Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 31 Seile 3? Sabbathheiligung? Die merkwürdigsten Blüten am Baume des jiidischeii Lebens bleiben doch die, die der liberale A>l treibt. Man hat eben erst die originellen Vor- 5<‘hlajje von Herrn Justizrat Makower über das Chau.ikahfest mit Cliristbaum zu vergessen begonnen, da bringt das ״Liberale Judentum“ ein ebenso anzullendes Projekt, diesmal sogar von einem Rabbiner, Dr. Gelles in Li'ssa, für die Organisierung dessen, >״as er ״Sabbath-Heiligung“ nennt. (Es sei festgestellt, daß weder die Vereinigung für das liberale Muicntuin noch die Redaktion ihrer Zeitschrift die V' rantwortung für jeden Vorsch'ag übertieluuen, dem su zum Licht der Oeffentlichkeit verhelfen.) Herr Dr. Gelles geht von dem Bedauern über den Rückgang des Sabbath-Gottesdienstcs aus, der sieh a. ch durch die Roform nicht aufhalten ließ, Sein t.estiindnis ist ganz interessant: ״Man hat früher g׳ glaubt, daß mit dem Einzug der Orgel, mit der Modernisierung des Gottesdienstes das Interesse;111 ihm wachsen und die Synagogen Iris auf den letzten!'ialz besetzt sein werden, Und in der Tat: in all den Gemeinden, die sich mit der Einführung der Orgel zu einem Fortschritt des Gottesdienstes bekannt haben, konnte das Auge sich an den ersten drei bis sechs Sonnabenden an der großen Schar der Beter erfreuen, um hinterher mit um so größerem Schmerz festzustellen, daß das psychologische Gesetz ״die Gewohnheit stumpft den Reiz ab“, auch in der Synagoge die Neugier besiegt habe. Heute steht in den Klein- und Mittelstädten der Sabbathgottcsdienst vor dem Bankerott.“ Um nun ״vom Sabbath zu retten, was zu retten ist", macht Herr Dr. Gelles folgenden ausgezeichneten Vorschlag. ״Grundsätzlich nehmen wir weiter den alten Standpunkt,ein und verlangen, daß der Sabbath vollkommen in der vorgeschriebenen Weise zu feiern und zu heiligen ist, wo cs sieh nur ermöglichen läßt. In der Praxis stoßen wir Niemanden in häßlicher Unduldsamkeit von uns, der das Gebot nicht in der gewünschten Form erfüllt, aber auch von ihm verlangen wir — und so komme ich zum Kern meines Vorschlages —, daß er während der Zeit des Gottesdienstes feiert. Da die Großgemeinden infolge ihrer großen Scclenzahl meistens einen — zwar nicht relativ, solldern nur absolut — starken Synagogenbesuch haben, kommt für diese die hier behandelte Frage nicht in Betracht; will sie doch nicht dem Sabbath eine neue Gestalt geben, solidem nur den Besuch des Gottesdienstes fördern und heben. Aber in den Klein- und Mittelgemcinden läßt sich mein Vorschlag ohne irgendwelche Schwierigkeiten anwenden. Wenn in den Kleingemeinden, die doch fast immer in Klein- Städten sind, am Sonnabend vormittag von 8 1-.10 Uhr gebetet wird, und in dieser Zeit alle Geschäfte geschlossen sind, wird der Gottesdienst regelmäßig stattfinden können, ohne der Befürchtung preisgcgehen zu sein, er müsse uusfallcn, weil mir nenn Männer sich eingefunden haben. Die Andersgläubigen werden sich nicht darüber wundern, wenn die jü- «tischen Geschäfte für Dy׳ Stunden geschlossen bleih׳ n; sie werden sich daran gewöhnen mul sicherlich Achtung davor empfinden. Weit schwieriger gestaltet sich die Anwendung meines Vorschlages auf Mittelgemcinden. Hier wird man es kaum erreichen können, daß die Geschäfte 01111 ׳ nur für D/2 Stunden schließen. Und wie läßt sieh trotzdem der Besuch des Gottesdienstes lieh.11׳? Mm teile die Gemeiiulcmitglieder in vier Abteiluiigen und mache es jeder zur Ehrenpflicht, wenigstens ein einziges Mal im Monat den Sabbathgottcsdienst zu besuchen. So wird außer den regelmäßigen Besuchern eine beträchtliche Anzahl anderer Gein indemitgliedcr die Synagoge fidlen und erst hierdurch dem Gottesdienst den würdigen Rahmen geben. So viel Zeit kann jeder noch erübrigen, um einmal in vier Wochen den Schritt zur Gottesstätte zu lenken, 1md freudig wird cs auch jeder tun in dem Bewußtsein, durch seinen Besuch zur Verschönerung des Gottesdivnstes beizutragen. Um nicht. den Gottesdienst cingchen zu lassen, wird jeder sich selbst verpflichten, «11 seinem Sabbath die Synagoge aufzustiche». Sache des Gcmeindevorstandcs wird es sein, die Gruppierung vorzunehmen und Donnerstag und Freitag; durch deii Gemeindediener diejenigen Herren zu erinnern, auf deren Besuch man am Sabbath rechnet. Man wird diesen Vorschlägen eine gewisse I n - konsequenz zum Vorwurf machen wollen durch dm Unterschiedlichkeit der Sabbatlihciligimg in den Groß-, Mittel- und Kleingemeinden. Aber cs gehört zuweilen eine große Portion Inkonsequenz dazu, nur konsequent zu sein. Wer sich von dem Gedanken leiten läßt, den Sabbathgottesdicnst unter allen Uniständen zu retten, der rettet ihn in jeder ihm amielimbaren Form, ob sie nun in der Kleinstadt so, in der Mittelstadt anders und in der Großstadt ganz entßegengesetzt aussieht. Ihm geht das Ziel über alles! Und so soll auch dieser Vorschlag nicht die Kluft zwischen Liberalismus und Orthodoxie vertiefen, son- J U LJ tJ>,. ׳ C jC!».»U dem im Gegenteil üherhriieken; er soll alle, die es mit dem Judentum und Keiner Religion ernst meinen, aufrufen, niitznnrhcitcn an dem grollen Rettungswerk unserer heiligsten Güter aus der Bedrängnis unserer Tage.“ Fs erübrigt sich eigentlich, diese Ausführungen zu kommentieren. Herr Dr. Gelles glaubt hoffen zu dürfen, die Andersgläubigen würden sieh daran gewohnen, daß die jüdischen Geschälte für 1 י _■ Stunden geschlossen bleiben: die Andersgläubigen, Herr Dr. Gelles, haben das nicht nötig׳■, sind au manchen Orten gewöhnt, daß jüdische Geschäfte den ganzen Sabbath über geschlos-cn sind, und wundem sich nicht ein bißchen darüber. Außerdem ist es nicht der wichtigste Gesichtspunkt für religiöse Entscheidüngen, oh sieh die Andersgläubigen darüber nicht wundern werden. Herr Dr, (}dies zeigt sehr wenig psychologische Einsicht, wem! er die Uehcrzetigtmg mi׳.spricht, einmal in vier Wochen werde jeder freudig den Schritt zur GutUhstätti.׳ lenken. Hat man ihm erst klargemacht, daß er dreimal hliitereinnmler den Sabbath entweihen darf, so wird er für die Heiligkeit des vierten Sonnabends nicht mehr viel Verständnis haben. Herr Dr. Gelles scheint mir wenig Sinn für die Wirklichkeit, für die von ihm so hochgchaltcncn ״realen Dinge“ zu haben, wenn er meint, derartige Vorsehliige würden die Kluft zwischen Liberalismus und Orthodoxie nicht vertiefen. Inkonsequent ist er sicher nicht, icli möchte ihm sagen: es gehört eine große Portion Konsequenz, Konsequenz in der Zerstörung des Judentums, dazu, um so inkonsequent zu sein. Derartigen Vorschlägen aber große Worte anzuhängen von Ernst mit dem Judentum und seiner Religion, Aufruf zu dem großen Rettungswerk unserer heiligsten Güter aus der Bedrängnis unserer Tage: das heißt mit dem Heiligen Spott treiben und, statt in Ehrfurcht die eigene Kleinheit vor der Größe der Alten cinziigcstehen, mit der tönenden Schelle der Selbstgefälligkeit klingeln. Hugo Herrmann. Jüdische Ausstellung auf der ״Bugra“ Die jüdische Ausstellung auf der Leipziger Welt-;Umstellung für Buchgewerbe und Graphik, der sogenannten ״Bugra“, wird von einem eigentümlichen Schicksal verfolgt. Erst plante man ein großzügiges Unternehmen, das aller Welt die literarische Pro- Zionistische Droschuren-Bibliothek Nr. 1 Soeben ersdbitn: tn f\ von Dr. Osina Thon ZL י \' ׳ •. / f /־, . ג י ■\ v . ) e / £ /'׳ ־r־r, /׳;'־־ f / Deutsche Ausgabe Bogen!»farbigem Umschlag 4:...--, .־־. ״.I Hebräische Ausgabe ä Bogen in farbigem Umschlag 10 Pf. 40 Pf. Preis pro Heft Preis pro Heft 10 Heller 20 Heller fiel dir.ktrm P«ug durch da• ZionUtiidi« Z«nlr»lbur.au Berlin 15 Pf. resp. 15 Heller, clnschl. Porto 25 Pf. reap. 25 Heller 200 Exemplare mit lö"/״ Rabatt 500 ״ % 20 ״ ״ 1000 00° ,1 ״/(, j, *uxügüdi Porto« Auf ein Postpaket gehen 120 Exemplare. Die Lieferung erfolgt nur gegen Voreinsendung de• Betrage«. \J D Der übcooui niedrige Preis IUB *irh nur unter der *י• VnrauisctUiing rUr Vermeidung «Ben .Schreibwerk•, Buiimng אווw. «r/ueioh, Wir bttfen daher d'lngend, auf die Ueiugsbedittgunfcr» gMinu zu achte n und Korrcipomitmxer! st cu vrntiWdrn« k/ ■״J *»ä. JU4 kJ Berlin W 15 budtaliche Str. 8 duktioii des Judentums in aller und neuer Zeit zeigen sollte; dann aber schmolz mangels genügenden Entgvgenkomniens der Ausstcllungslcitiing und der um pekuniäre Förderung angegangenen jüdischen Personlidtkeitcn eins PiojcH derart zusammen, daß schließlieh nur noch eine historische hebräische Ausstellung zustande gekommen ist, die neben der SmiJeraus- Stellung des jüdischen Natioiialfonds so ziemlich bald das Einzige ist, was unter all den zur Besichtigung aufgcstapcltm Bürhersdint/cn und Raritäten der ״Bugia*' an jüdisches Können unJ Sc.iaf.'en erinnert. Die hebräische Ausstellung, von der zunächst die Rede sein soll, ist arrangiert von den Herren Rabbiner Professor I>r. Nathan Porges und Dr. Bruno Schindler in Leipzig und befindet sich im Erdgeschult der ״Halle der Kultur1• im Kundgang der Miltclmccrkidtiircn in zwei Räumen, von denen der erste dis Kanaan.iische, Aramäische, Althebräische und das Hebräische des Mittelalters, und der zweite das Hebräische der Neuzeit umfaßt, 1111 ersten Raum führen mehrere schematische Darstellungen und ferner einige Faksimiles alter Schriftdenkmäler, so vor allem der berühmten Sil,iahinschritt in die Entwicklungsgeschichte der althebräischen und verwandten Sehrift/eiehcn ein, wobei sich ergibt, daß die hebräische Quadratschrift, die auch der jetzigen licbräisc.ien. Schrift zugrunde liegt, aus dem Aramäischen übernommen wurde, als die althcbräischcn Sdirift/cichen außer Gebrauch kamen. Nach dieser interessanten Einleitung aus «lern Schriftwesen des Altertums gewinnt um so mehr an Bedeutung der Hauptteil der hebräischen Abteilung, die Geschichte des hebräischen Huches im letzten Jahrtausend, dargestellt an berühmten und kostbaren Originalen und getreuen Faksimiles alter Hand- Schriften und Drucke, die von verschiedenen Gönnern und Sammlungen für die Zwecke der Ausstellung ausgcliehen wurden und in Schautischen ausgelegt sind! Bei der großen Zahl der einzelnen Objekte ist cs unmöglich, sie im einzelnen aufzuführen. Nur manches besonders Markante sei hervorgehoben. Zu den ältesten Handschriften zählen die berühmten Oenizatraginentc aus dem 10. bis 12. Jahrhundert, von denen eines die Handschrift des Maimonides zeigt. Vom ältesten datierten hebräischen Kodex der Vaticana von 1074 ist ein photographischcs Faksimile voibanden. Zu den SehenswürUigkeilen zählen vor allem die bildergedruckten Haggadas und Estherrollen, die Zeugnis ahlegeu vom regen Kunstempfinden der mittelalterlichen Juden und durch Hugo Hcrrinanns Peßachbueh ״Cliaii Gadja" wieder bekannt und belicht geworden sind. Sehr hübsch illustriert ist eine persische li uulsclirift der berühmten Erzählung des Dichters Saadi von ״Jussuf und Sulcika“, die in persischer Sprache, aber mit hebräischen Buchstaben geschrieben ist. Die Frauen wird ein hebräisches Buch interessieren, das 1288 zu Rom von Paula, der Tochter des Abraluint• hassofer, ins reine geschrieben wurde und somit eines der bekanntesten auf uns überkommenen Werke gelehrte!• jüdischer Frauen darstell(, denn das Abschreiben der Bücher war damals, wo man den Buchdruck noch nicht kannte, eine große und wertvolle Kunst. Die Herkunftsangaben a'l der ausgestellten bandschriftlichen tirbcthüdicr, Midraschim, Haggadas, Estheirollcn, Kommentare, Tcnadi- und Tatniudcxemplare tun deutlich laind, wie weit schon im Mittelalter die Juden über die ganze alte Welt hin zerstreut waren. Aus Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Aegypten, dein Orient, dem Yemcn, aus Korfu, Persien und sogar aus Cochin im fernen Hinteriiidieii, wo dunkelfarbige Juden ansässig sind, hat man seltene Schriftwerke zusammengetragen, deren Wert in die Hunderitauseude geht. Auch «Jas alte halbjüdisdie Volk der Samaritaner, das auf wenige Hunderte z.tisameinngeschinolzen auf dem Berge Gari/im in Palästina haust und noch einen Opferdienst nach den Vorschriften der Bibel unterhält, ist mit kostbaren alten Handschriften und Zcich» nungon hauptsächlich aus dem 11. und 14. Jahrhundert vertreten. Gar früh erscheint hei den Juden der Buchdruck. Schon 23 Jahre nach Uutcuhcrgs Erfindung entsteht 1173 der erste jüdische Frühdruck (Wiegendruck, Inkunabel) von Sonctno, der auf der Bugra im zweiten Raum der hebräischen Abteilung, welcher vom ersten durch das Zimmer für das ״Acgnisch-Miiioische“ gctrennt ist, in einem Wandglaskasten in photographischer Nachbildung liehen den Faksimiles anderer jüdischcr Inkunabeln aus Ferrara, Brescia, Mantua, Rom und Neapel aus dem gleichen Jahrzehnt besichtigt werden kann. Der hebräische Buchdruck ging also von Italien aus, wo für die Juden damals kulturell, sozial und politisch die günstigste Lage bestand. Im Original vorhanden ist das erste gedruckte Stück der hebräischen Bibel, die Psalmen mit dem Koniinentar von David Kimehi, gedruckt 1177 zu Bologna, ausgelegt im ersten Raum, wo auch andere hebräische Frühdrtickoriginale, darunter der erste hebräische Pergamentdruek (Bologna 1482), das erste jüdischdeutsche Pentateuch (Konstanz 1344) und eine jüdischdeutsche Bibel (Amsterdam 1676/70) an/utretfen si»«j. Eine Krakauer Estherrolle aus dem Anfang des 17. Jahrhundert ist das erste hier ausgestellte Denk- " mal des ostjüdischen Schrifttums, Auel! im zweiten Raum finden sieh neben den schon genannten Faksimiles noch drei kostbare Wiegendruckoriginale, als einziger orientalischer Wiegendruck Bechai zum Pentateuch von 1491, als erster hebräischer Druck in Afrika eine Arbeit des Abudraham in Fez von 1516 und als ganz unschiitzbarer spanischer Frühdruck die späteren Propheten