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Jüdische Rundschau · 1914-10-16 · Heft 41-42 (16.10.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 41-42 (16.10.1914)
Date
1914-10-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 388 Nr. 41/42 Nationale Gedanken Von einem jungen Zionisten. Wunderbares, Einzigartiges liaben wir in diesen Woeben erlebt. Die gewaltige einmütige nationale Erhebung eines Volkes, vom höchsten Würdenträger bis zum einfachsten Arbeiter, ein jeder von der gleichen Grundstimmung getragen, freudig bereit, alles, was ihm lieb und teuer war, zu opfern und sielt selbst hin zitgeben, um sein Volk vor Feindest»acht zu schützen und ihm eine grolle glückliche Zukunft zu sichern. So mancher hatte den Glauben verloren, dal! in unserer Zeit der vergötterten Zweekliaftigkcit reiner, ungetrübter Idealismus ein Volk ergreifen könne. Die Nachdenklichen hatten gefürchtet, dall der immer schärfere Formen amtchntende Wirtschaftskampf den Sinn dafür ertötet habe, sielt in überindividuelle Zusammenhänge cinzustellen und dall diese Zeit mit ihrem cntscclcndcn üeldlumger für die natürlichsten idealen Sticbilligen unempfindlich gemacht habe. Acußerliehe Beurteiler des deutschen Volksgeistcs pflegten zu sagen, daß trotz, des ungeheuren wirtschädlichen Aufschwunges und des reich ent* wickelten geistigen Lebens der Höhepunkt im nationalen Leben des deutschen Volkes überschritten sei und die Peripetie unverkennbar beginne. Der wirtschaftliche Aufschwung habe Deutschland zwar reich gemacht, jedoch entnationalisierend gewirkt. Die Sucht, fremde Sitten nachzuiiffen und den Wert wirtschaftlicher und geistiger Erzeugnisse des Auslandes maßlos zu überschätzen, habe immer weitere Kreise ergriffen. Die Industrialisierung habe die Mehrheit des Volkes zur Unfreiheit und Lohnarbeit herabgewürdigt und unüberbrückbare K lassengegensiitze geschaffen. Man glaubte nicht mehr an eine einmütige nationale Kundgebung des dcutsehen Volkes. Wie anders ist es gekommen I Einigkeit, kerngesunder Idealismus, leidenschaftliche Hingäbe! Das Volk wußte, um was cs ging. Der Kaiser brauchte es ihm in seiner ergreifenden Rede nicht erst zu enthüllen. Das Volk fühlte instinktiv, daß cs sielt handelt ״um Sein oder Nichtsein des Reiches, das unsere Väter sich neu gründeten“. Es ging in Wahrheit ״um deutsche Art und deutsches Wesen!“ Es galt, das Land und die Heimat zu schützen, die eigene Art, das deutsche Wesen zu wahren. Wir deutschen Zionisten sind begeistert in diesen Kampf gezogen, nicht nur, weil es unsere Pflicht als Staatsbürger erheischt, sondern weil wir Zionisten ein tiefinnerliches Interesse daran haben, daß deutsche Art und deutsches Wesen erhalten bleibt. Und ferner: weil dieser Kampf gegen unseren Todfeind, das Moskovvitcrtum, geht. Wer aber glaubt, daß cs wegen unseres patriotischen Verhaltens mit unserem jüdischen Nationalismus vorbei ist, der irrt und zeigt, daß er nie begriffen hat, wie es in unseren nach Freiheit und Ganzheit lechzenden Herzen nussicht, daß er gar nicht erfaßt hat, warum wir eigentlich Zionisten geworden sind. Gerade nach dem Kriege werden wir mit gesteigertem Eifer und noch glühenderer Leidenschaftlichkeit für die Verwirklichung unseres jüdischen Schnsuchtstraum.es kämpfen; nachdem wir für die Existenz und die Größe des deutschen Volkes geblutet hallen, werden wir besser verstehen für die Ehre und die Freiheit unseres jüdischen Volkes Opfer zu bringen. Die gewaltigen Ereignisse, deren Zeugen wir sind, können nur bewirken, daß wir in unserer Gesinnung gefestigter werden. Wir liaben nie so tief, so unmittelbar gefühlt, daß unser Leben nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zu einem höheren Endzweck ist, daß unser Leben nur dann wert ist, gelebt zu werden, wenn wir alle unsere bescheidenen Kräfte in den Dienst des höheren Lebens der Nation stellen. ״Um die Nation zu retten, muß der einzelne sogar sterben wollen, damit diese lebe und er in ihr lebe das einzige Leben, das er von je gemocht hat.“ (Fichte.) So glauben wir auch, daß für unsere zionistischen Bestrebungen eine große Zeit heranbrechen ,wird. Für unsere politische Arbeit werden klarere Grundlagen geschaffen werden. Gewaltige jüdische Zentren, zu denen durch die J U E D! r. C H ru,?וזז sch aü unerhörte 1A .1! ..׳ e i! u ׳ r;׳ ,vu ׳ ״״neu :.nicht unser Freiheit.1!.;.. :!;';׳ tw.hl w־.t diingen l;ö!״!cn, werde;! um. . 1־ ׳ ד■. i< «Len ׳ die flirrt‘;!- iüsti.ia werte״;: Iw! hk'mcme werde;! daitst die Möglichkeit rt;:!._;ti;:u;n•״ Fahne״ an/״- schließet). Am;.־. ׳uc.:;w wer,,;rwrwKl wer ׳;c!1 wir unter der Jugend mehr Vcr.AmdnI:, finden. Wenn Schwarzseher nu :״;eu, ,daß n״ch einem siegrticlu'ii Kriege infolge einer wilden Assimilationssucht und einem chauvinistischen J3e״eistcrungsta1micl der deutschen Juden unsere zionistische Propagandatätigkcit wenig geeignete Objekte vor-, finden wird, so möchte ich das Gegenteil als wahrscheinlich amiciuuen. Die ungeheure Erregung und Erseliiraerung dieser Zeit wird reinigend und belebend ■wirken. Es wird ein Seltnen zu spüren sein nach nettem, freiem, ungebrochenem Leben, nach Ganzheit und Wahrhaftigkeit. Es wird weniger Träge, Matte, Feige geben. Man wird an der Tatsache, daß Tausende und Abertausende iltr Blut haben verspritzen müssen, die Winzigkeit des menschlichen Lebens erkennen, die Erbärmlichkeit und absolute Sinn- Widrigkeit eines Lebens, das bloß um seiner selbst willen gelebt wird, ״als Fortsetzen des wechselnden Daseins“. Das Verständnis, welches die geistige Elite unserer christlichen Mitbürger unseren nationalen Idealen stets entgcgcngcbracht hat, wird sich vertiefen. Mail wird nie so tief begriffen haben wie jetzt, was cs für ein Volk bedeutet, seine Art, sein Wesen zu erhalten. Audi die deutsche Regierung wird sich veranlaßt sehen, die jüdiscltcn Bestrebungen mehr zu berücksichtigen als bisher, bestellt doch die Wahrscheinlichkeit, daß große Mengen der Juden Polens deutsche Staatsbürger werden. Unser Streben wird nach wie vor auf die ׳Anerkennung unserer jüdischen Eigenart in Deutschland gerichtet sein. Die Befürchtungen, nach dem Kriege werde eine starke antisemitische Strömung sich bemerkbar machen, sind leider nicht unbegründet. Wir Zionisten werden am meisten von allen Juden dazu beitragen können, die antisemitische Stirnmung, die Verachtung jüdischer Art verschwinden zu machen. Wir werden durch, unsere Arbeit und unsere Gesinnung den Respekt vor jüdischem Wesen und jüdischer Sonderart zu erzwingen wissen. Unsere Zeit, von der viele glaubten, daß sic nicht fähig sei, gewaltige ideale Erregungen hervorzurufen, hat die einmütige wundervolle nationale Erhebung eines großen Kulturvolkes gezeitigt, das für seine Freiheit, für seine Ewigkeit kämpft. Diese ״neue Epoche der Weltgeschichte“ muß auch die Erlösung des ältesten Kulturvolkes, das jahrtausendelang unter aut sagbaren physischen und seelischen Qualen geblutet hat, bringen. Wir Zionisten werden unsere Pflicht tun. Unseren anderen Stammesgenossen aber rufen wir die herrlichen Worte Fichtes, des großen Deutschen, zu, mit denen er vor hundert Jahren sein Volk z.ur Tat aufgerüttelt hat: ״Es hängt von euch ab, ob ihr das Ende sein wollt und die letzten eines nicht achtungswürdigen und bei der Nachwelt gewiß sogar über die Gebühr verachteten Geschlechts, bei dessen Geschichte die Nachkommen sich freuen werden, wenn es mit ihnen zu Ende ist und das Schicksal preisen werden, daß cs gerecht sei; oder ob ihr der Anfang sein wollt und der Entwicklungspunkt einer neuen, über alle eure Vorstellungen herrlichen Zeit, und diejenigen, von denen an die Nachkommenschaft die Jahre ihres Heils zähle. Bedenket, daß ihr die letzten seid, in deren Gewalt diese große Veränderung steht.“ Atssv/eis Schekel: Stuttgart 13,—. Propajandsfonds: Außerordentliche Beiträge: Offiziers-Stellvertr. Alfred Wollstein 5.—, Luise Treu, Düsseldorf 10,—, S. Schocken jun., Zwickau, 200,—. Eingang von! 1. bis 14. Oktober: Schekel: 13,—. Propagandafonds: 215,—. Gcsoir.telr.ganj{: Schekel: 3048,—. Propagandafonds: 6610,10. Äärezzs für Ccldacndungcm Zionistische Verelnlgung für Deutschland, Berlin W15, Sächsische Straße 8. Postscheckkonto: A. H. Heymann & Co Katholischen Kirche 1. Berlin 8091, Bankkonto 1 •» Berlin w56, Hinter der hlomentbilder aus Rußland Russischen Blättern zufolge sandte Oeneral R c 1111 e 11 k a in p vom Kriegsschauplatz in Ostpreußen an den Rabbiner von Minsk ein Tele, graintn, worin er ihn zu den Heldentaten einiger jüdischer Soldaten aus Minsk beglückwünschte, Tür einen von ihnen erbat General Kcnncnkamp sogar den hödisien russischen Tapferkeitsorden, den Orden des Heiligen ücorg. Kurz vor Ausbruch des Krieges hatte Herr Rennenkamp sich veranlaßt gesehen, den Offizieren des Wilnaer Militärbezirks zu verbieten, den Grub jüdischer Bekannten aut der Straße zu erwidern. Ma1׳ ist nun in Wilna neugierig, ob er nach seinem Telegramin an den Rabbiner von Minsk seine Wilna״■׳ Verordnung nnfltcbcn wird, Bis jetzt iiört man niclur, davon. Die ״lieben Juden“ kennen das schon . Die Diener des Zaren machen noch immer die größten Anstrengungen, die Legende von den bevo•- stehenden Gunstcrvveisungcn des Zaren an sein- ״lieben Juden" aufrecht zu halten. Der russ!- sehe Gesandte in Kopenhagen hat d׳ .• Oeffcntlichkeit, vornehmlich aber der am er., kanischcn Presse, mitgeteilt, der Zar hätte cn;.. ganze Reihe von jüdischen Soldaten wegen ihn,• hervorragenden kriegerischen Leistungen zu O h i * zieren ernannt. In der amerikanischen Presse wird diese Mitteilung sogar dahin gedeutet, daß es sic.1 um den ersten Schritt zu der j ü d i s c h e n Gleichberechtig u ng in Rußland handle. Aus eben cingctroffcncn zuverlässigen Berichten geht י,;ו. zweifelhaft hervor, daß an der ganzen Sache kein wahres Wort ist. Es bleibt zu bedauern, daß die jüdische Presse in Amerika diese russische;! Manöver nicht von vornherein als solche erkennt und gebührend würdigt. * Auch die Kaiserin-Mutter von Rußland, die vom russischen Volk seit jeher als die eigentliche IJrheberin alles Unheils betrachtet wird, bekundet ihr Interesse für die ״lieben Juden“. Sie empfing, so lauten die letzten Berichte, die Vertreter einer jüdiscltcn Abteilung des Roten Kreuzes und unterhielt sich lange mit ihnen über deren vorzügliche Einrichtungen. Beachtenswert ist, daß die russische Presse offenbar vergessen hat, za bemerken, daß cs sich hierbei um folgenden Fall handelt: Nachdem sämtliche Gesuche von Juden, in den Dienst des Roten Kreuzes auch freiwillig und unentgeltlich cinzutretcn, von allen Instanzen nbgclchnt worden waren, ist den Juden gestattet worden, eine separate Rotc-Kreuz-Abteilung zu gründen, mit der Maßgabe, daß die jüdische Abteilung vom Staat nicht einen Pfcnnig Unterstützung beanspruchen dürfe. An Stelle des Roten Kreuzes darf sie auf ihren Quittungen ein Mögen Dovid anbringen. Groß ist die Gnade des Zaren! * Die jüdischen Dunia-Abgcordnctcn, die zurzeit in Petrograd weilen, erhalten täglich hunderte Depeschen von Juden aus verschiedenen Gegenden des polnischen Kriegsschauplatzes, worin die Abgeordneten bestürmt werden, von der Regierung die Genehmigung zu zeitwelligem Aufenthalt außerhalb der Ansiedlungsrayons zu erwirken. Die unglücklichen Juden müssen von den Deputierten fast stets die gleiche Antwort erhalten, daß nämlich sämtliche derartige Gesuche von der Regierung nbgclchnt werden. Zahlreiche jüdische Gemeinden wandten sich au den russischen Premierminister mit der Bitte, wenigstens die Kinder der itn Felde stehenden Juden ohne Anwendung der Prozcntnorm in die Staatsschulen aufzunehmen. Dabei wiesen die Gemeinden darauf hin, daß es ein Unrecht wäre, den Kindern derer, die für das Vaterland ihr Leben hingeben, die Elementar- Schulbildung zu versagen. DicseOesuchcblieben zum großen Teil unbeantwortet. * Trübe Nachrichten kommen aus Warschau. Die Stimmung unter der dortigen jüdischen Bcvölko rung ist eine äußerst gedrückte, da man tagtäglieh Pogromausbrüche erwartet. Die russischen Beamten verbreiten die Nachricht, daß die Niederlage in Ostpreußen auf den Verrat jüdi scher Soldaten zurückzuführen sei. Die polnischc Boykotthetze, die seit Ausbruch des Krieges in der Presse und Oeffentlichkeit nicht mehr laut werden durfte, nimmt in verschiedenen Stadtteilen wieder einen bedrohlichen Charakter an. Die polnischcn Führer, die dauernd Sitzungen und Beratungen mit den russischen Behörden abhalten, untcN lassen offenkundig jeden Schritt zur Beruhigung der Bevölkerung. Vorige Woche sprach eine Deputation der Rabbiner bei dem Erzbischof von Warschau vor und bat, die Geistlichkeit möge dahin wirken, daß die täglichen polnischen Ueberfäfle und Angriffe auf

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