Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1914-07-31 · Heft 31 (31.7.1914) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 31 (31.7.1914)
Date
1914-07-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651869-2651901--09784-2667136
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 336 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 31 Für einen Zionisten, der sich stark mit der Arbeit in Palästina beschäftigt, wird die Kennt■ nis des Hebräischen auch immer mehr eine praktische Notwendigkeit, weil er sonst dem (Jang der palästinensischen Entwicklung nicht zu foigen vermag. Dal) wir noch keine fertige Methode der jii-' dischcn Jugenderziehung haben, ist freilich wahr. Wir sind eben noch im Anfang und sind auf der Suche. Wir Jiiiissc» die europäischen Kulturdemente, welche wir aufnehmen, mit jüdischem Wissen und jüdischem Wollen so vereinigen, dal) wir unser Wesen und unser Streben vor uns selbst, vor unserer Umwelt und vor der jüdischen Geschichte verantworten können. Wie wir dahin gelangen, ist großenteils Sache des einzelnen. Als Zionisten aber beharren wir auf jener Forderung, die uns kein Maximal-, so»• der» ein Minimalprogramm ist: Erziehung der Zionisten, insbesondere der Jugend zur lebendigen Anteilnahme an dem Erneuerungsprozell des jüdischen Volkes in Palästina. Ich bin bereit, mit Ihnen und Herrn l)r, Friedemann dahin zu wirken, dal) jede lieber- Spannung vermieden und die natürlichen Grenze:!! respektiert werden, welche unsere Diasporaexisteuz den nationaljüdischcn Bestrebungen setzt. Audi ich meine, dall man in der Diaspora weder politisch noch kulturell ״jüdisches Volksleben in Palästina“ nachahmen kann. Aber ich muH dafür von Ihnen verlangen, daß Sie endlich | die Notwendigkeit einer jüdisch-zionistischen Propaganda- und Erziehungsarbeit einsehen. Der Zionismus ist eine Abkehr von den im Judentum heute herrschenden Ansichten; er ist, um gleich Urnen mit Nietzsche zu reden, ein Pfeil der Sehnsucht nach dem anderen Ufer. Diese Sehnsucht muH geweckt, der Bogen muH gespannt, der Pfeil mit Hoffnung und Glauben befiedert werden. Das ist der Sinn einer Jugenderziehung, welche nicht bei toten Definitionen stellen bleiben kann, weil sie Wille und Tat erzeugen soll. Ich glaube nicht, daß unsere Propaganda und Er- 'ziehungsarbeit so mit Irrtiimern und Verfelilungen beladen ist, wie es nach Ihren Ausführungen sdieinen könnte. Ich glaube-vielmehr, daß Sie an dem Problem der Verwirklichung des Zionismus bisher vorbeigeschritten sind, und so werden wir denn, weil wir entschlossen sind, den Zionismus zu verwirklichen, fortfahren müssen, den Willen zur ״persönlichen Anteilnahme an dem Aufbau unserer Heimstätte in Palästina“ zu pflegen und alle seelischen Bande, welche den einzelnen Juden mit seinem Volk und mit dem Volkstum der Zukunft verbinden, fest und fester zu knüpfen. Sie fragen uns, was wir denn der jüdischen Jugend beibringe» wollen. Aber das ist doch sehr einfach: Neben der für die Jugend nötigen allgemeinen Schulung des Körpers und des Cliarakters vor allein jüdische Geschichte, Kenntnis der hebräischen Sprache und des jüdischen Schrifttums, eine natürliche Auffassung der jiidisehen Vergangenheit und unseres Verhältnisses zur nichtjüdischen Umwelt, Kenntnis Palästinas (möglichst durch persönliche Anschaumig), Interesse für alle Gegenwartsfragen des Judentums und vor allem für die Idee der nationalen Erneuerung. Die Methode ist, wie gesagt, noch nicht endgültig bestimmt, das Mail der Einzelkenntnissc hängt von den Umständen ah, aber dall auf solche Weise eine zionistisch denkende, fühlende und handelnde Jugend lierangehiidet werden kann, bedarf keines Beweises mehr, weil sie schon da ist. Was wir vertreten, ist mit unserem Europäertum völlig vereinbar, es ist auch kein ״Radikalismus“ und kein neuer Zionismus mit neuen Inhalten. Wir haben gar keine Veranlassung, das Basler Programm zu revidieren, welches Sie gegen uns auszuspielen suchen, und wir lenken Ihre Aufmerksamkeit auf jenen Punkt des Programms, in dein von der Pflege des jüdischen Volksbewußtscins die Rede ist — einer Sache, die es freilich nach Ihrer Ansicht gar nicht gibt! Richard Lichthcim. Zur Abwehr Sehr geehrter Herr Redakteur, ich bitte nicht darum, sondern verlange cs, dall Sie folgende Zeilen aufnelimen. Es geht doch nicht an, dal) ein einzelner, und sei es selbst ein Mann von dem Rufe auf dem Gebiet der Nationalökonomie, wie Dr. Oppenheimer, in dieser aufreizenden Weise die heiligsten Gefühle der überwiegenden Mehrheit «Iler Zionisten verletzt und verspottet. Ich will von vonielieiein erklären, dall ich kein Parteibeamter bin. Ich habe es bisher auch nicht gewußt, daß wir in der zionistischen Organisatio» Beamte — Herr Dr. O. wollte wohl sagen — Angestellte haben, die die Orders ihrer Chefs ausführen müssen. Ich wußte nur, daß wir aus Mitteln der Organisation einer Reihe von hochgeschätzten Gesinnungsgenossen ihr Existenzinimmum gewähren, damit sie die Arbeit für unser Ideal leisten, die wir teils aus Mangel an Fälligkeiten, teils infolge von Ucbcrbürdung durch Pflichten des Alltagsbcrufs nicht selbst schaffen können. Was erfahren wir von Herrn Dr. 0. durch seinen letzten Artikel in dieser Zeitung nun Neues? Erstens, daß er ״ehrlich und ungebrochen“ sein Deutschtum empfindet. Sehr iiiteressant. Wir wissen auch (Graetz, Band II b, S. 22), daß es in Babylonien Juden gab, die ehrlich und ungebrochen als Babylonier empfanden und natürlich den verrückten Zug mit dem Nehemia nach Palästina nicht mitinacliten. Weiteres wissen wir allerdings von den Herren nicht mehr, da die jüdische Geschichte bekanntlieh mit den andern '12 000 mitging. Wir wissen auch (Graetz, Band III b, S. 551), dal) es in Alexandrien Juden gab, die ehrlich und ungebrochcn als Römer empfanden, und als etwelche solcher jüdischen Wirrköpfe, die bei der Zer- Störung Jerusalems entkommen waren, nach Alexandrien kamen und hier Unruhen stiften wollten, da wurden sic von diesen Römern jiidi• sehen Stammes und jüdischen Glaubens ergriffen und dem Statthalter Lupus übergeben, der ihrer COO ans Kreuz schlagen ließ! Und wenn wir Band für Band der jüdischen Geschichte durchblättern, es gab immer Juden, die alles andere eher als Juden waren. Liefern wir doch noch heutzutage die garantiert treuesten und unge* brochensten Magyaren, Tschechen, Rumänen, Polen, Kalmücken und weiß ich was sonst noch. Es gibt allerdings auch Leute, die ״Dort wo die Zeder“ und ״Hatikwah“ singen und sagen, und auch wissen, was, sie sagen. Diese Leute nennt man gemeinhin Zionisten. Was weiß aber Herr Dr. O. gegen den Radikalismus anztiführen? Nun, die innere Un- Wahrhaftigkeit der Radikal-Nationalen! Warum gehen sie nicht alle nach Palästina? Warum sitzt Herr Lichthcim in Konstantinopcl? Man muß doch durch sein Beispiel wirken! Auch das ist nicht neu. Es ist uns allerdings meistens von Leuten entgegeiigelialtcn worden, die wir hinsichtlich ihrer Intelligenz bedeutend geringer eingeschätzt haben als Herrn Dr. O. Ich will diese Fragen nach bekannt jüdischer Manier wieder durch Fragen beantworten. Ist Bebel ein schlechter Sozialist gewesen, weil er G Million liinterlassen hat? 15er Sozialismus predigi doch den Kommunismus! Ferner, warum schützt man auf einem Kriegsschiff gerade den Kommando• turn» am stärksten durch Panzerplatten? Ferner, warum geht bei einer Schlacht nicht zuerst der gesamte Generalstab und die Generalität mit ge• sehwuiigenem Degen gegen den Feind? Schließlieh sind doch diese Leute für alles verantwortlieli und müssen doch durch ihr Beispiel wirken. Schließlich könnte ich auch fragen, warum man nicht einen Ofen aus Butter macht. Ja, das sind sogenannte ״Kinderfragen mit Zucker bestreut“, wie man bei uns zuhause sagt. Und schließlich stimmt die ähnlich tiefgründige Frage des Herrn Dr. O. nicht. Es sind tatsächlich eine ganze Reihe von ״Radikalen“ nach Palästina gegangen, und wenn Palästina schon heutzutage teilweise ein Judenland Ist, so verdanken wir das dem neuen Jischub. Herr Dr. O. steht aber• der ganzen Sache so objektiv gegenüber, so nüchtern prosaisch — wie er selbst sagt: Es wäre ja ganz schön, wenn sich einmal in Palästina ein neues jüdisches Volk bilden sollte, man könnte ja eventuell einmal, wenn sich der Kulturzustand des Landes weiter entwickelt hat, selbst hinübergeheii. Eventuell um eine Professur zu übernehmen? Herrgott, Herr Dr, Schulze geht ja auch als Dozent für Pathologie nach Uruguay oder Paraguay. Er lernt zu diesem Ende sogar spanisch! Ja, Herr Dr. O., ich muß Herrn Dr. Pelz beipflichten, auch wenn Sie das bestreiten, mit den Anschauun• gen hätten Sie keine Arbeiter nach Merchawjalf bekommen! Den Loln, den sie dort erhallen, hätten sie im Sehwitzsysten» in New York noch immer verdient. Sie hätten nicht die!־'liege«plage von Merchawjah dazu gehabt, die Sie so schön scliil• der». Ja, diese Leute hatten eben noch etwas anderes als Objektivität, sie hatten Begeisterung für ihr Land, sie hatten Ideale, sie waren radikal. Wenn ich an Ihre Objektivität denke, muß ich mich an die Erzählung der Peßaclihaggada von den vier Fragestellern erinnern. Der eine wird so, der andere so charakterisier», aher gegen einen hat der Erzähler eine richtige Wut, gegen den Objektiven, der da fragt, was sollen Euch die Dinge? Euch und nicht ihm! Da sagt der Haggadacrzählcr nur: ״Schlage ihm die Zähne ein, er ist mit seiner Objektivität schlimmer als die andern!" Herr Dr. O. will ja aber nur unser Bestes. Ur.ser Radikalismus, unser Geschrei schadet uns, wir würden mehr erreichen, wenn wir artig sind. Er hat auch die beliebte Frage, warum wir uns an den jüdischen Gcmcindcwahlcn beteiligen, das hat doch nichts mit dem Zionismus zu tun. Da habe ich wiederum eine Gegenfrage! Warum beteiligen sich die politischen Parteien an den Rcichstagswahlen? 1111 Reichstag werden doch nur Gesetze gemacht. Was aber die Tonart bei der Propaganda angeht, so haben wir auch darin Erfahrungen, die ein Größerer ais Dr. <),, die unser Herzl gemacht hat. Er hat mit Menschen• und Engelszungen geredet und bat die gcmeinsten und hinterhältigsten Angriffe erleiden müssen von Protestrabbinern und andern Großen in Israel. Es ist nicht der Ton, cs ist die Sache, die den andern nicht gefällt, es stört sie in ihrem Schlaf, und das macht sie so erbittert. Herr Dr. O. spöttelt auch über die jüdischen Studentenkorporationen und zitiert Herrn Struck mit seiner Schinkenstuile. Nun aus diesen Stu* dentenkorporationen sind die Männer hervorgegangen, die heute den Zionismus in Deutschland als unerschütterliches Fundament tragen, und sich gegen alle Feinde ihres jüdischen Volkstums wehren ״wie gegen Mörder“. Und wertvoller schätze ich den aufrechten Juden, auch wenn er die Speisegesetze nicht beobachtet, als den interessanten Rabbiner aus Obcrschlcsicn, der dreimal täglich im Schcmoncesrah-Gebet um Rückkehr nach Zion fleht und die Zionisten als ״Patrioten auf Kündigung“ denunziert. — — Wenn Herr Dr. Oppenheimer sich auf das Zeugnis Herzls berufen sollte, der ihm seinen Zionismus attestiert hat, so sollte er doch als alter Korporationsstudent wissen, was man nicht alles sagt, um neue Mitglieder heranzuziehen, ״Fuxc zu keilen!“ Man erwartet eben, daß sic sich weiter entwickeln werden. Bisweilen irrt man sich aber. Dr. L a n d a u - D n n 1. i g. Ausschreibung Das Bet hassefer liareali haibri in Haifa sucht mit dem Dienstantritt zum 1. Oktober einen a k ade misch oder einen seminaristisch gebildeten Le 11 rer für Deutsch. Der crslcre müßte die Lehrbefähigung für die höheren Klassen besitzen und die Verpflichtung übernehmen können, nach einem Jahr Geschichtsunterricht in hebräischer Sprache zu erteilen. Von einem seminaristisch gebildeten Lehrer würde die Lehrbefähigung in einem technischen Fach (Singen, Turnen, Zeichnen oder Handfertigkeit) verlangt werden; Kenntnis der Methoden der Arbeitsschule wäre besonders erwünscht. Bewerbungen mit ausführlichem Lebenslauf und Auskunft über den Grad der hebräischen Vorbildung sind bis zum 31. August an den Unterzeichneten Direktor der Schule, p. A. Zionistisches Zcntralburcau, Berlin W. 15, Sächsische Straße 8, zu richten. Dr. Biram.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.