Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1914)
- Date
- 1914-07-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 28/30 JUEDISCHE RUNDSCHAU s»1t« «a Die erste Session des Jerusalemer Provinzialrates Der Jerusalemer Provinzialrat (M e d s c h 1 i s U m u 111 i) ist bekanntlich eine Frucht der arabischen Reformbestrebuiigen, die besonders in Syrien und Mesopotamien vor einem Jahre nacht!}» waren. Während die radikalen Araber noch viel weitergehende Forderungen in bezug auf die Dezentralisation der Verwaltung stellten und noch stellen, haben sich die gemäßigteren Fleinente der arabischen Bevölkerung mit der Regierung dahin verständigt, dal) zunächst eine Provinzial* Vertretung in allen Vilajcts geschaffen wird, die einen Teil der Verwaltungsgeschäfte übernimmt, insbesondere auf vvirt* schädlichem, kulturellem und landwirtschaftlichem Gebiete, sowie dem der öffentlichen Arbeiten. Nach diesem Gesetze haben je 12 500 Einwohner das Recht, einen Vertreter in den Provinzialrat zu entscdcii. Da der Verwaltungsbezirk Jerusalem einen eigenen Provinzialrat hat, so dürfte es vor; Interesse sein, über den Verlauf der ersten Session einiges zu erfahren. Dem Jerusalemer Provinzialraf gehörten dreizehn Mitglieder an, und zwar aus Jerusalem und Gaza je vier, aus Jaffa drei und aus Hebron zwei. Den Vorsitz führt der Jcrusalemer Gouverneur. Es muß leider konstatiert werden, daß wir zurzeit in dieser Körperschaft nicht einen einzigen jüdischen Vertreter haben, ln dieser Beziehung hatten wir in den letzten Jahren überhaupt fortgesetzt Niederlagen zu verzeichnen. Dali wir auch bei den jüngsten Parlamentswahlcn keinen einzigen jüdischen Abgeordneten nach Konstantinopel entsenden konnten, war vorauszuschen. Weit schlimmer ist es aber, daß bei den Wahlen zum Jerusalemer Magistrat (ßalladic), die in der. letzten Tagen vor sich gingen, ebenfalls kein einziger Jude gewählt wurde, während noch dem vorigen Magistrat, der im ganzen zehn Mitglieder zählte, vier Juden angehörten. Der Schlüssel zu dieser betrübenden Erscheinung ist in zwei Umständen zu suchen. Erstens wird noch immer die Ottomanisierungsaktion mit ungenügendem Nachdruck betrieben. Fast hat cs, angesichts der in dieser Beziehung herrschenden Lässigkeit, den Anschein, als müßten die nötigen Impulse hierfür aus dem Auslande, namentlich aus den Reihen der zionistischen Organisation kommen. Ucber die Notwendig* keit einer Ottomanisicrung der palästinensischen Juden in großem Umfange braucht man heute wohl nicht viel Worte zu verlieren. Damit würden wir mit einem Schlage unseren Widersachern die gefährlichste Waffe entwinden und würden zugleich das Vertrauen weiter arabischer Volkskreise gewinnen, ln diesem Zusammenhänge sei hier en passant erwähnt, daß einer der palästinensischen Abgeordneten vor seiner Abreise nach Konstantinopel zweimal Herrn Elieser Ben-Jeh u d a h besuchte und ihm in ernster politischer Unterhaltung wiederholt erklärte, daß er zugunsten der jüdischen Kolonisation wirken würde, wenn er die Ottomanisicrungsbcstrc* bungen in erheblichem Maße fortschreiten sähe. Solche symptomatische Aeußerungen verdienen die ernsteste Beachtung. Die zweite Ursache unserer politischen Schwäche ist der Umstand, daß wir in Jerusalem, wo die Juden die absolute Mehrheit der Bevölkerung bilden, noch immer einen Mangel an aktiven Kräften haben. Zweifellos wird sich dies in den nächsten Jahren ändern. Schon im letzten Jahre hatte Jerusalem einen erfreulichen Zuwachs an organisatorisch begabten Männern zu verzeichnen. Auch der Sprachenstreit, der letzten Endes ein Kampf für nationale Selbständigkeit war und der zuin größten Teil von der Jerusalemer Bevölkerung ausgetragen wurde, ist ein günstiges Prognostikon. Mit jeder neuen Institution, die wir in Jerusalem schafien, führen wir der aktiven jüdischen Bevölkerung neue Kräfte zu und wecken zugleich unter dun Jerusalemer Juden schlummernde Energien. Es sei in dieser Beziehung nur auf das G e s u 11 dheitsarot hingewiesen. Doch zurück zum Ausgangspunkt dieser Betrachtung. Wenn wir auch diesmal, zum Teil durch eigenes Verschulden, im Jerusalemer Provinzialrat nicht Sitz und Stimme haben, so gilt von den Verhandlungen dieser Körperschaft doch in mancher Beziehung das Wort: nostra res agitur. Der Vorstand der judäischen Kolonien veranstaltete daher eine hebräische Ucbersetzung der Protokolle dieser Verhandlungcn, die in der offiziellen Jerusalemer Regierungszcitung, im ,,Kuds ii-Scharif", in arabischer und türkischer Sprache erschienen waren, Hier soll eine kurze Ucbersicht geboten werden, damit die Leser eine Vorstellung von den Arbeiten dieser Körperschaft und ihren Entwicklungsmöglichkeiten gewinnen können. Im ganzen wurden einundzwanzig Sitzungen abgelialten. Die erste Sitzung war der Organisierung der Arbeit gewidmet. Es wurden drei Kommissionen eingesetzt und zwar für Schulwesen, für öffentliche Arbeiten und für Landwirtschaft. 111 der zweiten Sitzung befaßte man sich mit dem Budget des Provinzialrates. Es wurden 12 500 Goldpiaster als dreimonatlicher Zuschuß für die Herausgabe des offi* zielten ״Kucis il-Scharif" und ein gleicher Betrag für die Beamten und die Exekutive, bestehend aus vier Mitgliedern der Körperschaft, bewilligt, ln der dritten Sitzung befaßte man sich mit dem Budget des Schulwesens. Auf Grund schriftlicher und mündlicher Referate des Vorstehers der Bilduiigsbeliörde wurde beschlossen, das Budget für Schulwesen in diesem Jahre um 278000 GoHlpiaster zu erhöhen, damit man das Jerusalemer Lehrerseminar und die Schulgebäude in Gaza fcrtigstcllen kann. In derselben Sitzung wurde auch beschlossen, den Justizminister zu ersuchen, in Jaffa ein besondcrcs Handelsgericht einzurichten, da das jetzige Jaffaer Gericht die Fülle der Arbeit nicht bewältigen kann. Es ist dies ein alter Wunsch der Jaffaer Bevölkerung, und der jetzige Jerusalemer Gouverneur hat bereits vor mehreren Monateii, wie seinerzeit der ״Welt" berichtet wurde, in dieser Beziehung Abhilfe versprochen. 111 der vierten Sitzung wurde das Budget für öffentliche Arbeiten, welches Ingenieur Mustafa Effendi vorlegte, genehmigt. Aphcbus Effendi, der Leiter der landwirtschaftliehen Arbeiten, wurde aufgefordert, über einige Kulturen, die der Provinzialrat in Palästina einführen will, ein Referat zu erstatten. Die fünfte und sechste Sitzung waren wieder mit Verhandlungen über Schulwesen ausgefüllt. In der siebenten Sitzung befaßte man sich mit der Akzise von Schlachtviel!, mit den notwendigen Reparaturen an der Omannoschee, mit der Verbesserung der Ciiausscc am Wadi-Salma, mit der Trockenlegung einiger Sümpfe bei Gaza und mit der Oründüng eines Hospitals in. Hebron. Die achte Sitzung beschäftigte sich mit einem Memorandum des Kaimakams von Beer-Scheba, das die Einführung von Baumkulturen in der dortigen Gegend zum Gegenstand hat, Vom Bürger-