Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 JUEDISCHS RUNDSCHAU Seile 381 ganze Reihe der jüngeren Lehrer in das türkische Heer einberufen und es dürften daraus gewisse Schwierigkeiten entstehen. Dies gilt natürlich nicht nur von den jüdischen Anstalten, sondern in gleicher Weise von den christlichen; so sind von den vier Lehrern der evangelischen Mission in Salem drei zum deutschen Heere einberufen. % In den europäischen Kreisen Palästinas herrschte große Sorge, wie man nach Europa kommen sollte. Einige Damen und einzelne ältere Herren hofften, noch zur See unbehelligt nach Italien ־zu kommen. Die anderen zogen es vor, den schwierigen Weg zu Lande über den Taurus zu machen, und sind unter mancherlei Strapazen, es dürften im ganzen gegen 15 Zionisten aus Deutschland und Oesterreich dabei gewesen sein, glücklich nach Europa gekommen. Moses Calvary. Palästina im Zeichen des Krieges Lcbcnsmittelteuerung — Die Lage des alten und des neuen Jischub — Mobilisierung in der Türkei — Ottomanischc und ausländische Juden — Geldkrise — Die Lage der Pflanzungskolonien — Die Tätigkeit der A. P. C. — Die Yemenitcn. (Von dem ständigen Berichterstatter der ״Welt“.) Am 1. August ist in Europa zwischen zwei Großmachten der Krieg erklärt worden. Am 2. August, 12 Uhr nachts, wurden in Jerusalem sämtliche Pferde von der Militärbehörde eingezogen, so daß am folgenden Tage kein einziger Wagen und kein Omnibus verkehrte. Am 3. August geschah aber noch etwas Schlimmeres: Die Preise für Lebensmittel schnellten in die Höhe und v e r d o p p e 1 - teil sich teilweise. Die Schüsse, die an der deutsch-russischen Grenz.e gefallen waren, übten also bald genug ihre Wirkung auch in Palästina. , Da ein großer Teil des palästinensischen Lebensmittelbedarfs von Europa importiert wird, entsteht die bange Erage, ob wir nicht bei Unterbrechung des Verkehrs einer richtigen Hungersnot entgegeiigelien? Es ist nicht das einzige Fragezeichen, welches dieser Weltkrieg dem palästinensischen Jischub stellt. Es ist bekannt, daß sowohl der alte wie einstweilen auch noch der neue Jischub auf die finanzielle Förderung der ausländischen Judenheit angewiesen ist. Wird das Ausland jetzt helfen? Ueber Europa dürfen wir uns keine Illusionen machen. Aber Amerika? Südafrika? ׳ Und wenn nicht: was soll aus den tausenden und abertausenden Juden werden, die der Chaluka nicht entraten können? Und was soll aus all den nationalen Wolilfahrtsinstitutionen werden, denen ebenfalls eine Unterbindung ihrer Tätigkeit droht? 1 Inzwischen mobilisiert die Türkei. Täglich strömen die Militärpflichtigen in die Einriickmigs- Stationen. Von Jaffa marschieren sie zu Fuß nach an die heiligen Tiere reicht. Es gibt Engel, die wie der Ozean groß sind, und cs gibt welche, die von der Erde bis zum Himmel hoch sind.“ ״Es sind vier Sprachen da, deren sich füglich die Welt bedienen sollte: der griechischen zum Gesang, der römischen zum Schlachtcnführen, der aramäischen zum Handel, der ebriiischen zum Re. den“ , , . Jede dieser Sagen ist voll köstlicher Poesie — und zugleich ein Schlüssel zur Kultur einer lebenden .Welt. Sic sind nicht veraltet, ihre Dcnkungsweisc und Anschauungsart ist auch heute noch unverändert. Und Micha Bin Gorion, der sich mit diesem Werke die größten Verdienste um Bibclforsciiung und Bibelwissen, um Schönheit und Poesie des Judentums erworben hat, kann selbst mit den Worten der Sage von seinen Sagen sprechen: ״Komm her und schau, wieviele sind ihrer, die der Herr schuf . . . und keiner kennt sich in ihnen aus, als wie nur er, der Erhabene allein . . .״ Wer aber zu ihm kommt und in diesen Schatz greift, der ist nicht umsonst gekommen. Neue Bücher (Besprechung Vorbehalten.) Eduard Biberfeld, Ex Tcnebris. Eine Zeitbetrachtung. Frankfurt a. M., Verlag des Israelit O. m. b. H. (Auseinandersetzung mit J. Zieglers: Die Geistesreligion und das jüdische Religionsgesetz.) (—,80 M.) . Benjamin Wechsler, Judenstaat und Judensaat. Im Selbstverlag. (—,30 M.) '1 ii►׳ U....I 4 ..- Tj>. t ״7 * *ין% ä ' ׳״״• -—־׳ *"׳־*, f* v j* iL? v v.v ״.«־# i. hL *y ׳%jJ u *4 Jl וי wird eine Conclcrnusamcr der ״Welt״ gewidmet G0111» die ln ca. 4 Wochen erscheint. — fremde ur.d Ocelnnungc* genossen, dSa David WoI״r,?>hn Im Leben naliesfar.clen, listen cldi bereit erklärt, das Wirken und dlo Bedeutung des edlen Toten tür unsere Bewegung zu schildern. Wir werden ln der nächsten Nummer der .Jüdischen Rundschau״ das Verzeichnis der Mitarbeiter veröffent• Helten. Schon heute möchten wir mit* teilen, daß die olafc 01121*י Cxcdcsali-!lummer der ״Welt“ in Inhalt undJPorm eine würdige Gedenkschrift sein wird. Jeder Zionist wird es als eine Ehren* pfllcht ansehen, für eile möglichst weit© Verbreitung dieser Gedenknummer Sorge zu tragen. Die Abonnenten der ״Welt“ erhalten die Wol*£oha״Ceöcn!:dummer gratis zugesteilt. Allen übrigen Bestellern wird die Nummer gegen Voreinsendung des Betrages (evtl, in Briefmarken) zugeschickt. — Die Nummer kostet für Deutschland!!.*Österreich- Ungarn.50 Pf. für alle übrigen Länder . . 60 ״ Bestellungen richte man an den Verlag ״DIE WELT“, Berlin W. 15, Sächsische Str. 8. Haifa, von wo sie mit der Eisenbahn mich Damaskus befördert werden. Vorläufig bildet Damaskus das große militärische Sammelbecken. Das Kenn- Zeichen dieser Mobilisation ist es aber, daß sie bei leeren Kassen vor sich geht. Da aber die Truppen doch verpflegt werden müssen, so weiß mau sich zu helfen. Man geht eben zu den Kaufleuten, mitunter auch zu denen fremder Staatsangehörigkeit, und holt für das Militär soviel Sack Mehl, Tee, Decken usw., als man eben braucht. Man muß zugehen, daß dieser Vorgang sich zumindest in verbindlichen Formen abspielt. Ob aber die bctreffenden Kaufleutc, Pferdebesitzer usw. später zu ihrem Gehle kommen werden, läßt sich natürlich n a!ו «*fM/ftiKI» "׳י ר/• ff» "1J Ijf £-*׳ L׳ d, %#׳ all M 4# W hj £# li W Ü M Ibji Mary Antin t Vom Ghetto ins Land der Verheißung, Verlag von Robert Lutz, Stuttgart (Memoirenbibliothek). Nicht Palästina ist das Land der Verheißung; — für das kleine russische Jtidemnäilcltcn aus Polotzk, das am׳ Sabhnth sein Schnupftuch fest um den Körper gebunden tragen muß, deren lebhaftem Geht jede Eiitwickluiigsmügllclikcit von vornherein genommen ist durch die Enge und die ungeschriebene« Gesetze des Ghettos, gibt cs nur eine Hoffnung, eine Eriösiing, eine Erfüllung: Amerika, Fast traurig mutet cs an, wenn diese intelligente, strebende Frau, deren Buch ich jedem wärmstcus empfehlen kann, alle Knechtung, alle U11- Freiheit durch russische Herrschaft mit ihrem Eiatritt ins amerikanische Leben von sich wirft, ohne aber auch etwas von dem angeborenen Gefühl der Zugehörigkeit zur jüdischen Masse sich zu bewahren, Ihr Ideal schildert sic oft genug — ein Amerikaner unter Amerikanern zu sein — und in keiner Zeile findet sich ein Versuch, eine Synthese zu schaffen aus dem Leben, das sie in Rußland geführt hat und der Freiheit des Daseins in ihrer neuen, ihrer einzigen Heimat. Es ist kein neuer Mensch, den wir sehen — wir kennen diesen Typ, der sjch׳ zusammensetzt aus einem polnischen Ghcltojuden und einem freiheittrunkenen, von Freiheit überwältigten Amerikaner, der doch in jedem1 Zug erkennbar ist als ein Stückwerk des Lebens, ein Mensch aus einem Einst und einem Jetzt ohne organischen Zusammenhang, das was er ist, losgelöst von dem was er war. An» nicht sagen, ln dieser *traurigen Zeit, in der man mit dem Gespenst der 1 hmgersnot rechnen muß, findet man eine gewisse Beruhigung in dem Umstände, daß einige unserer Kolonien in Judäa und Samaria und alle unsere galiläisclien Kolonien Getreidc bauen und daher jetzt aucli unsere,städtischen Siedlungen mit Getreide versorgen können. Tatsächlich haben sich die Direktion der A. P. C. und der rührige Vorstand der judäischen Kolonien der Regehing dieser Angelegenheit zugewandt. Es bleibt mir zu wünschen, daß die Regierung für ihren Bedarf an Getreide und anderen Bodeiicrzcugnissen noch ander« Bezugsquellen findet, damit wir zumindest an Brot keinen Mangel leiden müssen. Wie überall in Europa, so sind auch liier jetzt die Jüdin in verstärktem Maße zum Militärdienst her* angezogen worden. Von dem österreichischen und deutschen Konsulat wurden die Militärpflichtigen zu rascher Heimkehr aufgefordert. Eine große Anzahl Christen und Juden, darunter bekannte Zionisten, folgten sofort dem Rufe. Da der Seeweg unsicher war, so versuchten sie es mit dem Land* weg nach Konstantinopcl, von wo aus sic ans Ziel zu gelangen hoffen. Inzwischen telegraphierte aber der deutsche Konsul aus Aleppo, daß keine weiteren Trupps auf dem Landweg abreisen sollten. Ja, es ist sogar möglich, daß diejenigen, die bereits unterwegs sind, umkdiren werden müssen. Unter diesen Umständen scheint es fast ausgeschlossen, daß weitere Nachschübe von deutschen und österrcichischen Wehrmännern aus Palästina erfolgen. Ungeklärt ist noch die Lage der russischen Untertauen. Der russische Konsul in Jaffa hat seine militärpflichtigen Landsleute aufgefordert, sich bei ihtri zu melden. Er hat aber zugleich erklärt, daß nicht die Absicht bestehe, auch nur einen einzigen Russen aus Palästina in den Krieg zu schicken; es komme ihm bloß darauf an, den Patriotismus auch seiner Leute zeigen zu können. Daß diejenigen Juden Palästinas, die bereits ottonianisi-crt sind, im vollen Bewußtsein ihrer hohen Pflicht dem Rufe zu den Waffen folgen, versteht sich von selbst. Besonders die Kolonien haben zahlreiche Soldaten gestellt. Aber auch die Städte sind in dieser Beziehung nicht zurückgeblieben. In Jcru- Salem sammelten sich alle jüdischen Militärpflichtigen, noch bevor sic zum Erscheinen aufgefordert worden waren, und marschicrtcn in Reih und Glied zur Militärbehörde — unter Absingung patriotischer und nationaler Lieder. Der Kommandeur der Jerusalemer Garnison schickte ihnen die Militärkapelle entgegen und begrüßte sie mit herzlichen Worten. Es heißt, daß der Komman* deur damit dem Dank für die Beteiligung der jüdisehen Schulen an dein Feste der türkischen Konstitution Ausdruck geben wollte. Da die christlichen Schulen sich an diesem Feste nicht beteiligt haben, sollten auch ihre Militärpflichtigen ohne Musik einrücken. Uebrigcns hat die Türkei auch bei dieser Mobilisicrung an dem System des Lösegcldcs festgehalten. Wer also etwa 1000 Frcs. Lösegeld zahlt, kann vom Militärdienst befreit werden. Ja, es hat sogar den Anschein, daß von Nichtmoslims (Juden und Christen) vorzugsweise solche Personen einberufen werden, bei denen anzunchmcn ist, daß sie besten gekennzeichnet wird die heutige Mary Antin, die so gar nichts von der kleinen Maschke aus Polotzk an sicli hat, durch ein Wort in der Elinführung: ״für sich hat sie die Juüenfragc gelöst.״ Daß diese brennende Frage darum nicht verstummt, daß 1 iundcrttausciide von ihren Brüdern aus dem russischen Ghetto den Weg weiter im Dunkel suchen, den Mary Antin vielleicht durch ihre Kenntnis de* Lage, ihren durch eigenes Erleben geschärften Blick erleuchten könnte — daran scheint sie nicht zu denken. Ihr Interesse am Judentum schwand, als sie George Washington in ihrem ersten Gedicht in eng* lischer Sprache feierte — und für sie ist Judentum *gleichbedeutend mit' den kleinsten Gebräuchen de* Rituals, das sie ablegte, als sie begann Amerikanerin zu werden. Von nationalem jüdischen Leben, von Werten, die das Ghetto geschaffen, scheint Mary Antin nicht viel zu wissen — und das ist das Betrübende in diesem Buch, das im übrigen einen außerordentlich! wertvollen Beitrag zur Kenntnis des polnischen Ghettos darstcllt. Ein aufgewecktes Kind, das mit hellen Augen beobachtet und vor allem diese Eindrücke sehr genau und objektiv wiedergibt, ist sic vielleicht geeigneter zum Zeichner des Ghettos als ein scharfsinniger Kritiker, der nicht ohne Voreingenommenheit sieht und aufnimmt. Und als getreue Zeichnung des jüdisch!- russischen Milieus wird das Buch wertvoll bleiben, und wird gern und mit Interesse gelesen werden, obwohl cs am! Schlüsse keine Milieu- oder Lebens* Schilderung mehr ist, sondern ein Hymnus auf das Amcrikanertum, der dem national gesinnten Juden fast physisches Unbehagen verursacht. A,