Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 41-42 (16.10.1914)
- Date
- 1914-10-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r I I 1 Abonnements ftuf die wöchentlich am Freitag־ er• § scheinend• ,Jttditch• Rundschau*' | kosten bei der Expedition und bei fl allen Postämtern vierteljährlich 1,50 M., I aufierhalb Deutschland• und Oester• J reicJi-Ungsrci 2,— M.j für Mitglieder » jüdisciier Vereine im Summelbexug 1 durch den Verein 5,— M. J Jüdisch* Kaaduhan, Q. in. b. II. 1 BERLIN W,l*t SlSdwUcB* Straße 8. י Telephon( Amt Uliland $45, 64&, $$$, * PosUcheckkonto( Berlin Nr. 17392. 7J u *Srw— ץ/<"/ ' '*U ני i ר"" Nummer 41/42 iSll 16« «׳>״ | teil« oder de Rodaktlois JiSdfaclx• RnodidiM BERLIN W. 15, SSchalarh« Straß« I. PosUditckkooUi Berlin Nr. 17392. (iä %ß r1־f! M i'llu * w* /״״?*I fr-\ XIX. Jahrgang. Reichstreue und Volkstreua Die Nationaljuden Dcutsclilands können mit Freude hören, daß ihr oft bezweifelter Patriotismus jetzt, da er sich ernstlich bewähren muß, auch von den Gegnern ohne Einschränkung anerkannt wird. Zeigte nur diese Anerkennung nicht den fatalen Unterton, den wir an so vielen Stellen hcrausfühlen: ״Warum waren eure Worte nicht so loyal wie eure Handlungen? Seht ihr jetzt, daß es falsch war, als ihr euch von der großen deutschen Nation durch ein besonderes jüdisches Nationalgefühl getrennt erklärtet? Aber nun, wo ihr, wie alle, mitgerissen seid von der großen nationalen Erhebung, deutsch mit den Deutschen, seien euch alle früheren Entglcisungen vergeben und vergessen!“ Das ■stellt deutlich zwischen, manchmal sogar in vielen freundlichen und sonst sehr begrüßenswerten Zeilen, zugleich mit der Erwartung, daß die deutschen Zionisten nun auch nach dem Kriege auf ihren jüdischen Nationalismus verzichten würden. Die so denken, haben weder unsere Theorien noch unsere Handlungen hinreichend tief erfaßt, sonst würden sie sehen, wie beide Eines sind, und wissen, daß unsere Zukunft nichts anderes sein darf als ein gestähltes und unbeirrtes Weiterschreiten auf der alten Bahn. Es ist nicht die Zeit zu polemisieren, aber wohl geben uns die Worte jener Anlaß, uns auf uns selbst zu besinnen. Denn sie sprechen nicht nur im Sinne ihrer Anschauung, sondern, das ist wesentlicher, im Sinne einer Iristorischen Möglichkeit, einer Gefahr unserer nächsten Entwicklung. Viele, die auf dem Wege zum jüdischen Nationalismus waren, mögen vielleicht den Ruf dieser großen Zeit mißdeuten und für eine Forderung des Patriotismus halten, daß man sich von der deutschnationalen Majorität unseres Reiches nicht absondere. Manche sogar in unseren Reihen werden vielleicht wankend werden, betört durch die moderne Verknüpfung der Staatsidee mit der nationalen, die doch ebensosehr nur zeitlich ist wie die mittelalterliche Verknüpfung der wesentlich von einander unabhängigen Ideen des Staates und der Religion. Solche Wellen, mit denen die Zeit ihre Ufer überschwemmend das Ueberzeitliche verdunkelt, können unsere große Bewegung so wenig dauernd schädigen, wie sie die reinen, ewigen Ideen, die uns treiben, dauernd verwirren können. Sic können nur epochale Störangen hervorrufen, die wir bis zu einem hohen Grade einzuschränken vermögen. Vor allem in diesen Tagen, wo uns ein großes, augenfälliges historisches Erlebnis, das Erlebnis des verjüngten und geeinten Oesterreich, zu Hilfe kommt, wenn wir die tieferen historischen Tendenzen der Zeit gegen diejenigen anrufen, die bisher ihre Oberfläche beherrschten. Immer und immer wieder haben die Vertreter der Idee vom alleinseligmachenden Nationalstaat ־ im Tone mitleidiger Uebcrlegcnheit vom Siechtum und Zerfall des österreichischen National'!- tätenstaates gesprochen. Kämpfe um die Macht zwischen Polen und Ruthencn, Deutschen und Tschechen schienen ihnen recht zu geben, wenn sie es für unmöglich hielten, daß dicOrganisationsform des Staates so verschiedenartige Teile zusamm&nhalten könne. Wenige wußten, daß י' ד ־*־-י nvsrrי י.u Y)zv '/,lonlrz.v.i erslvebi för das :he VoAi tifo £1ä0i*'isn«i einer öi'Jesi- Ikli-recIiT'ca gatikcrlm licloisflilte in Coseler Programm. Oesterreich mehr Zukunft als Vergangenheit hatte und daß gerade die Notwendigkeit, über die Machigciüste aller einzelnen Nationalitäten hinweg den einen Staat durchzusetzen, Oesterreich als erstes großes Land mit dem Lichte einer neuen Zeit erhellte, einer Zeit, in der Nation und Staat voneinander unabhängig gedeihen. Selbst diesewenigen aber konnten nicht ahnen, was jetzt Wirklichkeit ist, daß so früh die Völker Oesterreichs für ihren großen Beruf reif seien und diese schwere Stunde sie einig finden würde, jedes Volk nichts als ein Glied der Gemeinschaft, jedes wissend, daß seine 1501;derart und seine Sonderintercs.rcn sh nicht »’.!:;:lern, sich ganz dein weiten Kreis des Vöikerr.faate:; einniordnen. Hier hat sich 'das bewährt, woran die Menge noch immer nicht zu glauben vermochte; die sittliche Kraft der reinen, von allein Nationalismus gelösten Staatsidee. Für die lebendige Wirklichkeit einer Idee wie einer Seele ist die Zukunft ihrer Erschei* mingsform nicht entscheidend. Mag welche auch immer von den 1 lypothcscn über die Entstehung des Staates richtig sein, mag der Staat auch durch historisches Schicksal mit noch so vielen Mächten verknüpft worden sein, die ihm nicht wesentlich verbunden sind; heute ist uns der Staat eine territorial bestimmte Organisation zur Besorgung aller öffentlichen und allgemeinen Angelegcnheiten, die jeden Angehörigen in allen seinen Rechten schützt und der er dafür zu jedem Opfer sittlich verpflichtet ist. Der Wille zur Freiheit des Geistes, der von Jahrhundert zu Jahrhundert mehr Inneres und Individuelles aus der nur in dem bezeichnten Kreise segensreichen Macht uniformer Organisation löst, hat seit dem Mittelalter cs vermocht, die Rcligions- Zugehörigkeit von der Staatszugehörigkeit auch im Leben so zu trennen, wie sie in der Idee ewig getrennt sind, und niemand würde heute mehr daran denken, von einem Patrioten das Bekenntnis zur Religion des Landesiicrrn oder der Majoritat dgr Landcsbevölkerung zu verlangen. Aber bei einer anderen, im gleichen Maß wichtigen Angelegenheit, der Nationalität, tut man das heute noch und in vielen Ländern wie nur je. Der Freiheitswille, der seinen Zielen weiter zustrebt, rnuß auch diese Fessel sprengen, mit der man das nationale Bekenntnis eines Mensehen an seine Staatszugehörigkeit gebunden hat. Fessel, weil es durch Abstammung und kulturelle Traditionen außerstaatlich bedingt ist wie das religiöse durch andere seelische Mächte. Zu dieser Befreiung hat die Geschichte ein erhabenes Vorbild geschaffen in der patriotischen Einigung der verschicdennationalen österreichischen Völker. Wenn wir Nafior.aljuden Deutschlands bisher erklärten, daß wir cbensogute Patrioten seien wie die Nationaldeutschea, obwohl wir uns offen und entschieden zu unserem eigenen Volkstum bekennen, glaubte mar. an unseren Patriotismus nicht. Nun man diesen unseren deutschen Patriotismus am .Werke sehen muß, hält man unseren jüdischen Nationalismus für Trug und Phrase. Weil man nicht begreift, daß ein Patriotisinus aus reiner Staatstreue ohne die Unter* Stützung nationalistischer Triebe leben kann. Wie oft warf man uns vor, wenn wir zwar unsere Verpflichtungen dem Staat gegenüber erfüllen, aber kulturelle Sondcrziele verfolgen, sei unser Patriotismus trocken, schwunglos, die Bezahlung einer Rechnung. Weil man nicht begriff, daß Pflichtgefühl kein trockenes, sondern ein warmes und starkes Gefühl wie nur eines ist, daß itn Bewähren einer sittlichen Bindung wie des Staates allein schon Schwung und Lust, die ganze frolie Begeisterung der sittlichen Tat liegt. Man versuche nun, cs zu begreifen, wenn anders man nicht ganz darauf verzichten will, uns zu verstehen. Denn wir jüdischnationalen Bürger und Soldaten des Deutschen Reiches, die gesonnen sind, alles zur Verteidigung ihres bedrohten Staates hiimigcben, ziehen hinaus, ohne das Geringste von unserem jüdischen Voiksgefühl ver- Soren zu haben, ohne die geringste Absicht, uns und unsere jüdische Sondcvart der Assimilation an andere hinzugeben. Frei neben Freien kämpfen wir für das gemeinsame Reich, bekämpfen geschlossen den allgemeinen Feind, ohne daß wir cs deshalb nötig hätten, unsere Besonderheiten und unsere jüdische Frcihcits- Sehnsucht aufzugeben. Nationalismus ist die kulturelle Angelegenheit einer Bevölkerungsgruppc, die, ähnlich wie Religionsgemeinschaft oder Familie, Angehörige verschiedener Staaten umfassen kann und deren Teile mit Teilen anderer Gruppen zu einem Staatsganzen verbunden sein können. Nie können die Pflichten, die sic auferlcgt, mit den Staatliehen in Konflikt kommen, wenn sie nur als die rein kulturelle Bindung angesehen wird, die sie ist. Dem Staat gegenüber ist sie Privatsache, und man verläßt ihren Dienst wie allen privaten Dienst, um den Staat zu verteidigen. Das Blut, das in diesem Kriege von nationalen Juden für die Ehre des Deutschen Reiches vergossen wird, darf nie und nimmer angerufen werden, um Juden von ihrem Volk abzuwenden. Wir lassen, wenn wir für den bedrohten Staat hinausziehen, unser bedrohtes Volkstum unvergesseud in sorgender Liebe zurück, wie man Eltern und Frauen und Kinder zurückläßt. Und wie der Soldat ruhiger stirbt, der weiß, daß Freunde und Brüder seine Familie nicht im Stich lassen, so werden wir jüdiscluiationalcn Soldaten leichteren Herzens unser Leben wagen, wenn wir wissen, daß das jüdische Volk von seinen Söhnen und Töchtern nicht verlassen wird, daß ihr Zurückbleibenden, wie auch immer die Zeit euch locken und bedrohen möge/treu und fest im Dienste des alten Ideals verharrt. Dieser Krieg, die schmerzliche Läuterung einer Welt, wird die verbündeten Kaiserreiche, die siegen werden, zu einer neuen, reineren, größeren Epoche ihrer Geschichte reif machen. Schon mehren sich die Zeichen einer beginnenden Zeit der Eintracht, in der keine Nationalität andere Ziele als die ihrer kulturellen Blüte verfolgt und nirgends die stärkere die schwächere zu bedrücken oder zu assimilieren sucht, in der jede Nationalität sich freudig dem Staatsganzen eingliedert und anderseits der Staat auch den nationalen Minoritäten die Freiheit läßt, die ihre Treue verdient. Diese Zeit kündigt sich an und wird kommen, wenn die Völker nur wach sind, um die Stimme der Geschichte zu hören und zu deuten, Ludwig Strauß. . ,־ ־.־, . 1. i ־■-••'> J