Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 41-42 (16.10.1914)
- Date
- 1914-10-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41/42 J U C D i S C11 E RUNDSCHAU Seite 389 Juden in den Straßen aufhören möchten. Auf Befehl des Erzbischofs wurden am vorigen Sonntag in sämtlichen Kirchen dahingehende Aufrufe verlesen. Zahllose wohlhabende Juden haben ihr ganzes Vermögen verloren. Im geschäftlichen Leben herrscht ein völliger Stillstand. Alle Banken sind geschlossen. * Wie weit die Pogromstimmung in Rußland jetzt vorherrschend ist, gellt daraus hervor, dali eine große Anzahl von Gouverneuren sich veranlaßt gesehen hat, durch öffentliche Anschläge die Bevölkerung vor jeder Ruhestörung, die durch ״nationale und religiöse Agiiation“ veranlaßt wird, zu warnen. Der Gouverneur von Minsk hebt hervor, daß viele Personen, die den Versuch gemacht haben, einen Pogrom ins Werk zu setzen, auf Anordnung des Befehlshabers Rennen* kamp gehenkt worden seien. * Aus Kopenhagen wird berichtet: Nach zuverlässigen persönlichen Mitteilungen sind in Bessarabicn und in R u s s i I c 11 * P o 1 e 11 blutige Pogrome gegen die Juden ausgebrochen, Gleichzeitig wird der judcnfcindliclic Kurs Rußt• lands jetzt wieder von der gesamten Rückschritts• presse nachdriicklichst verfochten. Der ״R u s s k i j I n v a I i d“ druckt ununterbrochen antisemitische I letzartikel, wobei ilun ״Nowoje Wremja“, die den alten Antisemitenton wieder anschlägt, sekundiert. In der russischen Armee wird das Gerücht verbreitet, die ״Tcilniederlagc" bei Tamicnberg sei auf den Verrat der jüdischen Soldaten zurüekztifülimi, die durch Winken mit Taschentüchern dem Feinde die Richtung angegeben hätten. Das Kricgsministcriuni und der Gcncralstab werden von Denunziationen gegen die Juden überschwemmt. ״Novvojc Wremja“ tischt folgendes Märchen auf: Ein jüdisches Leichenbegängnis in Warschau sei den Behörden verdächtig vorgekommen, und sie hätten daher den Sarg untersucht. In dem Sarge hätten sich an Stelle der Leiche 25 Millionen Goldrubel befunden, die für die cinmarschierenden Deutschen bereit gehalten wurden. Die angesehene Monatsschrift ,,,Ruß ko je Bogatstwo“ wurde wegen eines Artikels des Redakteurs P e c 11 c c h o n o w verboten. Entrüstet über die unmenschliche und grausame Behandlung der Juden, die gerade jetzt besonders empöre, ruft er aus: ״Die russischen Juden kämpfen gegen Deutschland, das ihren Brüdern und Schwestern Bildung gab; sie kämpfen für Rußland, das ihnen diese verweigert. Darf man unter diesen Voraussetzungen erwarten, daß der patriotische Aufschwung der Juden zunelimcit und erstarken wird, daß in ihrer Seele keine anderen Gefühle und Stimmungen Platz greifen werden? Sic sind doch schließlich Menschen!“ Der neu abgebrochenen Verfolgung gegenüber hat das russische Judentum nicht einmal die Möglichkeit, an die öffentliche Meinung der Welt zu appelliercn. England hat sofort bei Ausbruch des Krieges der öffentlichen Meinung Europas und noch intensiver der Amerikas systematisch die Lüge suggeriert, die russische Regierung wolle ernstlich und ehrlich eine neue liberale Politik in der Judenfrage treiben. Die englische Regierung scheut sich also nicht, mit dein eigenen Prestige als liberaler Staat Rußland zu decken 1 Wie ferner aus Kopenhagen berichtet wird, sind in Wilna über 150 Juden wegen angeblicher Sympathiekundgebungen für Deutschland v e r h a f - tet worden. In Wilna werden überhaupt die Juden schikaniert. * Für den Posten des Zlvilgouvernetirs der von den Russen besetzten Teile Galiziens soll, russischen Nachrichten zufolge, der jetzige Gouverneur in Podolien, Mclnikow, aiiscrschcii gewesen sein. Dieser verblssene Judenfresser hatte sich unlängst anläßlich eines Prozesses dadurch bekannt gemacht, daß er die bezeichnende Aeußcrung tat: ״Jüdische T rä ־ nen rühren mich nicht!“ In einem Stimmungsbericht aus K r a k a u , den die Berliner ״Nationai-Zeitung“ veröffentlicht, heißt es u. a.: Mit gehobener Stimmung und voll Zuversicht sieht die Bevölkerung den kommenden Ereignissen entgegen. Die schlimmen Stunden der Nervosität sind vorüber. Vor einer Woche war es ja anders. Die Stadt war mit Flüchtlingen aus Ostgalizien überflutet. Eines Tages kamen hunderte armer Juden aus dem ziemlich entfernten Städtchen Kolbuszowa und erzählten schaudernd, wie die Kosaken in ihrem Städtchen einen Pogrom veranstalteten: c s w a r eben jüdischer Feiertag, die Leute waren mit ihren Familien in den Bethäusern, und, plötzlich überfallen, sind sie zu Hunderten nie de rge metzelt worden, Das war auf galizischcrn Boden ein Kornmentar zum Aufrufe: ״An meine lieben Juden!“• Am Wien wird unter dem Tt, Oktober berichtet, daß die Kurse» begannen haben, Lemberg zu räumen. Sie haben auf ihrem Weg nach Screth über Strojnitza eine große Anzahl von Frauen und Mädchen mit in ihr Lager ״eschleppt, wo sie mißhandelt und vergewnitigt wurden. Die Kosaken plünderten sämtliche Geschäfte, besonders die den Jtuten gehörenden. Die Russen schleppten aus der Synagoge in Stroj 11 itza sieben alte Juden, die dort beteten, und führten sic zu Fuß 75 km weit. Bis heute weiß man nicht» über das Schicksal der Unglücklichen. Jetier, der über die rumänische Grenze flüchten wollte, mußte hohe Sum» men au die russischen Offiziere’ zahlen. Zionistisches Lkcsenmeeting in Pnilaucipiiia t (Von unserem Berichterstatter.) Wie wir bereits berichtet haben, hat das amerikanisclic Komitee zur Förderung der zionistischen institutionell in Palästina eine Propaganda-Tournee durch die bedeutendsten jüdischen Gemeinden der Vereinigten Staaten veranstaltet. Haupttcilnehiner dieser Tournee sind die Herren Dr. Schnmrja Lev in und der Präsident des amerikanischen Komitees Mr. Brandeis. Das erste Meeting fand in PUilad e l p h i a statt. Es gestaltete sich zu einer überaus glänzenden Kuiülgdnmg für die zionistische Sache. Dr. Levin und Brandeis hielten, vom überaus zahlreichen Publikum stürmisch begrüßt, begeisterte Ansprachen. Das Meeting begrüßte in einer Resolution dankbar die Arbeit der amerikanischen ,Zionisten für die Aufrcchtcrhaltimg des zionistischen Palästinas Werkes und richtete einen dahingehenden Appell an die jüdische Bevölkerung in Philadelphia. Während des Meetings wurden für diesen Zweck 1000 Dollars gesammelt. Auch die zionistische Föderation M i s r a c h i entfaltet eine überaus lebhafte Tätigkeit im Interesse der zionistischen Arbeit in Palästina. Sofort nach dem Massenmeeting fand eine große Versammlung des Misruchi statt, an der die führenden Persönlichkeiten des orthodoxen Judentums in Amerika tcilnahmen. Die Föderation beschloß, die Arbeiten des allgcmeinen Komitees aufs energischste zu unterstützen. Die Rabbiner E b i n und H e 11 m a n n hielten bcgeisterte Ansprachen und hoben hervor, daß die aufopferungsvolic Tätigkeit des Generalsekretärs des Misraehi, Herrn M. Berlin, nunmehr in Amerika Früchte trage. Als erster Beitrag wurden 400 Dollar an das zionistische allgemeine Komitee abgcliefert. Weitere größere Beiträge dürften in der nächsten Zeit cingchen. Ein glänzendes Meeting fand auch inRochcster statt. Mehr als 1500 Personen versammelten sich in der Covciition Hall, um den Ausführungen der Herren L e v i n und B r a n d c i s über das Thema ״Der gegenwärtige Weltkrieg und die Lage der Juden“ zu lauschen. Auffallend groß war die Zahl der begüterten jüdischen Kreise aus den westlichen Stadtteilen, die bisher niemals zionistische Versammlungen besucht hatten. Der Chairman Mr. Frommensohn erstattete Bericht über die Beschlüsse des allgemeinen zionistischen Komitees und richtete einen lebhaften Appell an die Versammelten. Der Erfolg war die sofortige Zahlung* namhafter Summen. Dr. Lcvin hielt eine zweistündige begeistert aufgenommene Rede, deren größter Teil dem Andenken David Wolffsohns gewidmet war, Dr. Lcvin feierte den Heimgegangenen in rührenden Worten. Seine Rede wurde wiederholt durch heftiges Schlucli׳■ zen der Versammlung unterbrochen, # Am 15. September fand ein zionistisches Massenmeeting in Baltimore statt. Das große Lyric- Theater war von Juden und Christen überfüllt. Die begeisterten Ansprachen von Dr, Lcvin und Brandeis riefen in der Versammlung einen starken Eindruck hervor. Einen glänzenden Eindruck machte die Rede von Dr. Harry Friede nwald, der soeben von seiner Palästinareise zurückgckchrt war. Die Ver- Sammlung beschloß, eine größere Aktion zur Bc-־ Schaffung von Mitteln für die palästinensischen Institutionen in die Wege zu leiten. Die Versammlung brachte sofort den Betrag von 3000 Dollar auf. Nach Schluß der Versammlung fand ein Bankett zu Ehren der Gäste statt. * Die zionistische Föderation in Amerika hat an sämtliche Ortsgruppen der Union einen Aufruf erlassen, das Andenken David Wolffsohns durch öffenbliehe Trauerkundgebungen zu ehren, Größere Stiftungen zum Andenken des unvergeßlichen Toten werden geplant. In allen größeren jüdischen Oemclnden fanden bereits Trauerfeiern statt, über die noch berichtet werden soll. ' , , . Max Nordau ׳ Uebcr das Schicksal Max Nord aus herrschte einige Zeit Ungewißheit. Eine Postkarte des Schriftstellers aus Madrid zerstreut glücklicherweise jede Sorge. Max Nordau schreibt darin: ״Vom Tage der Kriegserklärung bfs zum 2. Sep* fernher waren wir alle in Paris; ich lebte vom 10. August an wie ein Gefangener, durfte Tags über nicht ausgehen, weil dies wegen der Feind- Seligkeit der Nachbarschaft lebensgefährlich gewesen wäre. Am 3. September flohen wir alle, dem Polizei• verbot zum Trotz, aus Paris nach . . , Ich ließ die Meinen dort bei guten Freunden zurück (wann werde ich sie Wiedersehen?) und machte mich am 12., mit allen Pässen versehen auf den Weg nach Spanien. Am 13. wurde ich in Bordeaux verhaftet und schwer bedroht. Das Gelindeste, was man mir in Aussicht stellte, war die Verschickung in ein Fort unter Verbot des Zcituiigslesens und des Schreibens und Empfangcns von Briefen. Die Intervention eines Kollegen befreite midi nach drei Tagen und ich konnte verlaust, doch froh meine schwere Reise nach Madrid fortsetzen, wo ich . . . wohl bis zum Friedcnsschiub werde bleiben müssen.“ Oesterreichlsche Zionisten im Felde Die im Felde stehende junge jüdische Generation gereicht durch ihr tapferes und heldenmütiges Verhalten vor dem Feinde unserem Volke wahrlich zur Ehre. Zahlreiche Juden, darunter Zionisten, wurden belobt und ausgezeichnet. Von den tapferen Oesinnungsgenossen erhielt der Einj.-Frciw. Tit.-Korjxrral Dr. Otto E i s I c r, A. H. der jüd.-akad, Verb. ״Ivria“, die goldene und Julius Sofcr aus Göding die silberne Tapferkeitsmedaille, Zahlreiche Gesinnungsgenossen sind verwundet worden, darunter das Mitglied des Großen Actions• Comites, Dr. Alexander Hausmann. Unsere Partei hat bereits den Verlust einer ganzen Reibe treuer und hingebungsvoller Mitkämpfer zu beklagen. Es fielen auf dem Felde der Ehre: Advokat Dr. Ludwig D ö m d n y, k. u. k. Landstunnleutuant, einer der Führer unserer ungarischen Gesinnungsgenossen, langjähriger Leiter des N. F.- Bureaus in Budapest, Ing. Adalbert Hofmann, Leutn. d. R., A. H. der jüd.-akad. Verb. ״Vcritas“, ein beliebtes Mitglied des Wiener zionistischen Lebens, Ing. Artur S c h u 1 h o f, A. H. der jüd.-akad. Verb, ״Unitas“, Samuel Deutsch, Bczirksvorsteher-Stellvertr., Brünn, Mano Holz m a n n, Kadett d. R,, A. H. der Verb. ״Oamala“ in Göding, Leo Gottlob, Turn wart des jüd. Turnvereins Brünn, i. a. B. der *,Vcritas“, einer der besten jüdisciicn Turner Wcstösterrcichs, Alfred B a d e r 1 e, Göding, Vermißt werden: Dr. Hermann Löw, A. H. der ״Ivria“, und Dr. Ernst S k u t e t z k y, A. H. der ״Unitas“ und Obmann des Wanderbundes Blau-Weiß. Zionistische Freiwillige im Kampf um die Karpathenpässe Wien, 9. Oktober. Amtlich wurde vcrlautbart: 9״, Oktober, mittags. Unsere Vorrückung zwang die Russen, in ihren vergeblichen Anstrengungen gegen Przemysl, die in der Nacht auf den 8. Oktober ihren Höhepunkt erreichten und die Stürmenden ungeheuere Opfer kosteten, nachzulassen. Gestern vormittag wurde das Artilleriefeuer gegen die Festung schwächer und der Angreifer begann, Teile seiner Kräfte zurückzunehmen, — Bei Lancut stellte sich unseren vordringenden Kolonnen starker Feind zum Kampfe, der noch andauert. — Aus Rozwadow ist der Qegncr bereits vertrieben, — Auch in den Karpathen steht es gut, — Dcr-Rückzug des Feindes aus dem Marmaroscr Komitat artet in Flucht aus. — Bei Bocsko wurde eine starke Kosakenabteilung zersprengt. In diesen Kämpfen zeichnete sich auch das ukrainische Freiwilligenkorps aus. Die eigene Vorrückung über den Beskid- und Vcreckepaß ist im Fortschreiten gegen Siawsko und Tucholka. Der vom Uzsoker Paß geworfene Feind wird über Turka weiter ge• drängt. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes:! v, H ö f e r, Generalmajor.“