Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Im Gegenteil, die meisten, welche damals anfingen zu lernen, sind zu dem Schluß gekommen, daß das Erlernen der Sprache doch gar zu schwer für uns assimilierte Westjuden sei, daß sich die Sprache nie werde bei uns eiiibiirgcrn können, ja mau hörte hier und da sogar die Ansicht, durch die Festlegung auf den Hcbraisnius erweitere man nur die Kluft zwischen uns und• den Niclitzionisten, welche dann gar nicht mehr den Weg zu uns finden würden. — Ich möchte nun versuchen, den Nachweis zu führen, daß die hebräische Sprachbewegung gerade für uns West* juden, die wir zum größten Teil durch unsere Erzic* hung so wenig positives Judentum besitzen, von eminenter Bedeutung ist, daß aber auch die ganze Entwicklung des deutschen Zionismus und die Propaganda für unser Nationaljudentum und für Palästina von dem Willen, wenn auch nur unserer Besten, abhängig ist, hebraisch zu lernen. Das Traurigste, was wir Zionisten bei unserer ganzen Arbeit empfinden, ist, daß wir die Dinge, welche bei jedem unter normalen Verhältnissen lebenden Volke die einfachsten sind und außerhalb jeder Diskussion stehen, für uns immer erst ״beweisen“ müssen und daß aus diesem Beweis eine Begeisterung entspringen soll, die fast übermenschliche Schwierigkeiten zu überwinden hat. Aber was hilft es? - Für uns, die wir im Anfang unserer Bewegung stehen und die wir alle auf diesem Wege Zionisten geworden sind, gibt es kein anderes Mittel; später, wenn wir erst einmal die Basis zu neuen Werten auch im Galuth gelegt haben, werden wir diese Beweise hoffentlich nicht mehr nötig haben. Doch gehen wir gleich in medias res. Nehmen wir die Entwicklung jedes Einzelnen von uns. Hätten wir noch den• alten Herzischen Zionismus, der uns das Land, den Boden, auf dem wir gesunden sollten, in allernächster Zeit versprach, so wäre, ohne Frage, das nächste Ziel der Entwicklung jedes auf rieh* bfen> jedenfalls aller besten Zionisten gewesen, sofort in dieses Land überzusiedeln. Nachdem aber jetzt nur wenige Glückliche in der Lage sind, sich schon in allernächster Zeit in Palästina niederzulassen, müssen wir sehen, wie wir uns unsere Zionsliebe auch außerhalb unseres Landes bewahren. Die beste Methode dazu gibt uns ־zweifeilos unsere tausendjährige Oaluthgcseliichte an die llarnl. Hat doch unser Volk während des ganzen üalutli in erster Linie mit ungeheurem Kraftaufwand daran gearbeitet, diese alte Sehnsucht nach unserem Lande und nach normalem Volksleben sieh zu erhalten. Was ist aber das Charakteristische dieser Methode? — Doch wohl das, daß sie das ganze Leben jedes Ein- /.einen in spezifische Formen einzwängte und mit ungeheurem Kraftaufwand arbeitete. Kein Bissen wurde in den Mund gesteckt, der nicht seine religiös-nationale Weihe und Würze bekommen hatte, kein Schluck Wein getrunken, dem das jüdische Bouquet gefehlt hätte. Das Hineingchen in das Haus und das Herausgehen, das Schlafengehen und das Aufstehen, das Händewaschen, jede noch so nebensächliche Handlung geschieht unter bestimm,1ten Formen und Formeln, selbstverständlich hebräisehen Formen, denn daß es nirgends eine nationale Form ohne nationale Sprache gibt, braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden. Das ganze Leben des Kindes und des Jünglings diente lediglich der Aufnahme dieser nationalen Werte, Werte, welche die Strenge des religiösen Gesetzes zu dem Heiligsten, was es in der Welt gab, gestempelt hatte. Ein derartiges Einspannen der ganzen Lebensverhältnisso in diese spezifischen Formen, eine derartige Konzentration aller Geistes- und Forschungsrichtung nach dieser national-religiösen Seite hin steht einzig in der Menschheitsgeschichte. Und doch will es so vielen noch ein Wunder erscheinen, daß sich dieses Volk Jahrtausende lang erhalten hat! Nun zur Entwicklung unseres Zionisten. Wie fängt er cs an, sich sein auf Herzlschem Wege der Erkenntnis erworbenes Zionsideal zu erhalten? Es muß doch der Zeitpunkt kommen, wo er, von Theorien, die ihm nichts Neues mehr sagen können, übersättigt, sich nach lebendigeh Formen sehnt, in welche er sein Leben einkleidet. Man hört wohl hie und da von zionistischen Formen reden. Allein Zionismus ist nur Wille zum Judentum. Jede jüdische Form aber beginnt mit der hebräischen Sprache. Und nur diese eröffnet uns, vorläufig hauptsächlich in den Sprachformen