Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 31 JIJ E D IF.Cl i 'I R U M D S C H A U Seile 335 Staat und in der Gesellschaft schaden. Die Assirnilation aller Grade und Schattierungen — vom Taufjudcntiun bis /um Zentral; ercinsjudcntuin — ist dadurch charakterisiert, daß sie auf die Frage nach der Zukunft des Judentums keine Antwort wissen will oder einfach keine Antwort weiß und alle ihre Kräfte für einen ״Kampf um die Gleich- Berechtigung“ einsetzt, der durch schrittweise Zurtickdrängung der jüdischen Wünsche und Empfindungen erleichtert werden soll. Da kommt nun der Zionismus, fordert Eriialtung des Judentums, begeistert die Jugend für jüdische Ideale und erklärt die Politik der Assimilation für bankerott. Natürlich weckt das auf der Gegenseite Erbitterung und Wut und iaigs sind alle jene Vorwürfe zur Hand, die De sieh leider auch .zu eigen gemacht haben. Das alles sehen Sie nicht. Sie rufen, wir i ahen nur mit Palästina zu tun und nehmen die Üilfe, woher sic auch kommt. Ganz guit! Aber de kommt nicht, weil es der hellste Unsinn wäre, wenn die Assimilanten sich selbst Steine in den Weg legen würden, indem sie die glücklich eingeschlafenen Wünsche und Hoffnungen für eine indische Renaissance wieder aufwecken. Einen indirekten Beweis hierfür liefert die Tatsache, daß das nichtzionistischc Judentum, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, für Palästina keinen Finger rührt. Man müßte doch glauben, daß ״neutrale“ Vereine wie der ,,Esra“ oder die A. J. K. O., welche seit Jahren krampthafte propagandistische Anstrengungen macht, dutzendc von Millionen sammeln konnten, wenn aus Ihrem deutschen Normaijudcn etwas herauszuholen wäre. Aber leider •ist dieser Normaljude mit der Pflege seines ״deutschen Kulturbewußtscins“, so emsig beschäftigt, daß sein ״jüdisches Stammesbewußtsein“ dabei an der Schwindsucht stirbt. Die jüdische Tat, die sich nach Ihrer Theorie ausschließlich in Palästina offenbaren soll, ist eben ohne innere Anteilnahme, ohne idealistir sehen Opfersinn des Diasporajudentums nicht denkbar, und eben dieser Opfersinn und diese Anteilnahme sind in ständiger Abnahme begriffen. Sie können nur durch unsere Propaganda erhallen und gestärkt werden, sic können nur wirken, wenn die Juden Zionisten werden. Sie halten es offenbar für überflüssig, die ״Kraft der Idee“ innerhalb des» Zionismus zu . pflegen, Sie wollen die Oiasporaprohlcmc nicht berühren und fordern daher auch völlige Neutralität des Zionismus in jüdischen Gemeindeangelegenhciten. Sie haben mit uns das gleiche Ziel -- ein jüdisches Palästina -—. Sie wollen;:lieh, daß die ״Kraft der Idee“ oder, wie ich sagte, das Streben nach Palästina, die nötigen Menschen und Mittel hinüberführe. Aber Sie;vollen nicht die dazu nötige Vorarbeit in der Aussaat und Pflege, auf einen Sichelschnitt als Beute zufällt. Wir plauderten mit dem jüdischen Wächter in den Weinbergen, trafen uns mit den — so stiidtisehen Töchtern der Plantagenbesitzer in der öffent- Mien Orangerie von Rischon mit dem Palmenkreuzgang und besuchten mit ihnen in Abendtoilette eine h'brüische Theateraufführung im Beth-ha-am; und a:s uns der Rosch-ha-Waad dann fragte: ״ln welchem Dorf der Welt gibt es einen solchen Park und ein f'ilches Leben?“ — antworteten wir überzeugt: ״Nirgends!" Nein, die freie Luft dieses jüdischen Palästinas gibt es nirgends zum zweiten Mal auf der Welt.” End nirgends gibt es solch ein freies voraussetzungsloses Schaffen und Bauen an einem neuen sozialen Eiben. Hier lassen sich Träume verwirklichen. Und keiner war schließlich unter uns, der nicht am liebsten im Lande geblieben wäre und sogleich dort mitgcholfen hätte an der Verwirklichung des genialen Künstlertraumes von einer jüdischen Zukunft. (Nach den ״Jüdischen Monatsheften für Turnen und Sport“.) Buchbesprechung Dr. J. L. Boruch: Ozar safruth jisrael. (Schatz der jüdischen Literatur.) Ein Lese- und Lehrbuch. Wilna, Verlag Rosenkranz und Schriftsetzer. Bis■ her erschien Bd. 1 Preis: 1,35 Rbl. und Bd. 2 Preis 2 Rbl. Der Zweck dieser Enzyklopädie der jüdischen Literatur wird in der Einleitung so dargclegt: sic soll eine Stätte der Sammlung für die gesamte jü• Diaspora leisten und wollen nicht einsehen, daß diese Idee eines neuen Judentums sieh erst unter Schwierigkeiten durchsetzen muß, weil sie den meisten Juden Westeuropas heute noch als feimlliehe und gefährliche Idee en.ckcfnt. Das ist Ihr (iniiidirrümi; Sie sehen nicht die Notwendigkeit im Zionismus und durch den Zionismus die sittliehen Kräfte freizuinaclien, welche zu seiner Vorwirklichung erforderlich sind. Sie behandeln den Zionismus als ein ״Projekt“, das Sie durch geeignete wirtschaftliche und organisatorische ״Ma ßnahmen“ realisieren möchten, ohne auf die Empfindungeii, Ideen und Wünsche der Juden irgendwie eiii/.iigelien. Wir haben erkannt, daß die zionistische Propaganda die Seelen wecken, daß die zionistisehe Erziehung das palästinensische Pioniertum vorbereiten muß. Sie aber verharren in Ihrem Grundinlum mul machen uns Vorwürfe, weil wir den Schlaf der Judcnlieit stören. Es ist demnach kein Zufall, daß die Anseluikligtmgen, die Sie erheben, sich genau mit den Vorwürfen (lecken, die die Antizionisten schon zu lierzls Zeiten gegen den Zionismus erhoben haben. Es liegt mir natürlich fern, zu behaupten, daß in unserer Propaganda niemals Mißgritfe vorgekommen seien, obwohl mir ernstere Verfehlungen solcher Art nicht bekannt geworden sind. Welche Tatsachen berechtigen Sie aber zu der allgemeinen Behauptung, die heute herrschende Richtung werde auf eine Art vertreten, welche uns mit anderen Organisationen in schwere Konflikte gebracht, uns wertvolle Sympathien geraubt, die ganze Bewegung zerrüttet, alle Märkte iijit ihrem Geschrei erfüllt und alle Gegenwarfsarbeit in den ״Wohniändcrn“ durch 'unaufhörliches (Vcziink desorganisiert habe? Bei der Niederschrift'so heftiger Anklagen hätte Sie doch die Tatsache stutzig machen sollen, daß die anderen Organisationen uns von der ersten Stunde an bekämpft haben, daß alle diese Bescliukligungen von Protestrabbinern, Gemeinde- Vorstehern usw. mit größter Energie gegen uns geschleudert worden sind — und zwar schon in jenem goldenen Zeitalter des Zionismus, als die heutige ״radikale“ Richtung noch nicht das Heft in der Hand hatte. Das Auftreten des Zionismus hat eben einen Kampf der Geister entfacht, den Sic geflissentlich übersehen, der aber ausgekämpft werden muß. Sie haben durchaus kein Recht, sich immer auf 1 icrzl zu berufen, denn wenn dieser auch Hilfe von jeder Seite gern annalim, so war er sich doch stets darüber klar, daß der Zionismus durch die Macht der nationalen Idee lebt und daß diese Idee durch eine Jugenderziehung, wie wir sic eben erstreben, durch ״Eroberung der Gemeindestuben“ und nationale Propaganda jeder Art;vachgelialten und verbreitet werden müsse. dische Produktion, von dem Abschluß des Kanons ab bis auf unsere Zeit sein. Jedes Werk, das einmal im geistigen Leben des jüdischen Volkes eine bc• dcutsnmc Stelle innegehabt hat, jede Bewegung, die im Schrifttum ihren Ausdruck fand und einer (Jene• ration oder Epoche ihren Stempel aufdrückte, soll hier durch kennzeichnende, ausgewählte Stücke ein Denkmal erhalten. Es soll aber das Buch keine Sammlung von Altertümern sein, sondern ein Lehrbuch für jeden Juden, der erkennen will, was sein Volk geschaffen hat, seit die heiligen Schriften abgcschlossen worden sind. Bei der Redaktion und An• Ordnung des Werkes diente die Anthologie von Winter und Wünsche als Muster und ihr sind auch einige Einleitungen — die allgemeine Einleitung sowie die zu Philo, Josephus Flavius, zu den Tar• gumim und zur Mischna im ersten Teil, zum jeru• sakmischcn und babylonischen Talmud im zweiten Teil entnommen. Ferner ist aus Funks Buch über den Talmud der Abschnitt über die Hagada wiederge• geben. Gewiß wird dem Autor niemand einen vorwurf daraus machen, daß er, um gute Einleitungen zu bekommen, sie aus dem Deutschen übersetzt hat. Aber es ist doch ein nicht zu übersehendes Zeugnis für die Vernachlässigung des Hebräischen durch unsere Gelehrten und für die ganze abnormale Stellung des hebräischen Schrifttums in unserm natio• nalen ־Leben, daß cs bei solchem Anlaß, bei wissen■ schädlichen Vorworten zu Werken der jüdischen Literätur, notwendig ist, aus fremden Quellen und fremder Sprachen zu schöpfen. Der erste Band des Werkes enthält Teile aus dem ersten und zweiten Makkabiicrbuch, den Sprüchen Jesus des Sohnes Sirachs, aus Philo, josephus, dem Aristcasbricf und den sybilünischen Büchern (Ucber• Setzung Josua Stcitibergs), aus dem Buche Henoch, den Jubiläen, der! salomonischen Psalmen (Ucber• Setzung von Ä. S. Kaminitzki), dem vierten Esrabuche, Gewiß hatte das Problem der Erziehung künftiger Generationen für Hcrzl noch nicht die Bedeutung, die es für uns hat. Aber nicht etwa, weil I Icrzl weniger ״radikal“ war, sondern wed er in den ersten Jahren seiner Tätigkeit von einer Verwirklichung des Zionismus im raschesten Tempo »räumte. Dennoch begriff er bald die Bedeutung der Jugenderziehung, und in seinen letzten Jahren sah er unzweifelhaft im Zionismus eine nationale Bewegung, die sich im Gegensatz zu den bevorstehenden Anschauungen der Judenheit kämpfend durchsetzen müsse. An diesem Problem, wie und in welchen Grenzen eine nationaljüdischc Bewegung in der Diaspora möglich ist, wie sie unser Verhältnis zum Judentum und zur Umwelt beeinflussen, und welche Bedeutung sie für den einzelnen Juden erlangen wird — an diesem Problem werden wir noch lange zu arbeiten haben. Ich will heute nicht erörtern, wie die Verbindung deutscher und jüdischer Gedanken und Gefühle in einem deutschen Zionisten möglich ist. Eine feste Norm läßt sicli dafür nicht aufstellen, weil die menschliche Seele keine vorgeschriebenc Anzahl von Schubfächern mit Etikettes enthält. Das Problem ist wichtig und interessant und wird gewiß auch bald öffentlich erörtert werden.־ Fest steht aber, daß wir angesichts der geistigen Strömungen, die das Leben der deutschen Juden beherrschen, eine systematische jüdische Jugenderziehung brauchen, wenn man die kommenden Generationen am Judentum festhalten und für den Zionismus gewinnen will. Daß ich in unserer heutigen Erziehung, welche die Empfindungen der Jugend mit Palästina zu verknüpfen sucht, eine Notwendigkeit erblicke und daß diese Jugenderziehung durchaus keine Ucbergriffe begeht, sondern das Palästinagefühl völlig im Rahmen des praktisch möglichen zu entwickeln strebt, wurde bereits ausgeführt. Wenn Sie und ebenso Herr Dr. Friedemann vor übertriebenen Anforderungen der Hebraisten warnen, so kann ich Ihnen theoretisch darin beistimmen, daß in der Diaspora eine lebendige hebräische Kultur, welche das gesamte geistige Leben der Judcnlieit umfaßt, eine völlige Unmöglichkeit ist. Aber ich sehe wiederum durdh* aus nicht, daß solche Unmöglichkeiten von der herrschenden ״radikalen Richtung“ verlangt würden. Daß man die Kenntnis des Hebräischen möglichst zu fördern sucht, indem man Kurse ciurichtct oder Lehrbücher herausgibt, ist doch gewiß keine ungesunde Ucbcrtrcibung, wenn man nun einmal daran arbeitet, das Judentum zu erhalten und in Palästina ein hebräisch sprechendes jüdisches Volk zu bilden. dann aus den Targumiin, mit Gegenüberstellung des Urtextes, endlich Stücke aus Mischna und Josephta, diese letzteren beiden unter dem Strich reichlich kommentiert. Oie Auswahl tunfaßt mehr als das Doppelte des von Winter-Wünsche aufgenommenen Stoffes. Aus Mischna und Josephta hat der Herausgeber besonders die kulturhistorisch interessanten Partien ausgcwählt. Der z;veite Band umfaßt 562 Seiten und ist gänzlich der Gernara gewidmet. Der hclaclüschc Teil ist weniger berücksichtig», aus dem aggadischen aber alles ausgcwählt, was für Literatur und Geschichte, Sitt• lichkeit und Weltanschauung der Zeit von Bedeutung ist. Der Stoff ist nach den Mascchthoth geordnet und durch ein Sachregister leichter übersichtlich ge• macht. Leider sind die Stellen nicht nach der uri• ginalausgabc zitiert. Die aramäischen Bestandteile sind punktiert und unter dem Strich übersetzt und erklärt, so daß dieser zweite Band als eine vortreffliche Einführung in das sprachliche und inhalt• liehe Verständnis der Gemara betrachte» werden kann. Im ganzen kann man sagen, daß mit diesen zwei Bänden ein Unternehmen begonnen wurde, das zu den beachtenswertesten Erscheinungen des hebräi• sehen Büchermarktes gehört. Hoffentlich findet es ausgiebige Förderung genug, um fortgesetzt und be• endet werden zu können, Dr. Hugo Bergmann. Neue Bücher (Besprechung Vorbehalten.) Paul Weisengrün, Die Erlösung vom Individuaüsmus und Sozialismus. Skizze eines neuen, immanenten Systems der Soziologie und Wirtschaffe. Politik. München, Ernst Reinhardt.