Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1914)
- Date
- 1914-07-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 324 J U EDISCH E RUNDSCHAU Nr. 30 Und nun zu Ihren Mitteln! Sie wollen die Jugend ״palästinisicren“, wenn der Ausdruck gestattet ist. Sie wollen sie ״so erziehen, daß sie bei ihrem deutschen Kulturbcwußtscin und trotz aller inneren und äußeren Widerstände sich dafür entscheidet, in der persönlichen Anteilnähme an dem Aufbau unseres palästinensischen Daseins das höchste Ideal ihres Lebens zu erblicken“. Heißt das: Auswanderung nadi Palästina? Man sollte cs glauben. Aber nein! Sic sagen: ״Es ist nicht gesagt, daß alle guten Zionisten nach Palästina auswandern müssen“. Und: ״Nicht jeder Zionist kann und wird hinübergehen. Nicht jeder Zionist kann und wird Kapital in Palästina investieren“. Also nicht einmal Kapital? Und ״erblickt doch in der persönlichen Anteilnahme an dem Aufban unseres palästinensischen Daseins das höchste Ideal seines Lebens“? Ein sonderbares Ideal, meiner Treul Sie wollen Tausende palüstinisieren, damit die Wenigen liiutihergehen, denen ״harte Notwendigkeiten den heißen Wunsch nicht versagen“, die ״Wenigen, die wir haben müssen.“ Das ist eine miserable Methode! Eine ganz miserable Methode, wenn man sie so handhabt, wie Ihre (truppe das tut. Sie hat uns mit allen anderen jüdischen Organisationen in schwere Konflikte gebracht, hat uns die wertvollsten Sympathien gekostet, hat uns ״Minimalzionisten“ verbittert und zuletzt gezwungen, uns zur Freude der Oegncr in die Oeffentliclikeit zu flüchten. Aber nicht nur vom Standpunkt der äußeren Erfolge aus eine miserable Methode! Viel iniserabler noch 'vom Standpunkt der inneren Folgerichtigkeit, ich will höflich sein und nicht sagen: der inneren Wahrhaftigkeit. Das nennen Sie ״die Erkenntnis der zionistiselien Notwendigkeiten in den Willen zu ihrer Erfüllung unnvandcln“, daß Sie Andere nach Palästina senden? Warum gehen die Maximal- Zionisten nicht selbst hinüber, um ״das höchste Ideal ihres Lebens“ zu erfüllen? in ihnen ist doch offenbar die ״Erkenntnis bereits in den Willen zur Erfüllung umgewandelt“? Oder nicht? Warum gehen Sie nicht selbst hinüber, sehr verehrter Herr Lichtheim? Ihnen stellen doch, so viel ich weiß, keine ״harten Notwendigkeiten“ im Wege? Wissen Sie nicht, daß ein Jugenderzieher, und Sie erkennen es ja als Ihre Aufgabe, die Jugend zu erziehen, durch nichts sicherer wirkt als durch sein Beispiel? Aber nein, der ״Wille zur Erfüllung“ ist ja gar nicht der Wille zur persönlichen Ansiedlung in Palästina, wie Sie selbst feststellen. Es ist ja nur der Wille zur ״T c n d e n z“, nach Pa¬ Aus zwei Quellen Roman von Jakob Löwenberg. Ein poetischer Beitrag zum deutsch-jüdischen Kulturkonflikt, der vor kurzem im ״Kunstwart" erörtert wurde; eine fesselnde Schilderung, wie dieser Konflikt in der Seele eines feinfühlenden modernen Juden deutscher Kultur zur Tragödie seines Lebens werden kann, in dem jungen Lehrer Dr. Leniihnuscn. der in einem westfälischen Dorfe, unter deutschen Bauern, ohne Rabbiner und Religionsunterricht groß geworden, mit den Wäldern und Fluren seiner deutsehen Heimat aufs innigste verwachsen ist, lebt doch ein gewisses jüdisches Gefühl, ihm seihst zunächst kaum bewußt, nur ein Hauch der Liehe, der die Erinnerung an den Brauch des Elternhauses umweht. Viel mächtiger durchraiischt ihn der andere Quell, die Liehe zur deutschen Kultur, die Begeisterung für deutsche Dichter und Denker und für die Menschhcitsideale unseres Jahrhunderts. Mit dürstender Seele hat er aus diesem Borne geschöpft, und es ist ihm zum zwingenden Gesetz seines Lehens geworden, in deutscher Kultur sich auszuwirken, seinem freigewählten Berufe als Lehrer sich restlos hinzugeben. Aber wie hingebungsvoll er aucli seiner Aufgäbe lebt, die deutsche Kultur in ihren maßgebenden Vertretern lehnt ihn, der sich mit Leib und Seele ganz als Deutscher fühlt, dennoch ab, weil er Jude ist, Blödes Flcgeltum deutscher Studenten erträgt er mit ruhigen! Anstand, Schmerzlich kränkt ihn die Erfahrung, daß gleichgesinnte Kommilitonen, in deren Kreise er sich wohl fühlt, als Mensch unter Menschen, engere Gemeinschaft ihm versagen. Aber er behält gleichwohl seine Lebensrichtung bei. Selbst als später all seine Bewerbungen um Anstellung trotz, glänzender Zeugnisse nur taube Ohren finden, verhärrt er bei der lästina zu gelten, wenn ich Sie recht verstehe (was seine Schwierigkeiten hat, wie ich‘ einge* stehen muß). Was ist also Ihr Ziel? So ungefähr etwas wie — für die große Zahl, darunter offenbar Sic selbst, sonst wären Sie nicht mehr hier, — der ״Wünsch mm Willen zur Tendenz“. Oder vielleicht der ״Wunsch nach der Tendenz zum Willen“. Und für wenige Andere der wirkliehe Wille zur Tat! Oder bedeutet der merkwürdig unbestimmte Ausdruck ״persönliche Mitarbeit an dem neuen jüdischen Palästina“ vielleicht die Mitarbeit von Europa aus? Dann freilich! Aber dann bin ich nicht imstande, darin ״die höchste, nämlich die schwerste .... Form des Zionismus“ zu erblicken, um Sie wieder wörtlich zu zitieren. Wenn es so gemeint sein sollte: das tun wir alles von unserem Minimalprogramm aus auch und machen keine großen Redensarten darüber. Wenn Sie ״Wenige“ drüben brauchen, so gehen Sie selbst hinüber; Ihre Gruppe besteht ja nicht aus Wenigen. Und wenn für zu viele von Ihnen die harten Notwendigkeiten bestehen solllen, die den Willen zur Erfüllung lähmen, dann erziehen Sie sich meinethalben ein paar hundert junger Leute in Ihrem Sinne, in Studentcnvereinen, in Konvcntikeln; aber dazu brauchen Sic nicht die ganze Bewegung zu zerrütten, alle Märkte mit Ihrem Geschrei zu erfüllen, alle Oe• genwartsarbeit in den ״Wohnländcrn“ durch unaufhörliches Gezänk zu desorganisieren, — sic ist ja doch für einige Zeit noch bitter notwendig, diese Gegenwartsarbeit,' solange das Volk drüben noch nicht existiert. Alles in allem genommen: auch Ihr Zionismus scheint mir ״in der Sphäre der frommen Wünsche zu bleiben“ und sich, wie Sic meinen, dadurch ״selbst zu widerlegen“ — ganz wie Sie das von dem mehligen behaupten. Was Sie ״Wille und Tat“ nennen, scheint mir schwächlieber Wunsch und — Phrase zu sein. Phrasen, die, tim ■mit Nietzsche zu reden, aus einem ״schwülen Kopf und kalten Herzen“ stammen, demagogische Phrasen, die weder Ziel noch Mittel klar erkennen, — und da bleibe ich doch lieber in den klaren Sphären der Erkenntnis und bei meinen ״unfruchtbaren Definitionen“. * * * Hugo Herrmann verlangt in seinem Aufsatz. ״der Radikalismus“ in Nr. 26 dieser Zeitschritt wenigstens etwas von den Vertretern des ״Radikalismus“, ״mehr Ernst und mehr Arbeit bei den Jungen und bei uns, die wir die junge Generation zu führen beanspruchen“. Sehr schön! Oh dieser Ernst darin besteht, deutsche Kommerse mit deutschem Bier nach deutschem Lebensaufgabe, die ihm vorschweht. Schließlich gefingt es ihm auch durch Zufall, die Vertretung eines erkrankten Kollegen an einem christlichen Realgymnasium zu erlangen, und liier winkt ihm sogar die I frohe Aussicht auf Anstellung. Da tritt die entscheidende Wendung in seinem Leben ein. Die An- Stellung wird von der Taufe abhängig gemacht, ein Ansinnen, das er als vornehm empfindender Mensch mit Entrüstung von sich weist, was seine Entlassung zur Folge hat. Endlich dämmert’s auch in Dr. Lcnnhausen. Das Jinlenproblcm unserer Tage hat ihn an der Wurzel seines Daseins gepackt. Was er nicht glauben konnte und wollte, wird ihm zur Gewißheit: ihm, dem Juden, ist die Möglichkeit abgeschnitten, sich als freie Persönlichkeit in seinem Berufe, in seiner dcutsehen Muttersprache auszuwirken. Damit ist das Leben für ihn entwertet. Wie sehr er sich auch mühte, immer schailt's ihm zurück: ״Bleibst heimatlos, Aitaswcr," Heimatlos und entwurzelt regt sich in ihm leise, ganz leise, die Sehnsucht nach einer neuen Heimat. Mit Bangen und Zweifel. Italien, Qriechcnland, Amerika, Palästina — ״weißt du, wo meine Heimat ist?״ Aber er kann sich doch nicht losreißen und verblutet an seiner unglücklichen Liebe. Darum sucht er den Tod, den er als freiwilliger Krankenptlegcr findet, während das Gespenst der Cholera Hamburg hcimsucht. ״Ohne dieses Zufallscndc,“ meint der Kritiker einer Hamburger Zeitung, ״wäre der Weg für einen zweiten Band offen geblieben, der uns vielleicht auf viele offene Fragen die Antwort gegeben hätte.“ Eine Auffassung, die wenig Verständnis für das Problem der Dichtung verrät. Dr. Lcnnhauscns Tod ist kein Zufallsende. Weil für ihn das restlose Aufgehen in seinem Berufe höchstes Lgbensgesetz ist, und Komment in hebräischer Sprache abzuhalten, oder um mit Strudk zu spotten, ob die neue ״Jüdischccit“ darin besteht, sich auf hebräisch eine Schinccnstullc zu bestellen, will ich dahingestellt sein assen. Herrmann erkennt wenigstens, ״wie arm und wie künstlich das ist, was manche Leute die hebräische Diasporakultur nennen." Aber auch er kennt weder das Ziel noch das Mittel, nur ist er klar genug, das offen auszusprechen. Für ihn besteht seine Richtung in dein ״Kampf der zweiten zionistischen Generation um die dritte“. Aber was soll denn dieser dritten Generation an zionistischen Inhalten beigebracht werden? Es gibt keine Antwort. ״Wichtig ist nur eins: daß wir die jüdische Jugend erziehen dürfen. Noch haben wir keine Methode . . . Aber die Glut, aber die Kraft, aber die Liebe haben wir, ohne die man junge Menschen nicht gewinnen, das heißt nicht erziehen kann“. Also an einer Methode fehlt cs noch? Das ist nicht so schlimm! Aber schlimm ist, daß dieser Jugcnderzichcr voll Glut, Kraft und Liebe auch nicht einmal weiß, was er den Jungen beibringen soll. Die jüdische Diasporakultur ist ״arm und kiinstlieh“, die jüdischen Inhalte sind dieser Generation ״sekundär“. Die persönliche Auswanderung nach Palästina ist nur wenigen möglich. Was bleibt denn dann? Hcrnnan sagt cs naiv genug: Zionismus ist, was nicht Antizionismus ist; sobald die ״Anderen“ Teile unseres Programmes annchmen, den Stammesstolz, die jüdischen Inhalte, den Palästinazionisnuis des Minimalprogramms, dann kann das, ich zitiere wörtlich, ״also nicht der Zionismus sein“. Wahrlich ein herrliches, ein sehr positives Programm, das sich das Gesetz vom Gegner diktieren läßt, das nur ein Streben kennt, nur ja nicht mit anderen Leuten verwechselt zu werden! Mit solchem Programm will man die Jugend erziehen! Und solche Köpfe dürfen cs wagen, zu sagen, es sei ״fast Unfug, sich auf ein einst gesprochenes Wort des Führers zu berufen ... Was der Zionismus heute ist, das konnte Herzl im Jahre 1899 nicht wissen; aber heute würde er es wissen“. Sehr richtig: aber würde er es auch billigen? * . * Sie fragen, Herr Lichtheil», wie ich mir die Verwirklichung des Zionismus vorstclle? Nun, ich meine, wir Minimalzionistcn haben ein klares Ziel vor uns und kennen die Mittel, wenn wir uns auch nicht darüber täuschen, daß die Mittel klein und das Ziel weit und hoch ist. Wir wollen auf palästinensischem Boden ein jüdisches Volk schaffen und dazu alle Hilfe hcranzichcn, die uns geboten wird. Einige von uns haben die Absicht, womöglich selbst ein Teil weil er ohne Aufgabe seiner persönlichen Würde diesen Lebcnsplan für immer gescheitert sieht, muß für eine so fein empfindende Natur der Tod die notwendige Lösung dieses seelischen Konflikts sein. Denn Dr. Lcnnhausen ist kein Starker, kein Mann der Tat. Sein Freund meint lächelnd, einer seiner Ahnen hätte das Lied verfaßt: ״An den Bächen Babels saßen wir und weinten“. Hätte sein Blut mehr Stahl und Eisen, dann würde vielleicht jenes Lcbensproblem für ihn zum Lebensprogramm geworden sein. Das wäre allerdings der ״zweite Band“. Die ״vielen offenen Fragen" haben aber schon ihre Antwort gefunden, nicht nur in Dichtung, auch in Wahrheit. Dem Dichter dürfen wir bemerken, daß er in Dr, Lcnnhausen eine Gestalt geschaffen Jmt, durch welche seine im ״Kunstwart" niedergclcgte Auffassung wesentlich vertieft wird. Denn einem Dr. Lcnnhausen, der nicht auf die Ehre verzichten kann, ein deut- 8 eh er Lehrer zu heißen und deutsche Kultur zu machen, der aber auch als Jude seiner Menschenwürde nichts vergeben will; bei dem es so stark aus beiden Quellen strömt, dem kann sich das Leben nicht voll erschließen, er geht in jenen Wellen zugründe, wenn er nicht hüben oder drüben verzichten kann. Hamburg. Dr. Qotthelf Cohn. Neue Bücher Dr. 1. J. Nicmlrower, Chassidismus und Zaddikismus. Bukarest, Graph. Anst. Albert Bacr. Julius Salomon und Jo£ef Fischer, Mindeskrift 1 Anledning af Hundredaarsdagen for Anordningen af 29. Marts 1814. Herausgegeben von der Danmark Loge U. O. B. B. Nr. 712. Kopcn-!tagen.