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Jüdische Rundschau · 1914-09-25 · Heft 39 (25.9.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 39 (25.9.1914)
Date
1914-09-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang, Arbeit für Palästina Zielhcwußtcr jüdischer Arbeit fiir die Zukauft unseres Volkes sind in dieser Zeit grolle Aufgiibcn gesetzt. Hat doch der grolle europiiiscbe Krieg überall die Juden in erster Reihe getroffen. Bevor noch der mörderische Kampf in Belgien entbrannte, mußten die österrcichisehen und deutschen Juden, die hauptsächlich in Antwerpen die Stätte friedlicher Arbeit gefunden hatten, wieder einmal von Haus und Herd fluchten. Und als die barbarischen Kosakenhorden in Galizien eindrangen, war es wiederum hauptsächlieh die jüdische Bevölkerung, gegen die sich die Wut und Raubgier der Feinde keimen; genau wissen die Russen jüdisches Hab und Gut zu finden und zu zerstören. Mehr als 150000 jüdische Flüchtlinge mußten in wenigen Tagen ihre Heimat verlassen. Wer in der Leopoldstadt in Wien oder in den kleinen mährischen Städten gesehen hat, in welches Elend der Krieg auch die jüdischen Massen gestürzt hat, denen bisher die schlimmsten Erfahrungen der Pogromherrschaft erspart geblieben waren, begreift, daß sich mit der Vaterlandsliebe der deutschen und österrcichischen Juden der heiße Wunsch vermählt, Vergeltung zu üben und geknechteten Brüdern Befreiung zu bringen. Groß sind in allen Ländern, die der Krieg heimgesucht hat, die Not und das Elend, die nach energischer Fürsorgetätigkeit verlangen. Dort aber, wo, wie in Galizien, jüdisches Elend zu lindern ist, sind die Aufgaben, die es zu bewältigen gilt, größer und schwerer denn wo anders. Die wichtigste und größte Pflicht aber, die die jüdische Gemeinschaft zu erfüllen hat, gilt nicht nur der Linderung der augenblicklichen Not, sondern vor allem der Sicherung der n a t i 0n a 1 e n Zukunft. Die große Zeit, die wir durchleben, hat jedem den Blick dafür geschärft, daß es nichts Höheres und Heiligeres gibt als das freie nationale Sein, um dessentwillen der Einzelne jedes Opfer bringen muß. Wieder hat der Einzelne gelernt, sich für den Dienst der Gemeinschaft aufzuopfern; der Triumph des Genicinsinns ist das wertvollste Geschenk der blutigen Zeit, Auch wir Juden wollen und müssen uns der Pflichten unserer jüdischen Gemeinschaft gegenüber erinnern; und gerade uns, die auch für einen großen und schwergeprüften Teil unseres Volkes die neue Freiheit zu erringen hoffen, adelt die Verantwortung, zu unserem Teil an der Sicherung und der Erneuerung unseres gesamten Volkstums mitzuarbeiten. Die Arbeit für Palästina hat in diesen Tagen, da wiederum unzählige heimatlos Gewordene altes jüdisches Galuthschicksai erfüllten, ihren für unser ganzes Volkstum ungeschmälerten Wert. Und deshalb fragten viele tausende volksbewußte Juden besorgt nach der Zukunft der Palästinaarbeit, als der Ausbruch des Krieges zu einer schweren wirtschaftlichen Krise in manchen Ländern Europas und zur Unterbindung des Weltverkehrs führte. In der zionistischen Organisation aber ging keinen Augenblick die feste Ueberzeugung verloren, daß das mit solcher Mühe und solchen Opfern aufgeführte Werk, der Keim und der Anfang einer weit größeren nationalen Heimstätte, nicht untergehen könne und nicht untergehen werde. Und darum konzentrierten sich auch auf das Palästinawerk die natio* nalen Energien, die in der ־zionistischen Organisation ihren Sammelpunkt haben. Wir haben ״Bei־ Z!3״*'nrei e?d1־el״t £t\r dm JütlItchc Volk Clc Sch י;צ־!1צ1ב einer Sffuit- Ifch-rcdifdch gcrtchtrten IlefuMlätle in PaKL&iina." Baseler Programm. schon in N’r. 37 der ״Jüdischen Rundschau“ vom H. September 1914 berichtet, daß sich auf Veranlassung des Herrn Dr. S c h ni a r j a L e v i n in New׳ York ein Komitee zur Aufrcchterlialtimg und Förderung der palästinensischen Institulionen während des Krieges gebildet hat, An der Spitze dieses Komitees steht Mr. Brandeis, der bekannte amerikanische Politiker; andere Mitglieder des Komitees sind die Herren Stephan Wise, Dr. Harry Frieden wald, Lev in- Epstein, B a r o n d e s, Louis L i p s k y, Kaplan (Chicago), Dr. Magnes, Dr. Syrkin und Frl. Henriette Szold. Ein soeben eingetroffenes Telegramm von Herrn Dr. Schmarja Levin berichtet dem Actions-Comite der Zionistisehen Organisation: ״Das Hilfskomitee hat die Sammlung eines Fonds von 100 000 Dollar eingeleitet, um für die Dauer von zwei Jahren die Bedürfnisse der palästinensischen Institutionen, des Schulwerks und der zionistischen Organisation zu decken.“ . Wie wir erfahren, beabsichtigt dieses Komitee auch die Einberufung eines großen jüdisch-amerikanischen Kongresses, der sich auch mit der Einleitung weiterer Aktionen für die Palästinaarbeit beschäftigen wird. Das amerikanische Judentum dürfte in der nächsten Zeit überhaupt von großer Bedeutung für die Fortführung der nationalen jüdischen Arbeit im Orient sein. Die eingekitctc Aktion hat bereits das repräsentative Komitee des anierikanischen Judentums, ״The American Jew i s h C o m i 11 e e“, an dessen Spitze Herr Louis M a r s h a 11 steht, zur Stellungnahme für die Palästinaarbeit veranlaßt. Es wurde ein Aufruf an die amerikanischen Juden gerichtet, in dem diese zu sofortiger finanzieller Hilfe für das palästinensische Kolonisationswerk aufgefordert werden. Das Komitee hat einen Betrag von 25000 Dollars für diesen Zweck bestimmt. Herr Jacob H. Schiff zeichnete 12 500 .Dollars. Die gesammelten Beträge sollen Dr. Ruppin in Jaffa zur Verfügung gestellt werden. Alle diese Bemühungen, für die Palästinaarbeit Vorsorge zu treffen, und ihre gedeihliche Weiterführung zu sichern, sind selbstverständlich nur erst ein Anfang dessen, was getan werden muß. Auch die dankenswerten Anstrengungen des amerikanischen Judentums können nur für die dringendsten Bedürfnisse Deckung schaffen. Darf doch nicht vergessen werden, daß der jüdische N a t i 0 n a 1 f o n d s allein einen Jahresetat von einer Million Francs hat. Und gerade die Organisationen, die sich sonst auf dem Gebiet der p 11 i 1 a n t h ropi sehen Palästinaaibcit betätigten, konnten ihre Unterstützungen nicht aufrecht erhalten. Da die Zionistische Organisation sich in dieser Zeit für die Geschicke des palästinensiseben Judentums verantwortlich fühlt, müssen ihr deshalb große, viel größere Mittel als bisher zur Verfügung gestellt werden. Wir müssen nicht erst auseinanderscizcn, daß diese weithistorische Periode auch für den Orient und für Palästina von unermeßlicher Bedeutung sein wird. Wir wollen unsere Hände nicht in den Schoß legen, da alle Völker sich ihre Zukunft zimmern. Wem der Zionismus ein lebendiges Besitztuni war, der wird auch jetzt durch die Tat die Ueberzeugung bekunden, daß die Arbeit für die nationale. Heimstätte in Palästina geleistet werden muß, wenn unser Volk eine freie, glücklichere Zukunft erleben soll. Karl Jeremias Was wir schon lange mit banger Furcht erwarten mußten, ist zur traurigen Gewißheit geworden. Karl Jeremias ist von uns geschieden. Selbst in der grausen Kriegszeit, in der der Tod so reichlich seine Beute holt, daß man die einzelnen Opfer kaum noch zahlen und beachten kann, selbst an dem Tage, an dem David Wolffsohn uns entrissen wurde, kann die Klage um ihn nicht verstummen. Nicht von der Erde Großen war er einer; in stiller Bescheidenheit hat er jeden äußeren Glanz, jede laute Repräsentation von sich ge- ׳ wiesen. Und doch wandelte er auf der Menschheit Höhen. Mit zielbewußtcm Fleiß, mit eiserner Strenge gegen sich selbst bahnte sich sein reger Forschersinn den Weg von Erkenntnis zu Erkenntnis, bis Klarheit ihn umgab. Mit unbeugsamer Energie, mit unbestechlichem Eifer ward er der Verkünder seiner Wahrheiten — unbekümmert darum, Wem sie dienen konnten. Und er hatte das unsagbar große Glück — und hatte es empfunden und verstand es, sich daran zu erbauen —, daß alles, was er in seinem heißen Drange nach Wahrheit erkannte, in Uebereinstimmung stand mit den Regungen seiner Seele, mit den Wünschen seines Herzens. So ging es ihm insbesondere mit dem größten Erlebnis seines — ach nur so kurzen Erdenwallens, mit seinem Judentum. Aus einer Familie hervorgegangen, in der das Judentum eine lebendige Wirklichkeit ist, übernahm er es nicht als tote Tradition. Sein scharfer Geist prüfte und forschte, und selbst errang er sich die Ueberzeugung und die Kenntnis von unserem einzigen Gotte, von der Auserwählthcit unseres Volkes. Darob jauchzte sein Herz, jubelte sein Wesen. Das Judentum war ihm erkannte Wahrheit und zugleich die große Liebe seines Herzens. In sich geschlossen und gefestigt stand er trotz seiner Jugend schon auf dem Boden des Lebens im Judentum und der werktätigen Arbeit für das jüdische Volk, als der Ruf Theodor H erzls an uns erging. Nur eine kurze Prüfung noch, und der edelste Jude ward der beste und treueste Zionist Jetzt ward ihm das Judentum nicht nur Wahrheit und Liebe — jetzt wurde es ihm Hoffnung und Zukunft, Ziel und Streben. Seinem Leben voller Hingabe an seinem ärztliehen Beruf, das in echt jüdischer Art so sehr der Familie, der edlen Gattin und den hoffnungsvollen Kindern gewidmet war, rang er in bewundemswerter Weise immer wieder von den Tagen und mehr noch von den Nächten so viel Zeit für die Verwirklichung der jüdischen Ideale ab. Nie war ihm eine Arbeit zu viel, nie ein Opfer zu groß. Stets war er auf dem Posten, sowohl wenn es galt, über die großen Probleme Rat zu halten, als auch wenn die scheinbar untergeordnetsten Arbeiten ausgeführt werden mußten. Sein weiser Rat wurde gern von den Zentralstellen unserer Bewegung gehört. Wir aber, die

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