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Jüdische Rundschau · 1914-10-23 · Heft 43 (23.10.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 43 (23.10.1914)
Date
1914-10-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 396 nur.’DGcn au Nr. 43 V י*; * ' Privatkorrcspondcnz in j ii 11 i s c 11 c r Sprache zu führen. Es soll ausschließlich russiscii korrespondiert werden. Er begründet seinen IJkas damit, daß die Gouvernements Verwaltung nicht über genügend Zensoren verfüge, um die ,,wahnsinnig nusgebreitete" Privatkorrespoiulcnz. tler jiidisciien Bewohner entsprechend zu überwachen. * Die ״N'owojc Wremja“ und andere Petersburger Zeitungen brachten vor kurzem folgende Notiz: 111 der größten Synagoge fand heute ein feierlieber Gottesdienst statt. Eine große Anzahl jüdischer Soldaten, die nach dein Kriegsschauplatz abgeschickt wurden, versammelten sich vor ihrer Abreise in der Synagoge zum Gottesdienst. Die Synagoge war von zahlreichem Publikum überfüllt. An der Feier nahmen auch eine größere Anzahl von Generalen und höheren Offizieren, wie auch Beamte städtischer Behörden teil. Nach Verrichtung der Gebete wurden Ansprachen gehalten. Die erhebende Feier schloß mit einer patriotisehen Kundgebung für den Sieg der russischen Waffen. Unmittelbar auf diese Notiz folgt dann die Nachriebt: Der Petersburger Magistrat ]tat •13 jüdischen Familien, die seit laugen Jahren in Petersburg ansässig sind, auf Befehl des Stadthauplmanns ihre Hand- Werkszeugnisse abgenommen. Die Familien wurden ausgewieseu, da ihr an die Ausübung ihres Berufes gebundenes Wohnrecht durch ihre gegenwärtige Arbeit«- losigkeit aufgehoben ist. Wie aus anderen Zeitungsnachrichten Jicrvorgcht, sollen diese Ausweisungsbefehle inzwischen bis auf weiferes zurückgezogen worden sein. Aber die zynische NcbeiicinandtTslelluiig der beiden Beliebte ist für den ״echt russischen״ Geist bezeichnend! * Das Petersburger Zentralkomitee tler iea erhält täglich Nachrichten über die schreckliche Not der jüdischen Bevölkerung in den kleineren Provinz- Städten. Namentlich in den Gegenden, die in der Nähe des Kriegsschauplatzes liegen, sind Tausende von jüdischen Familien der gräßlichsten Not preisgegeben. Die Wirkung des Krieges hat sich insbcsomlcre i!1 ganz Litauen fühlbar gemacht; der gesamte I laudcl ist lahmgclegt. Unsagbar groß ist die Not tler Familien, deren Ernährer im f ehle stehen. Oie jiidische Landbevölkerung wandert massenhaft fluchtartig nach den größeren Städten, deren jüdische Bewohner völlig machtlos sind, der ungeheuren Not zu steuern. An staatliche Hilfe für die Juden ist gar nicht zu «.lenken . . . Eine traurige Folge der Notlage in jenen Gegenden ist d i e S c h I i e (i u n g d e r T a 1 m u d - T h 0 r a - Schulen, die Tausenden von jüdischen Kindern jüdische und allgemeine Bildung vermittelten. Der bulgarische General Radko D i in i t r ic w , der seine Armee gegen Galizien führte, ist, russischen Blättern zufolge, des Lobes voll über die Tapferkeit und die bewunderungswürdigen Heldentaten seiner zahlreichen jüdischen Soldaten, Russischen Journalisten gegenüber äußerte er sich, eine große Reihe von Kcgimcntsfnhncn sei ausschließlich durch die Geistesgegenwart der intelligenten und tapferen jüdischen Mannschaften gerettet. Als Gegenstück zu dieser Anerkennung ist folgende Einzelheit charakteristisch: Dr. Rot haus aus Smolensk, dessen Sohn unter dem Befehl des Generals Dimitriew kämpft, hat sich an den Bildungsminister Kasso mit der Bitte gewandt, seine Kinder möchten ohne Rücksicht auf die Prozentnorm in das Gymnasium aufgenommen werden, damit sic zu nützlichen Bürgern für das Vaterland erzogen würden. Das Gesuch wurde abschlägig bcschieden. * Russischen Blättern zufolge plant die Regierung die Einführung des Monopols für den Verkauf von Tabak, Zucker und Brennmaterialien. Diese Nachrieht hat in der jüdischen Bevölkerung Rußlands große Bestürzung hervorgerufen. Sollte über diese Artikel das Monopol verhängt werden, so würden Zchntauscndc von jüdischen Familien brotlos werden. * Obwohl die russische Zensur seit einigen Wochen die Mitteilung« über Entrechtung und Verfolgung der Juden seitens der Behörden unterdrückt, werden dennoch solche Fälle bekannt, die die Rücksichtslosigkeit und Beschränktheit der russischen Regierung beleuchten. Einige Blätter, die es wagten, die ״uiizeitgemäße" Rechtsbeschränkung der Juden zu kritisieren, wurden streng bestraft. So hat z. B. die ״R u B k o j e W j e d o m o s t j i“ vor einigen Tagen 3000 Rubel Strafe zahlen müssen wegen eines Artikels des Fürsten I r u b e t z. k o i, in weichem der Verfasser u. a. die Gleichberechtigung der Juden empfiehlt. Um die lenden/, der Regierung zu verschleimt, wurde die Zeitung gezwungen, unter Verschweigung des wahren Sachverhalts, eine harmlose Notiz über eine Arbeiter- Versammlung als Grund für die unterlegte Strafe anzugeben I Während so die Unterdrückung und Ver- JUIIDi. י־! folgmig der Jude:!;״!ch jetzt in gleichem Umfange wie bis zum Be,;im! «'־!.׳, Krieges fortgesetzt wird, zwingt die rus iV.che Regierung ihre entrechteten jüdischen Untertanen, sieh in einem weit größeren Verhältnis als die nichtjüdische Bevölkerung zum Militärdienst zu niekieii. Schon in normalen Zeiten werden bekanntlich in Rußland die Juden im Ver- Imlhiis zu der Geiamtbevöikcnmg um mindestens 20 Prozent mehr als Nidiijudcu zum Militärdienst heraiigczogeii. iferne stehen bereits ca. 300030 Juden unter Waffen, die ihr •Blut für ihre Peiniger vergießen müssen. Ein Ukas des Zaren aus den letzten Tagen bestimmt, daß •seine ״lieben Juden“ bei der im Noveinber statt findenden Militärgcstellung für das Jahr 1()M in noch viel größerem Verhältnis als bisher zum Militärdienst herangezogen werden sollen. Unfer Bezugiiahme auf die in Rußland einer bestimmten Kategorie von militärpflichtigen Personen gesetzlich zustehenden Privilegien (I. und 2. Klasse), die sie vom Militärdienst befreien, wird in dieser Ankündigung des Ministeriums darauf hingewiesen, daß diese Privilegien bei der Musterung für das Jahr 1914 trotz des herrschenden Kriegszustandes zu Recht bestehen, soweit es sich u 111 nichtjüdischc Militärpflichtige handelt. Für die Juden dagegen tritt das Gesetz betreffend der Privilegien a 11 IS e r K r a f t. So hebt man in Rußland bestehende Gesetze auf, um die ״Rechte‘‘ der Juden, sieh für den russiselten Zaren totschicßcii zu lassen, zu erweitern . . . * Die Kopenhagener ״Ikrlingskc Tidendc“ meldet: Die Anzahl der hei Kriegsausbruch aus deutschen Universitäten heimgereisten jüdisch-russischen Studeuten beträgt etwa ■1(100, Diese richteten an den Minister für Volksmifklürimg die Bitte, daß er in diesem besonderen Falle gestalten möge, daß sie an russischen Universitäten w e i t c r studieren dürft e n, da sic ja sonst vollständig ihre Studien cinstclicn müßten. Trotz der bekannten Proklamation des Zaren an die Juden hat der Minister diese Bitte v e r w c i g c rt und hinzugefügt, daß diese Stuileuten auch das Recht der einjährigen D i c 11 s t p f I i c 11 $ in Rußland verwirkt hätte n. * Dem ״Israelit" wird aus Lodz, berichtet: Daß mau im Judeiirayon nach der Schreckensherrsehaft durchziehender Kosaken in den deutschen Truppen die Erlöser gesehen hatte, hat keinen Wunder genommen. Man war sich aber darüber anderseits auch klar, daß diese Gesinnung von den Russen nicht ungeahndet bleiben wird. Das trifft!tun leider liier und da ein. 111 Pabianicc (zwischen Knlisch und Lodz) waren einige Zeit deutsche Truppen aufgetreteu, die sich später wieder zurückzogen. Als dann die Russen den Ort, der eine Fabrikbevölkerung von etwa 35ÖOO Seelen zählt, wieder besetzten, erließ der Kommandeur der russischen Truppen folgende Bekanntmachung: ״Angesichts dessen, daß die deutsche und j ü d i s c 11 c Bevölkerung den Deutscheu einen allzu freundlichen Empfang bereitet, ihnen die Waffen ausgelicfert, sieh deutschen Geldes bcdient und überhaupl alle Forderungen der Deutschen erfüllt hat, wird den deutschen mul jüdischen Einwohnern eine Kontribution von 50 000 Rubel .unterlegt.“ Bis zur Bezahlung der Summe sind zwei G ei sein, ein Deutscher und ein Jude, eingezogen worden. Von einer Persönlichkeit, die absolut zuverlässig ist, und die für wenige Tage vom östlichen Kriegs- Schauplatz nach Berlin zurückkehrte, erhält das ״Berlincr Tageblatt“ die nachstehende Notiz: ״R a d o m , das schon einmal im Besitze der Deutschen gewesen ist und in das nunmehr unsere Truppen zurückgekehrt sind, ist auch einer der Orte, die ein eindrucksvolles Beispiel zu der Proklamation des Zaren an seine ״lieben Juden“ liefern. Nach der vorübergehenden Besetzung Radoms durch die Deutschen kehrten die Russen dorthin zurück. Unmittelbar nachdem sie die Stadt besetzt hatten, verhafteten sic drei Juden: einen jüdischen Gelehrten mit Namen Dan ziger und zwei seiner Verwandten, die Kaufleutc sind; alle drei verheiratet, der eine Vater von neun, der andere Vater von drei Kindern. Der jüdische Gelehrte Danziger ist der Sohn eines weithin berühmten Talmudforschcrs, und ihn selbst bezeichnet die Bevölkerung als einen ״wahrhaft göttlichen Mann“ seiner Frömmigkeit wegen. Er lebte völlig weitabgewandt; er hat sich niemals mit Politik beschäftigt, und auch seine beiden Verwandten sind friedfertige Männer, die sich nur um iiire Geschäfte Juünmerteii. Ohne 'Gerichtsverfahren und ohne Riehlerspruch, ohne daß die Bcvölkcnmg oder die f-rancii und Verwandten der Verhafteten Irgend etwas von dem Vorgänge erfuhren, wurden die drei •‘ei!i:;1!?i. Ihr Verbrechen war, daß der eine von ihnen auf Requisition eitlem deutschen Offizier zwei Pferde hatte übergeben müssen. Zur Bestrafung hierfür wurde er und seine beiden Verwandten aufgeknüpft. Als der Vorgang bekannt wurde, eilte der russische Pope zit dem kommandierenden Offizier, tun sieh für die Unschuld der Verhafteten zu verbürgen. Es war zu spät; und als am folgenden Tage die Witwe eines der Gehängten zu dem russischen ()berkommaiuliercndcn kam, erklärte er ihr höhnend: ״Sie können stolz darauf sein, daß ich Ihren Mann 11 a b e hängen lassen. Er hat sein Leben für die Gesamtheit der Juden in Radom gelassen, denn meine Kosaken wollten et’gen tfich alle Juden hier t o t s c 111 agc n.“ Dieser barbarische Vorfall ist eine Einzelheit, die aber zugleich typisch ist für das Verhalten der russischen Soldateska gegenüber den Juden. Es ist zwar der Befehl gegeben, sogenannte ״laute" Pogrontc zu vermeiden, damit nicht die Juden in London, in Paris und in New York allzusehr ״verstimmt“ würden. Hingegen kursiert hier im Osten eine Aeußcrung des Oberkomniaiidicrcnden Großfürst Nik o 1 a i N i k o I a j e w i t s ch, die folgendermaßen lautet: ״Wenn sich meine Soldaten schinden, dann müssen sic auch ihr Vergnügen haben, und wenn dabei ein paar Judenschädel eingcsc 11 lagen werden, so hat das trotz des Geschreis der Londoner Synagoge weiter keine Bedeutung.“ Dementsprechend wird denn auch mit den ״lieben Juden des Zaren“ in Rußland jetzt verfahren, und zwar in Polen, an der galizischcn Grenze und vor allem in Bcssurabien.“ Feldpostbriefe Jomkippur In der französischen Kirche W., den 29. 9. 1911, Meine Lieben! Nun will ich versuchen, Euch einmal den versprochcncu Brief zu schreiben. Jetzt ist es ruhig hier. Merkwürdig, unheimlich ruhig. Nur hin und wieder donnern unsere Mörser mit ihren Geschossen und senden Grüße zu unseren Feinden. Das Ringen dauert an. Hauptsächlich Artillerie gegen Artillerie. Unsere Truppen haben die I lohen besetzt. Wir liegen in einem Dorf dicht an den Höhen und bekommen daher ein gut Stück Feuer mit. Täglich versuchen wir, mit unseren Wagen auf die Höhe zu fahren, müssen aber jedesmal schleunigst Deckung suchen, da wir sofort Feuer bekommen, wenn wir uns zeigen. So habe ich denn schon viele Bücklinge und Kniofülle gemacht, um den Granaten und Schrapnells nicht hinderlich zu sein. Dafür arbeiten wir aber viel des Nachts, da dann die Schießerei so ziemlich aufhört. Aber wie sieht cs auf der Höhe aus. Granatloch neben Granatloch, teilweise so groß und tief, daß man ein Pferd bequem lüueinstellen kann. Da heißt cs dann, vorsichtig fahren, und das ist bei der Dunkelheit doppelt schwierig. Jede Fahrt ist ein Erlebnis. Man erlebt in einer halben Stunde ganze Romane. Man kann ja nicht alles erzählen. Ich habe Luc verschiedene (ich glaube wirre) Berichte geschickt, die Ihr inzwischen auch wohl zu lesen bekommen habt. Gern, lieber Julius, werde ich dir etwas Material für die ״Rundschau" schicken, Aber der Stil hat mich verlassen. Vielleicht zimmerst du ihn seihst aus meinen Briefen zusammen. Wenn ich zu erzählen anfange, überstürze ich mich. Vorgestern hatten wir ein Feuer, wie noch nie. Davon könnt Ihr Eucli einfach keinen Begriff machen. Feuer und Gegenfeuer ließen die Erde buchstäblich erschüttern. Unsere Verluste sind im Verhältnis dazu gering, wenn auch unsere Konipagnic allein ca. 450 Alaun Verwundete nachts hereinholte. Wir haben ca. 4000 Gefangene gemacht, aber auch von uns sind ca. 300 vermißt. Icit habe mich liier durch den langen Aufenthalt tatsächlich gut erholt. Anstrengende Tage resp. Nächte gibt es wenig. Trinkwasscr gibt cs auch wieder, da wir jetzt eine Filtrier- Maschine hier haben, die stündlich ca. 500 Liter Trinkwasscr liefert. Verproviantiert war ich bis dato auch genügend. Und dann sind alle so lieb zu mir und schicken mir. Wie soll ich Euch dafür danken, Ihr lieben, guten Menschen. — So, nun für heute genug, morgen w׳eitcr. 1. 10. 14. Gestern war J o nt k i p p u r. Um 7 Uhr morgens erfuhr ich, daß in.. ca. 4 km von hier, jüdischer Gottesdienst sei. Unser Kompagnieführer gab uns (cs sind drei Juden in der Kompagnie) selbstverständlich frei, um dorthin gelten zu können. Leider war die Nachricht, daß Gottesdienst sei, nicht genügend bekannt gegeben, so daß nur ca. 60—'70 Juden erschienen waren. Die hier liegenden zwei Divisionen beherbergen aber eine mindestens 3—4 mal so starke Anzahl Juden. Der Gottesdienst fand in der katholischen Kirche statt. Welch merkwürdiges Bild, Jüdischer Gottesdienst in einer katholischen Kirche, die zudem zur Aufnahme Verwundeter und auch als Schlafraum für Soldaten dient, Rabbiner Dr.aus Magdeburg leitete den Gottesdienst. Einer aus unserer Mitte

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