Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 384 J U E D i .UW DSC HAU Nr. 40 Judentum schwelen treibt es Fürsorge Zionisten Westöstcrreiclis und das Zionistische Zeit* tralköinitcc in Galizien sowie in der Bukowina erließen flamnieude Aufrufe, die an das jüdische Volk Oester• reichs gerichtet waren. Es zeigte sich schon in diesem Augenblick, dall die natioiialbewulHe Erziehung der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs ihre Früchte getragen hatte. I laben doch die national-jüdischen ürganisationen in Oesterreich immer wieder darauf hingewiesen, daß zwischen den jüdisch-nationalen und zionistischen Bestrebungen und den wohlverstandenen Interessen Oesterreichs kein Gegensatz bestehe. Es ist darum eine der wichtigsten Erscheinungen des Krieges, dall sich in der Hingabe für das Vaterland die Juden als Volk neben den anderen Völkern des Reiches herrlich bewährt haben. Allerdings hat auch das jüdische Volk die schwersten Leiden des Krieges zu tragen. Die Kriegs- Ereignisse haben es mit .sich gebracht, dall Ualizien bis zur Sanlinie, also ganz Ostgalizien, von den Russen überschwemmt worden ist. Schon der Beginn der Kämpfe brachte einzelne Einfälle kosakisclier Horden, die von den österreichischen Grenzschutztruppen zurückgeschlagen wurden. Aller schon das Erscheinen der Kosaken veranlaUtc in einzelnen galizischcti (jrenzstädtchen, die fast ausschließlich von Juden bewohnt werden, Plünderungen durch die r 11 s s o p 11 i I e 11 r 111 h e 11 i s c 11 e n B a u e r n der Umgebung. Damals wurden solche Vorfälle noch von den vordringenden österreichischen Soldaten mit aller Schärfe geahndet und ganze ruthenisehe Dörfer bestraft. Später aber konnten und wollten die Jmlen Ostgaliziens sich der russischen Invasion und dem Pogrom der aiifgehetzteu russophilen Bevölkerung nicht aussetzen und flohen vor dem Feind. So sind vielleicht 150 000 jüdische Flüchtlinge im Laufe der letzten Wochen nach Westösterreieh gellohen. Diese Flucht vor dem russischen Feind ist ein Ereignis von so erschütternder Tragik, wie es auch in diesen welthistorischen Tagen nicht oft Vorkommen wird. So schwer diese Ereignisse auf dem Österreich!• scheu Judentum lasten, haben sich doch gerade die nationalbewuilten Juden nicht der Pflichten gegen die jüdische Gesamtheit cntsehlagen. Das nationale ist so stark, daß es sich auch in diesen lagen bewährt. Zuerst selbstverständlich alle unsere Freunde zur Betätigung der und der brüderlichen Teilnahme au dem Elend der geflüchteten ostjüdiselien Volksgenossen. Für sie müssen sie zunächst sorgen. Aber auch im Dienste der zionistischen Organisation gibt es genug zu tun. Die nationalen Juden Oesterreichs wissen, daß die zionistische Organisation der Kern ist, um den sich alle Arbeit für das nationale Judentum auch in Oesterreich gruppiert. Es hat sich gezeigt, dall die zionistische Organisation in Oesterreich auch im Kriege wcitcrbcstcht. Nicht alle unsere Freunde stehen im Felde und wer zurückgeblieben ist, erfüllt mit gleichem Eifer seine Pflicht dem Vaterland und seinem Judentum gegenüber. Um die möglichen Arbeiten in ganz. Oesterreich wcitemiführen, arbeitet das Zionistische Zcntralburcau in Wien weiter. Ueberall schließen sich unsere Freunde eng aneinander, tim ihre organisatorischen Erfahrungen zunächst auch schon der patriotischen Arbeit Z:u widmen. Zionistische Vereine gründen Lazarette, stellen sielt in den Dienst des Roten Kreuzes; ein jüdischer Mädcheuklub (in Prag) führt eine große Hilfsaktion für hungernde Kinder durch. Der Nationalfouds vertreibt in großzügiger Weise die vom I fauptburcau des Jüdischen Nationalfonds in Köln herausgegebene Milfstnarkc für patriotische Zwecke. Auch die zionistischen Zeitungen Westösterreichs, die ״Jüdische Zeitung“ jn Wien und die ״Sclbstwchr“ in Prag erscheinen in einzelnen Nummern. Das Organ der galizischcn Zionisten, das ״Lcmbcrger jüdische Tagblatt“, Tat sogar bis zum Zeitpunkt der Räumung Lembergs eine besonders große Verbreitung gefunden, da es als einziges Blatt Galiziens einen besonderen Berichterstatter,, Gcsinnungsgenossen Moses Waldniann ins je. u. k. Kriegsoresseauarticr entsenden durfte. Mehr als in allen Proviuzstädten gibt es natür* lieb in Wien große Arbeitsmöglichkcitcn in Hülle und Fülle. Sind doch hier allein augenblicklich vielleicht 80 000 jüdische Flüchtlinge aus Galizien versammelt. Ihnen beizustchcn, ist keine leichte Aufgäbe, und die zionistische Organisation bemüht sich, auch die öffentlichen Stellen zum richtigen Eingreifen und richtiger Fürsorgearbeit zu veranlassen. Zurzeit steht die wackere österreichische Armee in kampfbereiter Stellung dem!russischen Heere gegen* über. Heißer als jedes andere Volk ersehnt das jüdische Volk in Oesterreich einen Sieg der östcr-, rcichischcn Waffen. Weit über 100 000 Juden stchen im österreichischen Heere und kämpfen für seinen Sieg. Viele von ihnen haben sich schon jetzt Hcldenruhin er* worben. In den neuen Kämpfen, die die nächste Entscheidung bringen werden, werden sic wiederum ihre Pflicht tun int Kampfe für den Kaiser und das Vaterland und für ihr Volk, Aus der <11׳ . S t ry j und rndn infolge der Krieg J u den, nach jüdische Fiüditlii! der Stadt Szstni U י ff *) יי׳ י j.׳, ml von Ko 1 o m e a, S t a n i s 1 a u, r o:;t- und siidgali/bcher Städte sind 1׳;;e Teile, ende von Familien, meist n gar 11־ geflüchtet. Zweitausend;0 kampieren allein in der Nähe Ir, aül einer sogenannten ״Tanya" (einem BauenignLdml), wohin die städtischen Behörtlen die Flüchtlinge verwiesen haben, da in der Stadt Szatmär seihst kein Raum für sic ist. — Sie werden dort auf Kosten des Militärfiskus rituell verpflegt, müssen aber in bezug auf Wohn- und Schlafgelegeiihcit grolle Entbehrungen leiden. Die meisten müssen die Nacht unter freiem Himmel zubringen, da nicht genügend Unferktut fisräume vorhanden sind. Auch fehlt cs au Deeken und Bettzeug. Unter den Flüchtlingen gibt es mich eine beträchtliche Anzahl wohlhabender Juden, die anfangs von den Bebürden ebenfalls ״aus politischen Gründen und auf höhere Weisung“ in diesem Massenlager zurückge- Italien wurden. Erst auf energische Vorstellung der Vorstände bei der jüdischen Gemeinde in Szatmär gestatteten die Behörden den mit entsprechenden Geldmitteln versehenen Flüchtlingen, in der Stadt Szatmär Wohnung zu nehmen oder wcitcrzurcisen. Auch in verschiedenen mährischen und böhmischen Städten weilen tausende jüdischer Flüchtlinge aus Galizien. 111 Nikolshurg allein beträgt ihre Zahl <1000. Sowohl in den verschiedenen mährischen wie ungarischen Städten haben die jüdischen Ocmcindcn sieh der Flüchtlinge tatkräftig angenommen und u. a. auch besondere Gottesdienste für sie an den hohen Feiertagen eingerichtet. rechtigung der Juden ist keine Rede. Im Gegenteil. Nach der Einnahme von Lemberg hat das offizielle Organ des russischen Kriegsministeriums ״Ruliki Invalid“ in seinem Leitartikel wörtlich gesagt 1 ״Die Gleichberechtigung der Juden ist blolle Phantasie.“ Die Auszeichnung des Feldwebels Reif Tcschcn, 28, Sept. Der Feldwebel Julius Reif des Laiidwehr-Infanterie-Regiincnts 31, der, wie seinerzeit gemeldet wurde, wegen seines Heldenmutes in drei Tagen zum Feldwebel befördert wurde, und für die Verleihung der goldenen Tapferkeits- 111 c d a i 11 c vorgeschlagen wurde, hat nunmehr diese Auszeichnung bereits erhallen. Gleichzeitig wurde ihm im Aufträge des Armee-Oberkommandos eine Ehrengabe von 200 Kronen überreicht. Die Londoner ״Times“ greift die Jüdische Presse an Die Londoner ״Times“, die seit einiger Zeit eine höchst unfreundliche Stellung gegen die Juden cingcnommen hat, richtete in der vorigen Woche einen heftigen Angriff auf die jüdische Presse New Yorks, weil ׳diese in der gegenwärtigen Krisis Sympathien für Deutschland zeigte. 111 den letzten Monaten hat die ״Times“ eine Reihe von Artikeln gebracht, in denen die Stellung Rußlands zur Judenfragc verteidigt wird. Gleichzeitig wurde sehr wohl beobachtet, daß die ״Times“ eine große Anzahl Inserate der russischen Regierung brachte, für die zweifellos beträchtliche Summen aufgewendet worden sind. Ein weiterer Kommentar dazu ist überflüssig. Neue Judenverfolgungen ln Rußland Trotz des Manifestes des Zaren an ״seine lieben Juden“ werden auch jetzt noch die russischen Juden von den Behörden in gewohnter Weise schikaniert und verfolgt. Wie das ״Berliner Tageblatt“ aus zuvenlässiger Quelle erfährt, wurden dieser Tage jüdische Handwerker in Petersburg, die infolge der- Kriegslage ihre Steuern nicht entrichten konnten, des Wohnrechts verlustig erklärt und ausgewieseu. Das Beschränktmgsvcrfahrcn hinsichtlich des Besuches der Schulen wird den Juden gegenüber nach wie vor aufrcchtcrhalten. Die jüdischen Abiturienten, die an einer Universität — nach der Prozentnorm — im* matrikulicrt zu werden wünschen, müssen sich auch jetzt der Auslosung unterwerfen. Ein Warschauer Zahnarzt, dem es glückte, die Grenze zu überschreiten, erzählt: Als ich am 23. Aug. Warschau־ verließ, herrschte daselbst vollständige Ruhe. Anfang August kam cs in Warschau zu a n t i semitischen Unruhen, die von Russen inszeniert wurden. In der Vorstadt Praga wurden einige Juden getötet und zahlreiche jüdische Geschäfte geplündert. Die Exzesse dauerten einige Tage, Die polnische Bevölkerung hielt sich von den Ausschreitungen fern. Dagegen nahmen in Skicrnicwicc und Blalla die anti* semitischen Unruhen einen größeren Umfang an. ln Skicrnicwicc, das zirka 5000 Einwohner zählt, sollen einige hundert Juden von russischen Soldaten, die sich ln größerer Anzahl dort befanden, ermordet worden sein. Wie verschiedene deutsche Zeitungen ferner b&. richten, sollet» auch in W i 1 n a und anderen russischen Städten Pogrome stattgefunden haben, doch bleibt eine Bestätigung dieser Meldungen noch abzuwarten. ZIONISTISCHE BEWEGUNG Mitteilungen der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Berlin. Zu der in Nr. 38 der ״Jüdischen Rundschau“ veröffentlichten Liste gefallener, verwundeter und vermißter Gesinnungsgenossen haben wir heute noch folgende Namen nachzutragen: Siegtnund Caro- Berlin (tot); Max M a 11 j» - h e i in e r - Oldenburg (tot); Fritz LustiglUtibor (verwundet); Kurt Neuwahl - Gehen־ kirchen (verwundet); f)r. Walter Pinn er- Heidelberg (verw.); Erwin O allus-Troppau (verw.)־, Fritz Blankcnfeld -Stargard (verwundet); Fritz Löwe n t ha I-Berlin (war verwundet; wieder im Felde); Dr. Kallenbach- Memel (vermißt); Josef H i rsc h-Hamburg (vennißt). Die A. H. der Prager Bar Kochba Ing. Karl Straka und Ing. Ernst Popper (Mitglied des Berliner Rudcrvercins Ivria) befinden sich in serbischer Kriegsgefangenschaft. Ing. Popper ist verwundet. Berichtigung. Wir freuen uns mit* teilen zu können, daß die in der vorigen Nummer gebrachte Notiz über eine Verwundung unseres Gesinnungsgenossen Manneberg -Oppeln auf einer Natnensverwechslung beruht. Gesucht Frau Zahnarzt Berta Teplitzka, geb. Weinreich aus Lodz (Russisch-Polen), am 31. Juli von Neuenahr abgereist. Mitteilungen zu richten an Frau Perl, Dahlmannstr. 26, Pension Grosser, oder an die Zionistische Vereinigung für Deutschland, Berlin W. 15, Sächsische Straße 8. Chajc Ruß und Lea Mall aus Brzezany (Galizien) bitten um Nachricht über ihre Gatten Selig Ruß und Moses Leib Maß, welche aus Brzezany (Galizien) geflüchtet sind. Nachrieht wolle man an Moses Ruß in Debrcczen (Ungarn), Simonffygassc 29, richten. Moses Lcußtter, derzeit in Eisgrub (Mähren), sucht seine Frau Golde L e u ß 11 e r aus Trcmbowla. Angaben über deren Aufenthalt werden erbeten an Viktor Gold, Lundenbürg (Mähren). Nachrichten na »׳utrsKßdcriing In Aus Stockholm wird berichtet: Die Reaktion hat dein Volke bisher in Rußland noch keine Zugeständnisse gemacht. Die beiden reaktionären Minister K a 8 s o und Tacheglowltow, deren Entlassung gemeldet worden war, haben ihre Posten immer noch ittuc. Von der Qieichbe- Berlin. Unsere Gesinnungsgenossen, Herr Emanuel Röhr, Mitglied der Verbindung ״Hasinonäa“ im K. J. V., Herr Dr. Siegfried Rosenbaum, Mitgltcd des V.J.St.-Königsbcrg, und Herr Max Elias aus Mühlhausen i. TI», sind durch Verleihung des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet worden. Frankfurt a. M. Das Mitglied unserer Zionistischcn Ortsgruppe, Herr Ernst Dülken, hat das Eiserne Kreuz erhalten. Ratibor. Dem Kaufmann Max Böhm aus Rahbor, einem Mitglied unserer Zionistischen Ortsgruppe, wurde unter gleichzeitiger Beförderung zum Unter- Offizier das Eiserne Kreuz verliehen. Bad Schwalbach. Hier halten sich 80 russische Sdcn auf, die Deutschland nicht mehr verlassen unten. Unser Gesinnungsgenosse cand. iur. Jul. Rosenthai hat sich um die Unterbringung dci* Leute sehr verdient gemacht, so daß sie jetzt samtlieh ausreichend mit Geld versehen in Ruhe die Zeit bis zu ihrer Heimreise abwarten können. München. Die israelitische Rcligionsgesellschaft ״Ohe 1 Jacob", hier, hat durch den Tod ihres Rcligionslchrcrs Max Strauß, Unteroffizier im I. bayr. Landwchr-lnf.iRegt., einen großen Verlust