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Jüdische Rundschau · 1914-07-17 · Heft 29 (17.7.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 29 (17.7.1914)
Date
1914-07-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 29 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 313 nicht aus Realisnuis, sondern weil man in ihr die Idee, der man dient, verwirklicht und verkörpert sieht, daß man sich in die Entwicklung cinstcllcn kann nicht au» Evolutionlsmus, sondern weil man die Eilt• Wicklung auf dem Wege sicht, den man für den rechten hält. So nämlich liegt der Fall Birnbaums. Solange er die jüdische Wirklichkeit nicht sehr intensiv kannte, war er Zionist, je inniger er sie erfaßte, desto mehr sah er in ihr die jüdische Idee ver• körpert. Und er wühlte die Wirklichkeit. Hermann schreibt: ״Das Ideal, dem er sich hingab, wurde immer ähnlicher dem wirklichen Leben.“ Umgekehrt: je tiefer er in das wirkliche Leben eindrang, desto ähnlicher schien es ihm seinem Ideal zu sein, desto sicherer schien cs ihm zu diesem Ideal hinzustreben. So kam er zur Bejahung des Oalutli, zur Ablehnung der Palästinaarbeit als zen• traler jüdischer Arbeit, zur Forderung der Unter- Stützung aller national wertvollen geistigen, Wirtschaftliehen, politischen Tendenzen des Galuthjudentums. Birnbaums Entwicklung vom Zionismus zmn Galuthnntioiialismus lallt sielt nicht bloß als Knechtung seiner revolutionären Art durch den Evolutionismus deuten. Dem ruhiger Sehenden bestätigt der Zionis- 1m!s der Frühzeit Birnbaums nur, daß Acher sieh nicht einfacli an die Entwicklung hingab, sondern prüfend, vergleichend, viele innere Hemmungen überwindend, der Gesinnung der Nationaljuden jener Zeit gegenüber wahrhaft revolutionär die Entwicklung als das Bessere bejahte. Wir können Birnbaum auf diesem Wege nicht folgen; wir sind nicht, wie man etwas hochmütig glaubt, die einzigen Wählenden, aber wir haben den anderen Weg gewählt. Aus welchen sachlichen Gründen, das müßte eine zionistische Kritik des Bimbaumschen Werkes ausführlich erweisen. Einer vollständigen systematischen Arbeit über Birnbaum bleibt es auch Vorbehalten, aufzuweisen, was Birnbaum zur Erkenntnis des Ewigjüdischen in der heutigen lebendigen Judenheit beigetragen hat und wieweit dies die kulturellen Ziele des Zionismus und alles jüdischen Nntioiialismus zu beeinflussen vermag. Die Wirkling der Binibaumsdicii Theorien auf die Evolution des Zionismus behandelt Herrmann gar nicht, ein wie mir scheint etwas undankbares Verfahren. Er schreibt einmal, daß ״das Leben sich selber Zweck“ sei, obwohl er doch sicher weiß, daß ein Leben nicht mehr Selbstzweck ist, wenn cs sich in den Dienst einer Sache begeben hat. Aber mit den sachliehen Werten und Wirkungen des Lebens, das er skizziert, weiß Herrmaun nicht viel anzufangen, selbst wenn sie seine eigene Sache, den Zionismus, bctreffen. Bei alldem und dem in dieser Allgemeinheit wohl übereilten und wenig motivierten Lobe des Sprachliehen in den Schriften Birnbaums bleibt die Broschüre sehr lesenswert. Auch was Konstruktion ist, ist geistvolle und interessante Konstruktion. Vieles bleibt aber von ihr unberührt und läßt eine reine Freude an der oft überraschend gerechten, lebendigen und vor allem liebevollen Darstellung aufkommen. Ich möchte es nicht versäumen, auch hier wieder auf die Nationalspende für Birnbaum hinzuweisen, die aus Anlaß seines 50. Geburtstags gesammelt wird. Sie ist noch nicht abgeschlossen, und jeder nationale Jude /sollte sic endlich als seine Ehrensadie, alt den notwendigen Dank unseres Volkes an einen seiner Großen begreifen lernen. Die Bedeutung Theodor Herzls im Zionismus Wir wissen heute glücklicherweise, daß die bitteren Sorgen nach Herzls allzufrühem Tode umsonst waren, daß die Lebensarbeit dieses Manne» unvergänglich ist und daß Tausende bereit sind, ihr eigenes Leben für die Ziele hinzugeben, die ihm vorschwebten. Wir sehen heute, daß die Bewegung nach schwerer Krise fortschrcitct mit neu ge* wonnener Kraft und lebenskräftiger denn je. Es kann und soll in ihr verschiedene Meinungen, Strömungen, selbst Kümpfe geben. Diese Verschiedenheiten und der Ernst ihrer Betonung beweisen nur da» eifervolle Interesse der Kämpfer und die Lebensfrische des Ganzen; nach außen hin aber steht sie bereit zur Tat, in blanker Rüstung, mit scharfem Schwert. Demi vor ihr zieht der Geist dessen, der alle einigt, den alle lieben, alle ehren, gleich der Fahne, die dem Heerbann vorauf zieht in die Schlacht. Der Geist Theodor Herzls! Wenn in andern Völkern große Männer der Tat auferstehen, so entstammen sie meist dem Geburt»■ adel oder dem Waffenhandwerk. Sie bringen mit sich Beziehungen zu den Mächtigen und Anwartschaft auf große Aemter oder sie werfen das go schliffcnc Eisen in die Wagschalc des Geschicks. Napoleon lind Pitt, Wellington und Garibaldi, Moltke und Bismarck sind so zur Leitung der Geschicke ihrer Länder berufen worden. Einigen gelingt auch der Aufstieg auf dem Wege langjähriger parlamentarischer Mühen. Sie sammeln hier den Einfluß mul die Erfahrungen, die der Führer braucht. Den Söhnen unseres Stammes, die ihm Treue wahren wollen, sind solche Wege versagt. An ihrer Wiege singt man nicht von Ruhm und großen Taten der Vorfahren, sondern von Leid und stillem Dulden endloser Geschlechter der Vergangenheit. Macht und Glanz umstrahlt nicht ihren Namen und öffnet ihnen nicht die Türen der Fürsten und Kabinette. Nur der Verrat am eigenen Blute kann ihnen Förderung und Einfluß sichern, nur der Betrug bringt sie zur Macht. Selbst die Männer der Gelehrsamkeit, die Dichter und Denker unsere» Volkes, entbehren in der Uebcrzahl öffentlicher Anerkenmmg und Ehren. Und doch hat die Geschichte der Juden einen Mann gesellen, der, aus schlichtem Hause starnmend, ohne andere Hilfsmittel, als seinen Geist und einen ehernen Willen, der Erwecker seiner Brüder ward und ihnen die Wege zur Tat wies. Einen Mann, der ohne Kenntnis der Höfe und der hohen Politik mit den Königen und Fürsten unserer Zeit wie mit seinesgleichen sprach. Und er ist mit 44 Jahren auf der Höhe seines Lebens von uns geschieden 1 Aber nicht darauf kommt es an, wieviel Tage unser Leben zählt, sondern wieviel Leben unsere Tage enthalten. jüngst in der sehr interessanten Birnbaum-Nummer der’Freistatt. Mir scheint eine grundsätzliche Abrcchmmg mit dieser Methode endlich vonnöten. Auch ich glaube und habe cs an anderer Stelle entschieden geäußert, daß man die Größe Birnbaums nicht an dem sachlichen Wert seiner Ansichten oder an der Wii'smig seiner Taten voll erkennt, sondern au dem, was »” ihnen Acußerung der jüdischen Gestalt Bimbautns ist, Das geht aber den Wertenden, nicht den Darstellenden an, und cs ist doch allzu einfach, den ganzen Komplex der Birnbaumschcn Anschauungen aus seiner Seele heraus und gar nicht aus der Natur der angeschauten Dinge verstehen zu wollen, bc* soiuii rs wenn nicht das Ewige, sondern das Zeitliehe, die jeweilige Situation dieser Seele zur Erklarmig herangezogen wird. Was dein Willen zur Gerechtigkeit entsprang, führt zu einer tieferen Ungerechtigkeit, einer Unterschätzung der großem Sachlichkcit Birnbaums. Leo ITcrrmaim versucht gar nicht, Birnbaums Ansichten ans dem Sachlichen zu erklären, so wenig wie er eine sachliche Kritik dieser Ansichten ernsthaft beginnt. Er erklärt sie durch ein Psychisches, daß nämlich Birnbaums ursprünglich revolutionäre Art dureli das evolutionistische Dogma der Zeit in Fessein geschlagen worden sei. Darum, glaubt Herrmann, sehe er nicht mehr mit der großen Erschütterung und Nemvcrdung, dem Aufgeben alles Gewordenen und dein Schaffen einer neuen unserem geistigen Willen entsprungenen Existenz in Palästina, sondern mit dem allmählichen Fortentwickeln des Gegebenen das Heil des Judentums kommen. Und vor allem ein Psychisches, den Willen zur Revolution, die Unabhängigkeit des wollenden Menschen von der Entwicklung stellt er dem entgegen. Andere Eitiwämle sind nur angedcutet. Die gleiche Methode ist es, wenn man den Zionismus und das ״Alljudeutum“ einander gcgenüberstellt als die Anschaumig der Wählenden auf der einen Seite und der Cieschelicnlassemlcn auf der andern, oder als der Idealisten und der Realisten. All das ist unnotwendig, konstruiert und trägt das Merkmal aller Konstruktion allzu deutlich: das Formelhafte. Man glaubt wirklich hier einen Schlüssel zu haben, mit dem alte Gegensätze zwischen uns und den nichtzionistischen Nationalisten in ihrem Wesen zu eröffnen sind. Man bedenke doch, daß die jüdischen Dinge heute nicht so übersichtlich und geklärt daliegen wie sic es müßten, um die Meinung eines Menschen darüber eindeutig aus seinem Charakter bestimmen zu können. Viele sachliche Zweifel sind noch ungelöst, viele sachliche Erwägungen noch uiiabgeschlossen. Nicht nur verschiedene Temperamente stehen den Dingen gegenüber, sondern verschiedene sich widersprechende Bilder der Dinge selbst liegen uns vor, Und über ihre Richtigkeit entscheiden wir durch zahlreiche spezielle, logische, historische, soziologische Erwägungen; was dabei im Einzelfall als das richtige Bild erkannt wird, ist nur sehr auf Umwegen von der prinzipiellen Weltanschauung bestimmt, und was als der rechte Weg gewollt wird, ergibt sich erst aus diesem Bild. Man bedenke, daß mau auch das Gegebene ״wählen“ kann, nicht weil es gegeben, sondern weil es unserem Willen gemäß ist, daß man die Realität akzeptieren kann ״So wird es sein,“ sagte abends meine Mutter zum Vater, als er nach Hause kam. ״Ein guter Zufall: die Kuh Rat ein Kalb geworfen. Nächste Woche werden wir es schlachten, so wird es nach deinem Wunsche ein Braten sein.“ ״Ist das möglich, Mutter?“ rief ich voll Bestürzung, ״kannst du dieses schöne und liebliche Kälblein schlachten lassen?“ ״Du bist noch ein Kind, ein Dummkopf und ein Narr, Sagtest du so etwas unter Männern, man würde dich auslachen.“ Als ich wieder in die Küche kam, um das Kälblein zu besuchen, die Lust meines Sehnens und die Liebe meine» Herzens, und als ich seine Blicke sah, die auf mich gerichtet waren und gleichsam um Milde und Erbarmen flehten, da strömten meine Augen von Tränen über, voll Inbrunst stürzte ich hin, betastete sein Fell — heiße Tropfen fielen auf «einen Hals — ich küßte es und hörte nicht auf nt weinen. > In jener Nacht kamen mir viele Gedanken. Da empfand ich, was ich nie zuvor erlebt hatte, ds ob ein Vogel tief in meinen Kopf sieh cingcbohrt hätte und darin׳ mit scharfem Schnabel nagte. Und ich glaubte eine Stimme zu hören: ״Cliofni, wozu ist dieses Kälblein zur Welt gekommen? Um geschlachtet zu werden? Und wann wird man es schlachten? Und wem! cs nur dazu geboren wurde, konnte es nicht häßliche Borsten trugen und schwarz wie Tinte sein? Wann will meine Mutter es schlachten lassen? Und wer gab ihr Erlaubnis, dieses schöne Kälblein zu schlachten?“ ln jener Nacht gelobte ich achtzehn Kopeken für die Kasse Rabbi Meirs, des Wundertäters, daß er das Herz meiner Mutter zum Guten wende für das Kälblein. Dann schlief ich ein, — Im Traume sah ich das Kälblein schon gebunden, der Schächter stand vor ihm, das Messer in der Hand; ein Augenblick — das Kälblein zuckte und verblutete. Am Morgen, als ich vom Bett aufstand, lief ich sofort in den Stall — und fand noch zu meiner Freude mein Kälblein daliegen in friedvollem Schlummer, lebendig und gesund; seine Mutter war darüber herabgebeugt und leckte sein Fell, strich durch seine Härchen, Reihe um Reihe. Jetzt, da ich dies schreibe, weiß ich, daß das Kälblein nicht den Mittelpunkt der Schöpfung bildet: Beweis, daß das Kälblein schon geschlachtet wurde und die Welt dennoch weitergeht. Damals aber hätte ich meinen mögen, daß alles Dasein sich im Kälblein konzentriert, daß alles nur gleichsam seine Verkörperung, ein Schatten seines Wesens sei. Am darauffolgenden Abend, als ich nach Hause kam, fand ich den Schächter ln Unterhandlung mit der Mutter — im Verlaufe des Gespräches kaufte er von ihr dcs׳ Kälbleins Fell, Damals schwieg ich, dem! meine ״Mutter hatte mir gestern gesagt, daß ich ein Tor sei —, aber mein Geist tobte In mir und mein Herz pochte wie ein Hammer. Dann dachte ich: ״Bin ich denn ein Tor? Warum? Wer kann denn sagen, daß man sich dieses schönen Kälbleins nicht erbarmen soll? Meine Mutter sagte so oft, man solle sich aller Lebewesen erbarmen und nicht grausam sein. Nicht grausam sein und schlachten? Sich erbarmen und schlachten? Meine Mutter sagte so. Aber wer kann sagen, daß sie recht hat? Doch wie? Die Mutter? Kann eine Mutter irren? Herr der Welt! In deiner Hand sind beide, meine Mutter und das Kälblein, warum hast du den Hauch des Lebens in das Kälhlein gegossen und ins Herz meiner Mutter den Wunsch, cs zu töten? Herr der Weltl Dieses Kälblein, das du gebildet mit all seinen Gliedern und Adern, dem du die Kraft und Dauer vergehen hast, viele Jahre auf der Erde zu leben: warum wird es geschlachtet? Gott und Herr, vor dir ist es auch offenbar, daß dieses Kälblein geschlachtet wird und jenes nicht: warum hast du dann jene Kälber geschaffen, die nur zur Schlachtung da sind, und warum hast du ihnen Kraft gegeben, um noch Leben zu zeugen? Wenn du sie aber zum Leben erschaffen hast, warum können andere deines Willen übertreten?“ Und mein kleiner Bruder, der acht Tage nach seiner Geburt starb? Von ihm sagte die Mutter mit Bestimmtheit, daß ihm schon vor der Geburt im Himmel sein Leben vorgezeichnet wurde? Und warum wurde er mit der Vollendung eines Menschen geschaffen? Wozu brauchte er Füße, wenn er nicht gehen, Hände, wenn er sie nicht gebrauchen sollte? Was wäre, er geworden, wenn ihn nicht die Hebamme erdrückt hätte? Und was war ihre Schuld, wenn ihn der Todcsengel schlug? Und so sagte meine Mutter, der Todcsengel hätte ihn eigentlich hinweggenommen, auch wenn die Amme seinen Tod verschuldete. Wozu der Todcsengel? Und kann cs sein, daß ein Mensch, gar daß ein Kind ohne Todes* cngcl stirbt? ״Mutter, kann ein Mensch ohne Todesengel sterben?“ — ״Bist du verrückt, Chofni?“ meine Mutter schämte sich vor dem Schächter, der über meine dumme Frage lachte. ״Was brauchst du das zu wissen? Kannst du denn schon die ganze Gemara, daß du wissen mußt, wie ein Mensch stirbt?“

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