Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1914)
- Date
- 1914-10-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nummer 43 ך r* r\־ 1 ן י=;; 1*^ LsJ Ltä ר־/ 1 v :,) * s. 16 1/ •*ץ* 'ן i y ך־׳^ ך? n ן" vJ LJ V. j r״; u u XIX.Jahrgang. Zur gegenwärtigen Lage der Juden in Russland Wir wollen unseren Lesern durch w a h r I1 e i t s g c m ä ß e Informationen einen Einblick in die gegenwärtige Laue der Juden in Rußland vermitteln. Wir bringen deshalb weitere ״M o m e n t b i I - der“, die auch■ dem Fernstehenden heweisen, wie gut es den Juden in Rullland geht. Der nachfolgende Aufsatz eines guten Kenners russischer Verhaltnisse zeigt, worauf die russischen Juden gefallt sein müssen. Ungeachtet der ungeheuren Opfer, welche die russische Judenhcit augenblicklich im Kriege bringt, findet sich noch immer ein Teil der russischen Presse, der auch heute eine gefährliche antisemitische Hetze betreibt. Die Blätter vom Schlage des ״R u ß k 0 j c S n a nt j a“ oder der den extrem reaktionären Dumafitigel repräsentierenden ,•,S e m s c h t s c h i n a“ wollen in ihrem Judenhaß noch immer keine Pause eintreten lassen und legen! sielt in ihren Ausfällen gegen die Juden pur geringe Schranken auf. Anstatt des Ritualniordcs wird jetzt von ihnen gegen die Juden ,die Beschuldigung erhoben, daß sie Rußland nicht genügend lieben und staatsvcrriiterischen Neigungen huldigen. Und dies zu einer Zeit, in der etwa 250 000 bis 300 000 russische Juden auf d e in Schlachtfelde stehen und für ein Land kämpfen, in dem sie seit Jahrzehnten fortgesetzt nur Pogrome, Ausweisungen, Demütigungen und Ritualmordprozesse erleiden mußten. Handelt es sich aber bei den genannten Zeitungen um .gewerbsmäßige Hetzblätter, so ist es noch viel auffälliger, daß im halb offiziellen '״Rußky Invalid“ just in diesem Moment antisemitische Ausfälle erscheinen durften, daß dieses Blatt in der ,schweren Zeit des Volkerkrieges Muße finden konnte, die russische Oeffentlichkeit mit Exkursen auf rein antisenutische Themata zu beschäftigen. Anstatt sieh durch die Verbündeten zu einer Milderung des Judenloses bewegen zu lassen und zu einer Abkehr von den das Staatsleben Zersetzenden antisemitischen■ Tendenzen zu gelangen, beschäftigte sich erst neuerdings dieses Militärorgan mit der Rolle der Juden in Frankreich. Es malt bei dieser Gelegenheit nach uralter Methode das Gespenst der j ii - dischen Weltherrschaft an die Wand, indem es die Juden samt und sonders als aiitireligiös, ausbeuterisch und extrem radikal hinstellt. Mitten in dem Schlachte11g«tümmel berührt cs geradezu komisch, daß das genannte Organ irgend ein obskures französisches Mach- werk aufgestöbert hat und dessen Thesen sowie sonst nicht uninteressante statistische Zahlen breit tritt. Es klingt wie aus den Zeiten der ärgsten Rassenhetze der neunziger Jahre, wenn jetzt folgende These zur Grundlage eines langen Artikels gemacht wird: ״Alles, ~ lautet die geistreiche, vom ״Rußky Invalid“ lebhaft begrüßte These — was den Juden von ihrer Religion zurückgeblieben ist, läuft jetzt auf einen unbestimmten Instinkt hinaus, der ihre ehrgeizigen Bestrebungen nach Knechtung und Besiegung der Anderen aufrecht erhält und in ihnen die Auffassung stärkt, daß die Ankunft des Messias im Triumph der jüdischen Rasse über die anderen Völker und Länder besteht.“ Mitten im Kriege also ein Paragraph aus dem halbvcr- ״Der Zionismus exfrebt für das jüdische Voile di« Sc״Q-fusnjJ einer öffenilich-rcchilich gesicherten llelmstfilte ln Palästina«" D.iieler Programm. gessenen Antisemitenkatechismus im hervorragendsten Militärblatt Rußlands 1 Wie schrecklich die Macht der Juden sei, beweise der Einfluß, den sie trotz ihrer geringen Zahl in Frankreich ausübten. So gebe cs in der französischen Armee 3 jüdische Generalleutnants, •5 Brigadegenerale, 14 Oberste, 21 Oberstleutnants, 68 Majore, 107 Kapitäne, 36 Militärärzte und 20 Intendanturbeamte, Selbst in der Flotte seien die Juden Frankreichs stark vertreten und hauptsächlich in der Abteilung konzentriert, die mit der Herstellung von Pulver und Explosivstoffen befaßt ist, Dazu fiele ihre starke Position in der Gerichtsbarkeit in die Wagschale, in der es 110 Richter jüdischer Abstammung gebe, während in den Ministerressorts als Kanzleidirektoren usw. über 50 Juden höchste Stellungen einnehmen. Berücksichtige man noch, daß sich allein unter den Professoren der Hochschulen 202 Juden befinden, daß von den 40 Pariser Tageszeitungen etwa 30 — sowohl konservativ-aristokratische wie extrem radikale — ganz oder teilweise von Juden geleitet werden, daß schließlich das Finanzwesen in Frankreich im Schlepptau der Juden sei, so müsse jeder zugeben, daß die Gefahr, in der sich Frankreich befindet, nicht eine antisemitische Phantasie sei ... Wie man sicht, ist die Gefahr, welche das zitierte Miiitärorgan und die seine Auslassungen mit Behagen nachdruckenden extrem antisemitischen Organe in diesem Moment für Frankreich erblicken, ganz anderswo zu suchen, als wo sie sonst die Beobachter des gewaltigen Weltkriegs zu sehen pflegen. Wie sich docii in den antisemitischen Gehirnen die Weit malt! Die Judenhetzer in Rußland haben bis auf den heutigen Tag nichts gelernt und nichts vergessen und wären offenbar durchaus nicht abgeneigt, Pogrome ins Werk zu setzen, wenn die Rcgierungsparolc diesen Herzenswünschen nicht widerspräche. So haben sich in einzelnen Orten des Ansicdlungsrayons die Militärchefs veranlaßt gesehen, ausdrücklich jedwede Rassenhetze zu verbieten, womit zweifellos nur die nimmer rastende antisemitische Propaganda der Tat gemeint sein kann. Allerdings, zu einem entscheidenden Schritt können sich auch die offiziellen Gewalten nicht entschließen. Denn wenn sie schon während der schrecklichen wirtschädlichen Katastrophe irgend welche Erleichterung für die Juden einführen, so ist diese so verklausuliert, daß man daraus sieht, wie sehr die russischen Machthaber nach wie vor im alten antisemitischen Fahrwasser schwimmen und sich nicht im mindesten von ihren Traditionen zu befreien vermögen. So hat z. B. neuerdings das Ministerium des Innern das Ministerkabinett zum Erlaß einer Verfügung veranlaßt, wonach alle Ausweisungen von ״nicht woluiberecliiigten“ Jtidien, die vor dem Kriegsausbruch proklamiert waren, für die Dauer des Krieges eingestellt werden sollen und die schrecklichen Sünder an ihren momentanen Wohnorten zu lassen seien. Kein Zweifel, diese Verordnung schafft eine vorübergehende Milderung für jene zchntausendc, über denen das Damoklesschwert der Aus- Weisung geschwebt hatte. Allein derselbe Miiiister des Innern, Maklakow, der zu seinem ״humanen“ Vorschlag durch die Absurdität zahlreicher Ausweisungen von Familien im Felde stellender Soldaten gekommen ist, hat sich gleichzeitig nicht geschämt, an seinen-Vorschlag die Klausel zu knüpfen, daß die Erleichterung nur für die bereits an Ort und Stelle befindlichen Juden gelte, während jeder etwa neu Hinzukommende wie bisher unverzüglich nach dem Ansiedlungsrayon abgeschoben werden solle. Erst nach der entsprechenden Beschlußfassung ist noch eine weitere Ausnahme in dem Ministcrium angeregt worden: Die unzähligen Flüchtlinge, die jetzt infolge der Kriegsereignisse aus den polnischen Gouvernements weiter wandern und den Ansiedlungsrayon überschwemmen, sollen die Erlaubnis erhalten, gleichfalls die Schranken des Territorialghettos zu durchbrechen und sich vorläufig in den innerrussischen Gouvernements aufzuhalten. Die Zahl dieser Flüchtlinge dürfte sich aber in den nächsten Wochen ungemein vermehren. Aus Furcht vor den nahenden Kriegsschrecken verlassen auf jeden Fall die wohlhabenderen Juden in Polen überall die bedrohten größeren Orte. Sie befürchten, daß ihnen sonst das Schicksai der Juden von Su wa 1 k i und R ado in zuteil werden könnte, denen bekanntlich'die freundliche Aufnahme einziehender deutscher Truppen als Hochverrat zur Last gelegt wird. Charaktcristisch ist es nun für die Position der Juden in Rußland, daß es für die russische Regierung noch eine Frage ist, ob man den panikartig flüchtenden Juden gestatten soll, in anderen Teilen Rußlands zu wohnen. a, 1. Momentbilder aus Rußland Auch die Gnade des Zaren hat ihre guten Gründe. Hiervon konnten sich unlängst die Juden in 'Polen, überzeugen. Sofort nach Ausbruch des Krieges wurde es bekannt, daß sämtliche Gouverneure des Königrcichs Polen von Petersburg die strengste Weisung erhalten hatten, den polnischen Judenboykott, der seit mehr als zwei Jahren verheerend wirkte, mit allen Maßregeln zu unterdrücke tu Man war allgemein überrascht von diesem energischen Vorgehen der russischen Regierung zugunsten der Juden, ln jüdischen Kreisen wurde dieser Schritt begreiflicherweise als ein günstiges Vorzeichen aufgefaßt. Die Petersburger Presse hob hervor, daß es der Regierung׳' anscheinend ernst damit sei, in dieser schweren Zeit die Bevölkerung zu Frieden und Eintracht zu mahnen. Schließlich stellte sich folgendes heraus: Als in Polen energische Vorbereituiigen für den Krieg getroffen wurden, schloß die Militärbehörde niit einer großen Anzahl jüdischer Lieferanten Verträge ab. Die jüdischen Lieferanten müßten indessen den Behörden mitteilen, daß sie ihren Verpflichtungen nicht nachkommen könnten, da ihre B e m üti u n g e n, den Militärbedarf zu decken, an der Boykott hetze der polnischen Gutsbesitzer scheitere. Die Gutsbesitzer hatten unter sich eine strenge Abmachung, keinem Juden etwas zu verkaufen. Das Bekanntwerden dieser Tatsache hatte einen durchschlagenden Erfolg. Der Boykott wurde mit einem Male als s t a a t s g c f ä h r 1 i c h erkannt, und seine strikte Beseitigung wurde angeordnet. Die polnischen Gutsbesitzer mußten wohl oder übel nachgeben — und den Juden gegenüber wies man auf die ״Gnade des Zaren" hin. * Der Gouverneur von Witebsk hat der jüdischen Bevölkerung des Gouvernements verboten, ihre