Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 J U E DI S C 11־ E RUNDSCHAU Seite 383 Zur Abstimmung gelangte ein Antrag der Poalc Zion, die Konferenz möge die Einberufung eines all• gemeinen jüdischen Kongresses beschließen, auf dem die gesamte Lage des jüdischen Volkes besprochen werden soll. Nach kurzer und lebhafter Debatte wurde beschlossen, den Vorschlag dem zu gründenden Komitee zu unterbreiten. Die Konferenz beschließt, ein Manifest an die Juden Amerikas zu erlassen, worin die jetzige Lage geschildert und das amerikanische Judentum aufgefor* dert «׳erden soll, mit der jüdischen Gesamtheit im gegenwärtigen Moment zusammeiizuurbeiten. In der Nachmittagssitzung wird im Einverständnis mit Herrn Dr, Schmarja Levin das ,,Provisorische Executiv-Comite zur Erledigung der Zionistischen Arbeiten“ gewählt. Es bestellt aus folgenden Herren: Louis D. Br and eis, Präsident, Rabbiner Dr. Stephen Wise, Dr. J. L. Magnes, Mil! I Icnricttc S z o I d , Louis L i p s k y , Luwin-Epstein, Joseph B a r o!1 d e s, Nathan D. Kaplan, Dr. Harry Frieden w a 1 d. Außerdem wurde je ein Vertreter der Poale Zion und des Misrachi kooptiert. Ferner wurde ein Komitee für die administrativen Angelegenheiten gewählt, bestehend aus den Herren S. Abel, Charles C o w e n , B. R o s e 11 b 1 a 11 und A. Gold b e r g. Nach der Wahl erklärte Dr. Schmarja Levin, daß zur Erhaltung der Palästina-Institutionen für die Dauer der nächsten zwei Jahre ein Betrag von lüOOOtl Dollar notwendig sei. Er richtete einen warmen Appell an das Publikum, mit der Sammlung sofort zu beginnen. Der Gesamtertrag müsse im Verlauf von drei Monaten aufgebracht sein. Der Aufruf Dr. Levins machte auf die Versammlung einen starken Eindruck. Eine sofort vorgenommene Zeichnung ergab den Betrag von 14 000 Doll., darunter folgende größere Zeichnungen: 5000 Doll, von Nathan Straus, 1000 Doll, von Louis D. Brandeis, 2500 Doll, vom Order Bne Zion, 2000 Doll, von den Knights of Zion. Fferr Brandeis hielt eine tief zu Herzen gehende Rede. Er sagte u. a. folgendes: ״Mein ganzes Leben lang stand ich fern von meinem Volk und vom Judentum. Erst in den letzten Jahren habe ich mein Volk kennen gelernt, und dr, erlebte ich manche Offenbarungen. Durch meinen Beruf und meine Arbeit habe ich verschiedentlich gelernt, mich zu überzeugen, daß unser Volk ein Bollwerk der .Moral ist, getragen von einer ewigen brüderlichen Liebe und von einem ewigen Intciiektualismus, den wir durch Jahrtausende zu einem höchsten Gut der Menschheit vervollkommnet haben. Es ist die Aufgabe der gesitteten Judenheit, unsere Nation zu erhalten. Das jst das Ziel des Zionismus. Ich bin glücklich, mit den Zionisten aller Länder Zusammenarbeiten zu können. Wir werden die Arbeit fortsetzen!“ Es wurden noch Ansprachen gehalten von Dr. Magnes, Dr. Syrkin und Herrn de Haas. Letzterer erinnerte an die Tatsache, dal! der Tag der Konferenz mit dem Schlußtage des ersten Zionistenkongresses Zusammenfalle. Nach der Schlußrede Mr. Lipskvs wurde die Konferenz unter dem Gesang der Hatikwali geschlossen. Am Montag, den 31. August, fand eine Sitzung des neugegründeteu Komitees statt. Es wurde heschlossen, sich an sämtliche jüdische Organisationen zu wenden, um gemeinschaftliche Arbeit zum Wohle des gesamten jüdischen Volkes zu tun. Das J e w i s h Committee hat die Einladung freundlich aufgcnommen. Das zionistische Komitee und das Jcwish Committee bildeten eine n g c in e i 11 s a m e 11 Ausschuß, um eine großzügige Aktion zugunsten unserer palästinensischen Institute einzulciten. Das Jewish Committee ist vertreten durch die Herren Louis M a r s h a 11, Dr. Magnes und Dr. Cyrus Adler, das zionistische Komitee durch Louis D. B r a 11 d e i s , Professor Gottheit und Louis Lipsky. Ferner hat das zionistische Komitee beschlossen, eine große Propaganda-Tournee durch sämtliche Staaten Amerikas unter Beteiligung von Dr. Schmarja Levin und Herrn Brandeis zu veranstalten. Wir suchen für eine junge Oesterreicherln (aus der Bukowina) aus gutem Hause, die durch den Krieg von ihren Angehörigen abgeschnltten und Infolgedessen mittellos ist, kostenlose Unterkunft in jüdischer Familie. Hilfskomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Berlin W 15, Sächsische Str. 8. jr.־jr .י!» ןיי-״׳י וי *Y־׳ff: ־ v ׳',"•" 0*4 W U ''Kjf ii iii Ä h « e% 1 m A» *4*^ M %** I. Ein oberschlcsi scher (ksimtungsgenosse stellt uns folgenden Feldpostbrief zur Verfügung: L i e be s Mutte 11 e 111 Mein Telegramm von gestern hast Du wohl erhalten und kann ich Dir nur nochmals versichern, daß ich ganz leicht verletzt bin. ich habe einen Granatsplitter in den 1 lintcrkopf bekommen, der mir ein ganz kleines Loch schlug und nicht einmal in der Schädeldecke stecken blich. Der alte Gott lebt noch; der Splitter ist au der Hehnscliiene angeprallt und dadurch abgcschwaeht worden. Er ist links von der Hehnscliiene durch das Leder durehgegangen, hatte aber keine Gewalt mehr, so daß er nicht ins Gehirn gehen konnte. Wie Du siehst, bin ich mm nicht nach Cassel, sondern nach einem kleinen Stiidtdien bei Cassel, Fritzlar, gekommen, je kleiner der Ort, desto besser die Aufnahme. Ich schlafe liier in der Kaserne und werde erstklassig verpflegt. Hier gibt es etwa 50 jüdische Familien, die fast durchweg orthodox sind. Ein jüdischer Herr, Herr L ö w e 1! s t e i 11, bei (fern ich gerade bin und Dir den Brief schreibe, hat mich am Bahnhof gleich als Stainmcsgcriosscn erkannt und mich zu sich geladen. Ich hoffe schon nächste Woche wieder nach dem Schlachtfcldc abdampfen zu können. Es ist nicht angenehm liier zu faulenzen, wenn man weiß, daß seine Kameraden schwer im Felde kämpfen. Nun werde ich Dir ein wenig von meinen bishcrigen Erlebnissen erzählen. Eben habe ich bei Herrn Löwenstein, einem sehr netten, frommen Herrn, gevespert; ich sage Dir, erstklassig. In solchen Zeiten hat die jüdische Gastfreundschaft keine Grenzen. — Auf unserer Reise wurden wir vom Roten Kreuz erstklassig verpflegt lind alle Spenden, alle Arbeit und Mühe, die mau dem Roten Kreuz zugute kommen läßt, ist zu wenig. Was die Leute leisten, ist unsagbar. Einzelheiten mündlich. Wir gingen von M. einen schweren, sehr steilen Bcrgwtg nach Orsch., wo wir Bürgcrquartier bezogen. Ich habe ein sehr gutes Quartier gefunden, bekam sehr viel und sehr gut von einer Frau, deren Manu im Krieg ist, zu essen und zu trinken. Wir überschritten bald die luxemburgische Grenze, kamen durch das wunderbare luxemburgische Greiizstädtcheu R. und bezogen nach einem schweren bergigen Marsche in größter Hitze 11111 1 '.•'3 Uhr nachmittags Quartier in einem kleinen Dörfchen ״W. am Turm“. Zum Glück wurden wir von unseren Feldküchen gut versorgt, ich lag mit etwa <1(3 Leuten in einer Scheune auf Stroh, das mit einem Wolltuch bedeckt war. Wir blieben dort von Mittwoch bis Sonnabend und marsehierteu dann weiter nach dem schonen, ziemlich großen Dorfe I. Dort batte ich wieder bei einer sehr anständigen Familie ein glänzendes Quartier. Wir lagen zwar auf Stroh, hatten aber Unterdeeken, Kopfkissen und Zudecken. Auch gab es außer der Feldküchelikost viel Eil- und Trinkbares zu kaufen. Dicnstag früh um 3 Uhr rückten wir los und mar- ■ sebierten über die Stadt Luxemburg der belgisehen Grenze zu, bezogen aber noch vor der belgischen Grenze in einem Dörfchen von 30 Einwohnern Notquartier. Frühzeitig marschierten wir weiter und überschritten die belgische Grenze. Ich war die nächste Nacht auf Feldwache; was das ist, erzähle ich Dir, wenn ich zurückkomme. Dort waren noch die Leute deutsch und «auch sehr nett, aber als wir. tiefer ins Land kamen, dann waren sie recht hinterlistig und feindlich. Den anderen Tag kamen wir in ein sehr heftiges Gefecht. Die Kugeln sausten um mich nur so herum und Granaten platzten in meiner nächsten Nähe. Ein Leutnant, der zwei Schritte von mir entfernt lag, wurde verwundet, doch ich kam heil davon, ich habe ziemlich genaues Tagebuch geführt und werde, wenn ich aus dem Kriege zuniekkommeu sollte, viel erzählen können. Hoffe, bis Sonntag heil zu sein und fahre dann wieder ins Schlachtfeld. Es ist gräßlich, hier müßig zu sitzen, wenn die Kameraden schwer zu kämpfen haben. Wo befindet sich Max? Sei unbesorgt, geliebte Mutter, um mich, das Scchus meines seligen Vaters hilft mir, und wenn ich bis jetzt nicht gefallen bin, dann werde ich nicht mehr fallen, denn in einen so heftigen Kampf, wie ich am Sonntag war, komme ich nicht mehr hinein. Heute abend gelte ich in Schul und werde nach langer Zeit wieder einmal Kaddisch sagen können. Ich bin nur glücklich, daß ich bei solch netten, frommen Juden bin. Es grüßt und küßt [)ich tausendmal Dein tr. Salm, PS. Unser Bataillon hat beim Gefecht Hervorragendes geleistet. * * * II. Lin Gesinnungsgenosse in Kiel übergibt uns eien folgenden Feldpostbrief *zur Vcröffcntlicluing iu der ״Jüdischen Rundschau“: M e i 11 e L i e 1) e 11! Für die mir gesandten Zigaretten sage Dir, liebe Mama, meinen besten Dank, und kann man jetzt alles gut gebrauchen. Ich habe mich über Deine Aufmerksamkeit riesig gefreut. Ich dachte nun, mich in Th. einige Zeit von den gehabten Strapazen ausruhen zu können, doch mußten wir am •I. 9., gerade an meinem Geburtstage, wietfer nach Rußland fort. S. ist eine Stadt von 3000 KKW Einwohner — fast ausschließlich Juden. Am Sonnabend war ich im Teinpel, und könnt ihr Euch die Freude von den Leuten denken. Eine Alije habe ich auch bekommen und bin vom Rabbi zum Essen geladen worden. Wenn ich aber allen Einladungen Folge leisten soll, so brauche ich dazu vier Wochen. Ob wir jetzt hier bleiben oder auf W, weiter vorrücken werden, wird sich in diesen Tagen entscheiden. Es ist aber nieht ausgeschlossen, daß wir von andern Truppen wieder abgelöst werden und nach Th. zurückkommen. Hier in S. liegen wir im Schloß des Grafen v. Wudtzinski; ich bewohne sein Bibliothekzimmer. Die Einrichtung und seine Sammlung sind sehenswert. Wenn ich gesund aus dem Feldziige zurückkomme, so werde ich mir verschiedene Andenken mitbringen. Die Gegend selbst ist so dreckig, daß man sich abends Hals und Beine brechen kann. So etwas findet man sicher in ganz Europa nicht. Die Bevölkerung möchte zu gern deutsch werden. Als ich vor einiger Zeit an die jüdische Bevölkerung hebräische Aufrufe erließ, wollten sie mich vor Liebe bald auffressen. Da ich der einzige Jude in der Kompagnie bin, so erhalte ich stets den Auftrag, mich der jüdischen Bevölkerung während meiner freien Zeit zu zeigen. Ich tue cs sehr gern, und die Leute lassen mich auf der Straße nicht eine Sekunde in Ruhe. Immer wollen sie was Neues wissen. Wir machen hier täglich größere Erkundungsmärsche, doch stoßen wir nur auf Kosaken- Patrouillen. So wie diese uns von weitem sehen, rennen sie davon und dadurch bekommen wir keinen zu fassen. Die Bande ist doch sehr feige. Wir lauern täglich mit Sehnsucht auf einen Angriff von Kosaken, doch leider immer vergebens. Ich habe einen tadellosen Hauptmanu erhalten und da ich in der Konipagnie auch ein Wort zu sprechen habe, so muß ich bei jeder Sache mit dem Hauptmann zusammen sein. Ich habe schon, so lauge ich hier bin, nicht die Sachen vom Leibe gehabt, und jede Nacht muß ich mit dem Hauptmanu die Feldwachen ablaufen. Man hat sich jetzt schon so daran gewöhnt, daß man die Müdigkeit nicht mehr spürt. Wenn ich gesund den Kampfplatz verlasse, so wird man was zu erzählen haben. Außer einem größeren Gefecht habe ich bis jetzt nicht viel mitgeinacht, denn diese kleine Lappalien rechne ich nicht mit. Man kann bei diesen Kleinigkeiten auch erschossen werden. Ich gehe aber stets mit solch einem Gottvertrauen, daß ich immer denke, mir passiert nichts. Ich möchte mich freuen, auch von Euch wieder einmal etwas zu hören. Seid alle recht herzlich gegrüßt von Eurem Martin. Brief aus Oesterreich Der Ausbruch des Krieges hat hier, wie überall, aller Friedensarbeit zunächst ein schnelles Ende gesetzt. In unseren zionistischen Reihen gingen viele Früchte einer systematischen hingebungsvollen Arbeit verloren, die in der nächsten Zeit hätten geerntet werden sollen. Die zionistische Tätigkeit in Wcst-Oesterreicli mußte zunächst, wie wohl auch anderswo, so gut wie ganz eingestellt werden, weil überall ein großer Teil der Mitglieder unserer Ortsgruppen und Vereine, die ja meist noch in Waffenfälligem Alter stehen, zu den Fahnen einberufen! wurde oder sich freiwillig stellte. Besonders iu den zionistischen Studcuteukorporationeu, auf die sich in den großen Städten die zionistische Arbeit stützt, traten die meisten Mitglieder sofort unter die Fahnen. Ein großer Teil der zionistischen Studentenschaft hekleidet Offizierstelleii im österreichisch-ungarischen Heer. Die Stimmung der nationalen Juden, die ihre vaterländische Pflicht erfüllten, war überall eine begeisterte, wußten sie doch, daß sie zum Kampf gegen den russischen Zarismus antreten, der Oesterreichs Frieden und die freie Entwicklung seiner Nationen seit jeher bedroht. Es wurde auch bald bekannt, daß die jüdischen Soldaten größtenteils immer wieder den Wunsch aussprechen, iu den Kampf gegen Rußland geschickt zu werden, und das bezieht sich nicht nur auf die jungen national-jüdischen Studenten. Auch in Galizien, wo zahlreiche Regimenter zuni großen Teil aus Juden bestehen, meldete sich Alt und Jung so vollzählig zum Kampfe; daß der Patriotismus der jüdischen Bevölkerung überall Anerkennung fand. Die