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Jüdische Rundschau · 1914-08-21 · Heft 34 (21.8.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 34 (21.8.1914)
Date
1914-08-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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r I Abonnements wr“•^*־־—■r~7r ^רי־־׳״ג ץ'*'" י *״יי^ auf di« wöchentlich »m Freltaj er- ■cheinendo MJü<iische Rutidsdhau'* kosten bei der Expedition und bei allen Poitümtern vierteljährlich 1,50 M., außerhalb Deutschland• und Oesterreich-Ungarn* 2,~ M.| für Mitglieder jüdischer Vereine im Sammclbczu; durch den Verein 1,— M, JUtlUcL* Rundidiau, G. m. b. U. BERLIN W. 15, Sild.ai.che Straße 8, Telephon 1 Amt Uhland $45, 846, 868, Postscheckkonto 1 Berlin Nr. 17392. Li -f ן־,׳, L. *J ,«י—ץ— J Lj r\n ך"* ר׳ s—^ /ר L.,,) V. ל Lj «*ין וי~ ] i , -׳׳' Lj Anzeigen kosten für die sed.sge.paltene Petitseile oder deren Raum 40 Pf.} Stellen- Angebote und •Gesuche ■owie Vereins- Mitteilungen und *Kleine Anzeigen* O O O O nur 30 Pfennig. O O O O Manuskripte werden, wenn Porto beiliegt, stets zurück gesandt. Redaktionssdbluß: Mittwoch vormittags« Redaktion Jüdisch• Randachaa BERLIN W. 15, Sächsisch« Straße 8. Telephon: Amt Uhland 845, 846, 868. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. ר־׳✓ 7*״c <־ f // <~L.3 V ח cr? ר? ח ח C\ U LJ ü y! Nummer 34 <t f g~* q bi 1 y| 2! XIX. Jahrgang. Russische Spitzel und ihre Opfer Nachdem Bismarck, schwankend zwischen einem deutsch-russischen lind einem deutschösterreichischen Bündnis, für die Donaumonarchie optiert hatte, hielt es der eiserne Kanzler doch für geboten, ״darauf zu halten, daß der Weg von Berlin nach Petersburg frei bleibt“. Gewißlich war für den Vorkämpfer des Monarchismus die Ueherzeugung treibend, daß nur das Zusammenhalten der monarchischen Regierungen der Großmächte den ״internationalen revolutionären und sozialen Kämpfen, die auszufechten sein werden“, ihre Gefährlichkeit nehmen könnte. Aber er vergaß doch nie, daß die ״Möglichkeit antideutscher Velleitäten“ in Oesterreich-Ungarn nur dadurch in Schach gehalten werden könnte, wenn die Brücke, die nach Petersburg führt, von Deutschland nicht abgebrochen wird. Diese Bismarcksclic Politik hat erst in diesen Tagen einen Bruch bekommen, als der Fanati.sums der paiislawistischen Vormacht die Kriegs• fackvl über diasehwarz-wcilbroten (ireii/pfälile warf. Noch die in ihrer ehrlichen Friedensliebe ergreifenden Telegramme unseres Kaisers an den Zaren lassen deutlich erkennen, wie unendlich schwer der deutschen Diplomatie der Bruch mit den trotz aller Warnungen, trotz, der sichtbaren Anstrengungen einer Einkreisiuigspolitik hoch■ gehaltenen Bismarckschen Maximen wurde, Deutschland mußte nach dem einheitlichen Willen des Volkes und der Regierung seinem Bundesgenossen an der Donau die Treue bewahren und ihm zur Erhaltung des europäischen Gleichgcwichtes auch in allen Balkannöten als Sekundant zur Seite stehen, selbst wenn deutsche luteressen direkt nicht auf dem Spiele standen. Aber es ließ doch kein Mittel unversucht, um Ruß• land von der Aufrichtigkeit seiner Freundschaft zu überzeugen. Wie die deutsche Politik trotz der ständigen Bedrohung durch das franko• russische Bündnis cs vermied, Rußland wäh• rend seiner Kämpfe mit Japan und während der inneren Krise des Revolutionsjahres 1905 Schwierigkeiten zu bereiten, so tat die Polizei ein übriges, indem sie den Ueberwachungsdicnst über die Auslandsrussen auch in Deutschland duldete. Nicht erst seit der Enthüllung Asews wissen wir, daß bei uns zu Lande ein wohlorganisiertes russisches Spitzeltunt bestand. Besonders seit der Revolution mußte jederRusse an dcrGrenzc seines Vaterlandes zittern. Viele hatten kaum den ״heili• gen“ Boden betreten, da wurden sie verhaftet und durften erst nach oft monatelanger Haft erfahren, welche Sünden sie eigentlich begangen hatten. Sie waren sich keiner Schuld bewußt. Die in Deutschland ruhig ihren Studien und Geschäften nachgehenden Russen waren nicht das Element, aus dem die Komplotte hervorgingen. Selbst die von den Spitzeln gemachten Anstrengungen fielen auf unfruchtbaren Boden, weil Deutschland für die Vorbereitung gefährlicher Umtriebe ohnehin ein recht ungeeignetes Land ist. Die Harmlosen saßen hier, und selbst die ״Mandelstamm und Silbcrfarb“, über die sich Fürst Bülow lustig ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Sclicf(anj) einer öflentllch-rechillch gesicherten Heimstütte In 1'aKUfina." Baseler Programm. machte, reizten doch eigentlich nur zu einer spöttischen Geste. Aber sie wurden abgeschoben. Und als nach den Pogromen, in deren Blut die Revolution erstickt werden sollte, viele tausende südru.ssisehcr Juden nach Deutschland kamen, ein markiger, fester, hochstämmiger Menschenschlag Handwerker und Gewerbetreibende —, dessen Art weniger kompliziert war als die der litauischen Juden, wurde ihnen die Wohnstätte verwehrt, obwohl sie in ihrer ursprünglichen Kraft eine wirkliche Bereicherung an Wirtschaftlieh produktiven Elementen waren. Waren diese Ausweisungen mir Folge der deutschen Juden- Politik, die eine bestimmte niedrige Prozentnorm nur dulden mag, weil größere Massen die Assimitatiou verhindern? Diese Auffassung ist möglieh. Aber sie ist nicht zwingender Natur. Da diese Juden die Tendenz zu wirtschaftlicher Un־ »abhängigkeit mifbrachten, und sie nach ihrem Fleiß mul Eifer niemandem zur Last fielen, zudem nach den schweren Erlebnissen scheu und verschüchtert waren und in ihrer leicht behäbigen Art überhaupt nicht ein zur Unruhe neigendes Meiischeiimaterial darstelltcm, darf man die Ursuche dieser Ausweisungen auch in anderen Umständen suchen. ״Der Weg von Berlin nach Petersburg muß frei bleiben“. Ganz ohne Zwang darf man annehmen, daß auch diese Judenpolitik nur eines der Mittel war, die Freundlichkeit Deutschlands Rußland gegenüber zu erweisen; jedenfalls auch nur dem Verdacht die Grundläge zu nehmen, als ob Deutschland sich nun zum Asyl der russischen Freuulvölker machen wollte. Ohne seine Selbständigkeit und Würde zu verlieren, hat Deutschland doch eine gewisse Gefügigkeit gezeigt gegenüber jenem Verlangen, die hier lebenden Russen beobachten zü können. Nicht in dem Umfange wie in dem von russischer Gnade abhängigen Frankreich, aber immerhin an den Wirkungen genugsam deutlich zu erkennen, war in Deutschland ein rechtschaffener Spitzeldienst organisiert von — russischen Beamten und Provocateurs, deren Existenz gesichert war, wenn sie die Aufdeckung von recht vielen ״Komplotten“ naclvwciscn konnten. Deutschland war arglos genug zu glauben, daß dieser Ueberwachungsdicnst die einzige Aufgäbe der russischen Auslandspolizei war. Es ließ sich bereden, daß die genaue Beobachtung der ״unruhigen“ Elemente letzten Endes im Interesse des monarchischen Prinzips überhaupt lag. Erst allmählich wurden die Augen ־— wenn auch widerwillig — sehend. Man sah, daß in Deutschland die russische Spionage blühte. Sie hatte ihre kleinen Helfer, die für gutes Geld arbeiteten. Aber erst der Prozeß gegen den Sergeanten Pohl, der die Zeichnungen des Forts Boyen verkaufte, ließ keinen Zweifel, daß die Zentrale der Auskundschaftung und des Verrates im Herzen des Reiches war. Der russische Militärattache Bazaroff, dem nach seiner Stellung Vertrauen cntgcgengcbracht wurde, besorgte die schwierigen Geschälte in höchsteigener Person. Botschaft und Konsulate hatten eben ihre Mission: unter dem Vorwände, die russischen und monarchischen Interessen zu schützen, einen vielgegliederten Apparat der Spionage arbeiten zu lassen. Die Menge der Spitzel war nun erklärt: man hatte sie nicht für die Bewachung nötig. Sie waren die Spione. Deutschland ist groß und offenherzig, da gab es viel zu spionieren. Man brauchte viele Spitzel. Der jähe Ausbruch des Krieges, den , die russische Regierung mit ihrer Spionage sorgsam vorbereitet hatte, entflammte die Leidenschaft und riß selbst des Schwerfälligen Wut auf gegen die Russen. Warum kommen so viele Russen nach Deutschland? fragte jetzt der Aufgeklärte. ״Um zu spionieren.“ Und der Grimm des Volkes griff die ״Russen“ an. Die Spitzelspione waren sicher längst in gutem Verwahrsam. Sie werden den Petersburger Wink beizeiten bekommen haben und waren über die Grenze gegangen. Aber wen griff die Volkswut an? - - Die russ 1 * sehen Juden! Lös war die ganze Tragödie des jüdischen Stammes. Sie, die nach Deutschland kommen, um sich hier von — Rußland zu erholen, sie, die wenigstens für einige Wochen sich als freie Menschen fühlen und die Almo* sphiirc der Kultur atmen wollen, sie, die ihr Vertrauen zu deutscher Wissenschaft und deutscher Rechtlichkeit herführt —: waren nun die Opfer. Die Märtyrer des Zarismus waren zu seinen Vertretern avanciert! Die immer die moskowilische Knute auf ihren Rücken fühlten, die keine helle Stunde hatten, die von der Pogromangst gepeinigt wurden, mußten leiden als — Panslawisten. Das Freiwild der ״echtrussischen Leute“, die Gehetzten der ״schwarzen Hundert“ sollten für die blutlüsterne Horde einstehen. s Es ist das Verdienst der deutschen Behörden, daß schlimmeres verhütet wurde und daß die wallonischen und französischen Grausamkeiten sich hier nicht einnisten durften. Deutschland hat schnell gelernt, wo seine Feinde sitzen. Meteorhaft ging ihm ein Licht auf: Die ״Notwendigkeit“, russische Juden durch russische Spitzel zu bewachen, war ein kosackischer Schwindel. Der Unterschied in der Behandlung, den jetzt ״echte“ Russen und russische Juden hier erfahren, ist die Erkenntnis der wahren Sachlage. Was Rußland nun im großen entfacht hat, ist nichts anderes als seine Politik im.Innern. Der Krieg ist ihm nur ein vergrößerter Pogrom gegen die europäische Gesittung. Wie Mordbrenncr kamen sie ins Land. Aber sie werden sich wundern: Die deutsche ״Sclbstwehr“ werden sie nicht niederknuten. Sie werden einen Denkzcttel erhalten, der ihnen die Pogromlust auch gegen die Ohnmächtigen im eigenen Lande nehmen wird. Und wenn sich unsere zionistische Jugend freudig zu den deutschen Fahnen gemeldet, um Deutschlands Freiheit und Ehre vor den Helden des Verbrechertums zu schützen, so brennt in ihren Herzen noch ein besonderer Grimm: Rache für Kischinewi

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