Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1914)
- Date
- 1914-08-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 354 Nr. 35 JUKI»! ״OKE RUH DSC II AU ״Mandclstanun und Silberfarb“ kiiinpftcn und fielen, der Väter wert. Und so dürfen wir, wenn wir heute der Meiden aus der alten Zeit unseres Volkes mit Stolz gedenken, auch der Melden aus der jüngsten Zeit unseres S t a in in e s in feierlicher Trauer ehrend gedenken. Die da unten gebettet sind im beschneiten Hoden Rußlands, die taten das Höchste, was der Mensch tun kann — sie starben für das, was ilue Ehre war! Laßt unsere Feinde spotten und schelten! — diese hosenverkaufenden Jünglinge waren echte Makkabaererbcn. Wenn wir westeuropäischen ״Staatsbürger jüdischen Glaubens“ früher uns im stolzen Gefühl unserer Kultur über diese seltsamen Erscheinungen erhaben fühlten, die eine so sonderbare Sprache sprachen, so veraltete Anschauungen hegten, und so wenig von dem hatten, was wir Kultur zu nennuen beliebten, ein Begriff, der sich leider zumeist au den Ver• brauch von Seife und Zahnpulver und an die Verwendung gestärkter Wäsche knüpft — heute beugen wir uns in Ehrfurcht mul Demut vor den Toten, die zu sterben wußten. Märtyrer heißen sie uns, heilige Blutzeugen! Sie fochten und starben, wenn sie für ihren Glaubei! und ihre Uebcrlieferung starben, fiir ein noch Höheres ־־ für die Freiheit und die Menschen• rechte. Ich weiß, das heißt heut vielen, und leider auch vielen Juden, ein hohles Wort• gerasscl, Und ich weiß, daß unsere Feinde und sogar viele unserer Freunde es der jungen jüdischen Selbstwehr, der jüdischen Intelligenz und der jüdischen Arbeiterschaft Rußlands zum bitteren Vorwurf machen, daß sic sich nicht auf die Verteidigung beschrankte, sondern, der kleine David gegen den großen Goliath, dein unge• licuren Feinde angreifend zu Leibe ging. Aber, beim allmächtigen Gott, es war heilige, gerechte Notwehr! Sic waren zum äußersten getrieben, und sie wehrten sich, wie sich sogar der kleine Singvogel gegen die Hand wehrt, die ihn fängt. ״Revolution!“ das Wort klingt schrecklich in unseren Ohren. Aber: ״Eine Grenze hat Tyrannenmacht!“ Lind diese Grenze war im heiligen Rußland längst überschritten. Die Zeit war gekommen, da ein Volk in die Sterne greifen darf, um seine ewigen Rechte herunter/uholen, die dort oben hängen, unverlierbar. Einhundert• undsechzig Millionen Menschen zermalmt von der schmutzigsten Tyrannei, entrechtet und ausgesogen, nicht für einen Gedanken, nicht für einen Grundsatz, der etwas Heiliges hat, selbst wenn er ein Irrtum ist, nicht für die Aufrechterhaltung einer ererbten Regierungsform, nicht für die Be• Wahrung einer Religion, die Millionen ein uuan• tastbares Palladium hieß — sondern für den frechen Luxus einer Kamorra gemeiner Ver• brccher, hochgeborener Schurken, betreßter Schufte, versoffener Pfaffen und ihrer Kreaturen, ihrer Diener, Parasiten und Dirnen! Das Mark des Landes verpraßt, seine Rcichtumsqtieilen ver• schüttet, der Acker atisgesogen, I lunderttausende langsam Hungers sterbend — war das noch nicht Leidens genug? Einhundertnudseehzig Millionen Menschen abgesperrt von allem Wissen und Können unserer reichen Zeit, unter den Buschmann herabgewürdigt, in Dummheit, Dumpfheit, Bestialität und rohen Aberglauben mit listiger Gewalt hinabgedrückt: ein geistiger Jammer, noch ärger als die wirtschaftliche Not ■— gab das immer noch nicht das Recht, ״in die Sterne zu greifen“? War das immer noch die ״von Gott gesetzte Obrigkeit“, der der brave Staatsbürger Gehorsam schuldet, diese käuflichen Beamten, diese jobbernden Großfürsten, diese vertierten Spieler, Hurer und Säufer, — oder war es eine vom Teufel eingesetzte Obrigkeit, deren man sieh erwehren darf in guter Notwehr, in ■noch besserer Notwehr wie gegen einen gemeinen Straßenrätibcr, der doch wenigstens seinen Hals aufs Spiel setzt, warn er sein Gewerbe betreibt? Wißt ihr, was cs bedeutet, kein Recht zu haben, kein Recht finden zu können? Wißt ihr, was es heißt, schutzlos der Willkür aiisgcliefcrt zu sein mit Leib und Gut? Dem ersten Schurken verfallen zu sein, der euch für ein paar Silberlingc verkauft? Jeden Augenblick von Gefängnis, yerbannung und Galgen bedroht zu sein, ohne Grund, nur weil ihr zu arm seid, um euren Bezirksbeamteu zu kaufen, oder zu reich, um dem Neide mächtiger Schufte zu entgehen, oder weil ihr eine schöne Frau oder eine liebe Tochter habt, auf die ein hoclmiöqeitder Wüstling Appetit bat? Wißt ihr, was in eines Bruders Seele vorgeht, wenn seine reine Schwester die rote Karte der Koiitrolhnüdchen nehmen muß, nur um der Ausweisung zu entgehen, die sie trifft, weil sie Jüdin ist? Und die daun doch ausgewiesen wird, ״weil sie iirr Gewerbe nicht ausübt“? Darum stellt der Jude überall im russischen Freilieitskampfe an der Spitze der Stiumkolonneii, darum sterben am Galgen und an der blutbespritzten Mauer so viele ״Schnorrer und Ver• schwüre!•“, weil die Juden noch viel schwerer litten als die altgläubigen Russen, und weil sic den Stahl des Mukkabaerbhites' in sich haben, das die phlegmatischen Russen, diese mit Mongolcnblut versetzten Slawen, nicht in ihren Adern rollen fühlen. Und dann, weil die Juden Rußlands kein Vaterland haben, «licht einmal ein Sticfvaterland wie wir, sondern überhaupt kein Vaterland, Sic sind eines der vielen fremden Völker, die knirschend unter der Eisenfaust des russischen Sultanismus schmachten; für die!,ölen, die Finnländer, die Balten, die Ruthencn, die Kaukasier ist Rußland kein Vaterland, sondern mir ein geographischer Begriff und eine politische Zwingburg; so auch (für die Juden Rußlands. Ihre Sprache und ihre Tradition ist nicht die russische, ihre Kultur ist die altjüdische, gemischt mit der westeuropäischen; sic haben nicht einmal das Recht des Schutzbürgers für Leib und Leben, Hab und Gut, nichts bindet sie an das Land ihrer Geburt als der harte Zwang der Ve.’.riitnissc, Wenn sie sich heut empören, so ist es kein Bürgerkrieg, sondern der Krieg eines unterworfenen, rechtlosen, zu Tode gepeinigten Volkes gegen Tyrannen fremder Art. Ja, diese russischen Juden sind nicht nur, wie wir, Glieder eines über alle Welt zerstreuten Stammes, nein, sie sind auch ein Volk mit gemeinsamer Sprache, Uebcrlieferung und Kultur. Nichts fehlt iimen, um ganz ein Volk zu sein, als ein Land e i g e n e n R e c 111 e s. Und immer lauter erschallt ihr Ruf über alle Welt, ihnen dieses Letzte zu geben, damit sie zum vollen Leben kommen können; immer fliigeistärker schwingt sicli ihre Hoffnung über alle Mindernissc fort, die ihrer Sehnsucht im Wege stehen. Ein eigenes Land, womöglich das Land der Väter, zu erhalten, damit die zerstreute, gehetzte Masse wieder ganz ein Volk werde, auf daß ein Jeder sitze unter seinem ׳Feigenbaum und seinem Wcinstock, das ist ihres Lebens Sehnsucht, das ist ihres Daseins Halt!und Stütze. Das — diese Hoffnung, die unser großer Herzl, dieser unge• krönte König Judas, ihnen zu geben verstand, hat aus den demütigen, feigen Schiaclitopfcrii von Kischinew die HckLn von Odessa und Kiew׳ gcmacht. Nehmt ihnen diese Hoffnung, und ihr liefert sie wieder wehrlos auf die Schlachtbank, denn der Mensch braucht ein Ziel, um mehr zu sein als ein Tier! lind wäre dieses Ziel ein unerreichbares, wir müssen es dennoch den Unseligen zeigen, bis zu dein Tage, wo der prophetische Traum der Völkerverbrüderung zur ׳Wahrheit geworden ist, oder bis au dem Tage, wo der letzte russische Jude den Ozean gekreuzt hat oder unter dem Mordstahl der Hooligans verblutet ist. Aber beide Tage sind fern, und die Opfe!״ können, sie werden noch furchtbar schwer sein, denn von dem großen historischen Schauspiel der russischen Revolution ist erst die erste Szene gespielt, und unsere Brüder werden die Leidenden sein, bis der Vorhang fällt. Aber das Ziel ist gar nicht unerreichbar! Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Und liier ist der Wille von Millionen zum äußersten getriehener Menschen, Sie werden ihren Weg finden, und au uns ist es, ihnen dazu zu helfen, soweit wir vermögen, bis ihr Ziel erreicht ist. Mag die Aufgabe schwer sein, dem versprengten Volke der russischen Juden ein Land, ihr Land, zurüekzugebem, — ״nichts Ist gewaltiger als der Mensch“, sagte der griechische Dichter, mul Schwierigkeiten vermehren nur die Kraft, sic zu überwinden. Wer nicht will, ob Jude oder Christ, Arier, Semit oder Mongole, daß noch weiter unschuldig Blut in Strömen fließe, der mag ein anderes Mittel finden, als das, unsere Brüder aus der Mörderhöhle zu erlösen. Und wer nicht will, daß sie überall, wohin sie in Massen dringen, den Judenhaß und das unsichtbare Ghetto mit sicli bringen, der mag ein anderes Mittel nennen, als das, sic in geschlossenen! Körper anzusiedeln, als eigenes Volk im eigenen Lande. Ich, wir sehen kein anderes Mittel! Und so nehmen wir denn Abschied von euch, iiir Makkabäer Rußlands. Friede eurer Asche! Und wir grüßen ehrfurchtsvoll die Tapferen, die noch für Menschenrecht und Mensehenglück in Waffen stehen gegen ruchlose Gewalt, die den Tod nicht scheuen für das, was ihre Sehnsucht ist. Viel edles Blut wird noch fließen, furchtbare Greuel werden wir noch sehen, aber das Ende des gewaltigen Kampfes wird die Befreiung Ruß* lands und der W e 11 s c i n von u n c r 11 ö rter Tyranei. Und dann werden die dankbaren Mitbürger auf die Gräber der jüdischen Freiheitskämpfer ihre Kränze niedcrlegcn, und werden sic, die heut verlästerten Schnorrer und Verschwörer, ehren wie die Griechen ihren Harmodios, die Römer ihren Brutus, die Deutscheu ihren Armin und Schill, die auch Rebellen waren. Ein Gewaltiges vollzieht sich vor unseren Augen. Lassen Sie es mich mit Dichterworten sagen: Eispalast. (Freillgrath.) 1. Ihr alle, mein' ich, habt gehört von jenem sclt’nen Eispalast! Auf der gefronten Newaflut aufstarrte der gclroruc Glast! Dem Willen einer Kaiserin, der Laune dienend einer Frau, Scholl' über Scholle stand er da, gediegen Eis der ganze Bau! Um seine blanken Fenstcrreih'n, um seine Giebel pfiff es kalt! Doch innen hat ihn Frühlingswehn und hat ihn Blumenhauch durclnvallt! Allüberall, wohin man schritt, Musik und Girandolenglanz, Und durcit der Säle bunte Flucht bewegte wirbelnd sich der Tanz! Also bis in den März hinein, war seine Herrlichkeit zu scliau'it; Doclt — auc 11 in Rußland kommt der Le 11z, und auch der Newa Blöcke tau'11! Hui, wie beim ersten Sturm aus Süd der ganze schimmernde Koloß H0I11 in sich selbst zusammensank und liäuptlings in die Fluten schoß! Die Fluten aber jauchzten auf! Ja, die der Frost in Bande schlug, Die gestern eine Hofburg noch und eines Hofes Unsinn trug, Die cs noch gestern schweigend litt, daß man ihrauflud Pomp und Staat, Daß eine iipp’gc Kaiserin hoffärtig sie mit Füße״ trat: -- Dieselbe Newa jauchzt empor. Abwärts mit brausetidem Erguß, Abwärts durch Schnee und Scholtcnwcrk schob sich und drängte sich der Fluß! Die letzten Spuren seiner Schmach malmt' er und knirscht er kurz und klein ״ Und strömte groß und ruhig dann ins ewig freie Meer hinein! 2. Die ihr der Völker heii'ge Flut abdämmtet von da Freiheit Meer: — Ausmündend bald, der Newa gleich, braust sie und jubelt sic einher! Den Winterfrost der Tyrannei stolz vom Gerüste schüttelt sie, Und schlingt hinab, den lang sic trug, den Eispalast der Despotie! Üann aber heißt es wiederum: — Abwärts mit brausciidem Erguß, Abwärts durch Schnee und Schollen werk drängt sicli und macht sich Balm der Fluß! Die letzten Spuren seiner Schmach malmt er und knirscht er kurz und klein - Und flutet groß und ruhig dann ins ewig freie Meer hinein I Das ist der Siegespreis des gewaltigen Kampfes, der sich jetzt in Rußland vollzieht, d i e B c f r c I u ti g d c r W e 11 von i 11 r e r I c t z t e n Fessel, die Freilegung der Bahn für