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Jüdische Rundschau · 1914-07-24 · Heft 30 (24.7.1914) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 30 (24.7.1914)
Date
1914-07-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 326 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 30 Aber ein Vorwurf kann uns aus dieser Ar. beit nicht erwachsen, denn cs ist das Recht einer jeden Partei, sich ihren Nachwuchs nach ihren Wünschen zu erziehen. Ja, cs ist eine Notwendigkeit, und Henry Unna sollte sich hüten, alle Vereine, die ihr Programm nicht nur auf Turnen und Sport stellen, sondern auch auf geistige Durchbildung, als müßige Diskutierklubs binzuslelleii. Wenn wir jungen Juden in Westeuropa zum Zionismus kommen — einerlei auf welchem \X׳c(tc —, so können wir uns nicht damit begnügen, den Schekel zu zahlen, nationaljüdisch zu turnen und eine zionistische Phraseologie (zu Deutsch: Maulheldentum) spazieren zu führen. Wir fühlen und wissen: wenn uns der Zionismus mehr sein soll, als Partei und fernes Ideal, wenn das uns inneres Erlebnis schon in der Diasoora werden soll, was unseren Kindern hoffentlich Alltäglichkeit in Erez Israel sein wird — ein freies, starkes Judentum, dann müssen wir mit allem Ernst und eiserner Energie daran gehen, uns unser Judentum wirklicli zu erarbeiten. Und so lernen wir jüdische Geschichte, forschen nach Inhalt und Idee des Judentums und lernen tiebriiisch, um alte Und neue Kultur des Judentums an der Wurzel erfassen zu können. Und ferner — unser Weg zum Ziel ist noch weit, noch sind die Möglichkeiten nicht geschaffen, das nächste Geschlecht als Juden im Judenlande leben zu lassen. Unsere Bewegung umfaßt noch einen zu kleinen Teil des jüdischen Volkes. Also lernen wir die Geschichte der Diaspora, Geschichte des Zionismus, zionistische Taktik und Agitation, um mithelfen zu können, bereits in der Diaspora Faktoren für unsere Zukunft in Palästina zu schaffen. Das alles ist Arbeit, die in unseren Parteivereinen geleistet wird. Aber, Fräulein Salomon, dort, wo diese Aufgaben mit Ernst und Aufopferung gelöst werden, dort wird schon — trotz aller Partei — ein Stück wahrer Jugenderziehung geleistet. Ich als Mitglied der Herzl-Bumlesbeweguiig darf hier sagen, dali wir durch die Arbeit in unseren Klubs — über die in weiteren Kreisen wenig bekannt ist und über deren Details zu sprechen hier nicht der Platz ist — nicht nur organisafionstechnische Arbeit leisten und gute Parteiaiihünger erzielten. Nein, wir leisten etwas viel Wertvolleres. Wem! wir dafür sorgen, daß die jungen Leute in unseren Klubs zu wirklich aktiven und selbständig denkenden Zionisten werden, dall sie Juden sind nicht nur dem Namen nach, sondern aus eigenstem Erleben heraus, und wenn wir sie — was allerdings nur in dem eigenartigen Rahmen unserer Klubs durch das nahe Frcumischafts- Verhältnis aller Mitglieder zueinander möglich ist — zu wirklich freien und idealistischen Menschen erziehen, so schenken wir unserem Volke Menschen von wahrhalt innerer Harmonie, schenken dem Judenturne Persönlichkeiten. Und weint ich, um auch I lerrn Unna zufricdcnzustcllen, noch erw ähne, daß wir trotzdem Turnen, Sport und Wandern nicht vergessen, solidem sogar energisch betreiben, so darf icli wohl sagen: Hier ist die glückliche Verbindung zwischen Partei- und r e in c r Jugenderziehung gefunden. Fräulein Salomon und mit ihr die jüdischen Anbänger des ,,Anfangs“ werden mir trotz allem jetzt erklären — was ich sehr gut verstehe —, daß sie mit Partcicrzicliung irn Zusammenhang mit Jtigciidkultui־ überhaupt nichts zu tun haben wollen. Nun, ihnen bleibt ja noch die Betätigung in der zweiten Gruppe, in den rein nationaljüdischcn Vereinen. Hier soll und muß ganz anders gearbeitet werden, als in den Parteivereinen. Denn darüber müßte Fräulein Salomon sich klar sein, ehe sie unsere Arbeit in den Parteivereinen als verkehrt hinslellt, daß in die zionistischen Jugendvereine, Hcrzlklubs usw, nur Zionisten eiiitreten b/.w, ausgenommen werden, d, h. Leute, die sieh ihren Partcistandpunkt bereits gewählt haben, die wir also nicht zu beeinflussen, sondern nur diirehziibildeii haben. In jenen nationaljüdischcn Vereinen aber besteht ein sehr großer Prozentsatz aus sehr viel jüngeren Mitgliedern (im Blau-Weiß sogar vorwiegend aus Schülern), die noch keiner Partei angeboren und die sich nur als Juden auslcben wollen. I lier im Bar Kochba und Blau-Weiß ist das Feld zur Bc• tätigung, hier sind die Vereine, die nicht mehr wollen und derselben Arbeit bedürfen, wie die deutsche Jugendbewegung. Fräulein Salomon hält dem Blau-Weiß seine so• genannte ״Obcrlehrerverbeugung“ vor. Nun, selbst wenn dieser Paragraph, der nur fleißigen Schülern das Wandcrrccht einräumt und den icli selber sehr mißbillige, Geltung hätte, so dürfte das für FTäulein Salomon und ihre jüdischen Freunde kein Grund sein, der Arbeit im Blau-Weiß, der nicht parteiorganisatorisch beengt ist, fcrnzubleibcn. Nicht Kritik und tatlos Fcrnstchcn, sondern Eintreten für Abhilfe durch eigene Arbeit! (Wie aus der Fußnote jenes Artikels hervorgeht, hat dieser Paragraph in praxi gar keine Geltung mehr,) Im Bar Kochba und Blau-Weiß könnte eine Arbeit cinsctzen, die ganz im Sinne der Anhänger des ״Anfanp“ nur für die Jugend strebt, Jugendkultur als Selbstzweck und nicht das enge Ziel hat, einer bestimmten Idee Menschen unterzuordnen, sondern dein zweifachen Inhalt aller wahren Jugcndkultur dient: starke, au frcchtfrobe Menschen und einen gesunden, arbeits- und Opferfähigen nationalen Nachwuchs zu schaffen. Piar«: :s־n::r.-Rüf1Dsa1ßü Ein Zv/bchenJall In Haifa Haifa, Vor einigen Tagen ereignete sich hier bei der Landung einer Gruppe jüdischer Einwanderer ein Zwischenfall. Die Hafenbehörde bereitete diesen Ein- Wanderern Schwierigkeiten, indem sie sich aut eine aus Konstantinopel eingetroffene Verfügung berief. Erst auf Verwendung des russischen Konsuls wurde ihnen die Landung׳• gestattet. Wie sich nunmehr herausstellt, ist der ganze Zwischenfall auf ein Mißverständnis der hiesigen Behördc zuriiekzuführen. Die fragliche Verfügung aus Konstantinoncl bezog sieh in Wirklichkeit aut eine Gruppe jüdischer Auswanderer aus Saloniki, die als griechische Staatsangehörige verabsäumt hatten, ihre Pässe beim türkischen Konsul vidieren zu lassen. Von der Eisenbahnlinie Jaffa—Jerusalem Die Einnah inender Bahnlinie Jaff a~ Jerusalem beliefen sich nach dem vor kurzem veröffentlichten Geschäftsbericht im Jahre 1913 auf rund 13 000 OCX)< Frcs. Die Gesellschaft verteilte aut Stammaktien im Nominalwerte von 500 Frcs. 4,0625 Francs pro Aktie, auf Obligationen im Nominalwerte von 500 Frcs, 33,9534 Frcs. Außerdem sollen stille Reserven von beträchtlichen Summen angcsammelt sein; wie hoch sich diese belaufen, ist in dem Berieht nicht angegeben. Zwei neue russische Kolonien in Palästina Der bekannte Kiewcr Millionär Hrodsky hat mit einigen anderen reichen Juden einen Plan aus* gearbeitet, für die Ausgewiesenen von Kiew eine Kolonie in Palästina zu gründen. - Sechshundert Familien von Chussidim aus der Gegend von Lodz haben sich vereinigt, um eine Ansiedlung in Palästina zu errichten. TAKT׳־ Diir uutorzcuctmoto Kornltoo hat durch da» Milelion 111's Herr« Geheimen Justizrat י! fV st n Veit Simon 1411011 schworen Verlust erlitten. Der Verblichen« hat Hii'h seit l׳>ri"l111111K des Komitees iIchsoii Arheiten mit Kiler und Hineehmig gewidmet. Frei von jedem Ihm t׳e)׳oj) die l’crHon, hat er Anseluuiungi'n mul MriHHiialuiifm hekämplt, in deren Botätigimg und Durch■ l'ülinmg er eine (iufnhr Ifir 1110 «loutHi’hon .Inden er• hlickto. besbiub setzte er, der so viel behclniftigte, mit Arbeit 1'ilierhiUil'to und von allen Seiten als Berater und lieseliütznr in Anspruch genommene Mann a'le seine Kruft in der ihm so karg Immessonen freien Zeit daran, die Arbeit 110m Komitees 7.11 IVirdern und zu steigern. Sein Andenken wird von den Mitgliedern de» Komitee» stets in Khren gehalten werden. Berlin, im Juli II!I•!, Das Antizionistische Komitee. LOS ALLER V?ELT Pogromdrohungen In Rumänien Aus Bukarest wird berichtet: Der Verband der in Rumänien geborenen Juden hat an das Parlament von neuem eine Eingabe gerichtet, in welcher die Gleichberechtigung für die im Lande geborenen Juden gefordert wird. Aut diesen Schritt der rumänischen Juden antwortet nunmehr der Sekretär der rumänischen K u 11 u r I i g a, Professor Bogan Dui ca, mit einer in allen rumänischen Zcitungen veröffentlichten, in überaus aufreizendem Tone gehaltenen Kundgebung, worin er erklärt, daß die Judenfrage eine Macht frage ist, und droht, dali auf den mindesten Versuch hin, diese Frage im Sinne der rinniinisdicn Juden zu lösen, die rumän i s c h e Bevölkerung mit einen! Pogrom nach russischem Muster antworten würde. Da sich auch die rumänische Regierung gegenüber den Forderungen der rumänischen Juden Konsequent ablehnend verhält, so wird befürchtet, daß der begonnene Kampf der rumänischen Juden um die Gleichberechtigung ihnen nicht unerhebliche Gefahren bringen wird. *) Aus dem Berliner Tageblatt und der Vossischen Zeitung. Eine Charakterisierung der Methode, Todesanzeigen als Inserate gegen den Zionismus zu benützen, erübrigt sich. Die Redaktion. Infolge der zügellosen antisemitischen Agitation kam cs in O d o b e s c h t vorige Woche zu Ausschrcitungcn gegen die jüdische Bevölkerung. Der Straßenmob plünderte eine Anzahl jüdischer Läden und Wohnungen. Die Polizei schritt ein und verhaftete einzelne Exzedenten. In der rumänischen Kammer brachte der Leiter der judenfeindlichen ״Kulturliga“, Professor Cu za, diesen Vorfall zur Sprache und interpellierte den Minister des Innern, welche Maßregeln er zu ergreifen gedenke, ״um die schädliehe Tätigkeit der Juden zu unterdrücken und die judciifrcimdlichcn Polizeibeamtcn zu bestrafen!" Der Minister erwiderte, er werde eine Untersuchung cmleiten und der Kammer über das Ergebnis berichten. Drohende Ausweisung von zehntausenden Juden aus Kiew Aus Kiew׳ w׳ird berichtet: Nach einer neuerdings getroffenen behördlichen Verfügung werden voraussichtlich acht- bis neuntausend jüdische Familien, insgesamt etwa vierzig tausend Seelen, die Stadt verlassen müssen. Dabei handelt cs sich um zwei besonders privilegierte Kategorien von Juden, deren Wohnrecht seit Jahrzehnten unbestritten ist. Als nämlich die russische Regierung unter dem liberalen Alexander II. die Verbreitung der Bildung unter den Juden besonders fördern wollte, da erlief) sie ein Gesetz, wonach alle diejenigen Juden, die ihre Kinder in die Umcrrichtsanstaltcn Kiews schickten, unbehelligt am Orte wohnen durften. So wohnen gegenwärtig etwa zweitausendfünfliundert jüdische Familien in Kiew nur auf Grund der Erziehung ihrer Kinder in staatlichen Schulen, Da sind nun plötzlich die russischen Verwaltungsbehörden aut den Gedanken gekommen, das seit Jahrzehnten bestehende Privileg ohne jegliche Sanktion seitens der gesetzgebenden Körperschaften umzustoßen! Neben dieser Kategorie soll aber noch eine weit größere, diejenige der Handwerker, schon in den nächsten Wochen der Ausweisung verfallen. Denn in Kiew gibt es nicht weniger als sechstausend alteingesessene j ii d i s c 11 c H a n d w c• r k c r f a m i I i c n, die also plötzlich ins große Unglück gestürzt werden. Und womit begründen die Behörden diese Grausamkeit? Sie haben vor einigen Jahren in dem jüdischen Ansiedlungsrayon sämtliche Handwerkerinnungen mit Ausnahme derer von Odessa, Bcrditschcw, Kischinew und Kertsch geschlossen und von den Juden, die als I iandwerker in Kiew wohnen, die alljährliche Bei- Bringung eines Zeugnisses einer Innung verlangt, durch die der Befähigungsnachweis erbracht wäre. Nunmehr gehen die Behörden noch einen Schritt weiter. Sie verlangen von jedem, der ein solches Zeugnis beibringt, den Nachweis, daß er seinerzeit, sei es vor zwanzig oder dreißig oder noch mehr Jahren, am betreffenden Orte seine Lernzeit durchgemacht habe. So absurd auch diese Forderung ist, daß plötzlich sämtliche jüdischen Handwerker Rußlands, wenn sie vom allgemeinen Woluiprivileg Gebrauch machen wollen, den Nachweis erbringen sollen, daß sie ihre l.ehrlings/eil au einem der genannten vier Orte /tigebraclii hätten, so sehr dies natürlich auch dem (iesetz widerspricht, so ist doch die Gefahr vorhanden, daß die Kiewcr Verwaltung die widersinnige Katastrophe hcraufbcscliwörcn wird. Schon sind zahlreiche jüdische Handwerkerfamilien auf Grund der erwähnten Verfügung ausgewiesen worden und die anderen erwarten von Tag zu Tag das gleiche Schicksal. So werden wohl etwa v i e r z i g t a 11 s c n d jüdische Seelen Kiew verlassen müssen! Die geplante Massenaus- Weisung bedeutet eine Hcraufbcschwönmg von Elend, wie cs selbst in Rullland nicht alltäglich ist. Sollte die Menschlichkeit nicht noch im letzten Momente siegen, so wird Kiew damit einen der schrecklichsten Pogrome erleben. Diese Ausweisungen bedrohen aber nicht nur die Existenz der Kiewcr Juden, sondern auch die gesamte Wirtschaft des russischen Siid- Westens, Herzls Roman ״Altneuland“ In spaniolischer Uebersetzung 1 icrzls Roman ״Altnculand" ist kürzlich in spamalischer Uebersetzung erschienen. Die liebersetzung, die von Herrn Josef Uziel stammt, ist äußerst gelungen und hat in snaniolischcn Kreisen großen Eindruck gemacht. Die Uebersetzung ist im Aufträge einer vom Cercle Bnei Zion in Saloniki gegründeten Gesellschaft zur Herausgabe jüdischer Schriften erfolgt. Herzls ,Judenstaat“ In polnischer und jüdischer Uebersetzung Anläßlich des 10. Todestages von Theodor Herzl erscheint in St anislau (Galizien) eine von David Erdtracht besorgte polnische und jiddische Ucbcr- Setzung von Herzls ״Judenstaat“. Als Einleitung sind dein Buche interessante Vorreden von Gräfin Marie Johanna W i clopol 8 ka, Baronin Bertha von Suttner (im April d. Js. geschrieben), Grafen J. Tolstoi (ehemaligem russischen Unterrichtsminister), Leon Bourgeois, Max N o r d a u, Israel Zangwill, Achad-Haam, Dr. Alfred Nossig und Dr. Leon Reich beigegeben.

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