. Wenn man den Park betritt, glaubt man sich in eine ganz andere Welt versetzt, so groß ist der Unterschied zwischen dem Kot auf den Straßen und der Sauberkeit des Parkes. Sogar ein Teich mit einem Kahn fehlt nicht, und von dem Schloß genießt man einen wunderbaren Blick auf die umliegenden abwechslungsreichen Berge und Täler und den Flußlauf der Aire. Hoffentlich wird es mir «auch möglich sein, den Jnum Kippur einigermaßen würdig zu begehen. Fasten werde ich selbstverständlich. Ich wünsche, daß Euch allen das Fasten gut bekommen möge, und verbleibe* mit den innigsten Jauin Kippur-Wünschen an Euch alle und die lieben Verwandten Euer Euch treuer Fritz. Für die galizischen Flüchtlinge in Oesterreich Unzählige Tausende armer galizischer Fluchtlingc sind auf der Flucht vor den Russen nach West- Österreich gekommen. Sie Italien größtenteils all ihr Hab und Gut verlassen müssen, konnten kaum einige Wäschestücke für sicli und ihre Kinder zusammen׳■ raffen, sind stunden- und tagelang, oft zu Fuß, marschiert, bevor sie von einem Wagen oder Eisenbahnzug angenommen wurden. Und mm sind sie in den westliehen Provinzen der Monarchie. Der Hauptstrom der Flüchtlinge hat sich nach Wien ergossen, und es kann mit Genugtuung konstatiert werden, daß sich die Wiener Bevölkerung, vor allem natürlich die jüdische, der Vertriebenen mit Güte und Hilfsbereitschaft anzunehmen versucht hat. Private Wohltätigkeit Und Opferwilligkeit reichen aber nicht aus, wenn ein solches Massenelend gelindert werden soll. Dazu bedarf cs systematischer und organisierter Hilfe. Reicher Erfahrung bedarf es, mit jedem Einzelnen mit Rat und Tat i!1 der Weise zu helfen, die seinen Bedürfnissen angepaßt ist. Und deshalb haben sich zahlreiche Komitees gebildet, die verschiedene Zweige der Fürsorgetiitigkcit auf sich genommen haben. Weitaus die Mehrzahl der Flüchtlinge besteht natürlich aus Juilen, und es hat sich gezeigt, daß gerade ihre Interessen nicht ausreichend vertreten werden. Die Aktionen, die eingclcitct wurden, lagen anfangs nicht in der Hand von Persönlichkeiten, die gerade für die Lage und Bedürfnisse der jüdischen Fluchtlingc Verständnis und besonderes Interesse haben. Mancherlei Klagen sind in dieser Beziehung laut gcworden, lind es war nicht leicht, diesen Klagen gerecht zu werden, weil sich vor allem die öffentliche Meinung Wiens, die sich in den liberalen Zeitungen zu äußern pflegt, derartigen Klagen und W ii 11 s c h c 11 v e r s c 111 0 ß.!Deshalb versuchte die zionistische Organisation Westösterre ich 8 dureli ihre Wiener Zentralstelle eine großzügige Hilfsaktion durchzuführen, die sich nicht nur auf Sammlungen für die jüdischen Flüchtlinge kon* zentriert, sondern auch bestrebt ist, die Verwendung der eingehenden Beträge zu kontrollieren. Die Versuche, die großen jüdischen Organisationen wie die Kultusgcmeindc und die Bnci-Bcrith heranzuziehen, hatten nicht immer den gewünschten Erfolg. Seihstverständlich setzte man sich mit der österreichischen Regierung in allen Fragen in Verbindung. Es Ist begreiflieh, daß die Regierung so vielseitig in Anspruch genommen ist, daß sie auf die jüdische Selbsthilfe rechnet, die dem besonders großen jüdischen Elend

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