Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1914)
- Date
- 1914-09-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 362 J U E D1 3 C11 1: UIIDCCUAU Nr. 37 Die ״Russen“ in Berlin Unter den Linden war's, in der Nähe des Schlosses, Da stand das große tragische Frage- /eichen der russischen Jiidenlicit in handgreiflicher Realität. Lin lebendiges Fragezeichen, gebildet von seehstauseud Personen, die in dichten Reihen die ßürgersteige vor der Kommandantur besetzt hicltciii und von den Schutzleuten zu einem riesigen, lragezcicheniihnlichcn Knäuel geordnet, beharrlieh auf Einlaß warteten, ״Russen“ waren’s, die von dem Ausbruch des Weltkrieges in Deutschland überrascht worden waren und mm hier die Erlaubuis erhalten sollten, über Schweden nach Rußland ziiniek/ukeliren. Sechstausend Personen begehreil Einlaß, wo mir fiiiiilnintlert abgefertigt werden können.... Und in dieser wogender Menge suche ich nach — eine m Russen, einem Russen slavischcr Rasse mul grie* eliiseli-orihotloxer Religion, einem Russen, der etwa in der Lage wäre, an einem Pogrom aktiv teilzunehmen. Ein solcher war liier sehr schwer zu finden. Die wenigen verloren sich vollständig in der großen Masse der ״lieben Juden“ des Zaren, * Viele Zchutausende russischer Juden sind jetzt in Deutschland /urückgclialtcn worden. Nur ein kleinert Teil von ihnen war früher liier ansässig. Kaufleute, An• gestellte, Handwerker, Studenten, Aerzte. Daß auch ihre wirtschaftliche Lage zerrüttet ist, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Der größte Teil der russisehen ״Kriegsgefangenen“ besteht aber aus — Badegasten. Es sind die Stammgäste der deutschen und österreichischen Bäder und Sanatorien, Sclnverkranke und Erholungsbedürftige, Männer und Frauen, junge Leute und Greise. Der־ russische Jude zieht die ausländischen Bäder den russischen vor. Ein konkretes Beispiel mag als Erklärung dienen. Ein ehrwürdiger Rabbiner aus Kunlaml fährt jetzt nach Kolberg und nicht mehr nach dem ihm benachbarten D u b b e l n bei Riga, weil er in Ahlbeck nicht gefahrläuft, am Sonnabend von einem Polizisten im Wagen nach dem Polizeirevier abgeführt zu werden, um seinen Paß vorzitzeigen, wit’s ihm vor einigen Jahren in Dubbcln ergangen ist. Und nun kommen sie in Massen nach dem Westen. Russischer Jude zu sein ist aber ein zweifadtes Verhängnis, und wenn sic in Deutschland als Juden nicht zu leiden haben, so hat sic diesmal das Geschick als Russen ereilt. Sie suchten Erliolung lind fanden sich — im Gefängnis. Besonders in der Erregung der ersten Tage nacli der Kriegsirkluriing wurden die ״Russen“ natürlich nicht immer mit Glacehandschuhen angefaßt. Von den verschiedenen Badeorten flüchtete man in angstvoller Hast, blieb in Berlin stecken und wurde hier vom Bahnhof oder vom Hotel hinweg nach dem Gefängnis oder nach Döberitz gebracht. Die meisten sind nach einigen Tagen freigelassen worden. Inzwischen hat auch die allgemeine Erbitterung gegen die Russen ein wenig nachgelassen, man begann einzuschcn, daß die liier gefangenen ״Russen" in keiner Weise für die russische Politik verantwortlich gemacht werden können. Dafür stieg aber die materielle Not dieser russisehen Untertanen ins ungemessene. Von der Heimat vollständig abgcsclinittcn, blieb liier die Hauptmenge, ohne alle Subsistenzmittel. Schecks russischer Banken wurden natürlich nicht honoriert, und auch der Kurs des russischen Rubels sank tief. In ihrer Not als Russen fanden sic aher als Juden Hilfe, Der Vorstand der jüdischen Gemeinde und verschiedene jüdische Organisationen unternahmen! eine umfassende Hilfsaktion zugunsten der Getangenen ohne Unterschied der Religion. Die wohlliabciir den Russen beteiligen sich natürlich auch an diesem Hilfswerk. Die ganz mittellos Gewordenen wurden an verschiedenen Orten untergcbracht. Vielen sind Darlehen sowie ärztliche Hilfe gewährt worden. In der letzten Woche organisierte und überwachte das Hilfskomitee die Abreise nach der Heimat. Uebcr 2000 Personen sind schon Anfang dieser Woche durch Extrazüge über Schweden befördert worden. Weitere Züge werden folgen. Die bittere Not und die Ungewißheit über das Los ihrer Angehörigen treibt die meisten, so schnell als möglich nach Hause zu fahren. Und so eilen sie von den Hilfsvcrcinen zur Kommandantur und von dort zurück auf der Jagd nach der Abfertigung. Seltsame Szenen spielen sich in den Volksküchen und den improvisierten Quartieren ab, wo auch kaiserlich-russische Beamte und orthodoxe Popen im Verein mit Talmudgelehrten koscher verpflegt werden. Die Not übcrbrückt alle Gegensätze, und der höhere Beamte wie der Großkaufmann, der Oberarzt und der Rcchtsanwaltsgchilfe, die elegante Dame und das altmodische Mütterchen stehen in langen Reiben, um sich in die Listen zur Abfahrt cintragen zu lassen oder um bei der spanischen Gesandtschaft und einigen Banken zu erfahren, ob schon endlich auf langen Umwegen die erhoffte telegraphische Geldamveisimg oder Nachricht von der Familie eirige» troffen ist. Mehrere bekannte jüdische Persönlichkeiten Rußlamls lullten sich hier auf, Rabbiner, Gelehrte, 'Philanthropen, Schriftsteller, Rechtsanwälte, Kriegsgefangen sind jetzt in Berlin vier unserer bedeutendsteil junghebriiisehen' Dichter, Jacob Kali an, Sch neu r, Jakob F i c h tu a 11 n und David Schim o 11 o w i t z, ferner David Frisch in a 11 n und viele andere. Neben dem Verteidiger des Mendel Beilis, Rechtsanwalt Grusen he rg, befindet sieh jetzt in Döberitz auch sein Ankläger, der stellvertretende Staatsanwalt T s c h a p 1 i!1 s k y , der in Gesellschaft ״blutgieriger“ Juden schon mehrere Wochen in Döbo ritz die Annehmlichkeiten des preußischen Barackenlebcns genießt. * Die gleichen dichtgeschiossenen Reihen, da» gleiche lebendige Fragezeichen sah ich dieser Tage am Stettiner Bahnhof. 111 nervöser Hast stehen sie vor dem Bahnsteig mit Koffern, Kisten und Schachteln. Kranke werden auf Tragbahren herangebracht, weinende Kinder auf den Händen getragen, Deutsch, russisch, polnisch, jüdisch, hebräisch — alle Sprachen schwirren hier durcheinander. Abschied, Weinen, Küsse. Zurückblcibendc senden Qrüße an die Angehörigen. Und als der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, da konnte ich mich eines anderen Bildes nicht erwehren. Ich sali sic, wie sic, wieder in Reihen geordnet, auf den Bahnhöfen in Finnland stunden־׳ lang stehen, wo kein Jude sich ohne Erlaubnis aufhalten und auch die Ansässigen ohne Erlaubnis ihren Wohnort nicht wechseln und — nicht heiraten dürfen. Ich sehe diese Gefangenen wieder gefangen auf dem Balmhof in Petersburg, wo sie von neuem registriert und polizeilich bewacht werden, damit Gott behüte keiner dauernd dort bleibt. Ich sehe sic ziehen von Gefangenschaft zu Gefangenschaft — gehetztes Wild, Es sind ja russische Juden. Dr. J. M. «• Bei den auf Veranlassung der russischen Rcgierung vorgenommenen grausamen Judcnvcrtreibiov gen aus Rußland wurden zahlreiche Familien verjagt, deren Väter und Söhne im türkisch-russischen Kriege gefallen waren I Eins der besten Gedichte von Morris Rosenfeld ist der Erinnerung an diese traglsehen Verhältnisse gewidmet. Es lautet in der Ucbcr- Setzung von Thicbcrgcr: Der jüdische Soldat. Bei Plewna liegt'«, 's geilt hundert Schritt hinab. Dort licgt’s. Ein Grab. Kein Mensch weiß von dem Grab. Hin dringt kaum Mcnsclicnlaut, kaum Vogclschrci'n. Dort liegt cs stumm und hart. Kein Kreuz, kein Stein. Dorthin bringt kaum ein Frühling Halm und Blatt — Dort unten ruht ein jüdischer Soldat. Ein Jud׳, ein Mann, verblutet in der Schlacht, Die Rußland seinen großen Tag gebracht. Nacht ist's. Rings schliefen alle Dinge ein, Die tote Stille möclit׳ nocli stiller sein . . . Da zählt die Turmuhr zag die Mitternacht Und plötzlich ist ein dumpfer Sturm erwacht, Es zerrt und rüttelt in der öden Luft, Es wetterleuchtet und die Stunde ruft, Der Sturmwind wühlt und wühlt — da klafft die Erd׳ - Der Held steht auf dem Orab; cs starrt sein Schwert, Er wirft sich in den Sturm, Der packt ihn auf Zur Festung hin — er hält den blut’gcn Knauf Und seine Wunden bluten, bluten fort. Er schlägt ans Schwert, es hallt sein hohles Wort: ״Kam'radcn, auf! Ich halt׳ Gericht! Erwacht 1 Ihr müßt mir zeugen! Kämpft׳ ich in der Schjacht Nicht heiß und treu genug, den andern gleich? Und nicht für Rußlands Ehre, Rußlands Reich?1" Da hört man's dumpf, wie fernen Stromes Lauf, Es rauscht und raunt und tappt und taucht herauf, Ein schlotterndes, tollendes Kricgcrhccr, Wie sturmzcrwühltcr Sand am toten Meer. Es klappern ihre Knochen wirr und warr, Wie hartes Holz. Und plötzlich stehen sie starr Und jeder hebt zum Schwur die dürre Hand: Ja, wie ein Held starbst du für unser Landl — Und dann kein Laut und auch kein Schlottern mehr. Verschwunden ist das Knodienkriegerheer, Nur er allein steht noch auf seinem Platz Und meißelt glühe ml in die Nacht den Satz: ״Von Weib und Kindern riß mich dein Gebot, Rußland, für dich starb ich den jungen Tod. Was jagst du jene jetzt in Blut und Schmach?! Ich fluche dir, ich fluch׳ dir hundertfach 11 Gegen einen jüdischen Altwarenhändler in Stettin war die Beschuldigung laut geworden, daß er miß-!arische Uniformen an Ausländer (Russen) verkauft und dadurch den Feind begünstigt habe. Die Polizei sah sich genötigt, ihn mit seiner Tochter in Schutzliaft zu nehmen, und stellte gleichzeitig umfassende Ermittlungen an, welche die völlige Grund- und Haltlosigkeit der eingangs erwähnten Beschuldigungen ergaben. Wie die ״Osts.-Ztg." hört, hat sich im Anschluß an den angeblichen, aber erwiesenermaßen nicht begangenen ״Verrat" bereits eine Art antisemitischer Hetze entwickelt, deren Hintermänner sieh auch durch die offenkundige Unschuld des vermeintliehen Verräters nicht beirren lassen. In Würz bürg, Insterburg und Goldap gab es antisemitische Hetzen ähnlicher Art, In Würzbttrg sollte ein jüdischer Warcnhausbcsitzer russische Spione beherbergen, in Insterburg verbreitete sich das Gerücht, ein bekannter, alteingcsessencr Jude bewahre in seinem Keller Bomben, in Goldap schleppte man um 2 Uhr nachts den über 70 Jahre alten Vorsteher der jüdischen Gemeinde als russischen Spion auf die Polizei. Nur dem energischen Eingreifen der Behörden, die überall die Bevölkerung von der Grundlosigkeit der Beschuldigütigen nachdrücklich überzeugten, ist cs zu verdanken, daß Judenverfolgungen verhindert worden sind. Das ״Berliner Tageblatt“ veröffentlicht folgendes Schreiben, in dem sich eine jüdische Lehrerin sehr bitter darüber beklagt, daß man ihre Hilfe, die sic wohlgeincrkt umsonst anbot, zurückgewiesen habe: ״Am ersten Tage der Mobilmachung stelle ich mich der Schulbehörde voll und ganz zur Verfüguttg. Man fragt nicht erst nach meinem religiösen Bekenntnis, hier in P. ist man über solche Sachen genau orientiert, und man sagt — Nein. Ich gehe zum Schulrat, zu den einzelnen Leuten. Mit großer Mühe beschaffe ich auf allerhöchsten Wunsch meine Zeugnisse. Und — Nein, nein, nein'. 105 Lehrer fehlen hier. Aber man stellt keine Jüdin an. Von Pontius zu Pilatus läuft man und hört immer, immer wieder dasselbe! Das Nein! Der Bruder, die nächsten Verwandten, die dürfen das Vaterland retten, dürfen für dasselbe bluten und sterben. Dasselbe Vaterland aber läßt die Schwester verhungern! Wahrlich! — cs gehört viel, viel Vaterlandsliebe und Begeisterung dazu, hier nicht bitter zu werden! Hoffentlich ist diese Art und Weise nicht allgemein üblich." RUNDSCHAU DER PRESSE Dem in Berlin erscheinenden ״Israelitischen Wochenblatt“ entnehmen wir die nachstehenden treffliehen Ausführungen: Haltet Maß! Dieses Wort muß man heute Vielen zurufen. Wir leben in einer Zeit, wo das Geliihl allein allmächtig ist. Aber gerade darum tut es not, daß wir die Vernunft zu Rate ziehen. Denn das Gefühl allein kann uns auch auf verhängnisvolle Irrwege führen. Die Begeisterung ist eine sehr schöne Sache, aber auch darin muß Maß gehalten werden. Wir geben heute mit vollen Händen für patriotische Zwecke, cs wäre aber gut, wenn wir auch hier ein wenig kritisch Vorgehen. Es scheint uns, als wenn hier auf manchem Gebiete übertrieben wird, und daß!andere Zweige der Wohltätigkeit darunter leiden. Wir dürfen nicht vergessen, daß der Krieg nicht nur direkte, sondern auch indirekte Opfer schafft. Es gibt heute schon ein großes Maß von Elend und Not, das sich nicht in den Vordergrund drängt, und daher zu kurz kommt. Vielleicht wäre es gut, wenn wir uns schon heute der Not zuwenden, die aus Arbeitslosigkeit und aus Mangel an Berufstätigkeit resultiert. Aber auch nach einer anderen Richtung hin wäre es gut, wenn wir Mall halten und uns nicht von den Gefühlen des Augenblicks beherrschen lassen. Namentlich wir Juden zeichneten uns stets dadurch aus, daß wir mit unserem Herzen auch eine große Dosis von Vernunft verbanden. Es will uns scheinen, daß sich schon heute ein ungesunder Chauvinismus in unseren Reihen breit macht und daß eine durchaus ungerechte Gehässigkeit gegen die Juden des Ostens ihre Kraft entfaltet. Vergessen wir nicht, daß wir bei allem Patriotismus auch heilige Pflichten gegen diese Brüder des Ostens haben, die unter den Opfern des heutigen Krieges am schwersten leiden. Bleiben wir gute Patrioten, aber halten wir uns von jedem ungesunden Chauvinismus fern. Dem ״JsraeUt“ gehen aus Bayern Nachrichten zu, die darauf schließen lassen, daß man dort in ziemlich rigoroser Weise nicht nur gegen die zahlreichen russisch-jüdischen Kurgäste vorgeht, die