Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1914)
- Date
- 1914-08-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 350 Nr. 34 JUEOÜ'CÜ!•, UU!1D״C11 Aע Eine Zionistische Pressestiimue aus Deutschland Unser Bruderblalt, die ״Hamburger Jüdischen Nachrichten" schrieben in ihrer vorletzten Nummer an leitender Stelle: ״In dem Augenblick, da diese Zeilen niedergeschrieben werden, rast die Mobilinachungsordcr durch die Lande und der grausige Klang des Kriegsrufes gellt in alle Ohren. Ein Weltbrnud ist entzündet -- ״die l'lammen/eiehen rauchen!1‘ Jetzt schweigt der Gegensatz der Meinungen; verstummt ist jede Diskussion — jetzt gilt allein die Tat. Wer je daran gezweifen hat, ob und wie sich zionistische Gesinnung mit Treue und selbstloser Mingäbe ans deutsche Vaterland vereinen läiit, der blicke jetzt in die leuchtenden Augen unserer nationaljüdischen Turner und Studenten, die durch ihre Selbsterzichung zu einem stammesstotzen Muskcljmlentum aufrechte, wehrfähige Männer geworden sind und in Scharen jetzt zu den Fahnen eilen; beneidet von denen, die von solchem Ruhme ausgeschlossen sind und die sicli darauf beschränken müssen, in Werken der brüderlichen Humanität ihren patriotischen Opfersinn zu bekunden. Noch weiß man nicht, was der morgige Tag bringen wird; noch ahnt mau nur, wo überall des Deutschen Reiches Feinde stehen — wer seine Freunde sind. Eines aber weiß man gewiß, eines fühlen wir mit unsern vibrierenden Sinnen: tmgebeuerlich lodern im ganzen Reiche Zorn und Haß gegen das Barbarcn-Volk im Osten aut, dessen verbrechcrischc Regierung dieses unabsehbare Unglück über Europa gebracht hat. Wir Juden haben seit Jahrzehnten allen Anlaß, erbitterte Feinde des Zarismus zu sein, der Millionen unserer Stammesbrüder erbarmungslos aus dem Lande gejagt hat, Millionen noch beute in mcnschcmmwürdigster Sklaverei zusammenpferclit, der Tausende schutzlos den! Wüten eines tierischen Mordgesindels preisgegeben hat und der uns allen — uns Kindern aus uraltem Adelsgeschlccht, das der Welt die Fundamente der Sittlichkeit errichtet hat — das Kains- Zeichen der ״Ritualinördcr" bat auf die Stirne brennen wollen! Gegenüber all dieser Brutalität waren wir Juden zu hilfloser Ohnmacht verurteilt. Wie eine Fessel fällt es jetzt von unseren Fäusten, und doppelt heilig ist uns dieser Krieg. Für Kaiser und Vaterland und zugleich in unvernarbter Erinnerung an Kischinew und Kiew weihen wir freudig Gut und Blut. Mit stolzem Vertrauen blickt ganz Deutschland auf seine Wehr zu Wasser und zu Lande, ln Synagogen und Kirchen steigt heute aus heißen Herzen das gleiche Gebet zum Himmel empor: Gott schütze den' Kaiser, Gott segne unser Heer und schenke seinen Waffen den gerechten Siegt“ Die Juden im Österreichischen Kriegsdienste In keinem anderen Lande batten die Juden so frühzeitig Gelegenheit, sich am Kriegsdienste zu heteiligen, als in Oesterreich. Schon im neunten Jahrhundert standen Juden auf Seiten der Böhmen, um gegen die Heiden zu kämpfen. 1611 waren 500 Juden in den Reihen jener Soldaten, die die Prager Alt- und Neustadt gegen die Passauer verteidigten, Ihren Leistungen als Soldaten unter Ferdinand 11. haben sie eine Reihe verbriefter Freiheiten und Privilegien zu verdanken. Noch heute befindet sich in der Prager Altneuschul eine Fahne, die ihnen Kaiser l'erdinand III. für ihre tapfere Verteidigung Prags gegen die Schweden verheilen hat. Kaiser Josef ii, gestattete den Juden endgültig, in die Armee einzutreten. Als 1700 der Türkenkrieg losbrach, hatten die Juden Ge* legenheit, sich als gleichwertige Kämpfer zu bewähren, ebenso in den bald darauf folgenden Kämpfen gegen Napoleon und i 1 den Befreiungskriegen. In einer Mililiirlistc aus dem Jahre 1855 finden wir in der österreichischen Armee zwei jüdische Majore, Simon Prisker und Ignaz Weiß, ferner 5 Rittmeister, 5 Hauptleute, darunter einen bei der Marine, M Oberleutnants, i'J Leutnants und 110 Oberärzte, Offizials usw, Aul den Schlachtfeldern Italiens, Schleswigs, Böhmens haben jüdische Soldaten!nitgefochten. Im italienischen Feldzug 1850 hat u. a. ein jü• discher Offizier Theodor Jerusalem den Rang eines Hauptmanns und den Titel eines Edlen von Salcinsfcld erhalten, weil er beim Ucbergang über den Lombro die Fahne seines Regiments gcrcltet hatte, Im Jahre 1872 finden wir 12 471 jüdische Soldaten ״ 450 30 ״ ״ 1802 ״ ״ 1 .׳ «S03 34 40 ״ ״ t ״ ״ das ist 3,0 Prozent der Gesamtmannschaft der Armee, die 1072870 Mann betrug, ln der Marine dienten 1885 unter 17360 Mann 152 Juden ״ 325 ״ 20732 ״ 1802 darunter 2 Korvettenkapitäne. Die Zahl d<־«־ Offiziere i«'!.11:■״€;:;׳ Glaubens betrug; bereits 1803 ח dt den a 11 i c 11 c n Tab eilen der Militär-Stntistir-cben Jahr;/..her von O-Gcraich-Ungarn, denen 11::;״ die Daten ü' er die Ziffer der jüdischen Soldaten eulncr.uncn sind, nicht weniger als 2170. Von je HTt) Offizieren waren 81 Juden, ihre Zahl übe;!,tdie aller mtdere» Konfessionen (gricdiiseli-kaÜKili'üi, azmani׳.;ch-!:stholl:.el1, cvnng. Augsburger wie hüwiKv.cr Ktmtensiou) mit Ausnähme natürlich der rö:,1i:e!1-k::(holl־:el1cn, der ja be« kainitlieh die;;rolle ״U!7״־,:;i)t der Oer.lerreicher angchört. Unter da! 2170 jlnli.ielien Offizieren im Jahre 1803־, deren Zahl seitdem!:och größer ist, befanden sielt damals bereif:; ein Oberstleutnant, t'l Majore, 113 Hauptleute und 131 Oberleutnants, Heute haben wir selbst In der österreichischen Generalität Juden, so den General Schweitzer. Press£ail״i»r.s.1 2s dein Aufruf des Zares 211 die Juden Die ״Vossisclte Zeitung“ schreibt: ״Der Selbstherrscher aller Reußen hat die Juden seines Reiches an das allerhöchste Wohlwollen erinnert, das er ihnen stets entgegeugcbracht habe, und hat sie vermahnt, der Dankbarkeit eingedenk zu sein, die sie dem Hause Romanow schulden. Das Wohlwollen, von dem Kaiser Nikolaus spricht, dürfte wohl zum Ausdruck gekommen sein in den von der Kaiserlichen Polizei begünstigten oder selbst organisierten Pogromen, in Maßregeln der Knechtschaft, Unterdrückung und Ausbeutung, die immer wieder bewiesen, daß die schmachvolle Institution der Sklaverei nur auf geduldigem Papier gelöscht ist, in Wahrheit aber noeli immer, und zwar in ihren grausamsten Spielarten besteht. Die Nachkommen des Wüstcnwandcrstanimcs sind stark und zäh von Gedächtnis. Das ״Wohlwollen“ des russischen Zaren hat sich ihnen zudem mit der untilgbaren Schrift von Blut und Tränen in die Seele geschrieben, cs ist also anzuuehinen, daß die l>efremdliehcn Ausdrucksformen der Allerhöchsten Gnade von den russischen Juden nicht vergessen worden sind. Die Juden werden dieses Huldbewciscs eingedenk sein, wie Nikolaus 11. befiehlt; nur vielleicht in anderer Art, als Nikolaus II. wünscht und hofft. Jeder, dem die ״echt russischen“ Männer Vater und Mutter gemordet, Frau und Schwester entehrt, Haus und Heim verwüstet, Brot gestohlen und Trank vergiftet haben, wird heute durch kaiserliebes Manifest aufgefordert, freiwillig die Waffen zu ergreifen für jene, die an ihm zu Räubern, Mördem und Schändern der Familienehre geworden.... Die europäische und außereuropäische Welt um Rußland funkelt heut im Waffenglanz. Der Kronenträger von der Newa ist genötigt, an den Gehorsam und den guten Willen seiner Untertanen zu appellieren. Vergißt Nikolaus 11״ daß er — oder die schwarzen Selireckensmiiiiner seiner und seiner Vorfahren Regierung — sich drei Feinde im eigenen Reich gezüchtet haben: den Polen, den Finnen und den Juden? Drei Feinde, furchtbar genug, solange sie stumm waren; furchtbarer• aber dereinst, wenn sic den Leidensnumd öffnen werden, um ihre Anklage hervorzustoßen und mit dem Donncrhall ihrer gerechten Entrüstung das morsche Gefüge der Barbarcnherß• lichkeit vollends zu erschüttern. Nikolaus II, . . . ist ein bedauernswerter Mann, Bedauernswert, weil er, von gewissenlosen Ratgebern eingekreist, weltfremd und hilflos genug blieb, um sieb in der Stunde der Rcichsbalrohung zu einem Ukas von so grotesker Naivität hinreißen zu lassen, wie seinem Appell an die freiwillige Waffcntiitigkeit der russischen Juden und dem Aufruf zur Dankbarkeit des Hauses Israel an das Haus Romanow, Der Moskowiter, der im Haag dem Völkerfrieden einen prunkenden Palast baut und der darauf einen Weltkrieg entfesselt, wie er ohne Beispiel In der Geschichte ist, der Selbstherrscher, der einem Teil seines Volkes das bitterste Martyrium bereitet, und der daun von jenen Augen und Lippen, die er schweigendes Entsetzen gelehrt, Dankesblickc und Jubclhymncn erheischt, dieser Mann entzieht sich einem ernsthaft wertenden Urteil. Die russischen Juden aber, die gestern gemeuchelt wurden und von denen man heute Hingebung an den Zarismus verlangt, mögen des Wahrworics alles Weltgeschehens gedenken: ״Heute Amboß, morgen Hammer!“ Das ״Berliner Tageblatt“ äußert sich zu dem .Zarenmanifest: ״Diese Proklamation dürfte so ziemlich das Aergstc sein, was inan bisher in Europa an, Leistungen ln o s k 0 w i t i s c h c r Heuchelei ver-• nominen bat. Das Elend der russischen Juden, die jahraus jahrein vor den ״Wohltaten des Hauses Romanow“ in Scharen übers Meer flüchten, schreit zum Himmel und ist in der ganzen Welt bekannt. Aber es ist nicht größer als die Schamlosigkeit, mit der diese Juden nun unter allerlei Versprechungen, die nie gchallcn werden, zum ״freiwilligen“ Militärdienst gepreßt werden sollen." Die ״Frankfurter Zeitung“ führt an leitender Stelle ihres Abendblattes vom 12. d. M. aus: , ״Die Nachricht, daß in allen Städten Rußlands Aufrufe angeschlagen werden, in denen Nikolaus II. die Juden an die Wohltaten erinnert, die sic vom Hause Romanow genossen, erscheint auf den ersten Blick so lächerlich, daß inan einen Zweifel nicht unterdrücken kann. Sie kommt aber von mehreren Seiten und in so bestimmter Form, daß man doch wohl glauben darf, das Land der ״unbeschränkten Unmöglichkciten" habe auch dieses Dokument geboren. Eine unverschämtere Lüge hat freilich auch dieser Zar noch nicht gelogen. Man weiß, daß die Juden in Rußland, seitdem die Einverleibung Polens mit seiner starken jüdischen Bevölkerung das vorher bestehende bedingungslose Verbot für jeden Nichtchristen, die ״heiligen" Bezirke Rußlands auch nur zu betreten, durchbrochen hat, als Parias leben, notwendigerweise geduldet, weil man ihre Dienste nicht entbehren kann, unterdrückt und bedrängt von der Gesetzgebung, die einen riesigen Band von Hemmungen und Schikanen für die Juden enthält, ausgebeutet von der Polizei, die in Rußland der Staat selber ist. Es ist schon in der Reichsduma offen ausgesprachen worden, daß die ganze Polizei, die vom Staate Hungergehälter bezieht, nur von den Juden lebt, die ihr die Duldung von Uebcrtretungen der sogenannten Gesetze regelrecht abkaufen müssen. Im Gouvernement Charkow haben die Juden diese Besteuerung sogar vertragsmäßig geregelt, indem Ge• selber die Lasten nach der Vermögenslage unter sich verteilen und die ganze Polizei fest besolden, bis hinauf zum Vizegauverncur, der jährlich 6000 Rubel bezieht. In andern Gegenden ist der einzelne Jude schutzlos der Willkür des einzelnen Polizisten preisgegeben. Mit diesen Opfern au Geld und Würde erkaufen sich die russischen Juden die Wohltaten des Hauses Romanow: die Existenz, in steter Furcht vor den! Büttel, der sie von Haus und Arbeit vertreiben, ihre Läden schließen, ihre Waren ״beschlagnahmen" kann, das nackte Leben, das ihnen nur auf Widerruf geschenkt wird, bis ein Gouverneur den Pöbel gegen sic hetzt. Von der letzten Revolution haben alle Völkerschaften Rußlands wenigstens eine Kleinigkeit gewonnen, nur die Lage der Juden ist seither noch schwerer geworden. Man hat den Haß, der sich gegen das herrschende System aufhäufte, künstlich gegen sie gelenkt. Man hat ihre Religion beschimpft und verdächtigt, alle Schranken, die sie behinderten, höher und fester nufgcrichtet, man wollte ihnen nicht einmal mehr die Möglichkeit lassen, durch einen Verzieht auf ihre Existenz als Volk und Glaubensgenossensebaft sich die Menschenrechte, die in Rußland enge genug umschrieben sind, zu gewinnen. Man hat in den letzten Jahren angefangen, d.c Beschränkungen auch auf die getauften Juden und deren Kinder ausz.udehncn, man hat die Popen angewiesen, den Juden die Taufe zu verweigern und die Pastoren, die zu viele Judentaufen Vornahmen, bestraft und ihres Amtes entsetzt. Man hat zu allerletzt noch den Plan erwogen, die Juden aus dem Heer auszustoßen, sic in Bataillone von Zwangsarbeiten! cinzuglicdern. Der Aufruf des Zaren wird ungchört verschallen. Die russischen Juden können höchstens ein bitteres Lächeln der Ironie dafür aufbringen. Sie kennen den Betrug, den der gekrönte Schwächling schon einmal in Peterhof verübt hat, im nämlichen Palast, wo er auch jetzt sich verborgen hält, meilenweit abgeschieden von seinen Untertanen. Am 30, Oktober 1605 entrang ihm dort Graf Witte die Versprechungen des Oktobcrutanifestes. Feierlicher hat nie ein Fürst seinem Volke Freiheit verheißen, schmählicher aber keiner sein Wort vergessen, . . , Den Grafen Witte, der ihn in der Stunde höchster Angst gesehen, entließ er in Ungnade. Die Minister, die seither dem unberechenbaren, unzuverlässigen Zaren Entschlüsse auf* dringen!mißten, wußten genau, daß alles von ihm zu erlangen war, wenn man au seinen Haß gegen die Juden appellierte, die er für die Anstifter der letzten Revolution, für die Verführer des guten russischen Volkes hielt. Jetzt hat ein Staatsmann denselben Zaren einen Hilferuf an dieses verhaßte und verfolgte Volk unterschreiben lassen, verlogene Phrasen und betrügerische Versprechungen. Es muß in Rußland bös ausschen, cs muß die blasse Furcht im Palastc von Peterhof umgehen, wenn diese tragische Ironie zur Wirklichkeit werden konnte.“ * Die ״Magdeburgische Zeitung“ schreibt: ״Die Unterdrückungen der Juden in Rußland bildeten allezeit eines der trübsten Kapitel der an Ver- Bewältigungen wahrlich nicht armen russisch-moskowitlsclien Oeschichte. Der Beilisprozeß, der letzte