Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1914)
- Date
- 1914-07-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sei'e 314 J U E D 1 S t H E ־ R U N DSCHAU Nr. 29 Theodor Her 21 konnte ein starker mul doch gütiger, milder Mann werden, weil er ein selten glückliches Kind gewesen. Der Gedanke an. Kampfe und gar Kämpfe für das Judentum lag ihm ferne. Zwei Dinge waren cs, die ller/1 den Pfad zu den Seinen zttniekgewiescii haben: Sein tiefes Mit• gcfiihl mit dem Bedrängten und Bedrückten und sein starkes Ehrgefühl. Beide Eigenschaften wurzeln in seiner ganz atillerordentlich entwickelten Ritterlichkeit. Sie zeigt sich in dem Verhältnis zu den Gesinnungsgenossen, zu den einfachsten und schlichtesten aus dem Volke, den Untergebenen. Der Kampf selbst gegen die* er• bitterlstcn Keimte endet für ihn sofort, Wenn er die Ohnmacht des Gegners merkt. Er ist geradezu angstvoll bemüht, niemand eine Abhängigkeit fühlen zu lassen, von jedermann das Empfinden des Druckes zu nehmen, Und dieser ritterliche Mann sieht Menschen verfolgt, weil sie mit ihm den gleichen Glauben, die gleiche Abstammung teilen. 1: r ist gefeiert lind an• erkannt, cuifhiBrcich und in gesicherter Stellung. I h in kann der judenliall wenig anliaben. Aber in ihm regt sich, wie einst in Joseph, das Vcrpflich• tnngsgcfühl des Starken gegen die schwächeren Brüder. Noch hofft er auf den l־'ortschriU der Menschheit, der die Ungerechtigkeit vertilgen soll. Da kommt der Antisemitismus aus den 1 lalbkulturländern im Osten auch nach Frankreich, ins!.and der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, ins 1 and der groben Revolution, der Erklärung der Menschen• rechte. Der Dreyfiisprozefl bring! ihm die Klarheit, ilall niemand ohne das Opfer der Ehre die Zugehörig• keitsgefühle zum eigenen Stamme verleugnen darf. Er empfindet plötzlich mit elementarer Wucht die Bhitsgcmeinschaft, das Verpfliehtimgsgefühl der Ver• waiidtschaft, die Liebe zu denen, die um der gleichen Ursachen willen leiden in allen Teilen der zivilisierten Welt. ״Was ist eine Nation? Eine historische Mensdieiigrtippe, die durch einen gemeinsamen Feind zusainmeiigeli.ilteii wird.“ Und in seiner Brust erwacht tler glühende Wunsch, zu helfen, zu lindern,, eine bessere Zukunft nach der traurigen Gegenwart zu schaffen. Aber wie soll das geschehen? Zeigt doch das Beispiel Frankreichs, dall selbst die in der Kultur vorgescliritteiisteii Länder dem Judenliall verfallen. Deshalb mul! ein anderer Weg gesucht werden. Die Jinlen dürfen nicht länger in der Zerstreuung leben, im eigenen Lande midi ihnen eine neue Zukunft erwachsen. Sie müssen die Möglichkeit eigener, gefestigter Existenz finden und das kann nur geschehen, wenn sie ihre eigenen Herren sind. Nur so sind sic den Willkürakten, der Abneigung der Völker, unter denen sie leben, entrückt. Nur so wird ihnen eine Zukunft erblühen, ״würdig einer Vergangenheit, deren Ruhm wohl schon fern, aber unsterblich ist.“ So ist Herzl zum Zionismus gekommen und zur Erkenntnis vom Werte der Nation als der großen Stanimesfauiilic. Für ihn war der Jude aus aller Welt nun w irklich ein Bruder und er hat ihn briider־ lieb geliebt. Aber sein Nationalismus ist niemals exklusiver Natur, niemals chauvinistisch gewesen, für ihn war die Schaffung des Judenstaates nicht die Errichtung eines netten kleinen Staatswesens zu den hundert vorhandenen, sondern neben der Da erbleichte mein Antlitz, und ich wurde voll Grolles. In jener Nacht floh mich der Schlaf und bittere, schreckliche Gedanken gingen mir durch den Kopf. Ich hüllte!nein Gesicht in die Decke, denn ich erschrak vor meinen furchtbaren Gedanken mit ihren markerschütternden Fragen. Damals empfand ich, daß in meinem Innern etwas zusammcnbrach, daß etwas von seiner Stelle gerissen und entwurzelt wurde. Da• mals empfand ich, daß ich kämpfte, nein, daß in mir Verstand und Herz gegeneinander kämpften. Das Herz verkroch sich und floh vor dem Verstände, dann rüstete cs sich mit seiner letzten Kraft zur Verteidigung — dann strauchelte und fiel cs — und eine tiefe Wunde blieb in mir. Dann gelobte ich mir noch einmal achtzehn Kopeken für die Kasse Rabbi Meirs, des Wundertäters, und ich sprach mit Inbrunst und gebrochenen Herzens, wie ein Mensch, welcher weiß, wie schwer er gesündigt hat: ״In deine Hände, o Oott, befchl׳ ich meine Seele.“ Dann schlief ich ein . . . Ein Augenblick jagt den andern, ein Tag erreicht den andern. Es kam der zwitc, der dritte, vierte, fünfte Tag -— das Kälblcin soll am achten Tage geschlachtet werden — wohin aber bin ich geraten , . , Das Kälblcin wuchs von Tag zu Tag — es strampelte mit seinen langen, dünnen Beinchen, und so oft es mich von ferne sah, lief cs mir entgegen, hüpfte und tollte vor Herzensglück — ich empfing es mit stummem Seufzen und weinte und lachte zu gleicher Zeit. Der Schreckenstag, der achte, kam. Schaffung eines fi'eimi Zufluchtsortes für die Judcii vor allem eine große — die erste I — freie Pflege* Stätte allgemeiner Menschenliebe. Das Zion, wie er cs meinte, war ein Geschenk ait die ganze Mensch• heit, ein erfüllter Träum von freiem Menschentum fortgeschrittener Gesittung, alle Religionen und Völker umfassender Duldsamkeit. So ist Herzls Lebensarbeit eine Kulturtat für die Gesamtheit, eine Hilfe für seit» Volk. Und doch ist sic himmelweit entfernt von dem flachen Kosmo• politisnms allgemeiner Weltverbesserer wie von aller Wohltätigkeitspolitik. Er ermahnt sein Volk zur Würde, zum Stolz auf seine grolle Vergangenheit, auf die Vorfahren, die für ihre Ucbcrzetiguugen gelitten, Er hilft ihm, sich selbst' wiederzufimlcn, sielt zu einigen und seiner Kraft bewußt zu werden, Er brandmarkt den Sklaven• sinn und das feige Sielidtickeii und •verstecken und ruft ihnen zu: Seid freie Männert Ihr seid die Enkel der I lirtesifiü'sleii, die Nachkommen der Makkabäer, Er leint, wie es die!;rolkit Geister tun, indem er an sieh selbst das Beispiel höchster Selbstverleugnung, der Aufopferung für die Gesamtheit gibt, sein Lehen und dessen Güter gering achtet, sielt selbst zum Opfer bringt. Er richtet das träge Sichgchcnlasscu, die Gleichgültigkeit der Schwachen und Latten und zerbricht so den Fatalismus, der endlose /.eiten über dem Volke Israel gelegen. Wir sind ein Volk, ruft er aus, ein Volk, Jeder muß mithelfen, niemand darf zur Seite stellen, die Verachtung aber muß die Kleinen und Elenden treffen, die stell ans Eigennutz tler /;rollen Volkslülfc eutgegeustelleii, jene Klasse von Menschen, die, wie Nord,tu gesagt hat, in sicherem Boot sitzen tnitl den Ertrinkenden, die sieh an den Bontsnmd klammern, mit dein Ruder auf die Köpfe schlagen. Das sind die ״Matisehels“, die er haßt, die er bekämpft und mit denen es keinen Frieden geben kann um der Ehre willen des ganzen Volkes. Wie im alten Athen alle, die kein Interesse am Volkswohle zeigten, aus dem Staate gewiesen wurden, so scheidet er sieh von den Verrätern am Gedanken unserer Zukunft und zeichnet sie für alle Zeiten. Wir sehen nach einem kurzen Jahrzehnt, daß der Zionismus wirklich geworden ist, was Herzl geträumt: Die Heimkehr zum Judentum, schon vor der Heimkehr ins Judeiiland. Rings umher ist neues!.eben erwacht und die Jttdcniicit organisiert sieh /tun Kampfe um ihre Fortexistenz, Eine!!«!jüdische Dichtung entsteht in ihren Anfängen, die alte Sprache der Bibel erwacht aus ihrem langen, langen Schlafe, die ganze Jugend strebt nach einer Renaissance. Alle die vielen tätigen Organisationen, auch die nichtzionistischen, arbeiten heute mit dem Hcr/Ischcu Wortschätze, mit den Begriffen, die unser großer Toter geprägt. Das hat Herzls Politik bewirkt, weil sie klar und wahr, ehrlich und von Liebe zum Volke und seiner Eigenart, stolz, und voll jener Würde gewesen ist, die das Bewußtsein der gerechten und guten Sache verleiht. Und darum sind wir auch des endlichen Sieges so sicher, Theodor Herzls Leiden und sein frühes Ende haben unser Streben zur innerlichsten Vertiefung gebracht. Das Leid verklärt den Kämpfer, cs verklärt mit ihm den Gedanken, für den er verblutete, hebt ilut aus dem Dunstkreis der Erde, den! Kleinliehen und Persönlichen. Das reine Bild Herzl, der Ich sehe die schrecklichen Augenblicke nahen und nahen. Die Zeit läuft rasend, die Sonne steigt, steigt — jetzt sinkt sie wieder nach Westen . . , Ich weiß: das Kälblcin wird nicht geschlachtet werden, es kann, es kann nicht sein — trotzdem hämmert mein Herz. Ich weiß: der Himmel wird heruntersteigen, ihm zu helfen, die Engel werden kommen, um es zu retten — das Messer wird zer* brechen oder sein Hals wird zu Stein werden. Auf natürlichem Wege ist eine Rettung nicht möglich — meine Mutter ist starrsinnig — aber ein Wunder wird geschehen, die einzige Möglichkeit. Das Kalblein ist so lieblich. — Ich gelobte viel, jede Stunde mehr und mehr , . . Trotzdem — wer kann cs wissen? Mein Herz pocht, meine Augen sind voll Tränen, meine Empfindungen toben, meine Gedanken jagen hin und her. Es ist schwer, hier eluzugrcifcn, auch der Rabbi versteht es nicht. Nein, ich werde nicht den Rabbi fragen, auch er wird mich verlachen und einen Toren nennen, wie meine Mutter . . . Das Kälblcin wurde geschlachtet. Neue Bücher (Besprechung Vorbehalten.) Rabbiner Dr, Sigmund Jampel, Schwedt a. O.: Vorgeschichte Israels und seiner Religion. Frankfurt a. M״ J. Kauffmann. J u (1 a 1 c a u n d H e b r a 1 c a, Lagerkatalog 625 von Josef Bacr 6־ Co., Buchhändlern und Antiquaren In Frankfurt a, M. n ein großer Mensch war, weil er ein ganzer Jude war, ist uns ein innerliches Heiligtum geworden. Jeder grolle Gedanke fordert Blutzeugen, Theodor Herzl ist derjenige des wiedererwachteii jüdischen Volksgedankens. (Aus der Gedächtnisrede von Dr. Adolf F ri ed c m a 11 n bei der Herzlfcier der Herllner Zionistischen Vereinigung.) Neue Stimmen über das Paiästinawerk n. ln der ״Vossischen Zeitung“ vom 21. Juni schreibt D. Dr. Herma 11 n G u 111 e, Professor der Tlieo. logie an der Universität Leipzig, über ״Die Juden in Jerusalem“. ״Nach den österlichen Festtagen, die für Jeru. saletn das f est überhaupt bedeuten, gewinnt die Stadt sehr langsam ihr Alltagsgesicht wieder, Nach und nach erst verlassen die Tausende von Pilgern, die sieh alljährlich einstellen, die heiligen Stätten, und die zahllosen l eiern klingen noch lange nach, zumal auch die Muslimen um diese Zeit ein Fest in Jerusalem feiern eine Wallfahrt zu Ehren des Propheten Moses (Nein Musu), die am Karfreitag vor sieh zu gellen pflegt. Aber auch das gewöhnliche Gesicht der Stadt hat sein Interessantes. Hat sich doch in seinen Zügen neuerdings eine sehr wichtige Veränderung vollzogen: Jerusalem ist eine vorwiegend jüdische Stadt geworden. Mau schätzt gegenwärtig die Bewolnier Jerusalems auf 120000 Seelen und nimmt die Zahl der Juden darunter zu 80 000 an, tl, h. zwei Drittel der Gesamtzahl. Freilich sind die Zahlen durchaus unsicher, eine ״Volkszählung“ veranstaltet man in der Türkei nicht. Die Juilett Jerusalems sind sämtlich seit dem Mitttclaltcr eiugcwamlcrt. Zuerst kamen die spanisehen Juden (Scpliardün), die hauptsächlich in dem alten Judempiartier im Siideii der Stadt wohnen und sieh eines gewissen Wohlstandes erfreuen, Allmäli. lieh wuchs auch die Zahl der zttwatidernden pol• msclteii Juden (Asehkenasim), meist arme Leute, die auf die Unterstützung von seiten ihrer ettropinselten Glaubensgenossen angewiesen waren. Vornchmlich waren es religiöse Motive, die sie nach Jerusalem trieben. Sie wollten gern dort begraben sein, wo gemäß der jüdischen Hoffnung das letzte Gericht, verbunden mit der Auferstehung, stattfinden soll, oder sie betrachteten Jerusalem als den Ort, wo sic, ungehindert durch mancherlei Forderungen des modernen Staates (z. B. Schulzwang, Kriegsdienst), in vollem Malle nach ihrem Gesetz leben könnten. Sie begannen schon im Norden der Stadt sieb anz.iibatten, wo jetzt der größte Teil der Juden wohnt. Später weckten maitihcrlei Quälereien und Verfolgungen, denen sieb die Juden in europäischen Staaten ausgeset/t sahen, die Sehnsucht nach der alten Heimat, um! gleichzeitig wurde auch unter den Juden des Ostens die Liebe zu Jerusalem lebendig; die Bucharci, Arabien 11ml Nordafrika nahmen an der Bewegung teil. Ferner hat der Versuch, jüdische Kolonien in Palästina zu begründen, auch iri wirtsehaftlichcr Hinsicht die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf Jerusalem und seine Umgebung gelenkt, und schließlich hat die starke Betonung des nationalen Gedankens durch den Zionismus die alte Hauptstadt des Volkes nachdrücklich in (Jen Vordergrund jüdischen Denkens gestellt. Dadurch sind zu den älteren frommen Kreisen auch solche Personen hinzugekommen, für deren Denken und Handeln religiöse Dr. jur. Victor. Die Emanzipation der Juden in Schleswig-Holstein. Herausgegeben vom Verbände der jüdischen Gemeinden Schleswig-Hol- Steins, Mk. 1.50. Judäus, Der Raw, Kulturhistorische Erzählung. Frankfurt a. M. Verlag des ״Israelit“. Carl Tech et, Völker, Vaterländer und Fürsten. Ein Beitrag zur Entwicklung Europas, München, Lothar Joachims Verlag. Geb. Mk. 12.•—. Adolf Hasen clever, Die orientalische Frage in den Jahren 1838—1841; Ursprung des- Meerengenvertrages vom 13. Juli 1811. Leipzig, Verlag von K. F. Köhler. Mk. 7.50 (9.50). Aug. Hausrath und Aue, Marx, Griechische Märchen. Märchen, Fabeln, Schwänke und Noveilen aus dem klassischen Altertum. Mit 23 Tafeln. Jena, Eugen Dicdcrichs, Mk. 6.— (7,50). Protokoll des XL Zionistcnkongresscs. 111 Kommission beim Jüdischen Verlag, Berlin. Hans Landsberg, Henriette Herz, ihr Leben und ihre Zeit. Weimar, Gustav Kiepcnheuer. Mk. <>.— (10.-). Mitteilungen des Gesamt!ו rchivs der deutschen Juden, herausg. v. Eugen Täubler, IV. Jahrgang 1913. Leipzig, Gustav Fock. Kommerzienrat Sigmund Fraenkel, Austrittsspiel. Offener Brief an Herrn Rechtsanwalt Dr. jur. Isaac Bretter. Frankfurt a. M., in Kommission bei J. Kauffmann. Mk. —.60. Dr. Max Besser, Nation und Rasse. Hamburg, Martin Phiiipsen. Dr. Siegmund Werner, Ueber jüdische Jugend• erziehung. Verlag des Zion. Vereins ״Jescnurun", Troppau.