Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1914)
- Date
- 1914-08-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 346 Nr. 33 sich aus solchen jüdischen Schülern rekrutierten, I die besonders gute Zeugnisse initbi achten oder besonders angesehene Vater besaiten. Neuerdings hat man den Modus eiugeführt, daß der betreffende Prozentsatz von jüdischen Schülern einfach in Gegenwart von Rektor und Senat ausgelost wird. Damit ist das Studium für die Juden glücklich zu einer Art Lottcriespicl geworden. Wer eine Niete zieht, mag er auch der Tüchtigste und Würdigste sein, ist ausgeschlossen von der Universität. Wer einen Treffer zieht, darf hinein. Der Ausgeschlossene hat dann nur noch eine Aussicht, wenn sein Vater ein wohlhabender Mann ist. Jeder russische Minister hat nämlich das Recht, auf jeder russischen Universität einen jüdischen Studenten immatrikulieren zu lassen. Ein Vater, der es sich etwas kosten lassen kann, setzt sich also mit dem Privatsekretär eines Ministers in Verbindung, und der Privatsekretär verschafft dann dem Jungen, dessen Vater ihn am besten spickt, die Stelle. Der Preis variiert zwischen 1500 und 2000 Rbl. Noch grotesker aber wirkte die kaiserliche Verordnung vom 5. Dezember 188() in den Staatliehen und den privaten, aber privilegierten Mittelschulen, die ja auch nur den betreffenden Prozentsatz aufnehmen dürfen. Da bezahlen z. B. die christlichen Väter von drei, vier christlichen Schülern in einer Klasse einer staatlichen Mittelschule irgendwo im Ansiedlungsrayon trotz wiederholter Malmungen das Schulgeld nicht. Dann erscheint aber eines Tages der Klassenlehrer mit bekümmerter Amtsmiene und verkündet, daß die und die Christliehen Schüler, weil sie das Schulgeld nicht bezahlt haben, relegiert werden, und daß infolgedessen auch gemäß der Norm von 10 «/u ein jüdischer Schüler aus der Schule entlassen werden müsse.' Was macht nun der Vater des jüdisehen Schülers? Wenn er irgend kann, zahlt er den christlichen Vätern das Schulgeld, damit sein Sohn auf der Schule bleiben kann. Wo anders nennt man derlei Erpressung. In Rußland gehört es zu den Selbstverständlichkeiten. In russischen Zeitungen im Ansiedlungsrayou habe ich häufiger im vorigen Sommer Anzeigen folgenden Inhalts gelesen; ״Es können in •unserer Schule noch zwanzig christliche Schüler Aufnahme finden, Die privilegierte Mittelschule X. in Y.“ Das heißt anders ausgedrückt: ״Wohlhabende jüdische Eltern werden darauf aufmerksam gemacht, daß in der Mittelschule X. in Y. noch zwei Stellen für jiidische Schüler zu vergeben sind, wenn die jüdisehen Väter bereit sind, zugleich das Schulgeld für zwanzig christliche Schüler zu bezahlen.“ # * Es ist sehr begreiflich, wenn man fragt: warum sind bei der Behandlung, welche den Juden in Rußland zuteil wird, nicht längst alle, die es irgend möglich machen können, ausgewandert? Man denkt dabei natürlich nicht an die Paupers und an alle die, welche unter keinen Umständen die Mittel zur Auswanderung aufbringen können. Aber es gibt doch immer noch viele Tausende von russischen Juden, welche diese Mittel besitzen und trotzdem in Rußland bleiben. Wie ist das zu erklären? Zu einem Teil sehr einfach damit, daß der größte Teil dieser Menschen sich in mittleren Jahren befindet; und wie schwer es für einen Menschen zwischen dreißig und vierzig ist, in einem fremden Lande mit fremden Sitten und Lebensbedingungen einfach wieder von vorn anfangen, das wird jedem ohne weiteres klar, der sich in solche Lage zu versetzen sucht. Aber der russische Jude, so lange ihm noch einige Rubel geblieben sind, hat außerdem noch seine besonderen, echt russischen Gründe, auszuhalten, so lange es irgend geht. Die Judengesetzgebung drückt nämlich mit ihrer gaumt Last Tag für Tag nur auf die ärmsten Schichten der jüdischen Bevölkerung, Dem Juden, der noch einige Rubelehen sein eigen nennt, erleichtert die Polizei unter Um- Ständen höchst eigenhändig die Last. . Man kann von einem gewöhnlichen Polizisten, Gendarmen oder Reviervorsteher unmög- JULDir U;: DSC U A U _ lieh verlangen, daß er die ganze Judengesetzgebung samt den 2»0ü ״Eriuuterungcii“ im Kopfe hat. Drückt man also dem Manu die nötigen Rubelchen in die I iaml, so vergißt er die ganze Gesetzgebung und läßt den Juden gewähren, auch wenn er gar nicht ״privilegiert“ ist. Nur wenn der Polizeibeamte die Rubelchen verbraucht hat oder sonst in der Klemme sitzt, brütet er plötzlich über den Gesetzen und Erläutcrungcn, zitiert den Juden und teilt ihm mit, daß Paragraph soundso der Gesetze und die Staatserläutcrungcn vom soundsovielten ihn leider zwingen .... Aber weiter kommt er meist nicht, denn schon gleiten wieder Rubelchen in seine biedere Rechte, und flugs sind alle Paragraphen vergessen .... bis zum nächstenmal. So ist die Judengesetzgebimg für die russisclie Polizei eine ganz famose Einnahmequelle geworden. Ein leiser Druck auf diesen oder jenen Paragraphen, ein leiser Wink mit dieser oder jener ״Erläuterung“, und die Rubelchen fließen. Außerhalb Rußlands würde man das Erpressung nennen. Für Rußland wäre das ein falscher Ausdruck. Der russische Beamte ist in seinem Bezirk auch heute noch ein kleiner oder großer, echt orientalischer Satrap. Der orientalische Satrap bezahlt seinem Fürsten eine Summe für sein Amt und geht ׳ darauf aus, zunächst diese Summe und dann noch möglichst viel außerdem aus seinem Amt herauszuschlagcn. Es ist ein Geschäft. Nichts weiter. Das Gros der russischen Beamten lebt noch völlig in dieser orientalischen Vorstellung, und jedes Jahr sorgen einige Skandalprozesse dafür, daß auch der Nichtrusse erfährt, wie diese asiatische Vorstellung vom Amt auch in hohen und höchsten russischen Kreisen immer noch unausrottbar festsitzt. Der einzige Unterschied zwischen dem orientalischen Satrapen und dem russischen Beamten bestellt darin, daß der russisclie Beamte sein Amt nicht mehr kauft, sondem gegen eine gewisse Vorbildung und Uniform geliefert erhält. Das ist sozusagen das einzige Nichtrussische an der Institution. Aber auch die russische Regierung rechnet mit der orientalischen Satrapauffassung bei ihren Beamten, denn sie bezahlt sic so miserabel, daß ein Beamter ohne Satrapenwirtschaft verhungern könnte. Das demoralisiert die Beamtenschaft natürlich und ist viel schlimmer als eine klare Satrapenwirtschaft ohne Beamtcnrock; aber cs ist nun einmal so, und man muß sich dessen bewußt sein, will man gerecht urteilen. IX-in Niclitrusscn kommt das grotesk, barbarisch, verbrecherisch vor. Dem Russen, soweit er noch einigermaßen Asiat ist, ist das natürlich. Und in diesem Zustand befinden sich jedenfalls die breiten Schichten der russischen Bevölkerung und der russischen Beamtenschaft auch heute noch. Wenn wir von russischer Beamtenkorruption hören, die ja oft ganz ungeheuere Dimensionen annimint, und dann gern bereit sind, womöglich das nahe bevorstehende Ende Rußlands zu prophezeien, so bedenken wir eben nicht, daß solche Leute sich einfach als Satrapen fühlen, aber nicht als Beamte in unserem Sinne, und daß die Bcamtemuiiform nur dazu da ist, um ihre Satrapengelüste zu schützen, denn der Uniform wegen deckt gegebenenfalls die ganze Burcaukratie einen solchen Satrapen. Und darin liegt das schlimmste Uebcl, das es in rein orientalischen Staaten gleicherweise nicht gibt. Es bedeutet den moralischen Zusammenbruch des Staates, wenn auch nicht unter allen Umständen den physischen oder politischen. Das würde es nur in Europa bedeuten. Aber nicht in Rußland. ihren Beamtcnrock schützt die ganze russisclie Bureatikraiie. Das ist der Unterschied. Gerade die Judengesetzgebimg nun weckt mich im gewöhnlichen Polizisten alle Satrapengelüste. Er schindet auch Hauern mul Arbeiter, wenn er sich einen Vorteil davon verspricht. Aber niemanden schindet er so ׳wie den Juden, denn ihm gegenüber ist das unter allen Umstän* den am vorieilhmiestcn. Dafür haben Regierung und Senat durch Gesetze und ״Erläuterungen“ mehr als ausreichend ■gesorgt. Nur eine Ausnahme gibt es: der reiche Jude. Er bietet sowieso eine sichere und gute Einualimequellc und hat daher das angenehmste Leben, denn sogar die Polizei zeigt ihm das andere Gesicht, das liebenswürdige, das sie gegen bar immer bereit hat. Auch der Ausländer mit gespicktem Geldbeutel lernt nur das Gesicht kennen, falls er sich nicht irgendwie politisch verdächtig macht. Nirgends kann die Polizei liebenswürdiger sein als in Rußland. Nirgends läßt es sich daher angenehmer leben und reisen, — wenn man das nötige Kleingeld immer zur Hand hat. Die meisten Ausländer haben sich das etwas anders vorgestellt und schimpfen daher in Rußland, wie daheim, mit Vorliebe auf die verlogenen Zeitungsschreiber. Sie sollten aber nur einmal den gespickten Geldbeutel da heim lassen oder irgendwelche politischen Bcnierkungen vor diskreten Ohren machen, dann würde ihnen bat. Hören und Sehen vergehen, denn dann ist es י ׳fort aus mit jedem Behagen und mit jeder U ' aenswiirdigkeit. Der reiche russische Jude fühlt sich in Rußland nicht selte, sogar wohlcr als außerhalb Rußlands, denn tr z der Judengesetzgebung und trotz der Pogrome, iie das Gegenteil zu beweisen scheinen, 111110 וי דו sagen, daß cs in Rußland außerhalb der Ht geseliscliaft, wozu auch eine Anzahl hoher geistlicher Würdenträge zu rechnen sind, und außerhalb der Polizei keinen irgendwie sichtbaren Antisemitismus gibt. Auch das gehört zu den russischen Paradoxien, die einer Erläuterung bedürfen.“ Galizische Juden in Berlin auf der Flucht aus Belgien Am Sonnabend 1 ..uclifc ich am Potsdamer Halmhof die aus Antwerpen ntisgcwicscncn galizischcn Juden, die zwei Tage vorher Antwerpen verlassen mußten, ohne daß sie auch nur einen Teil ihrer Habe hätten mitnehmen können. Ein trauriger Anblick! Alte Männer die nicht zum ersten Male eine solche Vertreibung a rs dem Vatcrlande crlebtea, junge Leute, die man vom friedlichen Erwerb gejagt batte, verhärmte Frauen und Kinder, die einzigen, denen die Soldaten, die Polizisten, das neugierige Publikum Spaß machten. Alle rühmten die Aufnahme, die sie in Berlin gefunden hatten, die rücksichtsvolle Behandlung durch di! Polizei, die ihnen die Erlaubnis gewährt hatte, ilm, .raurige Fahrt für den Sabbatli zu unterbrechen und die Sorgfalt, die die Jüdische Gemeinde ihnen angedeihen ließ, indem sie für ihre Unterkunft und Verpflegung sorgte und durch ihre Beamten und Vorstandsmitglieder in liebevollster Weise sich der armen Leute annahm. R. Nachrichten Wir fordern unsere Freunde auf, uns genaue Mitteilungen darüber zu machen, welche Gesinnungsgenossen eingezogen worden sind und welche sich freiwillig gemeldet haben. Zionistischer Jugendverein Berlin. Die Sitzungen fallen aus. Der Vorstand hat einstimmig beschlossen, alle männlichen Mitglieder, soweit sic über siebzehn Jahre alt sind, aufzufordern, sich freiwillig zu stellen. Ein großer Teil der Mitglieder ist bereits zu den Fahnen cingezogcn. Auch die zurückbleibendcn weiblichen Mitglieder werden gebeten, sich an allen vaterländischen Organisationen zu beteiligen, insbesonders auch im Interesse der zurückgebliebenen Familien tätig zu sein. Krlegshüfe der jüdischen Jugendvereine in Hamburg Am Mittwoch abend versammelten sich in der großen Turnhalle des Eimsbüttelcr Turnvcrbandcs au der Schlankreyc die Mitglieder der hiesigen jüdischen Jugendvcrcine, um über ihre Teilnahme an der Hille für das Vaterland zu beraten. Vertreten waren die nachstehenden Vereine: Jüdischer Jugendbund Hambürg, Jüdischer Wanderbund Blau-Weiß Hamburg, Jüdischer Turnverein Bar Kochba Hamburg, Jti* dischc Turnersehaft von 1902, Jugcndgruppe des Israelitischen I lumnnitlircu Fraueuvereitts u. hn ganzen etwa 300 bis 400 Personen, Den Vorsitz führte Herr Dr. Auerbach, in einer kurzen Anspräche betonte .er u. a.: Die wichtigste Frage sei die Einbringung der Ernte. Kein Korn und kein Hahn dürfe verloren gehen, damit Deutschland während der schweren Zeit aus eigener Kraft sich erhalten könne. Ebenso wichtig sei der Transport und die Pflege der