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Jüdische Rundschau · 1914-08-28 · Heft 35 (28.8.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 35 (28.8.1914)
Date
1914-08-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Postscheckkonto: Berlin Nr• 17392.^^ 1 Nummer 35 f"N r'• ד/ י י־—r : _V y J ^3 |ץי־י—־^ ך*״ jT%. /׳^**^ c,: f...) v..יי Lj UV j ל/ «k.!0. A!1f;! :bi XIX.Jahrgang. Wir sind bereit, allen unseren Abonnenten, die zum Heeresdienst elngezogen wurden, unser Blatt weiter zuzuschicken, wenn uns die Feldpostadressen aufgegeben werden. Wir bitten, uns diesbezügliche Angaben baldigst zu• kommen zu lassen. Verlag ״Jüdische Rundschau“, Berlin W. 15. Alte und neue Makkabäer Von Dr. Franz Oppenheimer. Wir bringen heute eine Rede zum Abdruck, die Dr. Franz Oppenheimer im Jahre 1905 bei der Makkabäerfeier der Berliner Zionistischen Vereinigung gehalten hat. Der Augenblick ist hoffeiltlieh gekommen, wo die Ideale des Freiheitskampfes in Rulilaiul, in dem damals das Blut jüdischer Helden geflossen ist, verwirklicht werden. Die Feier, die wir heute begehen, gilt einer nationalen Heldentat, einer Heldentat freilieh, die vor mehr als zweitausend Jahren geschall, in einer Nation, die seit mehr als zweiciiilialb Jahrtausenden ihre Selbständigkeit verlor, einer Nation, die vor fast zwei Jahrtausenden von einem furchtbaren .Wirbelwinde erfaßt und über alle Länder des Planeten hin zerstreut wurde. Haben wir dennoch das Recht, diese last verschollene Heldentat einer zersprengten Nation zu feiern? Die Frage ziemt sich, denn nicht wenige unserer Mitbürger arischer Abstamiiiung, ja, sogar viele unserer eigenen Religionsgenossen schauen scheel auf solche ״nationaljüdischen“ Anwandlungen. Sie wollen, daß wir nichts als Deutsche, Franzosen, Engländer usw. seien, keine Nation, nein, nur eine Religionsgciiossenschaft. Nehmen wir an, sie hätten recht! Verlören wir darum das Recht, einer hohen Tut der Männer zu gedenken, die wir als unsere Almen verehren? Ich glaube nicht! Es sind zufällig dieselben 1'weide, die ihr Gift auf unseren Stammesstolz sp it/.en, die es den Abkömmlingen alter deutscher Herrengeschlechter mit Recht als Schimpf umi Schande anrechnen, daß sie heute mit Magyaren und Tschechen, ihrer Abstammung zum Tvoiz, das Deutschtum ihres Adoptiv-Vatcrlandes zu Woden drücken. Und umgekehrt: gelten nicht üiv Refugies Berlins für Musterbürger, obschon sie Sprache und Sitte der alten Heimat mit stol/er Zähigkeit bewahren? Und ist etwa der Deutsche Kaiser ein unzuverlässiger Deutscher, 'veil er sich gern der Tatsache erinnert, daß der große Admiral Coligny zu seinen Ahnen zählte? So dürfen auch wir, unbeschadet unserer St.Mtsbürgerpfliclit, unbeschadet unserer Liebe zu dun Vaterlande, das uns gebar, die hohen Almen hi;ui. Und wenn auch ihr Leben und Wirken so uutalibar weit zurückliegt, über zwei Jahrtausende fast, in einer Zeit, die tausend Jahre vor Karl dein Großen lag, in einer Zeit, da die Ahnen unserer Gastvölker zumeist noch Wilde waren: ist der Rühm dann nicht um so größer, der Stolz nicht um so berechtigter? Denn edles Blut, edler Wein und edle Geigen werden in aller Welt um so höher geschätzt, je älter sie sind. Und wer könnte sieh in Europa mit dem Alter unseres Adels messen? ״Der ZIcnLnui* erstrebt für da* Jüdische Voll: d'a Cchaffimg einer Gffcoilich-rccMTdi Residierten Hclnuläüc in Palästina." Baseler ProRramm. Unseres Adels! Ich wiederhole das Wort mit allein Nachdruck. Ein adlig Volk waren unsere Almen, als sie aus der Wüste hervorbrach.cn, um das gelobte Land zu erobern, ein ritterliches Kriegervolk mit specr- und schwertgewohntem Arm, wie seine Geschichte, ein adlig Volk von milden Sitten und frommen Herzen, wie seine unvergänglich ewigen Gesetze zeigen, die zum (irundfunilanient aller europäischen Kultur geworden sind. Dies Volk fand die ehernen Worte der zehn Gebote, es fand die Gesetze der Milde und des Erbarmens für Alte, Arme und Knechte, es fand noch vor dem milden Prediger von Nazareth das Siegeswort, das hoffentlich der Leitstern aller Zukunft sein wird: ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Von diesem adligen Volke stammen wir ab, in gerader Linie. Wir brauchen keine Geschlechts• register und Stammbäume, um das zu erhärten; kein Heroldsamt der Welt wird unser sonnenklares Recht bestreiten wollen. Die Tatsache, daß wir Juden heißen, ist Zeugnis genug, Und sic beweist noch viel mehr! Durchblättert die Stamnigcschichten der ältesten und vornehmsten Feudnlfaniilicn Europas: ihr werdet viele unter ihren Ahnen finden, die den Ehrentitel ״adlig“ in seiner vornehmeren Bedeutung nicht verdienen, in seiner Bedeutung als edel! Wir aber, die wir heute noch Juden sind, wissen ohne Prüfung von jedem unserer'Tausende von Voreltern, daß er adlig-edel war. Denn jeder, und mochte er im dunklen Ghetto mit alten Lumpen handeln, mochte er mit dem schweren Packen auf dem Rücken von Dorf zu Dorf pilgern, verspottet, verhöhnt, bespien: jeder dieser ״hosenverkaufenden Jünglinge“, die zu unseren Ahnen zählen, war dennoch ein Edler. Denn er hielt fest an Glauben und Ueberlicferung trotz Hohn und Spott, trotz Plünderung und Mord; er straffte seinen Nacken gegen ungerechte Gewalt und Unterdrückung; er duldete, che er sich zwingen ließ: er blieb sich treu in schwerster Versuchung — und das ist das einzige Kennzeichen wahren Adels. Einer furchtbaren Auslese ward unser Stamm unterworfen in zweitausend Jahren; die schwach und feig und ehrlos waren, fielen ab, und ihr Blut kreist heute in den Adern unserer Feinde: wir aber dürfen mit Stolz sagen, daß wir nur Edle zu Ahnen haben, nur Männer und Frauen, die sich treu blieben in jeder Not. In diesem Bewußtsein dürfen wir das Makkabäerfest 'feiern und bleiben doch gute Deutsche, wenn wir der trotzighohen Ahnen mit Stolz, gedenken. Das Blut macht den Stamm aus, nicht das Volk. Was heut Deutsche heißt, ist ein Gewebe, in das Germanen, Kelten, Slawen, Romanen, einzelne Mongolen und Finnen und wir Juden als Fäden cingegangen sind. Was uns mit unserem verschiedenen Blut dennoch alle zu Deutschen macht, ist die gemeinsame Sprache und gemeinsame Geschichte, gemeinsames Glück und gemeinsame Not; unsere Väter haben auf den Schlachtfeldern des 19. Jahrhunderts mit ihrem Blute den Vertrag unterzeichnet, der sie ins deutsche Volk aufnahm; und die Genien Lcssings, Herders und vor allein Goethes haben auch unsere Jugend umschwebt. Und doch sind und bleiben wir und nennen uns mit Stolz: Juden! Mag das Wort noch Jahrhunderte lang der Dummheit und dem Hasse als Scheltwort gelten: uns ist cs ein Ehrentitel, den wir, den Geusen, den ״Bettlern“ gleich, auf unser Banner schreiben: ״Ja, wir sind Juden“, und sind stolz darauf. Wir erkennen und verfechten cs als unser heiliges Recht, unsere Stammesart und unsere Ueberlieferung zu bewahren, dem Zwange nicht zu weichen, der uns, auch uns deutsche Juden leider noch immer, dahin drängen will, uns zu ducken, uns zu verstecken. Das Volk, das Moses, Christus und Spinoza, des großen Goethe großen Meister, gebar, braucht nicht zu verschwinden. Es hat ein Recht auf Dauer, bis einst alle Völker zu• sammenschmelzen zu dem einen großen Bruder* bunde der Zukunft, den unser Prophet mit gläu• bigem Herzen voraussagte. Noch sind wir weit entfernt von diesem goldenen Zeitalter. Noch macht Dummheit und Haß selbst uns deutschen Juden das Vaterland oft zum Stiefvaterlande. Noch heißt es fast für jeden von uns: verzichten! Verzichten auf Ehre und Stellung, Glück und Glanz, wenn wir der ungerechten Gewalt widerstehen wollen; noch zwingt man uns, den Wettlauf um den Siegespreis auf allen Bahnen mit dem zehnfachen Gewicht anzutreten, nicht zum Schaden unserer Rasse, die in dieser strengen Zucht zusehends, körperlich und geistig, gedeiht. Aber, wenn man uns auch die vollen Bürgerrechte verweigert, wenn wir auch zuweilen mit Bitterkeit nach Westen und über den Ozean sehen müssen, wo unsere Brüder sich im vollen Sonnenlichte der Gleichheit und Freiheit tummeln und entwickeln dürfen —■ unser Leben, unser Hab und Gut sind doch gesichert. Und wenn wir nach Osten schauen, dann dürfen wir uns segnen, daß unser hartes Geschick doch so leicht ist gegen das, was unsere Stammesbrüder in Halbasien zu tragen haben. Daß ihr Leben, daß ihr Hab und Gut nicht gesichert ist, das ist uns in frischester und schaudernder Erinnerung. Modi stören uns die gräßliehen Bilder aus unseren Träumen, diese verstümmeltcn, ermordeten, geschändeten Unseligen von Kischincw, Hornel, Odessa, Kiew und leider! so vielen anderen Städten. Noch stehen w׳ir betäubt von dem furchtbaren Schlage, nicht wissend, wo wir anfangen sollen zu helfen, wir, leider fast die einzigen in aller Welt, die helfen wollen, w0׳ doch das Unglück so übergroß ist, . daß all unser Geben nur Tropfen spritzt auf den heißen Stein! Und dennoch, über all diesem Chaos von Blut und Mord, über diesem Hölleiiknäuel von Finsternis und Scclenzerriittung schwebt ein versöhnendes Licht, ein erstes Morgenrot besserer Zeiten. Als vor Jahren die Nachrichten von jenem ersten grauenhaften Gemetzel in Kischincw uns erreichten, da ward uns der Schmerz vergiftet durch die Verachtung. Denn wie die Schafe an der Schlachtbank ließen sich die Männer und Jünglinge morden, ohne Gegenwehr, ohne Tratz, wie gemeine Sklaven. Und seufzend mußten wir uns fragen, ob denn wirklich die hämische Behauptung unserer Feinde wahr sei, daß dem Juden in seiner Masse der Makkabäerzorn und Makkabäermut verloren gegangen sei. Heut dürfen wir mit Stolz sagen, daß das eine Verleumdung ist, würdig der anderen Verleumdüngen, die der Haß auf uns spritzt. Denn in Odessa und Kiew stand die junge Sclbstwehr wie Helden vor dem Leben der Ihren; die

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