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Jüdische Rundschau · 1914-07-31 · Heft 31 (31.7.1914) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 31 (31.7.1914)
Date
1914-07-31
Page
– (sequence 12)
Language
German
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tm Saite 60 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. •01 selbst und in der Literatur, Formen, für welche wir uns begeistern können, weil sie sich täglich fortcntwickcln. Es kann kein Zweifel sein, daß sie uns auch bald ge* sellige Umgangsfonuen, beispielsweise bei der Feier unserer nationalen Feste, bringen wird, selbstverständlich unter Einwirkung Palästinas. Ich kann mir vorstellen, da 11 siel! z. B. um die Peßachzeit auch hei uns Heit-, Sport- und Turnspiele in hebräischer Form und mit hebräischen Kommandos einbürgern, Spiele, welche viel* leicht auf die alten historischen Grundlagen dieses Festes sich beziehen, daß Lieder aller Artbei uns gesungen werden, hebräische Wiegenlieder, Kinderlieder, Kornmerslieder, Volkslieder, dal! vielleicht sogar palästinen* sische kundtüuze bei uns Anklang finden. Wenn also unser Zionist sich in der hcbräischenSprache und Literatur ausleben könnte, wenn er sich in mächtiger und an* haltender Begeisterung die hebräische Sprache erobern könnte, die ihm alle alten und sich neu entwickelnden Formen erschlicht, ihm unsere nationalen Dichter er* stehen lallt, da könnte er sich, ein entsprechendes Milieu Gleichgesinnter vorausgesetzt, in Formen und Werten bewegen, die wirklich nationalen Wert haben und die ihm auch eine ständige Entwicklung garantieren. Selbstverständlich kann er nur so an der- Eutwickluug Palästinas teilnehnien, wohin ihn die Liebe zur Sprache mehr als einmal in seinem Leben führen wird. Es inuII nichts Bedrückeudcrcs für unsere Turnfahrer in Palästina gegeben haben als das ewige Scltweigeninüssen, nichts Beschämenderes als die Bestürzung von Tel Awiw bei ihrem Einzuge mit dem deutschen Lied: ״Wohlan, lallt das Sinnen und Sorgen“. - - Ehe ich zu den letzten Schlußfolgerungen und meinen positiven Vorschlägen übergehe, will Ich erst noch einen ganz kurzen Blick auf die Entwicklung des deutschen Zionismus in seiner Gesamtheit werfen. Es ist klar, daß der Herzische Zionis* mus die hebräische Sprache nichtbrauchtc. Herzls Zionismus fing ja mit dem Judenstaat an. Das Land sollten wir sofort haben und cs war nur nötig, die Leute mit ״zionistischer Beweisführung“, welche ihnen dir äußeres und inneres judenleid vor Augen führte, zu bewegen, hinüber zu gehen. Dazu reichte diese Agi* tation schließlich aus und das Hauptagitationsmittel sollte ja der Charter sein, den Herzl so bald zu bekommen hoffte. im Stande sei, das zionistische Ideal u5״ zu erhalten. Und den Beweis, daß nur der Zionismus des Osten* imstande sei, das Ideal nicht verblassen zu lassen umll neue Queller! der Begeisterung zu erschließen, den haben die Juden des Ostens in der Zeit seit dem 7. Kongrclll erbracht. Die Kongresse sind mittlerweile zu hcbräisehci geworden, alle Errungenschaften in Palästina, seien esi kolonisatorische, seien es kulturelle, rühren von einigen westlichen Pionieren vielleicht abgesehen - von den Juden des Ostens her. Und daß wir trotz der Zunahme der Sehekelzahler, die auch zum Teil der Palästiuaarbeit des Ostens zuzuschreiben ist, in Deutschland stagnieren, wer hätte dieses Gefühl nicht? Ja, man hat schon versucht, sich auch in Deutsch* land zu entwickeln. Abgesehen von dem Ausbau du Organisation, denke ich besonders an die Entwicklung des B. J.C. und der Jüdischen Turnerschaft. Das ist. um ein beliebtes Wort von Emil Colin zu gebrauchen, die Erziehung zur Naivität: Unkompli/.iertlicit im Denken und Haiulcln, Kameradschaftlichkeit, körperliche Ucbungen, Kudern, Wandern, Singen, Turnen, das soll uns frisch und froh fürs Judentum erziehen. Man wird mir als altem Ruderer und begeistertem Turner mangelndes Verständnis für solche Dinge nicht vorwerfen können, aber man darf die Inkongruenz solcher Mittel mit unseren Zwecken nicht übersehen. Natürlich sind sie nicht im- Stande, dem nach Ganzheit und echtem Judentum Sticbenden irgend etwas Jüdisches zu geben. Natürlich sind sie 11 i c 111 imstande, uns die Massen zu gewinnen, welche ja, unserer sportlich interessierten Zeit gemäß, dieselben Dinge auch außerhalb unserer Ideale übt. Mit uuspezi• fischen Mitteln kann man eben nicht Spezifisches schaffen. Vergleichen wir unsere blassen, unspezifischen Formen mit den religionsgcsetzlichen Formen der Pharisäer und wir werden uns unserer Kurzsichtigkeit schämen. Was soll also mit dem deutschen Zionismus werden ■׳ Ein Zweifel ist gar nicht möglich. Wir müssen den Anschluß an das hebräische Judentum des Ostens und Palästinas gewinnen, wenn wir nicht ein wertloses Anhängsei im Zionismus bleiben wollen! Man tut sich bei uns noch immer auf das Organisationstalent unserer westlichen Juden, auf die straffe Erziehung und Disziplin viel zugute, die wir hier bei den Preußen ge*!rossen haben. Gewiß, cs hat dies der zionistischen Bewegung, die ja auch vor Herz! schon existiert hat, seit In der Zeit des 6. und 7. Kongresses trat der große Umschwung ein. Die Uebcrsicdlung in unser neues Land schien den meisten von uns nur als Resultat jahrzehntelanger Arbeit erreichbar. Wo waren die Pharisäer, welche uns nach diesem ״dritten Chur*’ bau“, von dem Schcmarjaliu Levin auf dem 6. Kon* gresse sprach, die Sehnsucht nach Zion in eisernen Für* men zu erhalten wußten? Es waren zwar keine Pharisäer, aber ein junges Geschlecht im Osten war da, das die alten Formen neu belebte, das in seiner Kindheit noch die hebräische Sprache fast als Muttersprache gelernt hatte. Und dieses Geschlecht übernahm alle positiven Elemente des Herzischen politischen Zionismus und fühlte .sich berufen, die Leitung weiter zu führen. Der ganze Kampf zwischen Ost und West seit dem 6. Kon* greß dreht sich wohl mir zum geringsten Teil um unsere Schlagworte: politischer und praktischer Zionismus, so n* dern in der Hauptsache um die Frage der Berufenheit, um die Schicksalsfrage, wer Fierzl eine charakteristische Richtung gegeben und sic in neue Bahnen gelenkt. Aber heute haben das die Russen schon sehr hübsch gelernt und könnten das eben■ sogut machen wie wir, wären nicht so viele äußere Hindernisse da. (Man denke übrigens an die Statuten der Bne Mosche, welche vor einiger Zeit in der ״Welt“ veröffentlicht wurden.) Daß das Gefühl für die Dis* ziplin dort wohl vorhanden ist, können wir schon glauben. Wir müssen unseren Nationalismus mit der hebräischen Sprach e beginnen, und das erste Ziel ist es, die hebräische Sprache unter alle be* geisterten Zionisten, vor allem natürlich die Akademiker, zu tragen, bis sic zur Umgangssprache unter ihnen wird. Es darf ferner kein Kind zionistischer Eltern geben, welches nicht einen gründlichen hebräischen Sprach* unterricht bekommt. Es muß eine übermächtige und anhaltende Begeisterung alle durchdrungenen Zionisten erfassen, sich das Wertvollste, was ihnen in dem unge־ heuren Entnationalisierungsprozesse entrissen wurde, wie*

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