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Jüdische Rundschau · 1914-09-25 · Heft 39 (25.9.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 39 (25.9.1914)
Date
1914-09-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 374 Nr. 39 ,wir das Glück hatten, mit ihm zusammen zu wohnen und zu arbeiten, wir durften in ihm den Herrn und Meister verehren. Jeremias hat den Geist des modernen nationalen Judentums in seiner Heimat verbreitet; er hat aus eigener Kraft alle unsere Institutionen, die politischen und die kulturellen, geschaffen. So galt er Freunden und Gegnern als die Verkörperung des Zionismus. Die wenigen schlielilieli, zu denen ich mich rechnen darf, die das Glück hatten, Karl Jeremias ganz, nahe zu stehen, zu dem vertrautesten Kreise seiner Freunde zu gehören, verlieren in ihm den sorgfältigsten Arzt an Körper und Seele, den aufrichtigsten Berater, der zur gegebenen Zeit auch mit der schärfsten Kritik nicht zurückhielt und dadurch sein Lob nur tun so wirkungsvoller gestaltete, den treuesten Freund, der in unserem Kreise so prachtvoll und herzensertpiickend sieh zu freuen verstand, der uns — wie keiner sonst — auregen, erheben, trösten konnte. Heut ist alles Irdische von Karl Jeremias in das Grab gesunken. Das Andenken des Gerechten möge so viel Segen stiften, wie sein Leben Segen verbreitet hat. Posen, 27. Elul. Max Ko11 ensc 11 er. * Am Freitag, den 18. September, nachmittags 3 Uhr, wurde Dr. Karl Jeremias beerdigt. Alle I'osener Gesinnungsgenossen und Vertreter sämtlicher jüdischer Organisationen Poscns nahme/1 an der Beerdigung teil. Das Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland ließ sich durch die Herren Kurt Blumenfeld und Max Wo 11 st c i n er vertreten. Dr. Jeremias hatte sich jede Rede und jeden Nachruf verbeten. Der Rabbiner spraclt die vorgeschricbeuen iiebräischen Gebete, und der kleine siebenjährige Sohn sagte am Grabe Kaddisch. Und diese echtjüdische schlichte Beerdigungs-Zeremonie ergriff die Herzen aller auf das tiefste. Das Zionistische Actions-Comitc telegraphierte an Frau Dr. Jeremias: Zum Iliuscheiden unseres hochverehrten (iesiiuiungsgcuosseu mul begeisterten Vorkämpfers, des wackeren und opJerfrettdigen Führers l)r. Je remias, sprechen wir Ihnen unser aufrichtiges Beileid aus. Die Zionistische Vereinigung für Deutsch• land sandte an Frau Dr. Jeremias folgendes Beileidstclegramm: Die Zionistische Vereinigung für Deutschland trauert mit Ihnen um den schweren, tmcrsd/.liduit Verlust, den sie durch das Ilinscheideii Ihres hoch• verehrten Gatten erlitten hat. Der Heimgang dieses hervorragenden Vertreters der zionistischen Idee, dieses vorbildlichen Juden, ist ein schmerzliches Unglück für unsere Organisation und für die zahl• reichen Freunde des Verblichenen, die den tiefen Ernst seiner vornehmen Persönlichkeit begriffen und verehrt haben. Der Name Dr. Jeremias wird in der Geschichte des Zionismus stets einen Ehrenplatz einnehmen. Ludwig Frank Ein üedcnkblatt. Ludwig Frank war jüdischer Abkunft. Doch nicht um des Zufalls der Geburt willen drängt es uns, ihn in diesem Blatt, das ganz anderen Idealen dient, als sie in Franks Leben Geltung hatten, zu ehren. Er, der von feinster Empfindung war für die subtilsten Blüten unserer Kultur und der sein Leben doch in der Arena des Parteikampfes verbrachte, der einen feinen und leichten Lebensgenuß heiter bejahte und dessen Herz doch nichts tiefer erregte, als die Not der Masse, war Führer einer internationalen Organisation und zugleich bewußter, rassestolzer Jude. Demokrat in der Betätigung und Aristokrat in der Gesimiung. Im Leben des Tages konnte er mehr als einmal sein jüdisches Solidaritätsgefühl beweisen: er hielt in jüdischen Vereinen öffentliche Vorträge über jüdische Themata und stellte sich bcreitwillig zur Verfügung, als cs galt, zionistische Interessen zu schützen. Er verfolgte die zionistische Bewegung mit Anteilnahme; sowohl die Fortschritte unserer Arbeit in Palästina, über die er in erstaunlicher Weise Bescheid wußte, wie auch unsern Kampf in Deutschland,, aus J U E13 i ״ C 11 E RUNDSCHAU dessen letzter Phase uns ein charakteristischer Brief von ihm verlief;! Er war eben ein viel zu feiner üjisi, um nur i'urteinuinn zu sein. Ein genu'iisamer Freund sagte ihm einmal. ״Unser Freund X, der, wie Sie wissen, eine hervorragende Stelle im Zionismus cinnimmt, kam! es ׳Ihnen nicht verzeihen, daß Sie Sozial* <lcmokr.it sind. Er ist überzeugt, daß Sie sonst Zionist sein müßten.'‘ . Er lächelte: ״Ich aber freue mich, daß unser Freund an seiner Stelle steht.“ Ludwig Frank ist neben Disraeli und Lassalle der hervorragendste jüdische Politiker unserer Zeit gewesen. Diesen drei Männern waren die bestimmenden Züge ihres Wesens gemeinsam. Sie alle empfanden ihre Abkunft als eine Aus- Zeichnung. Und: wie der englische Tory und der Breslauer Revolutionär war dieser Oberländer Revisionist ein idealistischer Politiker, der — in seinem Raume und in seiner Zeit — zum Konservatismus hinneigte. Das ist der gemeinsame jüdische Zug. ״Die Juden sind ihrem Wesen nach Tories,“ läßt Disraeli den Sidonia in ״Coimingsby“ sagen. Als Mensch aber steht Frank über Disraeli und L; iSSU Ile. Er war — bei allem Ehrgeiz des Politikers —■ von höchster Bescheidenheit, — bei allem Sinn für die Wirklichkeit — von der tiefgründigen Art derer, die ״die Fundamente gesehen haben müssen“, — bei aller Klarheit darüber, daß nur der Lebende recht hat — von der großen Unbedingtheit und Hingebung der prophetischen Volksführer aus der Zeit der jüdischen Antike. Benjamin Disraeli ward 76 Jahre alt, Ludwig Frank nur <10. Aber nicht die Zeit des Wirkens ist das Entscheidende. Lassalle ist auch nicht älter geworden als Frank und hat doch sein Leben vollendet. Frank aber stand erst am Anfang der großen Periode seines Lebens, die wir nur ahnen können, an die aber alle glauben, die ihn gekannt. Wäre er heimgekehrt: seine Aufgäbe wäre nicht geringer gewesen als die seines großen Vorgängers, der einer alten Partei neue Inhalte gab und das britische Imperialreich hefestigen half. Noch wissen wir nicht, wie das gewaltige Völkerdrama endet, bei dein nach dem Willen Englands um die britische Vormachtstcllung in der Welt gekämpft wird. Das aber wissen wir: der Disraeli Deutschlands fiel im ersten Akt. Das ist Ludwig Franks tragisches Schicksal. Julius Simon. Eine Jld’cdie Kriegschronik Unter dem Titel ״Kol Me wa 8s er" (Herold) ist soeben die erste Nummer einer Saminelschrift lierausgekoinmen, die in jiddischer und hebräischer Sprache verfallt ist. Sie wird in den von den deutsehen und österreichischen Truppen besetzten Gebieten Rußlands unter der jüdischen Bevölkerung verbreitet und dient zur Aufklärung über den Krieg, seine Ursachen, seinen Verlauf und seine Ziele. Das Titelblatt zeigt die ergreifende Zeichnung von E. M. Lilie.» ״Russischer Tod", die während des r u s s i s c h - j a p a n i s c h c n Krieges im Berliner ״Ulk“ erschienen ist. Zwei düstere Züge bcgcgncn sich. Jüdische Jünglinge und Männer in russischen Uniformen ziehen ostwärts, Greise, Frauen und Kinder ziehen westwärts. Und darunter die Worte, die alles Leid, alle Empörung über unmenschliche Bosheit und Niedertracht cinsehlicßen: ״Wohin des Weges, Ihr Kinder?“ ״Gen Osten — das heilige Rußland schickt uns.“ ״Und Ihr, Väter?“ ״Gen Westen — das heilige Rußland verjagt uns.“ Der Text enthält unter anderem einen Aufruf der verbündeten Armeen von Deutschland und Oesterrcich-Ungarn an die Juden Polens, in dem ihnen volle Gleiclibcroditifpmg und Freiheit Jin kulturellen Leben verheißen wird. Dann folgt ein Aufsatz über die ״Ursachen des Krieges“. Das Manifest, das der Zar an seine ״Lieben Juden“ gerichtet 11a,t, wird kritisch beleuchtet und durch die Aufzählung von Tatsachen ins rechte Licht gesetzt, die dem Kenner des ruusiseh-jiklischcn Elends nur zu wollt bekannt sind, eine erschütternde Liste von Gewalttaten ,und Wortbruch, Mord und Vcrbannung, Holm und Verachtung, die in der Mahnung des alten Testaments amklingt: ״Gedenke, was dir Ainu Ick mijMan lad." Den Schluß bildet ein volkstiimlich gehaltenes Mcistcrstftckchen: ״Das böse Ende“, ein versöhnender Ausklang, eine große, starke Hoffnung auf die Befreiung dieser Acnnstcn der Armen (hrrch die Zertrümmerung des russischen Barbarenrcichej. RUNDSCHAU DER PRESSE Zu dem Aufruf der Exekutive der Jüdischnationalen Partei in Oesterreich, den wir in Nr. 35 der ״Jüdischen Rundschau" gebracht haben, schreibt unser Wiener Bruderblatt, die ״Jüdisciic Zeitung“, in ihrer jüngsten Nummer: ״Unser Staat, der allen ihn bewohnenden Nationen das Recht und die Möglichkeit freier Entwicklung zu geben berufen ist, weil hierin die unerschütterliehe Grundlage seines Fortschreitcns bestellt, gibt und wird mit Naturnotwendigkeit in immer größerem Maße auch unserem Volke diese Freiheiten gehen. So knüpft 1ms an unser Vaterland nicht nur die unverbrüchliche Anhänglichkeit und dankbare Treue, sondern auch noch die erwartungsvolle Ueberzeugung, daß eine freie Entwicklung als Volkskörper den Juden der Diaspora gerade in der Monarchie bcschieden sein wird. Nicht erst jetzt sagen wir das! Seit dem ersten Auftreten unserer, der jüdisch-nationalen Partei in Oesterreich — also seit bald 10 Jahren — haben wir in unserem Programm, in Artikeln und Reden immer und immer wieder betont, daß die Juden eigentlich — ohne einem andern Volk im mindesten nnhetjeten zu wollen — die staatstreueste Nation Oesterreichs sind, denn das Volksintcrcssc der österreichischen Judenschaft ist eben mit dein österreichischen Staatsinteresse unauflöslich vcrknüpft. Mit größtem Nachdruck vertreten wir es darum gegenüber jenen Juden, welche heute noch in fremdnationalen Lagern stehen und streiten; wenngleich wir nationalen' Juden die Freiheitsbestrebungen der [*ölen, Ukrainer und welcher Nation immer von vornherein mit unseren Sympathien begleiten, vor allem und in erster Linie gilt cs, für die Freiheit unserer eigenen Nation zu kämpfen. Diese Freiheit können wir aber nur in einer großen, von der Idee unbedingter nationaler Gleichberechtigung getragenen Habsburgermonarcliic verwirklicht sehen." * Unter der Uebersclirift ״Die österreichischen Juden und der Krieg“ schreibt dieselix: Zeitung: ״Die Haltung unserer jüdischen Krieger erfüllt uns mit Stolz. Mit ebensolchem Stolz aber können wir auf das Verhalten der jüdischen Bevölkerung hiuwciscn. Es ist über jedes Lob erhaben. Allen voran stehen die viclgcschuiühtcn und vielverlästerten Juden Galiziens. Sic sind die Blutzeugen der gewaltigen Kämpfe. Die offiziellen und privaten Berichte, welche wir vom östlichen Kriegsschauplätze erhalten, singen das Lob des Kaftanjuden. Der Kaftanjude gibt sein letztes her, um den durchziehenden Soldaten das Los zu erleichtern. Der Kaftanjude schützt sie vor Verrat, der Kaftanjude hilft, wo er nur helfen kann. A11 ihn wenden sich die militärischen Führer tun Auskunft und Rat. Die Possenfigur des Kaftanjudcn wird plötzlich zur Lichtgcstalt inmitten dunklen Verrates. Unnennbares Elend hat der Krieg gerade über unsere galiziscben Brüder ausgegossen. Was sie zu leiden haben, spottet der Beschreibung Der Anblick tausender verelendeter Flüchtlinge in den Straßen Wiens gibt nur einen schwachen Begriff von ihrem gewaltigen Unglück. Und gerade diese Unglücklichsten sind die Wackersten, die Treuesten. Aber auch die Juden in Westösterreich stellen ihren Mann. Vorwiegend Geschäftsleute, Juristen, Aerzte und Techniker, haben sie unter den Folgen der Krise ökonomisch schwerer zu leiden als irgendwer, und doch sind sie hilfsbereiter als alle übrigen. Das Ausmaß der Teilnahme der Juden an allen Hilfsaktionen ist ganz enorm und man kann ruhig bchaupten, daß jüdische Arbeit und jüdisches Geld Hauptfaktoren der Fürsorgetätigkeit bilden. Wir Jüdisdmationalen hoffen, daß diese Tage Aufklärung und Erkenntnis bringen werden. Wir glau• ben, daß die österreichischen Juden endlich cinsehcn werden, daß sie nicht Knechte der anderen Völker dieses Reiches sein dürfen, daß sie die Schmach der Assimilation von sich weisen müssen, daß es für sie nur ein nationales und politisches Bekenntnis gibt: das Bekenntnis zur jüdischen Nation und zu Oesterreich. Wir hoffen aber auch, daß die Regierenden in Oesterreich erkennen w׳erden, wie wertvoll der Bestand des jüdischen Volkes für Oesterreich ist und daß sie im Interesse des Vaterlandes diesem jüdischen Volke vollste Gerechtigkeit und vollsten Schutz seiner nationalen Entwicklung gewähren müssen,“ TURNEN und SPORT Danzig. 28 Mitglieder des hiesigen jüdischen Turn- und Sportvereins Bar Koeliba stehen bisher unter den Fahnen. Am 13. September veranstaltete der Verein eine Abschiedsfcier für seine demnächst ins Feld abrückenden Ersatzreservisten und Kriegs• freiwilligen.

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