Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1914)
- Date
- 1914-07-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 J U E D1 S CH E RUNDSCHAU Seite 325 dieses Volkes zu werden, und davon werden vorabsichtlich Viele diese Absicht nicht ausführen, seihst wenn sie in die Lage dazu kommen. Einige andere haben nicht die Absicht, und davon werden vielleicht dennoch einige sich zur lieber־!;icdlung entschlichen, wenn das Land sich wirfcdiaftlich und kulturell besser und schneller ent־ iahet als sie jetzt aunehmen. Danach fragen «vir nicht. Wir nehmen die Hilfe, wo wir sie fi,.den. Will sich jemand schon heute durch das Smditim der hebräischen Spräche und jüdischen Geschichte auf seine Uebersiedlung vorbereiten, Sv respektieren wir das durchaus, wobei wir nati,'1ich wünschen, daß so ernste Dinge nicht 11! och Torheiten Einzelner zu Lächerlichkeiten <\aden, die die ganze Bewegung diskreditieren;;;; er wir halten niemanden für einen schlechten Zionisten, der vorläufig lieber Englisch oder f .peranto studiert und sich mit griechischer Kultur oder japanischer Kunst beschäftigt. Wir glauben, daß die Kraft der Idee groß und stark genug ist, um jederzeit so viel Juden nach Palästina zu führen und dort zu halten, wie nach Lage der politisch-wirtschaftlichen Vcrhaltnisse dort nötig sind und existieren können. Eine Propaganda, die Tausende fanatisiert und nier seelisch entwurzelt, ohne ihnen drüben neues Erdreich geben zu können, halten wir für geradezu verbrecherisch, namentlich, wenn die ״Jugenderzieher“ selbst es vorzichcn, heimlieh Wein zu trinken, während sie öffentlich Wasser predigen. Wir verlangen Opfer von uns, nicht von anderen. Ob sich der Zionist an jüdischer Gegenwartsarbeit in anderen Organisationen in seinem Heimatland beteiligen will oder nicht, überlassen wir ihm genau so, wie seine Beteiligung am nichtjüdischen politischen und kulturellen Leben seines Volkes. Das geht uns nichts an. Als Zionisten haben wir nur Palästina im Auge, und darum haben wir uns als Zionisten meiner bescheidenen Meinung nach weder um Gemeinde• Angelegenheiten noch uin Staatspolitik zu kümmern. Nichts ist mir, gerade weil ich Zionist bin und höhere Ziele im Auge habe, so gleich• gültig, als die Frage, ob ein Zionist oder Nichtzionist irgendwo Gemeindevorsteher oder Abgeordneter ist. Wenn wir überall Feinde haben, so liegt das nur an mißverstandenen Propaganda- Rücksichten. Für sich mag jeder tun oder lassen, was er will: ich kann nur nicht verstehen, was uns das als Zionisten angeht! Wenn wir danach handeln, nur unser eines Ziel im Auge, werden wir in Frieden diesem einen Ziel leben können und werden Unter- Stützung und willige Hilfe finden, während jetzt unsere Mittel an Menschen und Geld allzu klein sind und auf allerhand unnütze Kriegszustände zersplittert werden, statt unserem Ziele zu dienen. ״Pfui, wie nüchtern! Wir prosaisch! Wo bleibt der Schwung, das Pathos (und leider auch Ballios) und die ״Kraft“ des jungen Heinrich Margulies? Darüber kann man ja gar keine Agitationsrede halten und donnernden Beifall erzielen! Wo bleibt die jüdische Kultur? Wo die hebräische Sprache? Die Jüdischkeit? Die jüdischen Inhalte?“ Richtig! Es ist ein sehr nüchternes Programm, aber es ist hoffentlich ausführbar. Wir wollen das Haus von unten bauen, nicht vom Schornstein her. Erst das jüdische Volk im jüdische Land breit in Bauernschaften vcrankern, dann jüdische arbeitsteilige Volkswirtscnift, den Agrar ־ Industrie - Handclsstaat von Friedrich List, und dann erst jüdische Kultur als Oberstock mit ihren gesamten Inhalten, — die aber wahrscheinlich ganz anders aussehen werden als die Maximalzionisten glauben; übrigens glaubt jeder von ihnen etwas anderes. Dies ist unser Programm oder wenigstens meines, nach wie vor. Wer aber auf dcutsc hem Kultur- und Sprachboden jüdisches Volksbewußtsein, hebräische Kultur und andere derartige Dinge pflanzen will, der will nach unserer oder wenigstens nach meiner bescheidenen Meinung die berühmte Kreuzung von i Karpfen und Kaninchen produzieren. Dr. Franz Oppenheimer. ל׳ן *«׳־p##■ft f— ז ז** ״ *- 1'* ft 9* *: Ld% tli*׳*,.״I sui 77 1O *> f I er io?F)Si*at10ie11״ v y י ־»<r 1« «•M-S -.,"ד■ UÜili J ׳>% t* י; ן \f:!» '%>• 4 L äh IGtiC f 1U / 'i liU . Z. ¥.)“ »Kartell jüdischer Verbindungen (KJ. V.)׳‘ Die beiden großen Verbände, der B. J. C. und das K. Z. V., der nationalen jüdischen Studentenschaft in Deutschland haben sich zu einem für den gesamten deutschen Zionismus ebenso bedeutungsvollen wie erfreulichen Schritt entschlossen. Nach längeren, etwa ein Vierteljahr währenden Verhandlungen haben ihre für den vergangenen Sonntag, dem 19. Juli, nach Berlin berufenen außerordentlichen Kartelltage die Vereinigung beider Kartelle beschlossen. Das neue Kartell führt den Namen ״Kartell Jüdischer Verbindungen (K. J.V.)“, seine einzelnen Korpora• tionen heißen ״Verbindung Jüdischer Studenten Has• monaea, Maccabava (usw.)“. Das Programm des neuen Verbandes lautet: ״Das K. J. V. will seine Mitglieder zu Männern erziehen, die in dem Bewußtsein der nationalen Einheit der jüdischen Gemeinschaft entschlossen sind, für eine der Vergangenheit des Judentums würdige Erneuerung des jüdischen Volkstums ein• zgtreten.“ Wegen seiner historischen Bedeutung ist der Name ״V. J. St.“ als Abkürzung von ״Verbindung Jüdischer Studenten“ erhalten geblieben, um auch in Zukunft ein Kampfruf gegen äußere und innere Feinde zu sein. Die neue Organisation umfaßt etwa 1000 Mitglieder, davon etwa 800 ehemalige B. j. C.-er und etwa 200 ehemalige K. Z. V.־cr. Das K. J. V. ist mit dieser Zahl wohl der stärkste jüdische Akademikerverband, den cs überhaupt gibt. Seine Leitung liegt in den Händen des Präsidiums in Berlin, dessen erster und zweiter Vorsitzender Dr. Erich Rosenkranz, der langjährige Prüside des B. J.C., und Dr. Egon Rosenberg, der bishörige Leiter des K. Z. V., sind. Der Zusammenschluß der beiden Verbände ist ein Ereignis von bedeutender Tragweite. Einmal sind mit ihm die mancherlei Reibungen fortgefallen, die trotz aller freundschaftlichen Bemühungen zwischen den studentischen Korporationen nicht vcrmieden werden konnten; wichtiger noch ist es, daß die durch den Zusammenschluß potenzierte Stoßkraft beider Verbünde unserer Werbearbeit unter den jüngoren Akademikern wachsende Erfolge verspricht. Bei der Bedeutung, die den jüdischen Akademikern Deutschlands in der deutschen und darüber hinaus in der allgemeinen zionistischen Bewegung zukommt, ist diese Aussicht gar nicht hoch genug cinzuschätzen. Ganz besonders erfreulich ist aber der Geist, aus dem der Gedanke der Verschmelzung geboren wurde. Nur wer es weiß, was eine studentische Korporation ihren Mitgliedern bedeutet — daß sie nicht ein Verein wie mancher andere, sondern eine wahrhafte Lebensgemeinschaft ist — nur der kann es beurteilen, welches ideelle Opfer in dem Aufgeben der alten Gemeinschaft zugunsten der neuen Einheit liegt. Nur cui tiefes und selbstloses nationales Empfinden konnte diese Entsagung reifen lassen. Noch vor wenigen Jahren, als der Gedanke der Fusion schon einmal aufgetauclit war, ließ er sich nicht verwirklichen. Erst die Entwicklung der letzten Jahre, die vielleicht am deutlichsten in der Geschichte unserer studentischen Korporationen in die Erscheinung tritt, hat diesen Fortschritt gebracht. Aus Zu• fallsgebilden, die sie mehr oder weniger waren, haben sich die Korporationen zu wirklichen Hochschulen des zionistischen Gedankens entwickelt. Oft genug ist zweifelnd gefragt worden, wo denn die Erfolge einer neuen zionistischen Erziehung der jüngeren Gencration seien. Nun, selbst wer sie bisher nicht sehen konnte oder wollte, den kann man jetzt auf diese Leistung Hinweisen, die, aus freier Entschließung der Beteiligten geboren, das Ergebnis einer wirklich guten zionistischen Schulung und Disziplin ist. Diese Politik d e r S a m m 1 u n g ist im Judentum eigentlich etwas Neues. Bisher war es Sitte — oder Unsitte — der Juden, für jeden einzelnen Zweck ■eine neue Organisation zu schaffen — wenn auch die Beteiligten immer dieselben waren. Diese Vielfältigkeit des jüdischen Lebens ist oft genug als ein Symptom kräftigen jüdischen Lebens ausgelegt worden. Völlig mit Unrecht. Sie erklärt sich vielmehr nur darauf», daß dem Judentum der Einhcitsgedankt־ mehr und mehr abhanden gekommen war. Das große Erbe war in zahllose kleine und darum wertlose Vermächtnisse zerschlagen worden. Nicht die Fülle des Lebens, sondern der Zerfall gebar diese immer neuen Formen. Im Grunde waren sie nur stets erneute und stets wieder mißlingende Versuche, etwas Lebensfähiges zu schaffen. Im Gegensatz dazu ist diese neue Vereinigung geradezu ein Beweis für die innere Kraft und Lebendigkeit des Zionismus. Hier wohnt der umfassende Gedanke, der dem übrigen Judentum abhanden gekommen ist. Er bezwingt partikulnrifdischc Bestrebungen und lehrt uns, daß es besser und vernünftiger sei, mit vereinten Kräften der Sache zu dienen als eine Vielseitigkeit zu pflegen, bei der allenfalls persönliche Interessen auf ihre Kosten kommen. Damm bedeutet die Zusammenfassung der beiden Verbände eine Konzentration der 7.ionistischen Kraft, um sie desto wuchtiger zu gebrauchen! Die neue Jugend ׳ Eine Entgegnung. Von Otto Lehm a n n , Hamburg. In Nr. 24 der ״Jüdischen Rundschau" versucht Fräulein Anne Salomon die Gründe auseinanderzu• setzen, die sie und alle jüdischen Mitarbeiter der neuen deutschen Jugendbewegung, die sich um die Idee Dr. Wynckcns und den ״Anfang" gebildet hat, davon abhalten, ihre Kraft auch in den Dienst der jüdischen Jugendarbeit zu stellen. Nicht eine Wertung unserer Idee sei die Ursache, sondern nur die Wertung des Systems. Verkehrt und unvereinbar mit dem Begriff einer .reinen Jugendkultur sei unser System um deswillen, weil in unserer — d. h. der parteizionistischen — Jugendarbeit Zionismus das primäre, Jugend aber erst das sekundäre Moment sei. Als Beweis für diese letzte Behauptung zitiert die Artikelschrcibcrin einige Stellen aus einem Artikel von Margulics, die ihr allerdings mit der klaren Forderung: mehr Jugend, um der Organisation größere Stoßkraft zu verleihen, völlig recht geben. Und wer von uns einmal objektiv unsere Parteijugendarbeit auf diesen Vorwurf hin betrachtet, kann der obigen Definition unseres Systems eine gewisse Berechtigung nicht versagen. Ob allerdings diese Tatsache einen Vorwurf für uns bildet, darüber werde ich mich später noch äußern.' Ein ganz ähnliches Urteil über unsere Jugendarbeit fällt in derselben Nummer dieser Zeitung Herr Henry U n n a in seinem Artikel ״Erziehungsprobienie" (der überhaupt — aufmerksam gelesen — eine frappante Aehnlichkeit mit dem Aufsatz von Fräulein Salomon aufweist). Auch Unna glaubt uns sagen zu müssen, was wahre Jugendpflege■ sei, auch er verlangt, daß unsere Jugenderziehung nicht von ״parteipolitischen“ oder ״organisationstcclinischcn“ Gesichtspunkten geleitet werden dürfe, sondern ausschließlich auf ״rein menschlichem Gebiete“ zu liegen habe. — Bereits an dieser Stelle möchte ich sagen, daß der Artikel von Henry Unna, der mit anderen Worten genau dasselbe sagt, wie Fräulein Salomon und geschrieben ist von einem Manne, der trotz dieser Kritik mitten in der jüdischen Jugendbewegung steht, daß dieser Artikel Fräulein Salomon doch cigcntlieh zu denken geben müßte, ob ihre Abseitstaktik nicht etwas fruchtlos Negatives gegenüber einem möglich Positiven darstellt! Beide Artikelsclireibcr also erklären das System unserer Jugendarbeit für völlig verkehrt. Der eine versucht unsere Arbeit mehr in das Gebiet jener Vereine zu verlegen, die in keinem Abhängigkcitsvcrhältnis zur zionistischen Organisation stehen und basieren auf der rein körperlichen Erziehung unserer Jugend, der andere erklärt, nicht mitarbeiten zu können, bis hier Wandel geschaffen sei. Eine Frage aber — die vielleicht der Diskussion mit den Anbangem des ״Anfangs“ eine andere Richtung geben könnte — bleibt noch offen: Wird die Forderung, die wir an die jüdischen Mitarbeit er des ״Anfangs“ stellen: mitzuarbeiten auch an der Erziehung der jüdischen Jugend, überhaupt tangiert von der Art und Weise, wie wir in uns(• ren Parteijugendvereinen die Arbeit leisten? Es gibt zweierlei jüdische Jugendorganisationen, in denen wir Zionisten arbeiten können und sollen. Einmal die reinen Parteivereine — wie zionistische Jugendvereine, zionistische Studentenverbindungen und Herzlklubs — und ferner die von unserer Organisation und unserem Programm vollkommen unabhängigen, jüdisch-nationalen Vereine — wie Bar Kochba und Blau-Weiß. Wie soll die Arbeit in diesen beiden ver• schiedcnen Arten der Jugendorganisationen geleitet werden? Was unsere reinen Parteivereine betrifft, so sind wir m. E. gerade heute auf dem besten Wege, die in diesem Rahmen allein richtige Arbeit zu leisten. Diese Vereine sind nun einmal Parteiwerkzeuge, sind dazu geschaffen, die Organisation zu stärken, ihr gut durchgebildete und disziplinierte Mitarbeiter zu erziehen. Auf diese Vereine paßt die Definition, die Fräulein Salomon von unserem ■System gegeben hat, und wenn ihr eine reine Parteiarbeit nicht sympathisch ist, so wird es ihr niemand verübeln, wenn sie diesen Organisationen fern bleibt. 'f?!