Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r 1 1 1 I Abonnements auf die wöchentlich am Freitag־ erscheinende ,,JütiUche Rundschau“ kosten bei der Expedition und bei alten Foitämlern vierteljährlich 1,50 M., außerhalb Deutschland• und Oesterreirh*Ungarna 2,—־ M.| für Mitglieder jüdischer Vereine im Summelbczug durch den Verein 1,— M. jüdisch• Rundathaa, G. in. b. II. UERUN W.15, SüchaUcho Straße 6. Telephon! Amt Uhland 845, 846, 868. Postirheckkonto* Berlin Nr. 17392. C r~•-; f ׳ \ , , xt ■I h,?‘!'S. 'V/ r׳> f”" Anzeigen | kosten für die »echsgrspaitene Petit- | zeila oder deren Raum 40 Pf. | Steilen- | Angebote und, Ge*1uh« sowie Verein*- ן Mitteilungen und *Kinne Anzeigen* ■ OOOO nur 30 f'frnnig. 0 0 0 0 ־ Manuskripte werden, wenn Porto bei liegt, ■ •teta eurückgeiandt. RedaktionuchluS: I Mittwoch Vormittag•. I J Redaktion JUdlach. Rund.ch•* I1LHLIN W. 15, SHrh.i.ch« Straft« 8. Trlq.hon: Amt Uhl*n,l 845, 846, 868. Postscheckkontos Berlin Nr. 17392. V..J Nummer 31 XIX. Jahrgang, Die Verwirklichung des Zionismus Zweiter offener Brief an Herrn Dr. Franz Oppenheim e r. Sehr geehrter Herr Doktor! j Für Ihre ausführliche Antwort auf meinen I!!lenen Brief bin ich Ihnen zu Dank verpflichtet. Ihre Meinungsäußerung enthält zahlreiche Eigenheilen, die genauer Erörterung und großenteils entschiedener Richtigstellung bedürfen. Zunächst muH ich noch einmal auf meine angebliche Aeullerung über Deutschland als Wohulaud der Juden zuriiekkoinmen. Nach Ihrer Erklärung haben Sic in Leipzig nicht gesagt, daß ich Deutschland ״n u r" als Wohulaud der Juden bezeichnet habe. Sie haben aber während Ihrer Rede angenommen, daß eine von mir stammende Aeußeiung dem Sinne nach so gelautet habe, und Sie suchen dieses ״Mißverständnis“ zu entschuldigen, indem Sie schreiben: ״Die Ausdrücke ״Wohnland mul Land des Aufenthaltes“ waren merkwürdig ungeschickt gewählt, wenn sie weiter nichts hedeinen sollten als die Tatsache, daß 600 000 Juden in Deutschland wohnen oder sich aufhalten.“ Nun habe ich Sie bereits in meinem vorigen oticiKu Brief gebeten, mir die Stelle namhaft zu machen, wo ich von Deutschland als Wohnland in einem Sinne spreche, der Ihr ״Mißvcrständnis“ rechtfertigen könnte. Ich behaupte nach wie vor, weder wörtlich noch ä e m Sinn c n ach von Deutschland ״nur“ als Wohnland gesprochen oder geschrieben zu haben und ich behaupte, daß Sie in meinem ״Programm des Zionismus“ keinen Satz finden werden, der so ״merkwürdig ungeschickt“ gewählt ist. Ein wenig mehr ״wissenschaftliche Gcnatiigkm“ in der Verwendung von Zitaten oder nitgebliehen Zitaten wäre doelt angebracht, wenn man öffentlich debattiert. Nun aber zur Sache selbst; Ich gestehe, daß ich mich in einer merkwürdigen Situation befinde, denn bis vor kurzem wußte ich noch gar nicht, daß ich zu einer radikalen Gruppe gehöre, die den Zionismus tyrannisiert, während Sie und andere Zionisten die mißhandelte Minoritat (oder gar Majorität?) der Bewegung darstellen. Ich habe auch mit Vorbedacht meinen offenen Brief an Sie mit der Ueberschrift ״Das Märchen vom Radikalismus“ versehen, weil ich es für ganz ungerechtfertigt halte, von einer ״radikalen Richtung“ im Zionismus zu sprechen, Wennn Sic und Ihre Freunde sich darauf beschränkt hätten, Einzelheiten der Parteiführung zu kritisieren oder in bestimmten Fällen eine anderc als die bis jetzt befolgte Taktik zu entp- Sehlen, so würde ich keine Veranlassung gesehen haben, in eine Zcitungspolemik einzutreten, ja, cs könnte sein, daß ich (und gewiß noch sehr viele andere ״radikale“ Zionisten) in manchen Einzelfragen Ihrer Kritik zugestimmt hätte. Leider aber sind Sie bemüht, nach Art der ״politischen Zionisten“ zwei ganz verschiedene zionistische Theorien zu konstruieren, von denen die eine, nämlich die ״radikale“, falsch und verderblich sein soll, während Sie und Ihre Freunde die andere, und zwar natürlich die richtige, Theorie des Zionismus vertreten. Ich kann indes die von Ihnen behauptete Existenz zweier Arten von Zionismus nicht zugeben, vielmehr glaube ich, daß ״Der Z'onftmius cvdrcbf für des jüdische Ve:k du: Schaffung einer Sffcnt* Hch-rccMlleh geskherier״ Hctmdfliie In 1‘alüsi Ina." Baseler Programm. die ungeheure Mehrheit der Zionisten in ihrer Gntndaiiffassiitig ziemlich einig ist (Nüaiicienmgen verstehen sich von selbst), und daß Ihre Kritik der ״radikalen Richtung“ nur Verwirrung und Schaden gestiftet hat, weil sie einige vielleicht richtige Einzelbeobachtungen maßlos verallgemeinen, im zionistischen Lager eine überflüssige Polemik entfesselt und den Gegnern des Zionismus erwünschte Waffen geliefert hat. Zwei Dinge sind zu debattieren: Das Ziel der Bewegung und ihre Mittel. Heber das Ziel schreiben Sie (und glauben damit eine von der meinen abweichende Ansicht aus/iidrücken) folge 11 des: ״Der Zionismus will das jüdische Volk als Volk erhalten. Heißt das, daß er danach streben muß, alle jetzt noch vorhandenen Juden der Volkheit zu erhalten? Keineswegs! 3',.. Millioucii Deutsche sind nach Amerika ausgewandert und anglisiert worden, ca. 13 Millionen leben in Oesterreich, ein paar Millionen in der Schweiz, in Luxemburg, sogar in Italien einige: hat das das deutsche Volk in seiner Lebenskraft ersdüiilwt > Keineswegs! I luiJucritaiiseiide vor. Juden sind durch die Taufe dem Judentum verioren gegangen: kann es dem jüdischen Volke schaden, wenn noch Humlerttausciuie verloren gehen oder wenigstens in ihren Wohnliindern bleiben? Keineswegs! Sie selber müßten, wenn Sie logisch dächten, den Abfall der Assimilierten wünschen, um für das neu zu schaffende Volk eine homogene Grundlage zu haben, Wenn wir wollen, daß im künftigen Konzert der Nationen Judas Harfe nicht fehle, so haben wir danach zu streben, daß eine geschlossene starke Masse von Juden einer Sprache, Sitte und Kultur im eigeneu Lande nach eigenem Gesetze lebe.“ Ich wüßte nicht, wo hier ein Unterschied zwischen Ihrer und meiner Auffassung zu finden wäre. Daß wir nicht alle 12 Millionen Juden nach Palästina bringen werden, daß die Assimilation unaufhaltsam fortschreiten und daß hunderttausendo von Juden in ihrer Umgebung aufgehen werden, diese Weisheit ist der ״radikalen Richtung“ nicht neu. Hören wir nun, was Sic uns über die Methode der Verwirklichung des Zionismus sagen: ״Wer das erstrebt, ist Zionist; es ist durchaus nicht erforderlich, daß er selbst den Wunsch bat, jener Masse anzugehören, und es ist nicht wahr, was Sie sagen, daß ״ohne solches Streben der Zionisten der Zionismus unausführbar ist“! Hier stock׳ ich schon. Also der Zionismus soll ausführbar sein, aucli wenn die Zionisten nicht danach streben, daß sie selbst oder ihre Kinder nach Palästina gelangen. Ja, wie denn? Sind es denn nicht Zionisten, die nach Palästina geben? Wer soll denn dorthin streben? Und ich' habe doch ausdrücklich gesagt, daß nicht etwa alle Zionisten nadi Palästina auswandern müßten, sondern daß nur in der ganzen Bewegütig eine Tendenz zur persönlichen A n t e i 1 n a h m e an der Palästinaarbeit wahrnehmbar sein müsse, durch welche allmählich die nötige Zahl von Menschen und das nötige Kapital hinübergeführt werde. Diese Tendenz oder dieses Streben sollte entbehrlich sein? Aber hören wir weiter, was Sie dazu sagen: ״im Gegenteil: gerade dieses Stieben wird den Zionismus schwer ausführbar, vielleicht unausführbar machen. Denn unser Erfolg hängt, wie Sie selbst richtig angeben, davon ab, daß ״sielt genügend Juden finden, die ihre Arbeit, ihr Geld mul vielleicht noch mehr für Palästina cinzusctzcn gewiilt sind“. Mit ihren idealen Forderungen aber machen Sie es unzähligen Juden unmöglich, Zionisten des Minimalprogramms zu werden. Wir brauchen zahllose Phiiozionisten, wenn Sie so wollen, um die Masse ins Land, das Land zur Masse zu bringen. Zahllose Leute wie ich, die ״ihre Arbeit, ihr Geld und vielleicht mehr“ aus höheren oder niederen Motiven für das vielleicht Unerreichbare cinsctzcn.“ Aber verehrter Herr Doktor! Warum streiten wir eigentlich? Ich erkläre als mein Programm die Erziehung von Menschen, die gewillt sind, ihre Arbeit, ihr Geld und vielleicht noch mehr für Palästina einzusetzen und Sie antworten mir, meine ״idealen Forderungen“ machten es den zahllosen Phiiozionisten unmöglich, ihre Arbeit, ihr Geld und vielleicht mehr für Palästina einzusetzen! Wo bleibt die Logik? Aber weiter, ich habe ja noch so einen Satz geprägt, gegen den Sie sich wenden, und vielleicht enthält dieser das Geheimnis des Radikalismus. Ich sprach von den Notwendigkeiten der zionistischen Jttguulerzichung und sagte, wir müßten die Jugend so erzielten, ״daß sie bei ihrem deutschen Kulturbewußtsein und trotz aller inneren und äußeren Widerstände sich dafür entscheidet, in der persönlichen Anteilnahme an dem Aufbau unseres palästinensischen Daseins das höchste Ideal ihres Lebens zu erblicken“. Nun möchte ich gerne wissen, ob das etwas anderes bedeutet, als der obige von Ihnen gutgeheißene Satz, daß wir Leute brauchen, die bereit sind, ״ihr Geld, ihre Arbeit und vielleicht noch mehr für Palästina einzusetzen“, — ein Satz, den Sie merkwürdigerweise zur Lösung für die Phiiozionisten machen möchten, während idi mich damit begnüge, so ״radikale“ Forderungen nur an Zionisten zu stellen. Sie erörtern lang und breit, was wohl mit dieser ״persönlichen Anteilnahme“ gemeint sein könne. Daß ich nicht die sofortige Auswanderang aller Zionisten verlange, geben Sie selbst zu, Dali ich feststelle, ״nicht jeder Zionist kann und wird Kapital in Palästina investieren“ — diese einfache Konstatierung benutzen Sie sogar zu einem Vorwurf, indem Sie spöttisch hinzur fügen: ״ein sonderbares Ideal, meiner Treu“. Sonderbar? Durchaus nicht! Für jemand, dem der Zionismus weder ein Transportunternehmern noch ein soziologisches Experiment, sondern eine aus der jüdischen Geschichte ganz leicht verstündliche nationale Bewegung ist — für so einen ״radikalen“ Zionisten wie midi ist es ganz klar, welche verschiedenartigen Formen das Streben nach Palästina annehmen kann. Jeder richtige Zionist gewinnt mit der Zeit eine Art von persönlichem Verhältnis zu Palästina als der einstigen und künftigen Heimat des jüdischen Volkes. Diese scelisdie Beziehung wird je nach Charakter, Fähigkeiten und äußeren Lebcnsumständen auf verschiedene Weise zum Ausdruck kommen. Die einen werden selbst hingehen (das sind jene Pioniere, die wir haben müssen), andere werden Kapital investieren, wieder andere, die weder Kapital besitzen noch die Möglidikeit