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Jüdische Rundschau · 1914-07-31 · Heft 31 (31.7.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 31 (31.7.1914)
Date
1914-07-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 334 IUEP1SCHE RUNDSCHAU Nr. 31 nötige Geld erhalten. Hierin liegt absolut keine Uoberlreilning, es wird nichts Unmögliches ver* * langt, und jede vernünftige Rücksicht genommen, aber daII es sich bei alledem um eine systematisch zu pflegende I e 11 d e 11 7. handelt, ist angcsichts der Gleichgültigkeit, mit welcher *die nicht/ionistisehen Juden dem Palästinawerk gegeuiibersteheii, ohne weiteres klar, mul es bleibt ganz ihnen überlassen, ob Sie diese Gedanken- und Gel'iihlsriclilung den ״Wunsch zum Willen zur Tendenz*' oder den ״Wunsch nach der Tendenz zum Willen*‘ betiteln wollen. Auf meine Frage, wie Sie sich denn die Verwirklichung des Zionismus ohne die hier skizzierte Palästinatendenz. vorstellen, antworten Sie mit dem schönen Satz, da» 11״ ie Kraft der Idee groß und stark genug ist, um jederzeit so viel Juden nach Paliiktiua zu führen und dort zu halten, wie nach Lage der politisch-wirtschaftlichen Verhältnisse dort notig sind und existieren können.“ Also die ״Kraft der Idee“ sorgt für die Ausführuug des Zionismus. Nun, das ist nicht neu, nur muH man sich dabei auch etwas denken. Was ist denn diese ״Kraft der Idee" anderes als unser ״Wille zur Beteiligung an dem Palästinawerk“? Ich sehe hier wirklich keine ״radikale“ und keine ״Oppenhciniersehc“ Richtung, sondern nur verschiedene Ausdrücke für dieselbe Sache. Wie Sie mit uns das gleiche Ziel verfolgen, so wollen Sie sichtlich auch dieselben Mittel zu seiner Verwirklichung auwenden, nämlich Mensehen- und Kapitalkraft, gelenkt von der nationaien Idee. Und doch gibt es offenbar einen Unterschied in unserer Auffassung, denn üs bloßer Wortstreit läßt sieh die Auseinandersetzung auf dem Leipziger Delegiertcntage nicht abtim. Schon jn meinem vorigen Brief habe ich zu zeigen versucht, worin Ihr Gnmdinltiiii besteht. Ich warf Ihnen vor, daß Sie 1ms Definitionen über Deutschtum und Judentum geben, daß Sie aber an dem Problem der Verwirklichung des Zionismus vorbeigehen. Sie übersehen völlig, daß das Judentum sieh in einer Lntwicklung befindet. Sie übersehen, daß die Masse des deutschen Judentums eine immer stärker werdende Tendenz zur Assimilatiou zeigt, daß das jüdische Bewußtsein in ihm (ob Sie es nun Stammes- oder Volksbewußtsein nennen mögen) von Generation zu Generation schwächer wird. Ihnen schwebt bei Ihren Ausführungen j^umer ein Normaltvpus des deutsehen Juden vor: soundsoviel Prozent Deutschtum, soundsoviel Prozent Judentum. Aus diesem Prozeutverhaltuis leiten Sie Definitionen der jiidisch-deutsi heu Seele ab und bemerken nicht, daß Ihr Normaljtule eine Konstruktion ist, der keine Lrscheinung in der Wirklichung entspricht. Wir haben es nicht mit Oppenhcimerschen Normaltypcn zu tun, sondern mit Menschen, welche sich auf ihre Art strebend bemühen. Die Mehrheit der deutschen Juden befindet sich gedanklich und gefühlsmäßig auf dem Wege zur Assimilation, und Sie können dies Streben g״״z wie den Zionismus als einen ״Wunsch zuni Willen zur Tendenz“ oder als einen ״Wunsch nach der Tendenz zum Willen" bezeichnen. Auf der anderen Seite gibt es deutsche Juden, welche die völlige Assimilation nicht wünschen, soiidem das jüdische Volk als solches und mniirlieh auch sich selbst als Juden erhalten mul helumpten wollen. Dazu muß ihr Judentum einen Inhalt haben, der ihnen ihr Dasein als Juden sinnvoll und wertvoll macht, und dieser Inhalt beißt Zionismus, Sie könnten hier einwenden, daß es noch eine dritte Spezies gäbe: nämlich solche Juden, welche zwar die Erhaltung und Erneuerung des jüdischen Volkes zu fordern suchen, jedoch für sich und ihre Nachkommenschaft die Assimilation wählen. Das wären dann die Philozionistcn, auf welche Sie so große Hoffnungen setzen. Aber diese Gruppe ist in Wahrheit sehr klein, denn wenn man für sieh seihst die Assimilation er• strebt (wobei ich keineswegs an würdelose, Io!• eierte Anälinelung denke, sondern an die nahtrliebe Assimilation, der jeder Jude unterliegt, wenn er sich nicht im Zionismus ein seelisches Gegengewicht schafft), so wird man sich schwerlich um die Zukunft des jüdischen Volkes Sorgen machen oder gar dafür Opfer bringen. Mit diesen Entwicklungstendenzen hat die zionistische Propaganda und die zionistische Jugenderziehung zu rechnen, und diese Rediming beilagt Ihnen nicht. Wir ijiiälen im«, mit der Frage, wie die kommenden Generationen der deutschen (aber auch der osteuropäischen) Juden dem Judentum erhalten und zu Opfern für den Zionismus erzogen werden sollen, weil wir die Macht der assimilatorischen Tendenzen kennen. Sie aber führen uns in dieser Zeit des Kampfes mul der Entscheidung die deiitsch-judiselic Normalghcdergruppc vor, ziehen an der Strippe und demonstrieren uns ״deutsches Kulturbewußtsein mul jüdisches Stammesgeftilil“. Sie bemerken gar nicht, wie ernst die Frage der jüdischen Erziehung ist und Sie bemerken auch leidet׳ nicht, daß die heftigen Vorwürfe, weiche Sie gegen die Form unserer Propaganda erheben, direkt aus dem antizioiiistischen Lager stammen, welches für die Assimilation der Juden kämpft, weil es in dieser die beste Garantie der Bürgerliehen Gleichberechtigung mul des persönlichen Wohlergehens erblickt. Die Assimilation muß sieh gegen uns zur Wehr setzen, weil wir ihre Existenz bedrohen. Sie kämpft mit den schärfsten Waffen gegen uns, weil sie die (sicherlich unbegründete) Purtht liegt, wir könnten der Stellung der Juden im I».. .. . .... .... haben, selber hinzugehen, werden wenigstens an Palästina denken tmd ihren Kindern jene uralte Liebe zu unserem Stammlancle vererben, die ein so wesentlicher, ja unentbehrlicher Teil des Zionismus ist. Kami es etwas einfacheres und natürlicheres gehen? Muß nicht jeder Zionist ohne weiteres zugeben, daß ohne die ständige Waclilialtniig dieses ״Streitens nach Palästina“ die Koluiiisation bis heute umnöglieii gewesen wäre mul in Zukunft umnöglieii sein wird? Aber Herr Dr. Oppenheimer warnt und spricht: ״Sic wollen die Jugend ״puläsli/iisieren“, wenn der Ausdruck gestattet ist.“ Nein, der Ausdruck ist nicht gestattet, weil Sie nicht sagen, was für eine schreckliche Sache Sic damit meinen. Ebensowenig ist es gestattet, daß Sie ohne den Schatten eines Beweises helumpten, daß die heutige Propaganda ״Tausende fauatisiert und hier seelisch entwurzelt, ohne ihnen drüben neues Erdreich geben zu können". Den Vorwurf der Plirasenhaftigkeit, den Sie fortgesetzt erheben, muß ich Ihnen liier ziirüekgeben, mul ich glaube dabei als guter Kenner der zi<>- nistiselien Jugendbewegung in Deutschland ein höheres Maß von Sachverstämligkcil in Anspruch nehmen zu können als Sie, der Sie leiilei mit der jüngeren zionistischen Generation gar keine Fühlung besitzen. Nach meiner Definition dessen, was unter dem Streben nach Palästina mul der Erziehung der Jugend im Geiste des Palästinaideais zu verstehen ist, habe ich eigentlich nicht nötig, auf Ihre Trage zu antworten, warum ich seihst nicht nach Palästina gegangen bin. Sie wissen vielleicht, daß ich zur Zeit auf einem Posten tätig bin, der eben deshalb geschaffen wurde, weil wir nach Palästina streben und den ich mir schwerlich aus materialistischer Genußsucht ausgewählt habe. Ferner habe ich mein Interesse für Palästina ganz int Sinne meines Programms und ganz im Sinne der Poseiier Resolution (an der mir notabene wenig liegt) immer nach Kräften betätigt und endlich können Sie ja gar nicht wissen, ob ich nicht nach Palästina übersiedeln werde. Es ist aber weder mir noch anderen ״radikalen“ Zionisten jemals eingefallen, die sofortige tJebcrsicdhmg nach Palästina zu ״predigen“ oder gar als Beweis zionistischer Gesinnung zu .verlangen. Ich bin mir nur mit den meisten andcivu Zionisten darüber klar, daß ״die persönliche Anteilnahme an dem Aufbau unseres palästinensischen Daseins“ für den Zionismus unentbehrlich ist, weil diese Anteilnahme in allen ihren Formen (Aus- Wanderung, gelegentliche Reisen, Investierung von Geld, dauernde Beschäftigung׳ mit den Fragen der Kolonisation, Propagierung der Paiästinaidee) die notwendige Voraussetzung dafür ist, daß wir die nötigen Menschen und das Die zweite Palästina-Wanderfahrt Vom Fritz li I a 11 k e 11 f e 111, Stargard Selbstzweck und bestes Mittel unserer Reise zugleich waren die Wanderungen, die uns im ersten Abschnitt der Fallit durch ganz OIht■ und Unter• galiläa bis herauf nach Safed, nördlich des Tiheriassees, im zweiten Abschnitt die Küste entlang von Haifa nach Jaffa durch die großen Siedlungen Siehron-Jaenh, (;hedera, Peiaeli-'l ikwnli und im dritten nach Jerusalem und Judäa führten, Dureli die Waudcruugeii wurde täglich die ganze körperliche Energie eines kräftigen Menschen in Anspruch genommen. Demi es kam nicht allein darauf au, das Ziel zu erreichen, sondern am Ziel noch Aufmerksamkeit lind Frische ׳zu Besichtigungen und nescliefs1) zu zeigen. Unsere Zeit war überall kurz, bemessen mul auf den Tag der Ankunft folgte regelmäßig der Tag des Wciterinarsclics. Die Märsche dauerten etwa zu einem Drittel zwei bis drei Stunden, zu einem Drittel vier bis fünf Stunden und zu einem Drittel waren es Tagesmärsche von sieben, acht, neun und zehn Stunden! Die äußeren Bedingungen, Weg, Witterung, sind durchschnittlich viel schwieriger als in Deutschland. Es gibt nur Landstraßen in der Ebene, deren Staub bei Hilze-’) und deren Schlamm bei Regenwetter'1) ') Festlichkeiten mit Tanz, und Gesang. ,_/^wisehcn Rechoboth und Rischon ic-Zion, wo jetzt die erste Chaussee gebaut wird, 8) Zwischen Chcderah und Pcthach-Tikwah. die Ausdauer kräftig angreifen. In Galiläa freilich hatten wir fast überall einen prachtvollen, steinigen Felsweg, •Die Witterung war bis auf einige Tage (zwischen Siehroii-Jakoh tmd Pethaeh-'l ikwali) glänzend; die Temperatur wie bei uns im Juli. Leider konnten wir auch in diesem Jahr die kühlen Morgenstunden nicht genügend .׳nismil/cn, weil ein früher Aufbruch unseren Gnartiergeheni Umstände zumutete, gegen die sie merkwürdigerweise flehentlich protestierten. Die sauerste Arbeit wurde wohl bei dem sechsstündigen Aufstieg von Migilal nach Roseh-I'inali in praller Sonne und auf dem z.wölfstüudigen, stark verregneten Kiistemiiarseh von Gliedern nach I'ethaeh-Tikwall geleistet, obwohl in beiden Fällen das Gepäck von Tieren und Trägern befördert wurde; im allgemeinen mußte diese Wohltat von jedem, der sie in Anspruch nahm, teuer erkauft werden. Ernstere Erkrankungen sind im Gefolge der Marsch,tnstrengimg nicht atifgctreten, aber fast jeder, auch die Kräftigsten, mußten einen Tag oder einige Stunden der Ermattung dem veränderten Klima und den veränderten Lebensverhiiltiiisscn opfern. Alles in allem: Es gibt keine bessere Art, durch Palästina, besonders durch das jüdische Palästina zu reisen, als die Fußwanderung, vor allem für uns: Wanderfahrten unternimmt man iin Vaterland, in der Heimat, dort, wo man wirklich das Land liebt, das den Bauern ernährt und dort, wo einem auch der geringste Strauch, dem Fremden gleichgültig, beachtenswert erscheint. Jedes •Volk wandert durch sein Land und wird fröhlich dabei, wenn cs überall die Saat aus dem Boden schießen und die Früchte an den Bäumen prangen sicht. Wir jüdischen Turner wandern durch Palästina I Hier nach langen Zelten hat der verlorene Sohn, der «׳ändernde Ahasver, zur Mutter Erde /uruckgel'uitden, im leibhaftigsten Sima׳. Deshalb ist uns nach unserer Fahrt nicht das I and teuer als politischer Begriff - nicht die türkische Provinz, die zu einer ״öffentlich-rechtlich gesiclierini Heimstätte“ werden soll, ׳ nicht die Idee l’.ilisti• uas, sondern vor unserem Auge tauchen nacheinander gewisse siinneudurehleuchtete LamNcItaften auf, wir sehen Dörfer, im üppigen Grün der Plantagen wie tiulerget;mellt, der schwere Duft von < )langeiiblütui erfüllt die Luft, die laute Ausgelassenheit eiius ״R0111l0“-Tnnzgesangcs klingt in unserin Ohr. Wir haben das Land gesellen, die Scliöiihvinn, die auch der Fremde nufsucht und bewundert: Die grüne Bucht von Haifa mit deut Karnielalihang, aa dem sich die Stadt emporrangt, wie Triest an die zum Meer abfallenden Stidalpen, das wundervoll um den galiläisehen Bergen eingefaßte Juwel des Tiheriassees, 11ns auf einem Hügelplateau präsentierte l’anoranin Jerusalems vom Oelberg aus, von dem man andererseits über ein vielfältiges nacktes Fclsengobirge hinweg in einer einzigartigen Erdsenkc das Tote Meer erblickt. — Aber nicht deswegen sind wir durch das Land gewandert, nicht der Sehens- Würdigkeiten wegen — nicht weniger galt 1ms die Acker-Krumc! — wir wollten mit der Bevölkerung im Lande einige Wochen verleben, täglich wo anders — und doch überall zu hause. Wir kamen auf den Gutshof der Arbeiter in Mcrchawja und setzten uns nicht nur mit ihnen zum Abendessen, wir nahmen einen Abend an ihrer Sorge um einige seuchenkranke Rinder teil, wir griffen auf den Feldern zur Sense und freuten uns mit dem Manne, dem das reife Korn, nach den Mühen der »

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